Freitag, 31. August 2012

Das schlechte Gewissen der Kontingenz: "Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich´s auch nicht besser weiß."


Kunst und Theorie nach der Abklärung II
(Quelle: Gedankenstrich)
Namen berühmter Autoren, Debatten und Diskurse sind immer auch Versuche, der allgemeinen Unübersichtlichkeit durch Elementarisierung - d.h. Reduktion auf das, was einem jeweils als das Wesentliche erscheint - eine bewältigbare Form zu geben. Um mit der Kompliziertheit des Ganzen überhaupt irgendwie zu Rande zu kommen, benötigen wir auf Verwendbarkeit und Zugänglichkeit hin optimierte Oberflächenstrukturen, Karten und Hinweisschilder, Geographen und Ortskundige, die uns zeilstrebig an der Nase durch die Reihen der babylonischen Bibliotheken herumführen.
Wer sich zum Beispiel für klassische Musik interessieren will, der muss damit irgendwo anfangen - bei "Beethoven" vielleicht, oder "Bach" oder "Chopin" - er kann ja nicht alles auf einmal wahrnehmen und muss sich deshalb irgendwie aus irgendeinem Grund für einen besonderen Einstieg entscheiden. Kanonisierung und "Geschmack" werden notwendig, sobald die Anzahl realisierbarer Möglichkeiten und die Zeit, um dann auch noch die beste aller möglichen Optionen aus dieser Menge auszuwählen, die Kapazitäten lebensweltlicher Prozessierbarkeit übersteigen. Von da an geht´s vor allem um "Tempovorteile" (Luhmann) und bessere Unübersichtlichkeitsbewältigungsstrategien, aber auch um die erfolgreiche Suggestion von "Überblick" und Bescheidwissen (auch da, wo solches Bescheidwissen gar nicht mehr möglich ist).
Aber selbst die Kanonisierer müssen sich ja ihrerseits auf ihnen vorausliegende, schon gewichtete Selektionen verlassen. Auch sie können ja nicht alles auf einmal, und auch nicht alles nacheinander begutachten, sondern müssen stattdessen eine Auswahl treffen; und so bleibt - selbst wenn man davon ausgeht, dass sie innerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs erfolgreich (und nach welchen Kriterien?) zwischen Relevantem und Irrelevantem unterscheiden - auch in ihren Sortierungen das zuerst Ausgeschlossene stets ausgeschlossen
"Eine der wichtigsten Bedingungen der Feldherrenkunst ist es, sich über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen. "Ich habe mir also" erzählte der General "einen Eintrittschein in unsere weltberühmte Hofbibliothek besorgen lassen und bin unter Führung eines Bibliothekars, der sich mir liebenswürdig zur Verfügung stellte, als ich ihm sagte, wer ich bin, in die feindlichen Linien eingedrungen. Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müßte das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müßte ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortete er!! [...] Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!
In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle stecken geblieben, und die Welt ist mir wie ein einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: da stimmt etwas ganz grundlegend nicht!"
(Musil, Mann ohne Eigenschaften) 
Weil man aber ohnehin dazu gezwungen ist, irgendetwas auszuschließen, weil auch das bequemste Forscherleben nicht genug Zeit umfasst, um alles Relevante mit gutem Gewissen vom Nicht-Relevanten abzusondern, gerät man im Blick auf die eigene Arbeit in eine Selbstrechtfertigungs-Schieflage. Wer nicht mehr beurteilen kann, ob das, was er aus dem Bereich seines Interesses ausgeschlossen hat, auch wirklich sein Interesse nicht verdient, wird zur Begründung seiner Ausschließungen ungern auf einen Mangel an Zeit verweisen (weil das ja bedeuten würden, dass er tatsächlich gar nicht weiß, ob er hier wirklich gut und angemessen ausgeschlossen hat). Vielleicht wird er sich sogar einreden wollen, dass das, um was er sich nicht kümmert, auch tatsächlich sein Interesse nicht verdient; oder aber er verlässt sich stattdessen auf seine Hoffnung, dass die geteilte Verlegenheit - die sich um einen spezialisierten, anderes ausschließenden Beschäftigungsbereich herum angesiedelt hat - niemanden dieses (doch nicht ganz uninteressante) Betriebsgeheimnis der eigenen Produktivität allzu laut ausplaudern lässt.
"Die heutigen Inhalte von Bibliotheken und Datenbanken sind für keinen Menschen auch nur annähernd erfassbar und selbst über die Bildung von Expertengruppen kaum noch abzudecken. Nichtwissen betrifft damit nicht nur das, was noch nicht erforscht wurde, sondern auch das, was schon erforscht ist, aber aus dem Kanon des ständig Genutzten herausgefallen ist. Die Problematik besteht nun darin, dass die Auswahl der Inhalte des Kanons ob der Menge der zur Verfügung stehenden Daten immer mehr zum Zufallsprodukt zu werden scheint. Nur noch in manchen kleinen Ausschnitten ist wissenschaftliche Arbeit noch inhaltlich übersichtlich und strukturiert zugänglich. Was darüber hinausgeht, die "post-normale Wissenschaft" [...], vereinfacht, entscheidet instinktiv und macht sich beispielsweise von dem abhängig, was die Suchmaschine im Internet gerade an dem Tag auswirft, an dem die Suche stattfindet. Die Effekte, die zur Zusammenstellung des Wissens führen, sind dann nicht mehr rekonstruierbar. Das Wissen verliert seine historische Logik. Seine Kanonisierung wird arbiträr und vermutlich von jeder Interessengruppe auf ihre Weise anders betrieben, ohne dass eine Orientierungslinie verfügbar wäre, die man als Leitfaden für einen Ausgleich zwischen diesen Inseln des Wissens verwenden könnte."
(Albrecht Fritzsche, Schatten des Unbestimmten)
Lebensweltlich mag es vielleicht notwendig sein, so zu verfahren: den eigenen Horizont nach vielen Seiten hin abzudichten, um überhaupt weiter produktiv an bewältigbaren Aufgaben zu arbeiten. Problematisch wird diese Notwendigkeit aber, sobald sie nicht mehr thematisiert wird und sich ihre Protagonisten so gerieren, als hätten sie einen Weg gefunden, der notwendigen Blickbeschränkung zu entgehen.
"Und dies ist ein allgemeines Gesetz; jedes Lebendige kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden; ist es unvermögend, einen Horizont um sich zu ziehn, und zu selbstisch wiederum, innerhalb eines fremden den eigenen Blick einzuschließen, so siecht es matt oder überhastig zu zeitigem Untergange dahin."
(Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben)
[Re-Entry 240611 080312]

