Dienstag, 14. August 2012

Erste Spuren einer "Neuen Magie"

Wer glaubt, daß man mit Worten lügen könne, könnte meinen, daß es hier geschähe. 
(Benn, Gehirne)
(Foto: J.Bertran; CC BY-NC-SA 2.5)
Die Neue Magie bedient sich vorwiegend schon vorliegender semantisch semiotischer Luftwurzeln. Sie ist dabei natürlich keine Zauberei sondern experimentelle Innenaus- und -überschreitung, teils -verkehrung auch diffuser mantischer und protosemantischer Fühlvektoren und -valeurs. Die leuchten (je schon) am semiotisierten Luftwurzelgeflecht in verschiedenen Richtungen, Farben, Tönen und Tonlagen auf: als metaphorische Angebote und Tendenzen, Ansätze für nächste Gesten, Einortungen in Befreundungs- und Befremdensräume, "Hier" und "Da".
Für den magischen Einsteiger hier zunächst noch am einfachsten zu erkunden die alltäglichen "Aufforderungscharaktere":
Der Mensch sieht sich der Welt ja nicht als einem Inbegriff neutraler Dinge gegenüber, sondern die verschiedenen Dinge und Ereignisse treten ihm freundlich oder feindlich, lockend oder abweisend mit ganz bestimmten willensartigen Tendenzen entgegen. Das glitzernde Spielzeug, ein Bändchen, der Zipfel eines Tuches lockt den Säugling zum Zugreifen.
(Kurt Lewin)
Aber auch unter- und oberhalb der Primärsemiosen (_Tisch_Baum_Stuhl_Glas_) treiben fingierend semiotische Wurzeln aus, ansatzweise Artikuliertes, manchmal nur kurzes Zucken oder ein Ankitzeln nächster Bewegung, ein Ausruf ("Tadaaa!", "Hä?" oder auch "Hmhm.") legt sich nah, teilweise Unscharfes bereits auf dem Wort zum Sprung. 
Kein ding sei wo das wort gebricht.
[Kein ding ist aber nicht nichts.
"Oh, danke!" - "kein ding."]
(Stefan George)
Auf fortgeschrittenen Stufen leuchtet das semiotische Luftwurzelwerk deutlicher, wenn etwa im näheren Umfeld Haustüren unbequem offen stehen und unerbittlich so stehend Schließung fordern, wenn unsichtbare Nähegrenzen von Menschen überschritten werden, die ihr Gesicht plötzlich aufdringlich zu nah ans eigene schieben, die letzten Tropfen Wasser aus einem gespülten Glas durch einfache Umwendung empörend auf den Zimmerteppich geleert werden, im erhebenden Gefühl, verbotenerweise an einem Ort zu sitzen, der nicht zum Sitzen gedacht war (Dach eines Hauses etwa, gelegentlich reicht einfacher Boden und für manche schon die Wiese ohne Unterlage), aber auch, wenn Wahrnehmungsvaleurs wie "Belebtheit" unerwartet auf Un- oder nur Halbbelebtes übertragen werden ("Ich hüte diesen leise atmenden Beutel Pfandflaschen.") -- Dinge in magische Vorschatten getaucht. Aufforderungscharaktere und Zaubergesten ("Ich würze."), auch das Ziehen von Linien ("Hier ist die Grenze."). Die Neue Magie lebt mitunter von Kinderphantasie, viel "Tabu" ist aber auch im Spiel.
Es blieb, als der Herr immer ruhig und achtlos seines Weges zog, an dem spärlichen Unkraut hängen. Da hielt der ernste Herr nicht inne, sondern ruckte, weiter schlendernd, nur leicht am Griff, schaute sich dann am Arm festgehalten verletzt um, riß erst vergebens, dann erfolgreich mit beiden Fäusten das Stöckchen los und trat atemlos mit zwei raschen Blicken auf den Stock und den Rasen zurück, so daß die Goldkette auf der schwarzen Weste hochsprang.
Außer sich stand der Dicke einen Augenblick da. Der steife Hut saß ihm im Nacken. Er fixierte die verwachsenen Blumen, um dann mit erhobenem Stock auf sie zu stürzen und blutroten Gesichts auf das stumme Gewächs loszuschlagen. Die Hiebe sausten rechts und links. Über den Weg flogen Stiele und Blätter.
(Döblin, Die Ermordung einer Butterblume)
"Vata Morgäna"
Die magische Semiose ist somit immer auch Semioase, Oberflächenspannung zwischen Wasser und Wüste, Fata Morgana und Phantasmagorie. Die Neue Magie lebt und webt nah am Phänomen, "man muß dicht am Stier kämpfen, sagen die großen Matadore" (Benn). Sie geht mit ihren Begriffen, so weit sie mit ihr gehen, lässt sie langsam "auslaufen" um dann mit anderen wieder aufzutauchen (Erhardt). Jenseits, inner- und unterhalb der tumben Tatsachen liegt für sie das Reich der aufgespannten "Tendenz-Latenzen" (Bloch), die sie aufspürt, um sie aufmerksamer ins Offene der Erscheinung zu treiben: Hirtin des Seins. Heimlich arbeitet die Neue Magie als Schule der Aufmerksamkeit auch der positivistischen Verödung der Welterfahrung entgegen:
Das einzelwissenschaftliche Sein ist immer nur ein Sein dessen, was am jeweiligen Ort ohne Mensch ist, ohne Farbe, ohne Qualifizierung im fortlaufenden Prozess. Statt Farbe erscheint derart vorsinnliche, aussersinnliche, das ist eben: vormenschliche Ätherschwingung; statt dauernd wechselnder prozessualer Valeurbeziehungen erscheinen fertige historische "Tatsachen" - immer nur an Ort und Stelle des unverändert Gewesenen gesucht.
(Bloch, Der Logos der Materie)
Wen sie lehrt, den "Zauberstab der Analogie" (Novalis) zu gebrauchen, als Satzmagie, Sprachmagie, Magie der Geste, kann anders neu Hören und Sehen lassen lernen, zum Beispiel gespielte Musik: 
Jedesmal, wenn er ankam, spielten sie Klavier. Sie fanden es selbstverständlich, ihn in einem solchen Augenblick nicht zu bemerken, ehe das Stück zu Ende war. Es war diesmal Beethovens Jubellied der Freude; die Millionen sanken, wie es Nietzsche beschreibt, schauervoll in den Staub, die feindlichen Abgrenzungen zerbrachen, das Evangelium der Weltenharmonie versöhnte, ver-einigte die Getrennten; sie hatten das Gehen und Sprechen verlernt und waren auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Die Gesichter waren gefleckt, die Körper verbogen, die Köpfe hackten ruckweise auf und nieder, gespreizte Klauen schlugen in die sich aufbäumende Tonmasse. Unermeßliches geschah; eine undeutlich umgrenzte, mit heißem Empfinden gefüllte Blase schwoll bis zum Platzen an, und von den erregten Fingerspitzen, den nervösen Runzeln der Stirn, den Zuckungen des Leibs strahlte immer neues Gefühl in den ungeheuren Privataufruhr.
(Musil, MOE)

