Montag, 17. Dezember 2012

Von Sinn- und Seinsroutinen - Die Vergilbung deiner Gegenwart

Das Denken ist nur ein Traum des Fühlens, ein erstorbenes Fühlen, ein blaßgraues, schwaches Leben.
(Novalis)
"Alternative Routinen"
(Grafik: Andrew Stacey; CC BY 2.5)
tl;dr: Welt erscheint nicht einfach immer nur so. Obwohl, wer nicht genau zusieht, durchaus meinen kann, dass Gegenstände immer je und je nur wieder in ihrer Weise täglich so lang-weilen, leuchtet doch, auf einmal unerwartet Morgensonne am Wintertag, das ganze Zeug heute unerwartet freundlicher als gestern abend noch trüber. Sieht nicht das Zimmer überhaupt heute leichter aus als gestern? Steht es nicht heute wie ein mutiges Nest über der Stadt? Dem Normalverbraucher von Welt vergilbt dagegen leicht unter der Hand die Gegenwart seiner Gegenwart, greift sich routineweise ab: Gebrauchsspuren am Buchrücken deutlich erkennbar, leichter Abrieb an den Kanten, schwarzer Strich an der Unterseite, Stempel: "Remittende".   
Du siehst einen Wagen, und irgendwie siehst du schattenhaft dabei auch: "Ich sehe einen Wagen". Du liebst oder bist traurig und siehst, daß du es bist. In vollem Sinn ist aber weder der Wagen, noch ist deine Trauer oder deine Liebe, noch bist du selbst ganz da. Nichts ist mehr ganz so da, wie es in der Kindheit einmal gewesen ist. Sondern es ist alles, was du berührst, bis an dein Innerstes verhältnismäßig erstarrt, sobald du es erreicht hast eine "Persönlichkeit" zu sein, und übriggeblieben ist, umhüllt von einem durch und durch äußerlichen Sein, ein gespenstiger Nebelfaden der Selbstgewißheit und trüber Selbstliebe. Was ist da nicht in Ordnung? Man hat das Gefühl, irgendetwas wäre noch rückgängig zu machen!
(Musil, MoE)
Die Vorwand der Welt ist das konventionelle Zugriffsvereinfachungsinstrument, denkökonomische Einfassung deiner Weltbezüge (Mach), Kondensationsknoten erfolgreich wiederholter Unterscheidungsroutinen (Luhmann), Schleier deiner Trägheit. Wer will, der kann also, bei einigermaßen erwartbaren und vorgezeichneten Selbst- und Weltvollzügen sich selbst als alarmistisch beteiligtes Einsatzkommando der Gegenwart ("Subjekt") schrittweise rückgängig machen und ins existenzielle Stand-by überwechseln: Die Augen der so unbeteiligt Beteiligten scheinen dann nach innen zu fallen und zeigen nur weiter wie aus Gewohnheit noch Pupillen, hinter denen vielleicht noch irgendwo dumpf weiter etwas geschieht. Von hier aus erhellt sich der Standpunkt der trüben Beteiligung, den kulturkritische Denker so gerne kulturkritisch beobachten, als wäre der Nebel erst ein Effekt der Apparate: "Die Leistung, die der kantische Schematismus noch von den Subjekten erwartet hatte, nämlich die sinnliche Mannigfaltigkeit vorweg auf die fundamentalen Begriffe zu beziehen, wird dem Subjekt von der Industrie abgenommen. Sie betreibt den Schematismus als ersten Dienst am Kunden." (Adorno/Horkheimer, DdA) Ob das allerdings erst eine späte Entwicklung ist, mag bezweifelt sein:
Es mag lange gedauert haben, ehe die Menschen darauf dachten, die mannigfachen Gegenstände ihrer Sinne mit einem gemeinschaftlichen Namen zu bezeichnen und sich entgegen zu setzen. Durch Übung werden Entwickelungen befördert, und in allen Entwickelungen gehen Teilungen, Zergliederungen vor, die man bequem mit den Brechungen des Lichtstrahls vergleichen kann. So hat sich auch nur allmählich unser Innres in so mannigfaltige Kräfte zerspaltet, und mit fortdauernder Übung wird auch diese Zerspaltung zunehmen. Vielleicht ist es nur krankhafte Anlage der späteren Menschen, wenn sie das Vermögen verlieren, diese zerstreuten Farben ihres Geistes wieder zu mischen und nach Belieben den alten einfachen Naturstand herzustellen, oder neue, mannigfaltige Verbindungen unter ihnen zu bewirken.
(Novalis, Die Lehrlinge zu Sais)

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