Kommentare:

  1. Für den Zusammehnang von Autopoiesis und Selbstorganisation dürfte von Bedeutung sein, dass alle soziale Autopoiesis in jedem Moment Sinnüberschüsse liefert, mit welchen in jedem Augenblick nicht immer zu rechnen ist, weil die Operationen autopoietischer Systeme operative Kopplungen sind, die sich über die Zeit hinweg binden. Das bedeutet auch, dass sie die Möglichkeit von mäandernden Nachträgen bereit stellen. Vom Bewusstsein weiß man dies: es vollzieht bei seiner Reproduktion nur sich selbst und ist nur unter hohem Aufwand dazu fähig sich auf bestimmte Intentionen zu konzentrieren. Das Bewusstsein schweift vorzugsweise ab. Etwas ähnliches dürfte für Sozialsysteme gelten, denn es gibt Formen, die eine allzu strenge Konzentration ausschließen, ja negativ sanktionieren, etwa die Form der Geselligkeit, des Smalltalks und dergleichen. Problematisch werden solche Sinnüberschüsse und die mit ihnen angelieferte Möglichkeit, operativ ins Assoziieren abzudriften, wenn man bemerkt, dass Funktionssysteme oder Organisationen durch eine rigide Selektivität gekennzeichnet sind. Sie müssen gegen Ausuferungstendenzen von Kommunikation Prozesse der Selbstordnung setzen können. Mit der Verbreitung der Internetkommunikation scheint darum eine Art Haltbarkeitsprüfung für solche sozialen Formen durchsetzbar zu sein, weil gerade die Internetkommunikation für Schwatzhaftigkeit gerade zu empfänglich ist. Daher stelt sich die Frage wie darauf zu reagieren wäre, wenn nicht Vermeidungshandeln der beste Ratschlag sein kann.

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    1. Entgrenzung der Eingrenzung durch ausuferndes Geschwätz. Die Lösung(en)? 1. Weiter schwätzen und bei genügend Resonanzfähigkeit für die Umwelt registrieren, dass auch Geschwätzigkeit seine Grenzen hat. 2. Man begibt sich resigniert in die Kommunikationsverweigerung. Oder 3.) Sich an der Paradoxie des Problems berauschen und dann wie trunken entgrenzend weiter schwätzen. Gleichsam neurotisch mehr desselben. Im Lichte der vertrauten Paradoxie suchend vor sich hin torkeln ohne zu bemerken dass das blendende Licht längst blind gemacht hat. Einfach mal das Licht ausmachen. Man weiß es dann zwar auch nicht besser, aber man hat zumindest auch mal eine andere Seite der Welt gesehen.

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    2. Wir nennen es Schlaf, beobachten es als "gesund", unterscheiden es mit der Zwei-Seiten-Form Decke/Matratze und dazwischen ist etwas schlafend in die Gegenwart ausgeschlossen eingeschlossen.

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  2. na dann auf ein Schwätzchen: Wer oder Was soll den reagieren? Ist das was beobachtet wird nicht schon die Reaktion? Warum Vorwärts schauen wollen, wenn das Gute doch so nah in der Vergangenheit liegt?

    Der Witz hat sich der Psyche bemächtigt (oder andersherum?) damit sie mit dem ganzen Neztwerkgeschwätz fertig wird, und immer wieder einen Informationsaustieg er-operiert. Operieren am offenen Herzen, das ist es was wir - und was es - tut. Alle könnten dies Wissen, aber warum gilt es nicht als Wissen? Der Blutverlust bei der Operation ist hoch, aber er ist - für es - inrelevant: unbeobachtbar.

    Ein Ratschlag: Räder schlagen und nicht Bücher?

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