Donnerstag, 7. Februar 2013

Alle sind dabei und keiner ist´s gewesen - Wieso für einen Shitstorm niemand so richtig verantwortlich ist


tl;dr: Das Internet kann zwar spontan viele Menschen versammeln, aber von denen fühlt sich am Ende trotzdem keiner für´s Ganze verantwortlich. Virtuelles Gläserrücken. Ein Problem viraler Haufenbildung.

Virale Haufenbildung

Prä-Twitter-Ära
Immer mal wieder passiert irgendwas und irgendwer wird darauf aufmerksam, ärgert oder freut sich drüber und teilt das dann auch mit. Dann sagen auf einmal viele andere auch noch was dazu, mischen sich ein - und schon hat man den Eindruck: oh, hier findet ja jetzt ein Ereignis statt. Ein #aufschrei geht durch die Bevölkerung, und manche meinen: endlich entsteht hier eine eigenständige #digitaleöffentlichkeit. Renate Künast glaubt sogar noch konkreter: hier entsteht jetzt eine "dritte Frauenbewegung". Das Problem ist aber: Hier entsteht erst einmal gar nichts. Hier wird auch nicht endlich mal dieser oder jener "Nerv getroffen", damit sich endlich "das gesellschaftliche Bewusstsein verändert". Man schreibt drüber, berichtet drüber. Eine Woche, zwei vielleicht, vier gelegentlich. Dann kommt aber ja auch schon wieder das nächste Ereignis, um das herum sich für eine Weile haufenweise Aufmerksamkeiten bündeln. [So weit also der gewöhnliche Gezeitenwechsel medialer Aufmerksamkeiten.] Die einzige Realität solcher Ereignisse aber bleibt, dass man über sie spricht - bis man eben wieder über was anderes spricht. "Neger". "Porno". "Sexismus". Aber dabei entsteht keine #digitalöeffentlichkeit. Hier entstehen auch keine neuen "Bewegungen". Das kann man merken, wenn man einmal versucht, so eine neu entstandene Bewegung zu adressieren: Viele Einzelne sagen da zwar was, klinken sich ein, aber sich so im Großen und Ganzen dafür verantwortlich fühlen, sich als Sprecher dieser Bewegung zur Verfügung stellen, das tut eigentlich keiner. Das Problem dabei ist: das kann auch gar keiner, weil niemand diese dynamische körperlose Masse wirklich vertreten kann. Aber wieso eigentlich nicht? Weil es leicht ist, einen #aufschrei zu starten, schwerer, daraus eine Bewegung zu machen? Weil das Internet zu viele eigentlich unverbundene miteinander verbindet? Nein. Ganz einfach, weil sich Verantwortung und die Möglichkeit der Repräsentation bei viraler Haufen- und Entscheidungsbildung ganz notwendig verflüchtigen: Alle sind dabei - und trotzdem ist keiner so richtig verantwortlich. Das ist die Logik virtueller chaotischer Akkumulationen von Aufmerksamkeit. Und das muss erklärt werden. Wieso ist das so?

