Freitag, 12. Oktober 2012

Dialekte der Aufklärung - Geschmäcker der Vernunft


Nicht jede Theorie wird in der gleichen Tonlage geliefert. Und nicht jeder Textaufgang vollzieht dieselbe Geste. Verschriftlicht Denken bedeutet daher immer auch: Mit Worten Dinge bedeuten, nicht nur: Propositionen ausdrücken und Sachverhalte vor-stellig machen. Wer mit Worten bedeutet, zeigt zum Beispiel von hier nach dort, will Aufmerksamkeiten lenken, oder weist auf einen bestimmten Punkt, vehement oder sensibilisierend, will das Vorhergehende im Ganzen verwerfen, oder auch lieber woandersmit neu beginnen und das Alte dabei vergessen, oder er will lieber so verwirren, dass die Verwirrung gegenüber der vermeintlichen Klarheit der Sachlagen den eigentlichen Fortschritt im Denken bezeichnen könnte. Versuch einer Typologie.
 
Fundamentales Denken

Baustellen der Metaphysik (CC BY 3.0)
Fundamentales Denken greift von unten ein und an. Bevor es das aber tut, sendet es Gutachter aus, die die Tragfähigkeit der bisherigen Fundametierungsversuche kritisch überprüfen und dann - sofern das eben ihre Aufgabe ist - kritisch in Zweifel ziehen. In früheren Zeiten mündete dieser Vorgang in die Aushändigung eines gewaltigen Kostenvoranschlags an eine verdutzte Philosophie: Nicht weniger als die Kompletterneuerung der Gesamtfundamente würde nötig sein, um hier noch einmal irgendwann Land zu sehen. Das fundamentale Denken sieht dann seine Aufgabe darin,
den Boden zu jenen majestätischen sittlichen Gebäuden eben und baufest zu machen, in welchem sich allerlei Maulwurfsgänge einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht, auf Schätze grabenden Vernunft vorfinden, und die jenes Bauwerk unsicher machen.
(Kant)
Die Philosophie selbst hat also keine Wahl mehr: Die Bagger stehen schon auf der Baustelle der Metaphysik, es besteht akute Einsturzgefahr, Betreten des Geländes auf eigenes Risiko. Zumindest solange, bis der theoretische Beton ausgehärtet und die Fundamente wieder sicher sind.  

Hypodynamisches Denken

Hypodynamisches Denken dagegen ist ein Denken, das die Fundamente sanft zu unterspülen versucht. "Wir haben die Anmaßung alles Unbedingten hinter uns gelassen." (Heidegger). Entgründungs- oder Untergrabungsgesten bestimmen seinen Gang und seine Gesten, geben ihm seine "kritische" und in diesem Sinn auch parasitäre Note, sofern es in seiner Kritik weiter am Fundierungsfuror der Anderen teilhat. Vokabeln der Vorsicht verleihen den Texten hier gelegentlich einen hauchigen und diffusen Geschmack: leise Töne, Schreiben und Lesen "zwischen den Zeilen", der Eindruck einer unsicheren bis kaum mehr zu vernehmenden Autorenstimme machen dem positionssuchenden Leser den Ein- und Ausgang in die Sätzgefüge mitunter schwer, die Ausstellung "aporetischer Cluster" (Rescher) verärgert diejenigen, die statt Sackgassen lieber sichere Durchgänge gesucht und gefunden hätten.
Statt den Ort zu bestimmen, von dem aus er spricht, vermeidet mein Diskurs den Boden, auf den er sich stützen könnte.
(Michel Foucault)
Tatsächlich hat man hier nach der Lektüre wenig in der Hand: wenig Abschließendes, Konkretes, Feststellbares, weshalb das hypodynamische Denken, wo es positiv wird, oft in ein Denken der Wolken und Umwege hinübergleitet. 

Eichhörnchen der Theorie

Theorieeichhörnchen dagegen suchen zwar ebenfalls schon lange nicht mehr nach der einen großen Nuss, eine Fundierung des Großen und Ganzen erscheint ihnen als alte Anhänglichkeit an den zentralistischen Elan überkommener metaphysischer Versuche der Königsnachahmung. Aber auch an der Unterspülung der Fundamente haben sie wenig Interesse: sie wollen in der Tat weiterhin etwas fest-stellen und dadurch "einen sicheren Bau" (Carnap) errichten. Dabei bleiben sie aber meist sehr bescheiden: "Kleine Brötchen backen", keine "großen Würfe", kein weiterer Versuch eines synthetischen Großsystems. Stattdessen vertrauen sie auf den natürlichen Fortschritt der Wissenschaft, die kollektive Intelligenz der Forschergemeinschaft; und übernehmen dabei gerne die "Aufgabe einer Teilfunktion" (Benn): "jeder arbeitet an seiner bestimmten Stelle innerhalb der einen Gesamtwissenschaft" (Carnap). Und wenn nur jeder an seiner kleinen Theoriestelle sauber weiterforscht, wird sich auf lange Sicht - wie von unsichtbarer Hand herbeigeführt - schon ein Fortschritt des Ganzen ergeben: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen der Theorie. Wobei aus ihrer Metaphernwahl gelegentlich auch ein gewisser Ärger, oder zumindest eine deutliche Reserve gegenüber dem Eindruck einer allzu großen Leichtfüß- und -fertigkeit eines zur Wolkigkeit neigenden Denkens herauszutönen scheint. 

