Freitag, 21. September 2012

Don´t read the Troll, read them all - Über Unterstellung von Sinn und Über_betonung von Unsinn

[Re-Entry aus akutellem [sic!] Ansatz 26.03.12]

Ein Troll durchkreuzt die "Hermeneutik des Subjekts"
Mit Sinnunterstellungen gehen wir für gewöhnlich recht sparsam um. Mehr Sinn als sonst zu unterstellen kostet Kraft, weil es die Welt verkompliziert: Wo vorher nur igendetwas war, Unsortiertes, zufällig so Herumliegenes, die Dinge so, wie sie eben erscheinen, leuchten mit einem Mehr an Sinnunterstellung mögliche Formen und Botschaften auf, irgendetwas könnte gemeint sein (große Teile der modernen Kunst bestehen in wenig anderem als der Inszenierung und Provokation solcher Unterstellungen). Für den besonderen Fall, dass wir einem Gegenstand begegnen, bei dem wir kaum umhin können, besonderen Sinn zu unterstellen, formulierte Kant einmal:  
Wenn jemand in einem ihm unbewohnt scheinenden Lande eine geometrische Figur, allenfalls ein reguläres Sechseck, im Sande gezeichnet wahrnähme: so würde seine Reflexion, indem sie an einem Begriffe derselben arbeitet, der Einheit des Prinzips der Erzeugung desselben, wenn gleich dunkel, vermittelst der Vernunft inne werden, und so, dieser gemäß, den Sand, das benachbarte Meer, die Winde, oder auch Tiere mit ihren Fußtritten, die er kennt, oder jede andere vernunftlose Ursache nicht als einen Grund der Möglichkeit einer solchen Gestalt beurteilen: weil ihm die Zufälligkeit, mit einem solchen Begriffe, der nur in der Vernunft möglich ist, zusammen zu treffen, so unendlich groß scheinen würde, daß es eben so gut wäre, als ob es dazu gar kein Naturgesetz gebe, daß folglich auch keine Ursache in der bloß mechanisch wirkenden Natur, sondern nur der Begriff von einem solchen Objekt, als Begriff, den nur Vernunft geben und mit demselben den Gegenstand vergleichen kann, auch die Kausalität zu einer solchen Wirkung enthalten, folglich diese durchaus als Zweck, aber nicht Naturzweck, d.i. als Produkt der Kunst, angesehen werden könne (vestigium hominis video).
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Kant spricht hier also von der Notwendigkeit einer Unterstellung einer übermechanischen Ursache, die die vorgefundene Form zustande gebracht haben muss. Anstatt davon auszugehen, dass die sich aus einer bloßen Zufälligkeit ergeben haben könnte, vom Winde erweht, von Ameisen in den Sand gekrabbelt, von Bärentatzen in den Grund gefochten (Marionettentheater), müssen wir unterstellen, dass jemand hier etwas bewusst gestaltet hat. Kant wettet also, dass die für den Wahrnehmenden sinnhaft aus ihrer Umgebung ausgenommene Figur tatsächlich auch eine sinnvolle Ausnahme darstellt..
Aber Unwahrscheinliches ist natürlich nicht ausgeschlossen. Die Figur könnte tatsächlich einem kuriosen "Zufall" entstammen. Oder aber auch die Unauffälligkeit der restlichen Sandoberfläche bewusst so hergerichtet sein, dass keine Auffälligkeit rundherum entstehen kann, sodass das fragliche 6-Eck als unlösbares Rätsel erscheinen muss, weil es das eben sollte.
Der Physiologus sagt vom Löwen, daß er drei Eigenarten habe. Seine erste Eigenart ist die: Wenn er im Gebirge geht und zu ihm der Geruch der Jäger kommt, die ihn verfolgen, verwischt er mit seinem Schwanz seine Spuren, damit sie seinen Spuren nicht folgen, sein Lager finden und ihn überwältigen können.
Der Troll (wieso der jetzt auf einmal?) benutzt die Spurenverwischung allerdings nichts mehr als Defensivstrategie. Er entspricht mehr dem Heiratsschwindler, dessen Ziel nicht mehr das Geld, sondern der gelungene Schwindel selbst ist, einem Schwindelartisten, (im besten Fall) hochseilsicher, frech und verschmitzt.
Er war allerdings kein Verführer, wie es so viele sind. Oft wollte er nur etwas ganz Willkürliches erreichen, z.B. einen Gruß, und um keinen Preis mehr! Mit Hilfe seiner großen Geistesgaben hat er ein Mädchen an sich zu ziehen gewußt, ohne daß er sie in strengerm Sinn besitzen wollte. Ich kann mir's denken, daß er ein Mädchen dahin bringen konnte, daß er dessen sicher war, sie werde ihm alles opfern, aber dann – brach er ab, ohne daß er sich ihr genähert hätte, ohne daß ein Wort der Liebe oder gar eine Erklärung, ein Versprechen über seine Lippen gekommen wäre. [...]
Die Individuen waren für ihn nur ein Inzitamento; er warf sie von sich ab, wie die Bäume im Herbst ihre Blätter – er verjüngte sich, das Laub verwelkte. Aber wie sieht es in seinem eignen Kopf aus? Wie er andre irregeführt hat, so denke ich, verirrt er sich schließlich selber.
Wer nun anfängt, mit Trollen zu rechnen, beginnt schon hinter einer naiven Nachfrage eine Inszenierung, hinter der Äußerung eines flachen Vorurteils lauter Naivitätsdarstellung zu vermuten, die ihn eigentlich zu einer unterkomplexen, vom anderen herbeiinszenierten Reaktion provozieren soll. Er könnte sich natürlich nun seinerseits naiv stellen, auf die Offerte des Trolls mit gespieltem Empörung ragieren, abwarten, ob er triumphiert und dann über den eigenen Triumph triumphieren, Troll zweiter Ordnung werden. Seine Welt wäre mit einem Mal sehr kompliziert. Er würde fast nirgends mehr naiv beobachten, überall "Bewusstheit der Konstruktion" (Gottfried Benn) wittern: Spuren suchen, Spuren finden, Spuren irgendwie auslegen, allem Gesagten und Geschriebenen seine Gemachtheit anhören, es auf Hohlräume abklopfen, sich selbst verwirren, perplex innehalten.
In der Tat kann Abbau einer Rigidität der Kommunikation nicht ohne Kosten gehabt werden. Wo das Mögliche wächst, wo Alternativen sehr zahlreich werden, wächst die Komplexität der Informationsverarbeitung mit. [...] Was das System dann limitiert, sind nicht mehr (verbietende noch gebietende) Normen, sondern kognitive Perplexitäten.
(Jean Clam, Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug)

