Sonntag, 21. Oktober 2012

Ja, Ja, Ja - Eine Kritik der Negation

(Welcher Esel zieht zuerst?)
Da Ja-Sagen steht nicht immer in besonders hohem Kurs. Ja-Sager: Weiche, Windige, Feige, Konturlose, Angepasste. Wer doch einmal aus Versehen unbedarft und in guter Absicht das Wort "Affirmation" in den Mund nimmt, der merkt schnell, dass es heute einen unangenehm muffigen Beigeschmack hat, mit Noten von fahlem Mitläufertum und sich anbiederndem Dabeiseinwollen. Nein, so geht das auf keinen Fall. "Kritik" dagegen ist immer noch und ungebrochen chick. "Kritisch" darf jeder sein, Kritisieren ist prima: die Verhältnisse nicht so annehmen, wie sie sind, sondern -- naja -- zumindest eben schonmal "kritisieren"; und das heißt dann eben: nicht zustimmen.
Aber Kritik als solche ist kein sinnvolles Ziel -- es sei denn, man sei im Vorhinein sicher, daß jede Kritik berechtigt sei. Einem Kritiker, der die Möglichkeit unberechtigter Kritik nicht eingesteht, fehlt es an Selbstkritik. 
(Luhmann, Die Praxis der Theorie)  
Im Internet scheint das Verhältnis von Negation und Affirmation nicht ganz symmetrisch zu sein. Entsprechend haben einige Kritiker angemerkt, dass das "Liken" allenthalben um sich greife, während ihm auf der anderen Seite keine entsprechende "Ich mag das nicht"-Option gegenübersteht. Die Entscheidung, keine Dislike-Buttons einzuführen, habe entsprechend etwas mit der Negationsaversion einer konfliktscheuen Internet-Weichlichkeit zu tun, die mit der Devisibilisierung von Ablehnung allen Widerstand aufzuheben versuche, weil sie für kritische Auseinandersetzungen keine Kraft besitze ("Charakterschwäche"): Weiches Gleiten durch widerstandslose Affirmationsfelder, keine virtuellen Reibereien auf öffentlichen Streitplätzen. 
Aber welche Funktion sollte ein Dislike-Button überhaupt erfüllen? Angenommen, das öffentliche "Mir gefällt das" markiert im Idealfall eine Faszinationsempfehlung, eine Einladung zur Auseinandersetzung mit Interessantem, auf das andere Nutzer ohne Empfehlung möglicherweise nicht gestoßen wären; was sollte demgegenüber ein Dislike-Button symbolisieren? Eine Aversion-Empfehlung? "Könntet ihr das hier bitte auch hassen", "Ich habe dieses Langweilige/Schlechte/Uninteressante im Netz gefunden, wäre schön, wenn ihr das auch schlecht finden könntet.."
Es war die Zeit, als Kolumnen in Magazinen wie Tempo, die alles besser, cooler, lässiger machen wollten als die drögen etablierten Medien, noch "100 Zeilen Hass" heißen und ganz ernsthaft den deutschen Schlagerkönig Ralph Siegel demontieren konnten.
Aber "100 Zeilen Hass" -- das bedeutet aus heutiger Sicht eben auch, dass es offenbar noch eine Verbindung, eine geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur gab, die man dann effektvoll und für alle nachvollziehbar verwerfen konnte. [...] "100 Zeilen Hass" sind allein deshalb undenkbar geworden, weil die kulturelle Einigkeit, aus der dieser Hass erwachsen könnte, nicht mehr herrscht. Wenn einem auch das je Erfreuliche präsent sein kann, wieso sollte man sich dann mit dem Unerfreulichen aufhalten?
(Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma. Über den Hass auf den Hipster [Leseempfehlung]) 
Wenn das geteilte Mögen Assoziationen (im Sinne von "Verbindungen") der Faszination ermöglicht, müsste umgekehrt ein "Das hier gefällt mir nicht" Aversionsassoziationen erzeugen, Verbindungen, die sich in ihrer geteilten Abscheu kurzfristig vergemeinschaften, indem sie sich gegenseitig Einladungen zum Ärgern und Nörgeln zuschicken -- früher nannte man solche Aversionsassoziationen schlicht "Lästern" oder "Tratschen". Insofern ist die offizielle Erklärung, dass "eine destruktive Information" "keine viralen Effekte" (Quelle) erzeuge, wahrscheinlich nicht ganz zutreffend: kollektive Verärgerung hat immer eine gute Konjunktur; und das macht auch Sinn, sofern sich diese Verärgerung auf Dinge bezieht, die die eigene Lebenswirklichkeit unausweichlich mitbestimmen und zugleich auch anders besser möglich wären (d.h. optimierbar sind). Alle anderen Fälle, in denen willkürliche Aversionsoptionen aktiv gesucht werden, um sich dann gemeinsam über sie zu ärgern, scheinen eher Verhaufungen von Ressentiment darzustellen, die letztlich zu nichts anderem führen als zu sich selbst.
Aufklärung war immer schon Enttäuschung im positiven Sinn, und je mehr sie voranschreitet, desto näher rückt ein Augenblick, wo die Vernunft uns heißt, eine Bejahung zu versuchen. Eine Philosophie aus dem Geist des Ja umfaßt auch ein Ja zum Nein. Das ist kein zynischer Positivismus, keine "affirmativ" Gesinnung. Das Ja, das ich meine, ist nicht das Ja eines Besiegten. Wenn etwas vom Gehorsam in ihm steckt, dann von dem einzigen, der aufgeklärten Menschen zuzumuten ist, dem Gehorsam gegen eigene Erfahrung.
(Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft)
[Re-Entry vom 20.03.12]

