Dienstag, 29. Januar 2013

"Baba Affböfeeh!" - Haftbefehl, verwegener Sprachvisionär

[Re-Edit zur Veröffentlichung von "Blockplatin" 15.01.12]

"Die Sprache wird asignifikant, also intensiv benutzt" - Deleuze

Als Kunstform wird Deutschrap bis heute immer noch nicht wirklich ernst genommen. Wer es bisweilen doch tut, der hält sich bei der Beurteilung meist an einfache (am liebsten quantifizierbare) Kriterien: einfache vs. komplizierte Reime, langsamer vs. schneller Textfluss, raffinierte Vergleiche, Wortspiele, undsoweiter.
Stimme und Flow, Attitüde und Akzent als nicht-trivial steiger- und vergleichbare Beurteilungsbereiche scheinen vielen dagegen immer noch zu unheimlich. Es mag natürlich Menschen geben, die sich von glänzenden Chromfelgen und vulgären Sprachtiraden blenden lassen. Allerdings erkennt man echte Innovatoren oft schlecht, weil sie sich entweder im allzu Offenen oder Dunklen verbergen. Was Hafti hier aber abliefert ist ganz offensichtlich bis auf weiteres nicht algorithmisierbare Sprachmagie [Aktuelleres Beispiel liefert "Chabos wissen wer der Babo ist"]. Ein intensiver Aufruf zum Fremd-Werden in der eigenen Sprache: 
Wie viele Menschen leben heute in einer Sprache, die nicht ihre eigene ist? Wie viele kennen die eigene Sprache gar nicht, oder noch nicht, während sie die große Sprache, die sie gebrauchen müssen, nur unzulängich beherrschen? Das ist ein vitales Problem der 'Gastarbeiter', vor allem aber ihrer Kinder. Ein Problem der Minderheiten. Das Problem einer kleinen Literatur, auch unser aller Problem: Wie kann man der eigenen Sprache eine Literatur abzwingen, die fähig ist, die Sprache auszugraben und sie freizusetzen auf eine nüchtern-revolutionäre Linie? Wie wird man in der eigenen Sprache Nomade, Fremder, Zigeuner? 
So gefaßt, qualifiziert das Adjektiv 'klein' nicht mehr bloß bestimmte Sonderliteraturen, sondern die revolutionären Bedingungen jeder Literatur, die sich innerhalb einer sogenannten 'großen' (oder etablierten) Literatur befindet. Auch wer das Unglück hat, in einem Land mit großer Literatur geboren zu sein, muß in seiner Sprache schreiben wie ein tschechischer Jude im Deutschen, oder ein Usbeke im Russischen: schreiben wie ein Hund sein Loch buddelt, wie eine Maus ihren Bau gräbt. Dazu ist erst einmal der Ort der eigenen Unterentwicklung zu finden, das eigene Kauderwelsch, die eigene dritte Welt, die eigene Wüste.
(Deleuze, Kafka. Für eine kleine Literatur)


KiLLaH171 gegen 14:00 Uhr, 11.01.12:
Haftbefehl ist der beste!!! für diesen track stellt er ANSPRÜCHE, und zwar dass man den text verstehen kann....ansonsten ist das nix für den anspruchs- und kenntnislosen teil der zuhörer
KiLLaH171 gegen 14:00 Uhr, 11.01.12:
SEHR AUSGEKLÜGELTER TEXT...DA MUSS MAN ERSTMAL DURCHSTEIGEN
jabuj gegen 17:30, 11.01.12:
@KiLLaH171 Ich dachte erst dein Kommentar sei ironisch gemeint, aber irgendwie beschleicht mich das beängstigende Gefühl, dass du das wirklich ernst meinst...
KiLLaH171 gegen 20:30, 11.01.12:
@jabuj nein ich meine das ernst...ich bin nicht der haftbefehl-fan aber man muss ja fair bleiben. ER macht in diesem track sein eigenes ding, seine eigene sprache bzw. akzent und ich finde das hört sich RICHTIG GANGSTER an. ist halt sehr abstrakt sein duktus . glaub mir
TheCroKiki gegen 21:30, 11.01.12:
@KiLLaH171 Mal einer ders gecheckt hat ^^ Ich bin Haft Fan von erster Stunde. Er ist NICHT der Beste aber man muss sagen, dass er was Neues gebracht hat ... Krasser Flow, Aussprache etc.. Sein Style ;) Peacee !

Kommentare:

  1. Bernhard-Viktor Christoph Carl Haftbefehl von Bülow

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  2. Deleuze, c'est (souvent, pas toujours) la France sans ciel bleu. Er glaubt, es sei ein Unglück statt ein Glück, in einem Land mit großer Literatur geboren zu sein. Also wird er traurig, nomadisiert, erfindet Heimatlosigkeit, richtet sich (auf tausend Plateaus) darin ein. Sogar im Schreiben: Steht da nicht bloß und durchweg Schwarzes auf Weißem, Leeren? Vielleicht; wenn man Kafka einkauft, ohne Benn zu le(a)sen.
    Ein Hund, der sein Loch buddelt (Proto-Kyniker), wirkt, als folge er froh einem Trieb. Die Idee eines Ortes, die den Ort eigener Unterentwicklung einschließt, ist kein Knochen; der Hund lässt sie uninteressiert dem zukuckenden Homo sapiens liegen. Wir wissen vielleicht noch zu wenig darüber, was Tiere von uns wissen. Und warum sie weiter schweigen.

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