Kommentare:

  1. Mutter Morgäna - wie bist du?

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    1. Meine Tochter, es ist ein VW Käfer.

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  2. Woody Allen says:

    Well, generally, the problem with magic is that there are so few magicians.

    I firmly believe we should have more. And I think we could. But how? And where from? I have, in this regard, doubts about evolution.

    Thus, it seems to me that "new magic" is it. Anyway, it's unbelievable how much more difficulty you regularly have in finding a new magician rather than a burger restaurant. Where do new magicians typically hang out? Do they have a phone number? Are they online?

    Know what? I think some guys do have new magic in the fridge, even though it's hot stuff. Maybe that's the way to keep things fresh.

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  3. Äquivalent zum Begriff der „Seele“ führen die Autoren auch die Bezeichnungen „Brücke, Bogen, Pfeil; die Schlange, das Einhorn, die Amsel; Gast und Schmetterling, Odradek; das Fließen, das Feuer, das Wasser, die Luft; Atem, Sprache, Musik; das Unbewußte, der Traum, die Passage; das unumgängliche Paradox, die reißende Bewegung, die sterbende Zeit.“ an und konstatieren: „Die Seele selbst ist eine Metapher und damit ein Effekt der Rede.“ (Kamper/Wulf)

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  4. Die Seele ist keine Metapher. Hier wird nichts hin oder her übertragen. Genauso wenig wie Psychologie oder gar Psychiatrie regulär als "Metaphorologie" auftreten.

    Indes: Vielleicht ist sie - die "Seele" - dann doch eher Kurzschrift für etwas, das Aristoteles in "De anima" unklar "gewissermaßen alles" genannt hat. Gemeint hat er wahrscheinlich, dass man, wenn man eine Seele ansetzt, die Welt von einem Fokus her, vielleicht auch bloß von einem semi-mobilen Temperament aus, mitkriegen und deuten kann: gefühlt wie gedacht.

    Die "Seele", so gesehen, könnte also ein Konzept sein, das den Standortvorteil wie das Leid von Wesen knapp, aber entfaltbar benennt, die mit einem inneren Verdichtungszentrum ihrer Aisthesis und Urteilskraft begabt oder geschlagen sind.

    Der Begriff "Seele" wäre dann, womöglich, rhetorisch eher eine Synekdoche. Vielleicht aber auch schlicht ein "Begriff"! Sei es für Begriffs-Gourmets; und, nicht minder schön, für Soul-Fans.

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