Wolken und Umwege

Ein Denken der Wolken und Umwege ist vor allem elusiv, umweghaft und bisweilen sogar bewusst ablenkend. Das ärgert oft seine Kritiker, die gerne etwas Konkretes zu greifen hätten, lässt sie gefährliches "Geschweife und Geschwefel" (Frank) vermuten, erweckt gelegentlich auch den Eindruck sinnloser Spielerei. Aber ein elusives Denken muss kein Selbstzweck sein, wenn sein Ziel etwa darin besteht, einen, der genau und klar und deutlich auf ein Ziel zugehen will, von seiner Mission ab und auf Holz- und Waldwege umzulenken, von denen aus dann auch andere Perspektiven möglich werden.
Die Wolke stellt nicht dar, sondern verdeckt, bestenfalls entstellt sie und desavouriert in jedem Fall die Aufgabe der beispielhaften, unterweisenden Erzählung, die Moral, der sie dient, unverzüglich und ungetrübt zur Kenntnis zu bringen. Sie ist das, was statt zwischen der besonderen Figur und der allgemeinen Bedeutung zu vermitteln, die Aufmerksamkeit parasitisch auf sich selber zieht, die Ankunft der Lehre in der Darstellung verzögert oder hintertreibt und in seinem undeutlichen, etwas milchigen Zwischenbereich sogar die Demarkationslinie zwischen Literatur und Leben zerlaufen läßt.
(Werner Hamacher)
Wolkiges Denken kann dann zweierlei bedeuten: Einen "eigentümlichen Typ von Literatur, bei der die Wahrheit über alle wesentlichen Dinge ausschließlich zwischen den Zeilen angedeutet wird" (Leo Strauss), oder ein schleierndes Schreiben, das sich auch noch gegen eine solche esoterisch wiedervereindeutigende Vereinnahmung verwahrt. Denn: Wer will sich schon darauf festlegen, dass am Ende aller Aufklärung die Sachverhalte klar und deutlich vor uns erscheinen könnten? Und könnten nicht auch aktive Selbstverunsicherungen und Versuche einer Orientierung im Unscharfen bisweilen die aufrichtigeren Gesten sein, sofern sie Vereindeutigungen da zu vermeiden versuchen, wo ein zu hastiges Auge lieber eindeutig unterschieden hätte?

Kommentare:

  1. Was könnte in dieser brillanten Typologie noch fehlen? Vielleicht nichts als ein Nachwort zur Aufklärung der "Dialekte" (auch solcher der Aufklärung).

    "Dialekt" heißt, gemeinhin, der urwüchsige Zungenschlag im Sprechen. "Dialekte" färben Rede mit und aus der Gegend, der man ursprünglich "ent-spricht", "ent-sprach" oder "ent-kam". Insofern sind sie, für genau Hörende, vereindeutigend par excellence (außer in Parodien: ein Bayer mimt den Sachsen, etwa auf dem Oktoberfest).

    Im Kern gilt aber: Nackter als im Dialekt kann man, selbst in Lederhosen, kaum reden. So schaut's aus. -

    Dialekte, echte, also sind Verräter! Redliche indes. Sie zeigen nichts allzu Intimes, veruntreuen keine Geheimnisse, sondern bringen schlicht Herkünfte, Entstammungslandschaften ans Licht. Aufklärung nur auf "Hochdeutsch" wäre demnach wohl zu generisch und totalitär zugleich...

    Darum, und vielleicht nur deshalb, haben Dialekte auch mit "Aufklärung" zu tun. Und die Parodie gleichfalls: weil diese augenzwinkernd daran erinnert, wieviel gefaked gesagt sein kann.

    Eine andere Sache ist womöglich, wie man bei der "Orientierung im Unscharfen" aufrichtig wird und bleibt. Anders nicht deshalb, weil dieses Sujet mit "Dialekten der Aufklärung" nichts verbände, nichts zu tun hätte. Auch nicht, weil "Selbstverunsicherungen" hier funktional unnötig oder gar fehl am Platze wären. Im Gegenteil!

    Nur: Selbst noch der Dialekt, in dem man "schleiernd" oder "wolkig" schreiben könnte, klärt offenbar nolens volens immer auch auf (siehe oben). Oft sogar kristallklar. Hier oszilliert also ein Paradox. Indes: Für wen, und wohinein?

    Vielleicht lässt sich vor dem Hintergrund dieser Frage sehen, inwiefern "Dialekte der Aufklärung" und "Geschmäcker der Vernunft" aufeinander verweisen können: Oszilliert ein Paradox (indes: für wen, wohinein?), kommt Vernunft auf Geschmäcker - wovon der Begriff 'sapientia' semantisch seit jeher ausgeht.

    "Alteuropa" (Niklas Luhmann, Oerlinghausen) hat es nie gegeben. Jedenfalls nie morgens, mit Blick auf's Meer.

    AntwortenLöschen
  2. "Der freischwebende Akrobat ist strengeren Regeln unterworfen als der fest auf dem Boden stehende Maurer. Der Maurer produziert, aber nur bis zum Grenzwert des Unmöglichen: der Akrobat lässt sofort los, was er ergriffen hat. Er hält inne." (Bataille)

    AntwortenLöschen
  3. Vielleicht kannte Bataille das berühmte Maurer-Bild "Lunch on top of a skyscraper" nicht ...

    AntwortenLöschen