Mittwoch, 8. August 2012

Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns


"Wie geht die mens mit notio um, der Kusaner?"
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert ("Ich checks einfach nicht."). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt ("Er hat gar nichts damit gemeint."). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet ("Metaphysik ist Unsinn."), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt "in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor"):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen.
(Deleuze, Logik des Sinns) 
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er "einfach nur zu blöd ist": Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden. 
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: "Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat." (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet.
(Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, [...] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. [...]
(Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
[Re-Entry auf M_K Hinweis 05.03.12]

Kommentare:

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    1. er sagt ja es ist nicht alles gold, was bremst. echt einiges rollt.

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    2. http://www.youtube.com/watch?v=vHfbpL0NDmw&NR=1&feature=fvwp

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    3. http://www.youtube.com/watch?v=C_A7Hu0uKNw

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    4. Aber ist nicht eigentlich gemeint: http://www.youtube.com/watch?v=IFabjc6mFk4

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    5. Ja, sicher. Aber man kann, wenn wir gerade bei Klärungen sind, auch wissen, wie man eine Treppe stylish herunterkommt, wenn im Erdgeschoss eine Prinzessin wartet, im weißen Kleid:

      http://www.youtube.com/watch?v=EuVVvEig2ic

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    6. Woody Allen says: Well, let's do justice to girls. Some of them are princesses, some others can sing. I prefere both:
      http://www.youtube.com/watch?v=gDyDWkyh3WU&feature=related

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    7. Jerry Lewis says:

      Well, let's do at least a kind of justice to boys too. They are good guys, if they behave.

      http://www.youtube.com/watch?v=v7gV5C5mB7A&feature=related

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    8. Woody Allen says:

      I forgot to mention that I know Austrian.

      It's a cute language. It doesnt't have neither prejudices nor principles. And it's always interesting to listen to them guys:

      http://www.youtube.com/watch?v=7oIDaiDhEBc

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  2. Wie geht die mens mit notio um, kusanisch? Nun, vielleicht so: indem sie bei notio motio mitdenkt, dann Sein und Zeit kurz chillen lässt - bis der Begriff ausflockt.

    Der Kusaner freut sich über alles, was kompliziert ist, bevor es stimmt. Anders hat er, gefühlt, Kurzarbeit.

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  3. „Das Sinnlose ist das Hintergrundrauschen vor dem sich das Sinnvolle abhebt. In einer Welt, in der wir nicht mehr die Zeit haben uns mit jedem Unsinn auseinander zu setzen, sind wir gezwungen Sinndeutungsroutinen zu entwickeln um die Zeit nicht mit Belanglosem zu verschwenden. Der Unsinnsproduzent kann dann zwar noch damit rechnen Irritationen auszulösen. Weil er aber die Ursache ist, die dazu führt das Bewußtsein für unser Bedürfnis nach Sinnvollem zu schärfen, wird er nur in Kontexten mit weitergehender Aufmerksamkeit rechnen können in dem der Unsinn als Sinnvoll erkannt werden kann. Diese Kontexte sind heute Kunst und Unterhaltung. Außerhalb davon wird auch der Unsinn sinnlos.“

    Unbekannter Autor

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    1. "Die Welt ist eine Scheibe, hörst Du nicht das Rauschen?"

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    2. Ach was! Oh, Verzeihung, das war ein Tippfehler, fast überhaupt Kurzschrift. Gemeint sollte sein: Ach, was im Hintergrund rauscht, wäre zunächst vermutlich erst mal bloßes Gegengeräusch zu dem, was im Vordergrund raschelt. Letzteres könnte, im Falle des Falles, auch "Sinn" sein. Oder halt, andernfalls, irgendeine agile Maus im Laub oder Gebüsch! Insofern sollte man, vom Rascheln aufwärts, alle sinn(beziehungs)verdächtigen Geräusche streng prüfen, bevor anschließend damit die Welt erklärt wird. Aber wie geht's? Wo sind die Maßstäbe?

      Das sind, vermutlich, die falschen Fragen. Wer sich mit "Sinndeutungsroutinen" kritisch auskennt, sieht sie sublunar eher unschön verbreitet. Sie finden sich allzu oft bei Müden, Gelangweilten, Denkfaulen, Schlaraffiern.

      Wach Denkende meiden Routinen; selbst im Urlaub. Sogar oft schon Analogien, Vergleiche und Reduktionen - wo immer es geht, dass man genau hinkucken kann. Dafür ist man wach, im Kern.

      Manchmal, indes, geht es nicht. Das sind dann aber meist die Überdrusserfahrungen mit Wiederholungen und Ähnlichkeiten schuld, die beim ausdauernden Blick auf die Dinge der Welt nicht zuverlässig ausbleiben. Man sieht, beinah täglich, mehr, als man gut findet.

      Wir kommen zum Schluss: Wer Sinn immer schon (einfach so) "routiniert", zugleich scharf, erkennen können will, zitiert vermutlich eher Zeug, als dass er/sie sehr leis/kühn aus eigener, differenzierterer, Erfahrung spricht. That sucks a bit.

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    3. Therefore: Ode to Joy!

      http://www.youtube.com/watch?v=xpcUxwpOQ_A

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