Montag, 23. Januar 2012

Strategien der Selbstversicherung I: Die Glückskindtheorie


Strategien der Selbstversicherung sind allgegenwärtig. Von Abschottungs- über Ignoranz-, Ausblendungs- und Externalisierungsstrategien bis hin zu raffinierten Theorien des Verblendungszusammenhangs sind sie die stets beliebten Stabilisierer unseres Alltagserlebens. Hier werden sie zum ersten Mal zur einfacheren Handhabe vulgärpsychologisch aufbreitet und kompakt dargestellt.

Kapitel 1: Die Glückskindtheorie

Die Glückskindtheorie besticht durch Einfachheit und Effektivität. Sie wird am häufigsten von Menschen angewandt, die sich ihre jeweiligen "Erfolge" (was genau das jeweils ist, variiert je nach Erfolgsmilieu) gerne als Eigenleistung zurechnen wollen, um anderen ihren "Erfolg" zugleich als "nicht selbstverantwortet" (--> "glücklich") abzusprechen. Ihre schlichte Überzeugungskraft macht die Glückskindtheorie beinahe universell anwendbar.

In ihrem Kern besteht sie aus einer einzigen These, die sich etwa wie folgt zusammenfassen lässt:

"Ein Glückskind hat stets Glück, sein "Erfolg" fällt ihm von alleine zu."

(Abbildung 1)
Ein Blick auf die Feedbackbilanz der Theorie (Abbildung 1) macht schnell deutlich, dass sie ihren Verwendern für beinahe alle Weltzustände positives Feedback zu liefern imstande ist. Dabei wird unterscheiden zwischen dem sogenannten In-Situ-Affekt-Feedback (ISAF; in der Abbildung durch den Strichmännchen-gesichtsausdruck symbolisiert) und dem Feedback aus der (theoretischen) Distanz (FAD, Sprechblasen auf der rechten Seite). Das ISAF bezeichnet die affektive Reaktion des Theorieverwenders auf die Wahrnehmung des jeweiligen Weltzustands, das FAD die weniger Affekt involvierende Reaktion aus der distanzierten Weltbeobachtung ("Siehste, ich hab natürlich mal wieder Recht gehabt!"). Abbildung 1 ergibt dabei folgende Feedbackbilanz:

Erste Zeile: Formulierung der Theorie: "E=Glückskind hat stets weiter Erfolg."
Zweite Zeile: Weltzustand1: E hat Erfolg --> ISAF = negativ; FAD = positiv.
Dritte Zeile: Weltzustand2: E hat keinen Erfolg --> ISAF = positiv; FAD = negativ

Die Glückskindtheorie liefert ihren Verwendern also sowohl auf Weltzustand1 (=E hat weiterhin Erfolg), als auch auf Weltzustand2 (=E hat keinen Erfolg) positives Feedback. Dabei bleibt im ersten Fall das ISAF negativ, da der Erfolg von E von TheorieverwenderIn weiterhin als mindestens störend, wenn nicht sogar kränkend wahrgenommen wird. Die Glückskindtheorie aber findet in E´s Erfolg Bestätigung und liefert daher das gute Gefühl, wenigstens Recht behalten zu haben (--> positives FAD). Im zweiten Fall sorgt E´s Nicht-Erfolg für positives ISAF (--> "Schadenfreude"), die Theorie findet derweil zwar keine Bestätigung, lässt sich aber durch Ad-hoc-Modifikationen immer noch vor ihrer Falsifikation retten (etwa durch die Ergänzung: "E war offensichtlich doch kein Glückskind").

Ihre einfache Handhabe macht die Glückkindtheorie zu einer stets erfolgreichen und beliebten Kompensationstheorie, die in den verschiedensten Kontexten zur Anwendung kommen kann.

Kommentare:

  1. Um anderen deren "Erfolg" zugleich als nicht selbstverschuldet (--> "glücklich") abzusprechen?

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  2. Der Erfolg der Anderen wird als etwas behandelt, das sie nicht selbst zu verantworten haben; stattdessen wird nicht weiter präzisiertes "Glück" unterstellt, das es den Betroffenen im Leben leichter macht als anderen. ("Der fliegt das alles einfach so zu."). --> Begriff entäquivokisiert.

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  3. Schöne Darstellung! Vielleicht hättest Du - neben der Beschreibung der Funktionsweise der Glückskindtheorie - noch ein paar Worte darüber verlieren können, _warum_ sie überhaupt Anwendung findet. Das Warum kommt nämlich nur in der Überschrift direkt zur Sprache: Es ist eine Selbstversicherungsstrategie.

    Genauer: Es ist eine Selbstversicherungsstrategie, die ihre selbstversichernde Kraft aus einem missverstandenen Relativitätsprinzip schöpft. Dieses Prinzip lautet: Die Leistung oder (vielleicht auch: und damit) der Wert eines Individuums ist keine unabhängige Größe, sondern wird in Relation zu Dritten festgelegt. Erst durch die Anerkennung dieses Prinzips wird es überhaupt möglich, sich durch das Scheitern des Anderen selbst zu erhöhen, beziehungsweise, den Erfolg des Anderen zu schmälern, indem man diesen als Zufälligkeit (Glück) abtut, wodurch ja die eigene Leistung, ohne, dass sie sich de facto verändert hätte, relativ zum Anderen ebenfalls erhöht wird.

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  4. Oh, ja, allerdings! Dank´ Dir für die Ergänzung!

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