Donnerstag, 10. Januar 2013

"Hypologischer Positivismus" - Erschließung der Hypotope mithilfe des schlechtesten Werkzeugs


Der "Hypologische Positivismus", gelegentlich auch "Magischer Positivismus", ist eine in jüngerer Zeit sich etablierende philosophisch-literarische Strömung, die davon ausgeht, dass es vorsprachliche oder untersprachliche (d.i. "hypologische") Bereiche der Wahrnehmung gibt, die sprachlich zwar nicht eindeutig erschließbar sind, die aber auch nicht nur ex negativo als das "Andere", "Nicht-Begriffliche", "Nicht-Identische", das "Mystische", undsoweiter, markiert und bezeichnet werden können ("Die Grenzen meiner Sprache sind nicht die Grenzen meiner Welt." Nicht-Wittgenstein). Die meisten seiner Vertreter gehen davon aus, dass es einen Bereich des (für den Menschen) Wahrnehm- und Empfindbaren gibt, der nicht deckungsgleich ist mit dem Raum des sprachlich "eindeutig" Explizierbaren. Mit ihren Namensvettern, den "Logischen Positivisten" teilen sie dabei die Auffassung, dass allein das in der Erfahrung selbst Gegebene (oder sprachlich Gebbare) als die letzte Instanz menschlichen Erkennens ("Intellektion") und menschlicher Selbstverständigung fungieren kann.

"Erschließung des Hypotops
mithilfe des schlechtesten Werkzeugs"
Hypologische Positivisten bedienen sich häufig literarischer Techniken, um - durchaus bewusst suggestiv - den Bereich vorsprachlicher Wahrnehmungen zumindest andeutungsweise sprachlich zu erschließen. Diese Methode wird mitunter auch gespeist und befördert durch ihre Präferenz für Phänomene der Stimmung, der Witterung, der Ahnung, des Atmosphärischen. Ein häufig gebrauchtes Mittel zur theoretischen Erschließung dieser Bereiche ist auch die Bildung von Neologismen, die Raum schaffen sollen für die Möglichkeit "semantischer Aufladungen" (d.i. sinnhafter Neubesetzungen der jeweils gebrauchten Begriffe). Manche seiner Vertreter gehen sogar davon aus, dass mithilfe solcher und ähnlicher Techniken gänzlich neue Sinnbereiche für den Menschen allererst "erschlossen" werden können, die vor diesen Erschließungen zumindest noch nicht bezeichenbar, vielleicht sogar nicht einmal empfindbar waren. Einige von ihnen haben diesbezüglich versucht, aus der These der Erweiterbarkeit des Empfindungsraums durch sprachliche Interventionen die Möglichkeit einer "mikropolitischen Praxis" abzuleiten, die auf die "sinnhafte Renovierung der Weltbezüge" abzielen soll (aus dieser Spielart ergibt sich auch die gelegentlich gebrauchte Bezeichnung "Magischer Positivismus"). Ihre Überlegungen überschneiden sich hier teilweise mit performanztheoretischen Erwägungen.

Kritiker haben am Hypologischen Positivismus bemängelt, dass er sich nicht an die Strenge philosophischer Überlegung und Argumentation halte und an die Stelle von Argumenten häufig blumige Metaphern, unscharfe Begriffe und suggestive Sprachbilder setze, die einer redlichen Überprüfung nicht standhalten könnten. Gelegentlich wurden einzelne seiner Vertreter auch vorgeworfen, "bloße Zeitgeistphilosophie" zu betreiben. Eine breitere akademische Auseinandersetzung lässt bislang allerdings noch auf sich warten.

Kommentare:

  1. Vor der Sprache ist was los, das, wenn unterwegs zur Sprache, mindestens einmal umsteigen muss: vom Namenlosen ins Vokabular - oft ohne klare Platzreservation. Insofern erscheint Sprache eher als Spätindikator, jedenfalls als Medium, kaum aber als exklusives Kriterium für Daten.
    Dicht entlang dieser Differenzen quillt Dichtung. Sie führt, meist bloß mit Zeichen, Welten und Momente auf, indem sie evoziert (ins Sprache-Sein herausruft), was vorsprachlich abrufbereit steht. So überholt sie schon from scratch viele ästhetisch angestrengte, hypologisch-positivistische Registratur.
    Anders gesagt: Man könnte fragen, unter welchen perspektivischen Verhältnissen der Eindruck entstehen kann, dass Theoretiker des "schlechtesten Werkzeugs" wie etwa Steffen Popp in ihrer Dichtung ausgerechnet ein Positivismus umtreibt (auch im Sinne der "Auffassung, dass allein das in der Erfahrung selbst Gegebene (oder sprachlich Gebbare) als die letzte Instanz menschlichen Erkennens ('Intellektion') und menschlicher Selbstverständigung fungieren kann"). Reden Dichter - gerade solche - nur (von) Empirie? Und wenn ja: Ist diese dann die Empirie von "Positivisten"?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das scheint mir eine interessante Frage zu sein. Was heißt hier aber "Empirie"? Was "Positivismus" (ein Begriff, der heutzutage ja vor allem als pejorative Kampfvokabel im Gebrauch ist)? [Was "ästhetisch angestrengt" erscheint und was nicht, mag jeder Beobachter je für sich anders beurteilen.] Ob "Empirie" aber allein in der Form einer "Registratur" realisierbar ist, würde ich bezweifeln: Ist nicht gerade auch die (sprachliche) Evokation von Erfahrbarkeiten eine anspruchsvolle Form von Empirie (Steffen Popp spricht von einer "Verlebendigung dieser Wirklichkeit im Gedicht")?