Der Einzelne als Promotor und Prokrastinateur

Deleuze
Was hat der Einzelne eigentlich gemacht, als er sich einem solchen Ereignis anschloss? Es vielleicht sogar - zufällig - initiiert hat? Meistens hat er selbst gar nichts gemacht, was er nicht auch sonst macht. Etwas erreicht ihn, eine Sache, die bereits Aufmerksamkeit genießt - und er beschließt, an sie anzuknüpfen, sie weiterzuempfehlen. Er tritt also als ihr "Promotor" in Aktion, als Weiter-Beweger einer Sache, die von wo anders her an ihn heranbewegt worden ist. Und wenn sich dann viele solcher kleinen Pro-motionen zu einem viralen Großereignis aufaddieren, einem "Shitstorm", einem "Flashmob", oder einem #aufschrei, merkt man der medialen Berichterstattung meistens eine beinah unvermeidliche Verlegenheit an. Diese Verlegenheit besteht vor allem darin, dass die spontane virale Haufenbildung beschrieben wird, als gäbe es da immer noch so etwas wie einen adressierbaren Akteur ("das NETZ", "die Netzgemeinde", etc.), der hier etwas getan hat, oder sogar Verantwortliche, Repräsentanten, die man zur Rede stellen und fragen kann, was denn das Ziel dieser neuen Bewegung eigentlich genau sei. In Wirklichkeit hat hier aber gar niemand etwas getan, was er wirklich verantworten würde (außer das eben, was er auch sonst so macht). Demonstrationen haben Organisatoren, sonst geschieht nichts, virale Verhaufungen ereignen sich oder sie ereignen sich nicht. Aber keiner ist hier besonders prominent dabei, keiner hat mehr getan, als sich auch mal kurz einzumischen, und ist meistens inzwischen längst wieder mit anderem beschäftigt, was er wieder weiter woanders hin promoviert, weiterleitet, empfiehlt, kommentiert. Der Promotor steht keiner Sache vor, er schiebt sie nur vor sich her, oder von sich weg. Deshalb fallen für ihn Promotion und Prokrastination in eins. Und wenn er sich doch wirklich einmal raus gewagt hat (auf "die Straße" zum Beispiel), macht es keinen Unterschied, ob er nur gekommen ist, um zu sehen, was geschieht, oder ob er als Teil dessen kommt, was dann geschehen soll. Im Grenzfall kommen alle bloß als Zuschauer der Sache - und das Ereignis findet trotzdem statt. Alle waren dabei und keiner ist es gewesen. Und das meint in diesem Fall gerade nicht, dass sich alle aus der Affäre stehlen, wo sie sich eigentlich zu verantworten hätten, sondern, dass "Es" wirklich keiner war. Nach einem "Shitstorm" sitzen nicht wie in der Schulklasse die Schuldigen betreten in der vorletzten Reihe und schweigen, bis sie entdeckt und zur Rede gestellt werden. Alle haben sich hier so verhalten, wie sie sich immer verhalten, nur kam eben etwas anderes dabei heraus als sonst. Man pro-motet einfach weiter wie gewohnt - Freude und Hass - und manchmal entsteht dabei eben nebenbei so eine Sache, oder, wie meistens, eben nicht. Aber es lag kein Verhalten vor, dass der Einzelne sich als besonders ungewöhnlich zurechnen könnte. Am Ende war´s keiner. Es gibt bei viralen Haufenbildungen also kein Analogon zu dem, was man sonst "die Verantwortlichen" nennt: Virtuelles Gläserrücken mit tausenden Beteiligten: alle hatten zwar ihre Finger an der Sache, bewegt und ereignet hat sie sich aber scheinbar von allein, keinem der Beteiligten scheint diese Bewegung letztlich zurechenbar. Optimisten reden hier von "Emergenz", andere von "Schwarmintelligenz".

Massen ohne Körper - Das Problem der Verbindlichkeit viraler Entscheidungsfindung

Was hier entsteht sind Massen und Ereignisse ohne Körper. Eine Masse ohne Körper hat keinen Kopf. Es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, was in vielen der neuen netzaffinen "Bewegungen" (Piraten, Occupy, Anonymous) gelegentlich von den manchmal scheinbar nur zufällig an die repräsentative Oberfläche gespülten Vertretern geäußert wird: "Themen statt Köpfe", das heißt doch offenbar: die Sachen sollen für sich selbst sprechen, aber keiner für sie. Die trotzdem sprechenden Sprecher dieser Sachen verweigern sich deshalb ihrer Repräsentations- und Verantwortungsfunktion (weil sich die Liquidität der Masse gar nicht fixierend repräsentieren und verantworten lässt) und geraten so in eine paradoxe Lage: Sie sind Vertreter, die nichts Festes vertreten oder behaupten können - und als die treten sie dennoch auf. Wer an dieser Stelle den Rückgriff auf die Etymologie nicht scheut, der hört aus dem Begriff "Behauptung" noch das "Haupt" heraus, mit dem eine Sache in der Be-hauptung versehen wird. Eine Sache "behaupten" heißt: für sie den Kopf hinhalten, für sie einen Kopf aufstellen, ihr einen Kopf geben. Wer aber seinen eigenen Kopf gar nicht hinhält, weil er mit seinem zufälligen Kopf nur die Bewegung all der anderen Köpfe vertritt (und weil die auch nicht alle auf einmal ins Bild passen würden), der muss und kann auch für nichts geradestehen, der hat ja überhaupt nichts behauptet. Gerade so, wie ein einzelner Beteiligter an einem "shitstorm" sich nicht für diesen im Ganzen verantwortlich fühlen kann - und trotzdem mitmacht. Für eine in einem netzwerkartigen "Kollektiv" getroffene Entscheidung ist kein Einzelner verantwortlich, obwohl im besten Fall alle an ihr beteiligt sind. Für mögliche politische Praxis stellt sich daher das Problem, wie sich Verbindlichkeit (von vertret- und behauptbaren Entscheidungen) innerhalb einer dynamischen Masse überhaupt realisieren lassen könnte - und wer die dann behauptend repräsentieren sollte.   