Kommentare:

  1. Bei Interpenetration geht es um die strukturelle Etablierung wechselseitiger Irritabilität im gemeinsamen Medium Sinn, genauer darum, dass sich beide Systemtypen‚vorkonstituierte Eigenkomplexität‘ appräsentieren, die sie ausnutzen zum Aufbau je eigener Strukturalität und Prozessualität. Ein Beispiel dafür ist, dass die Körper eine Ökonomie der Verräumlichung anbieten, die die Vorbedingung der Möglichkeit von Gedächtnisbildung ist. (1)
    In diesem Zusammenhang wird gewöhnlich 'Interaktion' als Wahrnehmungsmuster ins Spiel gebracht, das als Zone sich laufend reinstallierender Mikrodiversität reaktualisieren wird, wodurch ein stark interpenetrativer Aspekt realisiert wird. Interpenetration hiesse soviel wie reziproke Ausstattung mit vorkonstituierter Eigenkomplexität durch die beteiligten Systeme, und 'reziprok' würde bedeuten, dass Passungsverhältnisse, Assimilationen, Akkommodationen die Strukturmöglichkeiten von Interaktion limitieren können. Besonders ist darum die Frage interesant, wie Gedächtnis und die Musterwiederkennung ablaufen kann, wenn keine Interaktion erfolgt, oder, noch schwieriger: wenn durch Internetkommunikation Interaktion zwischen Abwesend möglich werden sollte. Haben Formen der Stabilisierung von Gedächtnisstrukturen dann überhaupt noch eine Chance auf Reproduktion? Wäre das, was man in diesem Zusammehang als "Troll" bezeichnen möchten, dann nur ein soziales Demenzphänomen von Beobachtungsopertionen, die darauf nochn icht angepasst sind?