Kommentare:

  1. Das Ja des Ja des "I Like" ist nicht der affirmative Gegenpol des Ressentiments. Die Große Affirmation ist die Affirmation der Negativität selbst. Nicht als Kritik (denn das wäre die Negation), sondern als Blick, der das Schwierige, Schlechte, Traurige, Schmerzhafte nicht vergisst, sondern ihm standhalten kann, um es als jeweilig neue Möglichkeit zu bejahen. "I Like" und "I Dislike" sind beides Modi des Ressentiments, da dieses sich an der Negation des Begegnenden nährt, jenes aber Negativität überhaupt durch eigene, immer wieder zu bejahende Meinung (des sich selbst kollektivierenden, leeren Subjekts) zu vergessen sucht. Im einen Fall verschwindet der Abstand durch Hass, der keine affirmative Nähe im Fernen zulassen kann, im anderen aber durch Nähe, die keine Nähe mehr sein kann, weil sie reiner, sich selbst wiederholender Positivismus ist.

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  2. Sätze, die klingen, ohne Sinn zu machen, kennt auch die Philosophie - aber eher von außen, weniger innerhalb ihrer ureigensten Partituren. Sie horcht freundlich extern, ob "noise from order" möglich ist, wenn z.B. jemand Lärm um einen Blick macht,"der das Schwierige, Schlechte, Traurige, Schmerzhafte nicht vergisst, sondern ihm standhalten kann, um es als jeweilig neue Möglichkeit zu bejahen". Sie hält ihr Ohr auch dann entspannt, wenn ein Gebirgsbach in der Ebene polterndes Treibholz des "sich selbst kollektivierenden, leeren Subjekts" ans sanftgrasige Ufer anschlagen lässt. Das ist grundgut, denn die Philosophie ist ruhig. Ihre Leidenschaft ist still, sie liegt in ihren Nüstern. Sie verantwortet keine Sätze wie den vom "Abstand durch Hass, der keine affirmative Nähe im Fernen zulassen kann" oder den von der "Nähe, die keine Nähe mehr sein kann, weil sie reiner, sich selbst wiederholender Positivismus ist". Philosophie ist geradezu polemisch leise. Deshalb hört man ihr zu.

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  3. Krass, was die Philosophie so alles ist. Gibt es eine Aufnahmeprüfung für das weite, polemisch leise Land der Denkeuthanasiekobolde? Oder muss ich einfach nur einschlafen?

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  4. "Wir sind jetzt auf der dritten Ebene"21. März 2012 um 00:11

    "Fortdauernde Behauptung einer Möglichkeit wird zum Glauben und der Glaube aktiviert die Kräfte zur Verwirklichung ... Heute Nacht werden wir uns neu erfinden, Chérie ... Biege deinen Blick nach innen, du bist Geheimnis und Lösung gleichzeitig. Komm mit mir auf die Ja-Straße!""Die Worte, die du da redest, will nicht mal der Wind" "Drehe deine Leber zur Sonne ... Komm, wir gehn in die Nieren und feiern dort ein Fest ... Du sollst nicht überdenken, du sollst überdehnen ... Wir müssen wieder lernen, uns selbst zu genießen. Lege einfach deine Wünsche in deiner Leber ab und verbinde deine Milz mit deinem Gewissen. Überreize diese Übung 40 Mal und denke dabei Osmose."

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  5. Quot erhard demonstrandum.

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  6. NEIN ein Gallenstein!

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  7. Hinter "NEIN" fehlt ein Komma.

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  8. Stimme der Vermummft21. März 2012 um 13:01

    Dass eine einfache Empfehlung "Negativität überhaupt [...] zu vergessen" versuchen soll, ist vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten.

