Montag, 5. November 2012

Aus dem Hause Teufel: Geruch von verbranntem Pferdehaar -- Musils Porträt des Wissenschaftlers als bösartiger Mann


("Teufelspackt schlägt sich,
Teufelspackt verträgt sich..")
Wissenschaftler soll man eigentlich nicht danach fragen, aus welchen inneren Motivationslagen heraus sie ihre Wissenschaft wirklich betreiben; sie wollen viel lieber danach gefragt und dafür gerühmt werden, dass ihre Beschreibungen "richtig" sind (oder "wahr" sogar). Solche Motivationslagen gibt es aber natürlich schon: Aufdecker und Aufklärer kränken möglicherweise besonders gerne. Besser beobachten hieße in diesem Fall immer auch: an den eigenen Erkenntnisvorsprung glauben und -- sofern man seine Erkenntnisse öffentlich publiziert -- den Anderen diesen Erkenntnisvorsprung auch vorführen (--> "Publikationsnarzissmus", P.S.).
Erst nachdem der Beobachter vorgestellt ist, können wir uns mit seiner Genealogie beschäftigen. Seine Absichten und Eigenschaften lassen gewisse Verwandtschaften mit seit langem bekannten Wesen erkennen. Er stammt, wenn man so sagen darf, aus dem Hause Teufel.
(NL, Wissenschaft der Gesellschaft)
Musil beschreibt die Wissenschaftler lieber und beweist damit, dass es eine Ebene der Beobachtung geben kann, die durch überlegene Beschreibung der überlegenen Beschreibung ihr Publikum wenigstens zu erheitern versucht (--> ironische Meta-Überlegenheit).
Das In den Bart Lächeln der Wissenschaft oder Erste ausführliche Begegnung mit dem Bösen
Es müssen ein paar Worte über ein Lächeln folgen, noch dazu ein Männerlächeln, und es war ein Bart dabei, geschaffen für die männliche Tätigkeit des In den Bart Lächelns; es handelt sich um das Lächeln der Gelehrten, die der Einladung Diotimas Folge geleistet hatten und den berühmten Schöngeistern zuhörten. Obgleich sie lächelten, darf man beileibe nicht glauben, daß sie es ironisch taten. Im Gegenteil, es war der Ausdruck ihrer Ehrerbietung und Inkompetenz, wovon ja schon die Rede gewesen. Aber man darf sich auch dadurch nicht täuschen lassen. In ihrem Bewusstsein stimmte das, jedoch in ihrem Unterbewußtsein, um dieses gebräuchliche Wort zu benützen, oder richtiger gesagt, in ihrem Gesamtzustand waren es Menschen, in denen ein Hang zum Bösen rumorte wie das Feuer unter einem Kessel.
Das sieht nun natürlich wie eine paradoxe Bemerkung aus, und ein o.ö. Universitätsprofessor, in dessen Angesicht man sie aufstellen wollte, würde vermutlich entgegnen, daß er schlicht der Wahrheit und dem Fortschritt diene und sonst von nichts wisse; denn das ist seine Berufsideologie. Aber alle Berufsideologien sind edel, und die Jäger zum Beispiel sind weit davon entfernt, sich die Fleischer des Waldes zu nennen, nennen sich vielmehr den weidgerechten Freund der Tiere und der Natur, ebenso wie die Kaufleute den Grundsatz des ehrbaren Nutzens hegen [...]. Auf die Darstellung einer Tätigkeit im Bewußtsein derer, die sie ausüben, ist also nicht allzuviel zu geben. [...] Sieht man andererseits zu, welche Eigenschaften es sind, die zu Entdeckungen führen, so gewahrt man Freiheit von übernommener Rücksicht und Hemmung, Mut, ebensoviel Unternehmungs- wie Zerstörungslust, Ausschluß moralischer Überlegungen, geduldiges Feilschen um den kleinsten Vorteil, zähes Warten auf dem Weg zum Ziel, wenn es sein muß, und eine Verehrung für Maß und Zahl, die der schärfste Ausdruck des Mißtrauens gegen alles Ungewisse ist; mit anderen Worten, man erblickt nichts anderes als eben die alten Jäger-, Soldaten- und Händlerlaster, die hier bloß ins Geistige übertragen und in Tugenden umgedeutet worden sind. [...] Zum Heroismus der Bitterkeit gesteigert, daß man sich im Leben auf nichts verlassen könne, als was niet- und nagelfest sei, ist sie [die Freude daran, "der Höhe ein Bein zu stellen und sie auf die Nase fallen zu sehen] ein in die Nüchternheit der Wissenschaft eingeschlossenes Grundgefühl, und wenn man es aus Achtbarkeit nicht den Teufel nennen will, so ist doch zumindest ein leichter Geruch von verbranntem Pferdehaar daran.
(Musil, MOE, 301ff.)
[Re-Entry vom 10.01.12]

Kommentare:

  1. Der überlegenen Beschreibung der überlegenen Beschreibung der überlegenen Beschreibung, die man hier leistet, ist nur mit einem beizukommen: Der überlegenen Beschreibung derselben, hier, im Kommentar. Er ist die Axt des Richters und Henkers (das bin ich) und manchmal - so wie jetzt - sogar noch überlegene Beschreibung seiner selbst. Von nun an ist die Folge nicht mehr aufzuhalten. Selbst Wittgenstein könnte diese Leiter nicht wegwerfen.

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  2. "Der Ast, auf dem man sitzt"-Werden:

    "Wieviel Belastung durch Kommunikation über Kommunikation kann ein Kommunikationsprozeß verkraften, und variieren auch diese Belastungsgrenzen mit Gesellschaften und Gesellschaftsbereichen? Wie werden Übergänge von der Reflexivebene zur Normalebene kommunikativ gewandelt? Gibt es Coupiertechniken, mit denen man das Reflexivwerden der Kommunikation erfolgreich (das heißt: unbeantwortbar) verhindern kann?" (NL, SS, 613)

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  3. Wissenschaftler soll man eigentlich fragen, aus welchen inneren Motivationslagen heraus sie ihre Wissenschaft betreiben; sie wollen viel lieber ernsthaft gefragt als dafür gerühmt werden, dass ihre Beschreibungen richtig sind, oder sogar wahr. Solche Motivationslagen gibt es aber natürlich schon: Aufdecker und Aufklärer lernen gerne. Besser beobachten heißt immer auch: am eigenen Erkenntnisvorsprung arbeiten und -- sofern man seine Erkenntnisse öffentlich publiziert -- den Anderen dies auch zu exponieren (--> "Publizitätsinteresse", W.S.). Manche von ihnen -- jenen Wissenschaftlern -- geben das sogar zu. Sie sind Männer und Frauen mit Eigenschaften.

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