    (1) Siehe dazu: Krämer, S.: Friedrich Kittler − Kulturtechniken der Zeitachsenmanipulation. In: Lagaay, A./ Lauer, D. (Hrsg.): Medientheorien. Eine philosophische Einführung,. Frankfurt/NY 2004, S. 201-224, S.211.

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  2. Es wäre, wie demnächst irgendwann hier noch einmal ausgeführt werden soll, zu hoffen auf eine Kultur der nichtüberzeugten Verständigung. Gegen deren Möglichkeit lässt sich allerdings wahrnehmungsökonomisch argumentieren: die Kosten für die Universalisierung und Vermehrung von Unsicherheiten durch systematische Sabotage ("Trolling") der Unsicherheitsabsorption (die für gewöhnlich durch die Suggestion von Vertrauenswürdigkeit und Autorität als Erübrigung eigenständiger Begründung von Wissensansprüchen geleistet wird) wären enorm hoch.

    Aber unter welcher Bedingung denn? Und welche Kosten überhaupt?

    Sofern man sich auf die Unsicherheitsabsorptionen der Anderen verlassen können muss, beispielsweise auf das reibungsfreie Funktionieren großer und kleiner technischer Anwendungen, bzw. darauf, dass die durch sie verursachbaren, vom Verwender zunächst unerwarteten, dann aber doch eintretenden Schäden sich (durch "lose Kopplung") "in Grenzen halten". [In zwischenmenschlichen Nah-Beziehungen ist das ganz ähnlich.]

    Aber was hätten wir analog bei der Sabotage der Unsicherheitsabsorption für die (geisteswissenschaftliche) Textproduktion schon an "Kosten" zu befürchten? "Falsche" Interpretationen?

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  3. Kosten fallen immer an. Ich glaube, was du meinst, sind Risiken.‎ ‎Der Unterscheidung von Risiko und Gefahr liegt ein Attributionsvorgang zugrunde, welcher davon abhängt, von wem Schäden zugerechnet werden. Im Falle von Selbstzurechnung handelt es sich um Risiken, im Falle von Fremdzurechnung um Gefahren. Wenn eventuelle Schäden als Folge der eigenen Entscheidung gesehen und auf diese Entscheidung zugerechnet werden, handelt es sich um Risiken, gleichgültig, ob und mit welchen Vorstellungen von Rationalität Risiken gegen Chancen verrechnet worden sind. Man nimmt dann an, dass die Schäden nicht eintreten könnten, wenn eine andere Entscheidung getroffen worden wäre. Von Gefahren spricht man dagegen, wenn und soweit man die etwaigen Schäden auf Ursachen außerhalb der eigenen Kontrolle zurechnet.
    Siehe dazu auch: Luhmann, Niklas: Risiko und Gefahr, S. 148/149; In: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven. Opladen. S. 131-169.