Kommentare:

  1. Ich gehöre wahrscheinlich zu den oben zitierten Optimisten. Ich will dies kurz begründen.
    Zunächst würde ich dem oben zerlegten Begriff der Behauptung den Begriff der Verantwortung an die Seite stellen (Wer steht z.B. ein Jahr nach #aufschrei für repondere zur Verfügung?). Das "Netz" ermöglicht verantwortungsfreie (je nach Sicht verantwortungslose) Partizipation.
    Dies stellt das klassiche Politikmodell auf den Kopf (frei gewählte Spitzenpersonen, die die Verantwortung schultern). Doch wer will heute noch Mitglied einer Partei werden um unter totaler Angreifbarkeit die aussichtslose Verantwortung zu schultern? Die Möglichkeit zur verantwortungsfreien Partizipatin erlaubt also prinzipiell die Fortführung von Politik mit anderen Mittteln.

    Der Blogpost vermittelt ein wenig den Eindruck, als würden Debatten wie #aufschrei wirkungslos verpuffen. Wenn man Twitter biokybernetisch betrachtet, darf man zumindest annehmen, dass sich Gedächtnisspuren herausbilden.
    Näheres dazu hier:
    http://neurosophie.wordpress.com/2013/02/01/vernetzte-anonymitat-twitter-biokybernetisch-betrachtet/

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    1. Danke für die hilfreiche Ergänzung!

      In der Tat gehen oben einige Dinge streckenweise durcheinander. Zu unterscheiden wären vielleicht: 1. Die Frage nach einer angemessenen Beschreibungssprache viraler Verhaufungsphänomene (obiger Text als Versuch) 2. Der Entantwortungs-Effekt bei viralen Verhaufungen 3. Die Möglichkeit einer verantwortungsfreienm Politik (hier wäre ich skeptisch, wir müssten hier die Möglichkeiten alternativer Haftbarmachungen für virale Verhaufungen diskutieren [Wer zahlt am Ende ein gescheitertes, von einer liquiden Masse beschlossene Projekt?]) 4. Die Frage nach den langfristigen Effekten solcher Aufmerksamkeitsbündelungen wie #aufschrei (Shitstorms funktionieren ja ganz analog - und was bilden die dann für Gedächtnisspuren aus!?).

      Was diese letzte Frage betrifft, bin ich derzeit vor allem noch gespannt, ob und wie sich hier "Gedächtnisspuren" ausbilden werden und was das konkret für die alltägliche Praxis, etwa den Umgang mit Sexismus, für Effekte erzeugt.

      Was die aus der Kybernetik übernommene Emergenz-Analogie angeht, würde ich nur kritisch zu bedenken geben, dass es sich hier bis auf weiteres um eine wertbehaftete Analogie zu handeln scheint, die auf die Möglichkeit einer emergenten Ebene verweist, sie aber nicht beweist. Solche Beschreibungen erscheinen mir sinnvoll und interessant, nicht aber von sich aus schon stichhaltig.

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  2. "Für mögliche politische Praxis stellt sich daher das Problem, wie sich Verbindlichkeit (von vertret- und behauptbaren Entscheidungen) innerhalb einer dynamischen Masse realisieren lassen könnte - und wer die dann behauptend repräsentieren sollte. "

    Ich bin nicht überzeugt, ob es sich hierbei nicht um ein Scheinproblem handelt bzw. um den Irrtum zu glauben, "netzwerkartige Kollektive" könnten ohne Repräsentation handlungsfähig sein.

    Ist es nicht vielmehr so, dass Partizipation und Repräsentation zusammen gehören und man das eine nicht ohne das andere denken kann?

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    1. Ich kann mir das derzeit offengestanden auch nicht vorstellen. Ich sehe nicht, wie sich das eine mit dem anderen verbinden lässt. Ist das Problem nicht genau die Gewährleistung der Verbindlichkeit von Entscheidungen? Wie kann die anders als durch Versprechen und das Übernehmen von Verantwortung gewährleistet werden?