      Ich würde den obigen Text allerdings von vornherein nicht so lesen, dass Sprache in ihm als "exklusives Kriterium für Daten" dargestellt wäre (hierhin eben unterscheidet sich der "hypologische" vom "logischen Positivismus"). Im Gegenteil. Was im Kommentar als Fähigkeit der Dichtung präsentiert wird: "Sie führt, meist bloß mit Zeichen, Welten und Momente auf, indem sie evoziert (ins Sprache-Sein herausruft), was vorsprachlich abrufbereit steht." ist genau dasjenige, was zu leisten auch der Hypologische Positivismus vorgibt. Was diese beiden allerdings voneinander unterscheidet ist die öffentliche Verpflichtung darauf, Erkenntnis (als "Intellektion") zu vermitteln, Dichtung kann das, sie verpflichtet sich aber nicht (immer) dazu, das aber tut der Hypologische Positivismus.

      Löschen
  2. Merci, - doch auch pardon: der Kommentar liest obigen Text durchaus im Sinne von Nicht-Wittgenstein. Überhaupt (sieht man länger hin) ist dies sein in zwei Sätzen überknapp skizzierter Ausgangspunkt.
    D'accord, von Registratur wird in der Tat kaum jemand sagen noch gar wünschen wollen, höheres Erfahren sei schwer bis unmöglich. Ohnehin wollte der Kommentar im Kern nicht dies, sondern das ansprechen: die Frage, ob "Positivismus" ein treffendes, wahlverwandtes (Goethe), nicht unnötig missverständliches Substantiv (Schlagwort?) für ein so mutiges und a-positivistisch suggestionsfähiges Adjektiv wie "hypologisch" sein könne. Zumal dann, wenn es sachlich auch - und offenbar nicht zuletzt - um Gebbares gehen soll, also um Mögliches auch, nicht nur um rundum schon Vorhandenes als positum oder depositum.
    Kurzum: Der Kommentator fragt, ob man "hypologischen Positivismus" bzw. dessen Punkt unter anderem, positivismusunverbundenen Begriff mindestens auch, vielleicht sogar besser beim Namen nennen kann.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Diffizil, diffizil. Aber: Wenn es im Kern um Hypotopie (gleichsam um den Geist der Hypotopie) ginge - reichte dann nicht fast vorab erst mal der schlanke Hypotopiebegriff als Marke? Komprimiert gemeint sein könnte damit in etwa: am Ort vorm Wort (Subway zur Sprache) Text anlegen, zu Text-Anlagen als Landebahnen (nicht: Gehege) für Sinnanflüge von weit ...

      Löschen
  3. Ansonsten geht es dem präsentierten Ansatz durchaus und gerade um die Gebung des Gebbaren, also: Position.

    AntwortenLöschen
  4. So wild nach deinem Erdbeer Edmund Husserl13. Januar 2013 um 10:53

    "In Wahrheit widersetzt sich Husserl dem traditionellen Empirismus nur, um dessen Positivismus in einen reineren und jeglichen konstruktiven Moments entblößten "Positivismus" zu verwandeln: "um den skeptischen Negativismus (der sich Positivismus nennt) durch den wahren Positivismus überwinden zu können."" (Rudolf Boehm, Vom Gesichtspunkt der Phänomenologie, Den Haag 1968, S.69)

    Wenn ich das oben Gesagte richtig verstehe, wäre im "Hypologischen Positivismus" also Husserl kritischer Schritt vor den "Negativistischen Positivismus" enthalten, der HP dann aber noch - über Husserl hinaus - in dem Bereich dynamischer Sinngebung fundiert, der auch noch die "Position" (verbal verstanden) des Positiven umfasst.

    Also: Gegebenes -> Gebbares -> Gebung, die Analyseschritte.

    AntwortenLöschen