    Insofern kann ich mir vorstellen, dürfte ein Risiko darin bestehen, von etwas überzeugt zu sein. Denn Überzeugungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Kontingenz verzichten. „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“ (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches I). Warum könnten Überzeugungen riskant sein? Nun, ich denke, dass hängt mit der prinzipiellen Erpressbarkeit und Korrumpierbarkeit eines hoch empfindlichen Körpers zusammen. Denn ganz leicht hat man eine Wahrheit eingesehen, aber nur sehr schwer einen Irrtum. Und ich stelle mir vor, man hätte es mit einem intelligenten Gegenüber zu tun, der ohne Körper operiert, also so etwas wie ein Turing-Maschine. Man könnte auch sagen: der Körper wird als Gefahr immer bedeutender, je weniger er für ein Interaktionsgeschehen als Zurechnungsinstanz für Risiken in Frage kommt.

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  4. "Kosten" als mögliche eigene Schäden, genau.

    Man könnte Überzeugungen dann modellieren als "normative" gegenüber "kognitiven Erwartungen" (Luhmann). Als Erwartungen also, die bei Enttäuschung (durch Widerspruch etwa) trotzdem aufrechterhalten werden, für die man zur Not auch zu protestieren oder sogar zu exkludieren bereit ist ("Du hast einfach keine Ahnung, mit dir rede ich nicht weiter."). Auf der Ebene ihrer Selbstdarstellung arbeitet die Wissenschaft in diesem Sinne ja bereits unüberzeugt (d.h. fallibilistisch und hypothetisch). Probleme treten dann allerdings auf, wo Falsifikationen nicht mehr eindeutig festgestellt werden können ("empirische Unterbestimmtheit"/"Theoriebeladenheit von Beobachtung"), insofern wird überhaupt nur der Irrtum in den Wissenschaften eingesehen. Noch schwierig wird das bei relativ empiriefernen Konstruktionen, bei denen nicht einmal mehr klar ist, wie ein Widerspruch (außer im trivialen Fall des Selbstwiderspruchs) überhaupt aussehen sollte.

    Ist Vertrauen als ein "Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität" dann eine "Überzeugung" im Sinne einer "normativen Erwartung"?

    "An einen Punkt gelangen, an dem die Unterscheidung von Wahrheit und Irrtum belanglos wird und Kommunikationen ihre Verbindlichkeiten im (und nur im) Spiel ihrer Assoziationen selbst erst entfalten.."

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  5. "Ist Vertrauen .. dann eine 'Überzeugung' im Sinne einer 'normativen Erwartung'?"

    Oder vielleicht eher so etwas wie "Glauben" im alten, verloren gegangen Sinne der Theologie? Glaube, Lieben, Leben, Laufenlassen? Also genau das Gegenteil ... Im neueren Sinne dann eine Indifferenz gegenüber einer jeden zivilisatorischen Disziplin, oder besser: einen solchen Glauben als zivilisatorische Disziplin, von welcher gleichwohl nichts zu erwarten wäre.

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  6. Zivilisation ist keine Disziplin, sondern intelligente Arbeit der Subjekte an sich selbst (Kultur der Selbstaneignung) - aus Freude und Lust am Leben jenseits der rein analen Phase. Wer das gar nicht oder nicht mehr sieht, ist kraft seiner blinden Flecken für viele Gesprächspartner eher uninteressant - so uninteressant, dass selbst das Zuschauen, wie ein Glas Bier langsam seine Kohlensäure verliert, interessanter schiene.

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  7. Ich widersetze mich deiner Erziehung durch Unterhaltung und battle dich auf deiner Benefizveranstaltung.

    "Und was hast du hier verloren?", fragt die Frau vom Fundbüro. Meine Antwort lautet: "Yo!"

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  8. Mal wieder die unsinnige Unterscheidung von Sinn und Unsin prozessiert :-)

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    1. Beobachters Beobachter24. September 2012 um 08:14

      Mal wieder die eigentliche Pointe übersehen :-)

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    2. Beobachters Beobachter zweiter Ordnung24. September 2012 um 11:44

      Mal wieder die unverständliche Unterscheidung von Verstehen und Unverstehen exemplifiziert :-)

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