Sonntag, 12. August 2012

Der Sinn für interessantere Alternativen - Eine Einführung in die Kunst der Immersion


(Wirklichkeit und Möglichkeit nach Bilz im Bild)
Eine zu langweilige und wenig spektakuläre Gegenwart (und wer kennt so eine nicht?) ist ein Problem und häufig ein hinreichender Grund, sich mit dem zu beschäftigen, was so eigentlich überhaupt nicht da ist. Glücklicherweise sind Menschen wenig genug in ihre Gegenwarten verstrickt, um nebenher auch noch anderswo zu sein: in "längeren Gedankenspielen" (Schmidt), bei einer kleinen Kritzelei ins Schulheft, dem letzten inspirierten Gespräch in der Küche, undsoweiter. Bei Kant (und auch anderswo) heißt diese Fähigkeit "Einbildungskraft":
Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: [...] wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der Assoziation [...] fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Auf der Suche nach der besseren Unterhaltung stehen uns also neben der "Wirklichkeit" und neben den vielen suggestiven Medien-Kanälen noch die selbstgetragenen (aber ja doch nicht schlichtweg "selbstgelenkten") Ablenkungen (besser: Einlassungen) zur Verfügung.

Die grundmenschliche Kompetenz zur Flucht aus einer unterfordernden Gegenwart in einen alternativen Erlebensraum brachte einen weniggelesenen (aber umso gerngenannteren) Bildungstheoretiker (Humboldt) dazu, vom Dichter als erster und größter Aufgabe zu fordern, die Leser seiner Werke aus ihren beschränkten Wirklichkeiten herauszulösen, um ihnen in seiner Kunst alternative und idealisierte Weltinnenraum-Immersionen anzubieten [die sie anschließend natürlich doch irgendwie (durch ihre harmonische Zusammengesetztheit nämlich) noch zur Selbstbildung provozieren sollten]:
Der Dichter versetze uns, wie er seinem ersten und einfachsten Berufe nach zu thun verbunden ist, ausserhalb den Schranken der Wirklichkeit, und wir befinden uns unmittelbar von selbst in der Region, in welcher jeder Punkt das Centrum des des Ganzen und mithin dieses schrankenlos und unendlich ist. Absolute Totalität muss eben so sehr der unterscheidende Charakter alles Idealischen seyn, als das gerade Gegentheil davon der unterscheidende Charakter der Wirklichkeit ist. Sobald also der Dichter nur dahin gelangt, in uns jede auf die Kenntniss der Wirklichkeit gerichtete Stimmung zu unterdrücken und alle sonst damit beschäftigten Kräfte unsres Geistes allein der Einbildungskraft unterzuordnen, so hat er seinen Zweck erreicht.
(Humboldt, Über Goethes Hermann und Dorothea)
("Die Träumereien sind noch nicht aus" - R. Reiser)
In diesem Sinn mag das Kunstwerk bisweilen "eine Welt aufstellen" (Heidegger), in die es seine Leser, Zuseher oder Begeher durch Faszination "ein-lässt" [wie Wasser in eine Badewanne], um ihre Aufmerksamkeit in einen Bereich zu lenken, innerhalb dessen anderes geschehen kann als in ihrer jeweiligen Ausgangssituation. Dadurch treten Kunstwerke (und bisweilen sogar Theorien) gegenüber der primär vorgefundenen Wirklichkeit in Immersions-Konkurrenz, laden zur Begehung und Auskundschaftung ein, wo "uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt" (Kant).
Allerdings wird die Einbildungskraft als proto-poetische Immersions- und Erfindungs-Kompetenz heutzutage häufiger unter dem düstereren und gelegentlich niedergeschlagene Passivität suggerierenden Titel "Kontingenzbewusstsein" thematisiert und meint dann nicht das Erfinden- und Begehen-Können alternativer Welten, sondern das hemmende "Wissen davon oder den Glauben daran" (Max Weber, Wissenschaft als Beruf), dass die Welt nicht durch einen heiligen Richtspruch in genau der Form vorliegt, in der wir sie de facto antreffen, sondern genausogut auch "ganz anders" aussehen könnte, was dann wiederum als fatale Beliebigmachung von allem und jedem ausgelegt wird. Die befreiende Dimension des Sinns für Alternativen -- als Unwillen, das zu akzeptieren, was so auch ohnehin schon da ist -- gerät dabei allerdings allzu leicht außer Acht:
So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. [...] Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt, und nichts wäre so verkehrt, wie das zu leugnen. Trotzdem werden es in der Summe oder im Durchschnitt immer die gleichen Möglichkeiten bleiben, die sich wiederholen, so lange bis ein Mensch kommt, dem eine wirkliche Sache nicht mehr bedeutet als eine gedachte. Er ist es, der den neuen Möglichkeiten erst ihren Sinn und ihre Bestimmung gibt, und er erweckt sie.
Ein solcher Mann ist aber keineswegs eine sehr eindeutige Angelegenheit. Da seine Ideen, soweit sie nicht müßige Hirngespinste bedeuten, nichts als noch nicht geborene Wirklichkeiten sind, hat natürlich auch er Wirklichkeitssinn; aber es ist ein Sinn für die mögliche Wirklichkeit und kommt viel langsamer ans Ziel als der den meisten Menschen eignende Sinn für ihre wirklichen Möglichkeiten.
(Musil, Mann ohne Eigenschaften)
Sinn für Möglichkeiten, das ist also auch utopischer, gestalterischer (bisweilen natürlich auch apokalyptischer) Sinn. Und sofern er das ist, meint er gerade keine Flucht aus der Wirklichkeit, keine Defrontation, keine Ablenkung vom eigentlich Wichtigen, sondern ein ernsthafteres Hineingeraten, das an genau den Stellen Möglichkeiten vorahnt, wo die Wirklichkeit uns vor allem Ränder und Grenzen anzubieten scheint. Dadurch wird ein solcher Sinn doppelt "poetisch": zum einen schöpferisch, "mögliche Wirklichkeiten" erfindend und erschließend; zum anderen aber auch die Welt zugleich wie magisch erweiternd, sie durchsichtig machend auf intensivere Alternativen, die sonst vielleicht eher im Film und in manchen Romanen zuhause wären, uns längeren Gedankenspielen nachhängen, schweigend Herumsitzenden Worte in den Mund und Gesten ans Gesicht legen machend, die so oder auch anders sich wirklich ereignen. 
Denn durch die Schrift wird man Tier, durch die Farbe wird man unsichtbar und durch die Musik wird man hart wie ein Diamant und hat keine Erinnerung mehr, Tier und unsichtbar zugleich: verliebt. Aber Kunst ist nie ein Ziel, sie ist nur ein Mittel, um Lebenslinien zu ziehen, das heißt, all jene Arten des wirklichen Werdens, die nicht einfach in der Kunst zustandekommen, all die aktiven Fluchtbewegungen, die nicht darin bestehen, in die Kunst zu flüchten, sich in die Kunst zurückzuziehen, diese positiven Deterritorialisierungen, die zu keiner Reterritorialisierung in der Kunst führen, sondern sie vielmehr in die Bereiche des A-Signifikanten, des A-Subjektiven und des Gesichtslosen mit sich fortreißen.
(Deleuze/Guattari, Milles Plateaux, Das Jahr Null)
[Reeintrag vom  05.01.12]

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