Sonntag, 15. April 2012

Zurück in die vergangene Zukunft: Teeel - 88mph

Durch die Finsternis des zukünftig Vergangenen sehnt der Magier sich nach Licht.
(Twin Peaks)
Scheinbar uneinholbar Vergangenes trägt stets auch Züge einer immer noch wachen möglichen Gegenwart. Die schlummernde Zukünftigkeit des Vergangenen und die vergangene Vorwegnahme möglicher Zukünfte entsprechen sich hier wechselseitig: Manches, früher noch als Zukunft Projiziertes, scheint heute überholt, anderes steht weiterhin aus, wartet auf Verwirklichung trotz dem oder provoziert zur kontrafaktischen Spekulation (Was wäre, wenn..).  
Nur faktische eigentliche Geschichtlichkeit vermag als entschlossenes Schicksal die dagewesene Geschichte so zu erschließen, daß in der Wiederholung die »Kraft« des Möglichen in die faktische Existenz hereinschlägt, das heißt in deren Zukünftigkeit auf sie zukommt. Die Historie nimmt daher – sowenig wie die Geschichtlichkeit des unhistorischen Daseins – ihren Ausgang keineswegs in der »Gegenwart« und beim nur heute »Wirklichen«, um sich von da zu einem Vergangenen zurückzutasten, sondern auch die historische Erschließung zeitigt sich aus der Zukunft.
(Martin Heidegger, Sein und Zeit)

Kommentare:

  1. Seitdem die Gesellschaft gelernt hat, Zeit als Differenz von Vergangenheit und Zukunft zu betrachten bleiben für eine Analyse zwei Möglichkeiten offen: retrospektive und prospektive Operationen. Wenn man temporale Zusammenhänge aber lediglich unter einem retrospektiven Gesichtspunkt betrachtet, wird der antezipative Aspekt unterbelichtet. Will man aber darauf nicht verzichten, findet man eine weitere Form der Temporalisierbarkeit, die vergangenheitsfunktionale Prozesse regelt. Im Unterschied zu zukunftsbestimmten Systemoperationen finden wir in sozialen systemen bei genauerer Betrachtung einer Kontingenz der Zeit auch ein entsprechendes dual-komplementäres Gegenstück, das man als vergangenheitsbestimme oder reversible Systemoperationen bezeichnen könnte. Grob generalisiert könnte man deshalb Systemoperationen als reversibel bezeichnen, wenn mit Information aus einer noch bevorstehenden Zukunft die Vergangenheit eines Prozesses bestimmt werden kann. Solche reversiblen Systeme sind praktisch Systeme, die durch die Vertauschung von Vergangenheit und Gegenwart determiniert werden. Entscheindend scheint aber zu sein, dass die Bedingungen für eine solche Zeitinversion in einer ausreichend intransparenten Komplexität bestehen, die einen Zeitdruck verstärkt mit der dann wahrscheinlichen Folge, dass Sinnfindungs- und Sinnwiederfindungsoperationen zusammenfallen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "Licht", "weit", "schlicht", "Zeit", "Mond"16. April 2012 um 10:52

      Wunderschön, Henriette, einfach wunderschön! Wie du das gemacht hast, ein Bild für den toten Gott, ganz eherrlich: die Zweige die Wege die Haare im Wind. Henriette, du kannst zaubern. Was du kannst? Du kannst zaubern. „Den Sack mit deiner unerträglichen Schönheit.“ Who is in trouble, worldwide? Henriette ist es nicht. Du bist kein Wesen wie die andern, du kannst in den Zeiten wandern. Ich hätte noch nie gesehn, dass bei dir Sinnfindungs- und Sinnwiederfindungsoperationen nicht zusammenfallen würden, niemals nicht. Henriette, was du kannst, das kann man nicht, man altes kaltes "Hier Variable einsetzen"(s.o.)gesicht.

      Löschen
  2. "Das Besondere an der Sinngeschichte ist vielmehr, das sie wahlfreien Zugriff auf den Sinn von vergangenen bzw. künftigen Ereignissen ermöglicht, also ein Überspringen der Sequenz. Geschichte entsteht durch Entbindung von Sequenzen. Ein Sinnsystem hat in dem Maße Geschichte, als es sich durch freigestellte Zugriffe limitiert - sei es durch bestimmte vergangene Ereignisse (die Zerstörung des Tempels, die Krönung des Kaisers durch den Papst, die Niederlage von Sedan; oder im kleineren: die Hochzeit, der Abbruch des Studiums, die erste Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe, das ‚coming out' des Homosexuellen), oder sei es durch Finalisierung der Zukunft. Geschichte ist demnach immer: gegenwärtige Vergangenheit bzw. gegenwärtige Zukunft; immer: Abstandnahme von der reinen Sequenz; und immer: Reduktion der dadurch gewonnenen Freiheit des sprunghaften Zugriffs auf alles Vergangene und alles Künftige."
    Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, 1984, S. 118.

    AntwortenLöschen