Freitag, 28. September 2012

Inkarnationen - Ansätze zur Reschamanisierung der Theorie

Wenn du dich selbst repräsentierst,
wofür brauchst du dann noch dein Ich?
Retrogott
"Das Ballett-Problem"
(Foto: J.K. Edwards; CC BY-NC-SA 2.0)
Wer Theorie und Leben unverwechselbar voneinander trennt, gerät mit seiner Theorie selten in Verlegenheit. Verlegenheit ist eine Existenzkategorie, verlangt nach Verkörperung und Adressierbarkeit des Anderen als Körper ("Für den Unsinn, den er da gerade erzählt, würde ich ihn am liebsten schütteln."). Der Theoretiker dagegen spricht häufig als dekarnierte, fleischlose Stimme, als "nichtidentifizierter Autor" (Sloterdijk über den Autor von "Du musst dein Leben ändern") aus seiner Theorie. Er setzt, schon mit dem ersten Satz, sein Autor-Interface auf, aus dem, mit dem, durch das seine Schriftstimme blechern und unverwundbar heraustönen kann. Vielen scheint dabei die Tilgung alles allzu "Persönlichen", gelebter Geste und verkörperter Gedanken Gebot. Diesen Hang, entkörperte Vokabeln statt resonierende Worte aufzuschreiben, bezeichnet man dann als "Objektivität":
Von Wahrheit spricht man nur, wenn die Selektion der Information keinem der Beteiligten zugerechnet wird.
(Luhmann, Gesellschaft der Gesellschaft)
Der entkörperte Sprecher deadressiert sich in seinen Text: auctor absconditus. Er schreibt seine Worte, als wolle er mit ihnen -- wenns drauf ankommt -- am liebsten nicht bezahlen müssen. Dekarnierte Theorie ist daher Theorie, die (außer sich selbst) keinen Unterschied macht. Ihr entgegen steht die inkarnierte Denkgeste, eingefleischte Theorie, deren Sätze selbst "Fleisch und Blut" des Sprechers sind oder zumindest auf dem Weg, ihm "in Fleisch und Blut" überzugehen
Was bin ich? Was bin ich schon? Ich bin Fleisch und ich bin Atem und leitende Vernunft. Als Fleisch, was bin ich da? Ich bin Schlamm, ich bin Blut, Knochen, Nerven, Venen und Arterien. Als Lufthauch speie ich ständig einen Teil davon aus, um anderen einzuatmen.
(Marc Aurel, zitiert nach Foucault)
"Versteinerter Theorie-Schamane"
Zwischen inkarniertem Wort und inkarnierendem Schreiber_In besteht deshalb kein Verhältnis der Übereinstimmung, der Text repräsentiert nicht, was der Schreibende denkt, er ist selbst eine seiner Extremitäten. Geschichtlich setzt die Entkörperung der Theorie spätestens mit der Bevorzugung der Position gegenüber der bewegten Denkgeste ein. Denkbewegung und -geste sind allerdings verkörperungsfreundlicher als Statut und Position. Position muss immer gehalten werden, "statuiert" [Das Ballett-Problem der Theorie], und ist insofern auch als Spannung noch konzentrierte Bewegung. Der dekarnierte Theoretiker versucht aber, lebende Statue zu spielen, Denkmal zu sein, "ohne Körper" zu haben [wie schlechter Rotwein]. Das Problem besteht nun darin, dass er als lebende Statue Herkunft und Abkunft verschleiern muss, um die statuarische Illusion für die anderen weiter aufrecht zu erhalten. Dagegen die alten Schamanen:
Ganz wie der Teufel im Glauben der europäischen Völker, sind auch die Schamanen nicht nur "Meister des Feuers"; sie können sich auch den Geist des Feuers einkörpern und während ihrer Sitzung durch Mund, Nase und den ganzen Körper Flammen aussenden. 
(Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik)

Kommentare:

  1. "Das Problem besteht nun darin, dass er als lebende Statue Herkunft und Abkunft verschleiern muss..."

    Ob man darin einen leisen Hinweis sehen könnte darauf, wie die (strategische) "Invisibilisierung des Paradoxen" alternativ zu semantisieren wäre?

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  2. "Während doch bei allen produktiven Menschen der Instinkt gerade die schöpferisch-affirmative Kraft ist, und das Bewußtsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates der Instinkt zum Kritiker, das Bewußtsein zum Schöpfer."

    (Nietzsche: Die Geburt der Tragödie)

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