    (Das wär ja, als würde das Abschließen der Haustür eine Negation des Hauses bedeuten. Aber der Abschluss öffnet ja eigentlich erst das Haus! Öffnung durch Schließung!)

    "Hör mal dieses schöne Lied an!"

    "Nein, mach ich nicht, du willst damit ja nur die Negativität überhaupt vergessen!"

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    1. Stimme der Vermummft21. März 2012 um 15:55

      "Dass eine einfach Like-Empfehlung dazu beitragen soll "Negativität überhaupt [...] zu vergessen", ist vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten."

      Das war, was die Stimme der Vermummft mir zumummfte (Stimme der Vermummft auf Autokorrektour).

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  9. Wer empfiehlt denn schlicht, "Negativität überhaupt [...] zu vergessen"? Ditsche? Nitsche? Frau Sybille (www.spiegel.online.de oder soja)? Hey, wo issn hier der Point?
    Vielleicht an der Kante zur Variante: Macht mal coole Mucke online zum Thema "Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!" Wär mal was, von dem die Nee-Groupies echt dicke Pickel und feuchte Nasen kriegen. Ausdruck ist hier das Stichwort; dett perlt, wa?

    So, mal aus der Hauptstadt schnieke Grüße usw.,

    Otto von Bismarcks

    Reichskanzler a.D.

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  10. Tatsächlich ist der Gegenpol zu Like, ein "das gefällt mir nicht", recht uninteressant. Eine Gruppe meiner Studenten entwarf stattdessen ein Browser-Addon, dass einen "So What"-Button dort anzeigte wo sonst das Like stand. (Danke Google's Verkrüppelung des AddOn-Systems im Chrome-Browser funktioniert das allerdings nichts mehr, Reste sind zum Beispiel das da: So What Button ) Dieses "ist mir egal" birgt scheinbar ein ungleich größeres Kommunikations-Potential, schon allein die Button-Grafik verbreitete sich durchs halbe Meme-Web.

    Das Langweilige und Schlechte wird zudem längst für seine eigenen Qualitäten geschätzt. Man denke nur an die Community notinteresting wo es darum geht, jede Überraschung zu vermeiden und stoische Miene zu zeigen. Kein Wunder, nichts kann die sogenannte "Internet Community" mehr verbinden, als das die Erkenntnis, dass alle Teilnehmer irgendwie gleich sind, keiner bessere Ideen hat als der andere, und persönliche Identität nicht mehr viel wert ist. -- Das geht gut zusammen mit Trolling und speziell dessen Aspekte des Täsuchens als eine Standardform der Kommunikation online.

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    1. Ein interessanter Punkt! Ich würde mich fragen, worin genau das Interesse am So What Button dann jeweils besteht. Zum einen hat er ja offenbar eine parodistische Qualität, die man auch als Kritik am Like-Button aufassen könnte (wenn man das auch nicht muss). Schade, dass das AddOn nicht mehr funktioniert, mich hätte interessiert, welche Art von Information auf diese Weise Verbreitung gefunden hätte.

      Das notinteresting-Beispiel zeigt vielleicht, welche Freude das Triviale durch Beobachter zweiter Ordnung doch hervorrufen kann. Man könnte spekulieren, ob der Genuss der Langweiligkeit der Anderen jenseits seines befreienden Wir-haben-ja-alle-nichts-zu-sagen-Effekts auch noch die umgekehrte Wirkung haben kann: In der Beobachtung der Langweiligkeit der Anderen gewinne ich zumindest den Eindruck, ganz so langweilig doch nicht zu sein.

      Dazu fällt mir ein YouTube-Künstler ein, den ich hier mal gepostet hatte. Der versuchte mit sehr sehr einfachen Mitteln, den langweiligen Alltag erfundener Figuren für eine virtuelle Gemeinschaft beobachtbar zu machen: Interpassivität Total: Geteilte Teilnahme am imaginierten Nichts der Anderen

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  11. Er gibt einen Unterschied zwischen berechtigter Kritik an sozialen Missständen und persönlicher Geringschätzung. In der Praxis wird leider häufig letzteres als legitimes Mittel für ersteres betrachtet. Facebook ist kein Forum für politische Auseinandersetzungen. Die Mobbingfälle über Facebook zeigen auch, dass persönliche Geringschätzung zum Selbstzweck werden kann. Ein Dislike-Button würde so eine Praxis noch bestätigen und akzeptabel machen. Aber das ist eben nicht akzeptabel. Welchen Zweck hat es Frust zu schieben – egal ob auf jemanden oder etwas und egal ob allein oder gemeinsam?

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  12. Was für eine Moderne!

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