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  3. „Ist es nicht vielmehr so, dass Partizipation und Repräsentation zusammen gehören und man das eine nicht ohne das andere denken kann?“

    Richtig. Ich würde sogar sagen, dass das eine nicht ohne das andere funktionieren kann. Das gilt nicht nur für Politik sondern viel grundlegender für Kommunikation allgemein. Kein Handeln ohne Zurechnung von Verantwortung auf eine Person. Die Anonymität des Internets untergräbt genau diese Funktionsbedingung von Kommunikation. Als Konsequenz wird es unter dieser Bedingung einerseits einfacher seine Meinung z. B. per Twitter zu äußern. Der oder die Einzelne verschwindet aber in einer anonymen Masse. Andererseits muss man auch die Frage stellen, welche Folgen z. B. dieser #aufschrei via Twitter für das Leben jeder Einzelnen haben, die sich an dieser anonymen kollektiven Meinungsäußerung beteiligt hat? Vermutlich keine. Wenn man etwas gegen das Problem tun will, muss man dort etwas tun, wo das Problem tagtäglich anfällt. Das heißt aber als Einzelperson in Erscheinung zu treten und Verantwortung zu übernehmen. Das wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Die müssen aber nicht immer positiv sein, denn das Problem bei der Übernahme von Verantwortung ist auch, dass man angreifbar wird. Deswegen ziehen es möglicherweise viele vor sich lieber im Schutze einer anonymen Masse zu äußern. Der Trugschluss ist aber, dass das irgendetwas ändern wird.

    Das Internet ermöglicht nur anonym seine Empörung zu äußern und so auf ein bestimmtes Problem aufmerksam zu machen. Aber welche Konsequenzen daraus für jeden einzelnen Betroffenen zu ziehen sind, muss jeder Betroffene selbst entscheiden, denn Betroffenheit lässt sich nicht kollektivieren. Insofern bin ich äußerst skeptisch, dass das Internet irgendwelche Innovationen bezüglich der Herstellung kollektiv bindender Entscheidungen hervorbringen wird. Via Internet können nur anonyme Stellvertreterkriege geführt werden, die jedoch völlig konsequenzlos bleiben. Und die enttäuschten Hoffnungen der Betroffenen werden nur noch mehr Frust über die beklagten Missstände hervorrufen.

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  4. "... denn das Problem bei der Übernahme von Verantwortung ist auch, dass man angreifbar wird ..."
    Ja sicher. Aber "echte" Politiker haben damit kein allzu großes Problem. Sie wirken nicht, als würden sie, falls man ihrem Klartext nicht besonders gewachsen ist, Zurechenbarkeit vermeiden wollen:

    https://www.youtube.com/watch?v=lM9i-8j45xg

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    1. @BdM: Ich denke, man kann auch im Internet Verantwortung übernehmen, indem man Zurechenbarkeit und Wiederadressierbarkeit ermöglicht. Aber man muss das eben nicht. Das hat Vorteile (es ermöglicht bspw. anonyme Äußerungen, für die man sonst etwa politische Verfolgung zu fürchten hätte) und Konsequenzen (mögliche Konsequenzlosigkeit der anonymen, nichtzurechenbaren Äußerung).

      Ein Problem scheint mir zu sein, dass die heutige Aufmerksamkeitskultur suggeriert, es sei schon Teil der Lösung eines Problems, dass man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Das kann aber auch gerade zur Stabilisierung des status quo beitragen, sofern man gelegentlich die Lösung eines Problems durch seine Thematisierung ersetzen zu können scheint: Im Grenzfall ist ein öffentliches Bekenntnis zu einem Problem "günstiger" als das Ziehen grundlegender Konsequenzen.

      Das Demonstrations-Paradox: Öffentlich "Nein" sagen kostet (bei "uns"!) im schlimmsten Fall [Winter] einmal die Woche heißen Tee und kalte Füße. Realisierbare Alternativen zu erfinden Zeit und Willen zum politischen Kompromiss. --> Ein Demonstrant muss keine Verantwortung für die Konsequenzen der Realisierung seiner Gegenvorschläge übernehmen [was natürlich kein Argument gegen Demonstrationen ist].

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