Montag, 10. Dezember 2012

Wissenschaft oder Literatur!? - Eine Formatierungsfrage

Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, daß sie sie in ein System sperren.
Robert Musil
Meine Armee, deine Armee
(Foto: pmorgan, CC BY-NC-ND 2.0)
Es scheint eine Frage von nicht zu geringer Bedeutung zu sein, in welchem Format sich Resultate philosophischer Reflexion präsentieren.
Die Eingegliedertheit und primäre Verortung der Philosophie innerhalb des akademischen Forsch- und Lehrkanonens legt scheinbar die Präsentation ihrer Resultate in der Form von Texten nahe, in denen - sofern sie hier ja als eine unter anderen "Wissenschaften" auftaucht - Ergebnisse redlicher Forschung (selbst, wenn sie primär kritisch ausfallen) "positiv" präsentiert werden. Dagegen ist wahrscheinlich wenig einzuwenden. Mehr vielleicht gegen die Auffassung, dass Philosophie, echte Philosophie, sich in der Form vereindeutigter Perspektivierungen von Problemlagen erschöpfe. Der Versuch, die Ergebnisse als Ergebnisse zu präsentieren, legt scheinbar weitestgehend eine Formatwahl nahe, innerhalb derer "Theorien" und "Positionen" als die plausiblen Kondensationsaggregate philosophischer Reflexion erscheinen. Was steht am Ende eines jeden Denk-Wegs? Ein sicheres Denk-Gebäude. Eine Denk-Stube. Eine Denk-Schenke, aus der heraus spezifische "Ansichten der Welt" möglich werden, die man natürlich äußern und beschreiben kann, ohne dabei darauf eingehen zu müssen, was dann weiter noch aus ihnen folge. 

Es mag allerdings Bereiche in der Philosophie geben [und "es gibt" sie - (das sei hier behauptet!)] in denen Abschlüsse der Denkwege in Denkgebäuden mindestens unplausiblen, wenn nicht sogar notwendigerweise künstlich verkürzt erscheinen müssen. Das trifft wahrscheinlich nicht zu auf ordnende Bereiche der Theorie, die sich - primär an Argumentationsgängen interessiert - der Möglichkeit valider Positonierung innerhalb vorgegebener konkreter Problemstellungen widmen. Hier steht aber offenbar auch nicht so sehr die Orientierung in existenziellen Denk- und Wirk-Feldern im Vordergrund, sondern die Frage nach der Verteidigbarkeit möglicher Sprechakte innerhalb einer strategischen (und als herrschaftsfrei unterstellten) Kommunikationssituation. Wieviel "kostet" ein Argument? Welche "ontologischen Verpflichtungen" "kauft man sich" mit einer bestimmten These "ein"? [Eine Untersuchung des Einsickerns solcher Bezahlmetaphern in die philosophischen Selbstbeschreibungen könnte hier wahrscheinlich interessantes zutage fördern.]  

Anders muss gerechnet werden, wenn existenzielle Stellung-nahmen und nicht theoretische Selbst-positionierungen auf dem Spiel stehen. Sagen lässt sich schnell und viel, lebend übernehmen weitaus weniger deutlich langsamer. - Problematisch wird es dann allerdings, wenn man über das Übernehmen dennoch etwas sagen will. 

"Essayistische" Schreibweisen legen sich hier näher, sofern man den Essay beispielsweise als "die einmalige und unabänderliche Gestalt" interpretiert, "die das innere Leben eines Menschen in einem entscheidenden Gedanken annimmt" (Musil):
Ungefähr wie ein Essay in der Folge seiner Abschnitte ein Ding von vielen Seiten nimmt, ohne es ganz zu erfassen, - denn ein ganz erfaßtes Ding verliert mit einem Male seinen Umfang und schmilzt zu einem Begriff ein - glaubte er, Welt und eigenes Leben am richtigsten ansehen und behandeln zu können.
(Musil, Mann ohne Eigenschaften)
Oder "dramatische":
Nur ein vom Drama belehrtes Bewußtsein, behaupte ich, kann den komplementären Fehlwüchsen der losgelassenen Theorie und der entfesselten Praxis entkommen - und von den Bastarden einer Dialektik beider nicht zu reden. [...] Die Folgen dieser Einsichten für die Philosophie sind außerordentlich. Sobald diese sich ein dramatisches Selbstbewußtsein erworben hat, hört sie auf, bloße Ansichten der Welt zu liefern.
(Sloterdijk, Der Denker auf der Bühne)
Aber unter welcher Flagge sollte man solche Versuche dann eigentlich (und unter welchen Gesichtspunkten) am besten verbuchen? "Wissenschaft"? "Kunst"?
Ein Mann, der die Wahrheit will, wird Gelehrter; ein Mann, der seine Subjektivität spielen lassen will, wird vielleicht Schriftsteller; was aber soll ein Mann tun, der etwas will, das dazwischen liegt?
(MoE)

Kommentare:

  1. Dieser Dazwischenlieger, der wird Diktator und - im schlimmsten Falle - vielleicht sogar ein alle gesellschaftliche Praxis beherrschender Massenmörder wie Hitler, Stalin, Pol Pot und andere ähnliche politische Systematiker als Willkürherrscher.

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    1. Ich glaube nicht, dass ein Gedanke gleich gefährlich wird, nur weil man ihn der subjektiven Herkunft des Autors unbereinigt lässt. Die ganze universitäre Wissensfabrik krankt doch daran, dass am Ende nur uniforme Einheitsprodukte herauskommen (wenn sie das Haus überhaupt verlassen).
      Wäre mehr Mut zu eigenen Sprache zulässig, man würde den Leuten gar erlauben ihr den Denken zu entwickeln.

      Die analytische Philosophie ist doch die Kapitulationserklärung der Mut- und Geistlosen. Aber das ist ein anderes Thema...

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