Samstag, 10. Januar 2015

Evidenzszenarien und Basisevidenz: Unterschätze Bausteine von Theorie

Geisteswissenschaftliche Theorien entstehen nie aus dem Nichts, sie werden von Menschen erdacht und erschrieben. Und das geht mit dem nicht immer erfreulichen Umstand einher, dass Theorien nicht nur argumentativ rechtfertigen und appellieren, sondern sich auch auf vorausgesetzte, vorauszusetzende Evidenzen stützen. Diese vorausgesetzten Evidenzen werden, wenn man sich theoretisch mit ihnen befasst, heute häufig in Analogie zu Überzeugungen modelliert. Diese vorausgesetzten Überzeugungen nennt man dann „Intuitionen“. Intuitionen werden dabei als in propositionale Form überführbare Thesen oder Hypothesen vorgestellt, von denen man nun einmal ausgeht, für die jedenfalls an der jeweiligen Stelle keine eigenständigen Argumente angeführt werden. Solche überzeugungsförmigen Intuitionen werden also in jeder philosophischen Erörterung immer vorausgesetzt (man kann ja schließlich nie alles auf einmal bedenken!). Die Vorstellung, dass diese Intuitionen ihrerseits die Form von Thesen haben (oder aber zumindest thetisierbar sind) ist dabei wichtig, weil in der an der Logik orientierten Philosophie der Gegenwart Thetisierbarkeit die Zugangsbedingung von überhaupt irgendetwas zum philosophischen Diskurs ist. Philosophie ist wesentlich argumentierend, und argumentieren kann man eben nur für oder gegen Behauptungen. Die Philosophie bewegt sich im "Raum der Gründe" - und was nicht thesenförmig gemacht werden kann, kommt eben nicht in die große Thesenverwurstungsmaschine Philosophie.

Allerdings ist es meistens so, dass die vorausgesetzten Evidenzen, die uns Theorien (oder: bestimmte Arten von Theorien) annehmen oder ablehnen lassen, sich gerade nicht (oder vielleicht sogar: wesentlich nicht) in dieser Weise besonders gut explizieren lassen. Vielmehr sind in alle Theorien nicht direkt thetisierbare Basisevidenzen eingelagert: „formale Mythologien“, Evidenzszenarien und Hintergrundmetaphoriken, die dem Gesagten oder Geschriebenen für seine Anhänger erst seinen spezifischen evidenziellen Reiz geben.

„Weltstimmungsgehalte“ (Luhmann) könnte man vielleicht abstrakt sagen, aber das lässt sich noch genauer beschreiben: Eine Theorie kann man sich jenseits der von ihr konkret vertretenen Überzeugungen vorstellen wie eine Art Angriffs- oder Verteidigungs-Zauber, mit dessen Hilfe ihr Anwender sich in einer bestimmten problematischen Situation zu behaupten versucht. Also eine Art Mittel, zu dem man greift, um in einer spezifischen Situation Raum zu gewinnen oder Raum zu verteidigen. Um nun herauszufinden, in welchem Evidenzszenario sich eine bestimmte Theorie bewegt, muss man sich also (auf formalste Aspekte reduziert) die Situation vorstellen, in der die primären Präferenzwerte der Theorie die größten Effekte erzielen würden, die Situation also, auf die der jeweils gewählte Zauber reagiert. Diese Situation nun ist das Evidenzszenario der Theorie, die Situation, in der sich die Theoretikerin zu befinden glaubt und in der ihr die gewählte Art von Theorie/Zauber besonders notwendig erscheint.

Um solche Evidenzszenarien zu beschreiben bieten sich zunächst einfache Oppositionspaare wie die folgenden an (wobei eine Theorie meistens je einen der beiden Werte bevorzugt):

Statisch // Beweglich, Eindeutig // Vieldeutig, Hart // Weich, Fest // Flüssig, Langsam // Schnell, Geschlossen // Offen, Diskontinuierlich // Kontinuierlich, ...

Solche Unterscheidungen siedeln sich auf einer Ebene des Intuitiven an, die relativ eng an den jeweiligen charakterlichen Präferenzen entlangführt, indem sie verschiedenste lebensweltliche Beobachtungs- und Empfindungsbereiche miteinander verknüpft. Jeder Einzelne (ob Theoretikerin oder nicht) besitzt so etwas wie einen Raum der primordialen, pränominalen Evidenzen, in dem sich beispielsweise eine Präferenz für „flüssige“ und „vieldeutige“ Haltungen und Bewegungen entwickelt hat [eine Präferenz für Lächeln zum Beispiel]. Jemand hat etwa das Gefühl, dass das Terrain, in dem er sich aufhält, vor allem durch Erstarrungen und Verknöcherungen strukturiert wird, gegen die es vorzugehen gilt, um sich Luft zu schaffen. Von außen rückt also die Erstarrung heran, die einem den Raum zu nehmen droht, die Welt droht langsam von außen nach innen zu verknöchern. Möglicherweise ist ein solcher Eindruck durch die Erfahrung des unüberbrückbaren und deprimierenden Widerstands motiviert, den man oft gegenüber dogmatischen Verhärtungen verspürt – er muss das aber nicht sein. Die Verhärtungen zu lösen versuchen wird dann die Aufgabe auch der Theorie. Der Verteidigungszauber, den sie einzusetzen versucht, ist also ein Anti-Verknöcherungszauber, der scheinbare Stabilitäten aufweicht und destabilisiert: Anti-Dogmatismus, post-ontologische Intuitionen, anti-identitäres Denken, das Aufweisen von impliziten Voraussetzungen undsoweiter kommen hierzu in Frage. Alles eben, was der Verflüssigung der rundherum verhärteten Positionen dienlich ist. Der allgemeinen Dominanz des Dogmatismus etwas entgegensetzen - Verflüssigung der Welt.

Eine Präferenz für „harte“ und „eindeutige“ Haltungen mag ihrerseits in der Verallgemeinerung von Erfahrung begründet sein, in denen durch Vielstimmigkeiten [das uferlose Durcheinanderreden am Familientisch zum Beispiel], auch: die wiederholte Konfrontation mit unnachgiebiger, unüberzeugbarer Dummheit oder Desorientierung ein Bedürfnis nach der Durchsetzung stabilisierbarer Positionen entstanden ist. Den Streit endlich entscheiden können wollen. In die Lage geraten, den Anderen zur Einsicht zu zwingen. ["Sag endlich, dass du Unrecht hast!" (Es scheint so, dass das vehemente Eintreten für die Zugänglichkeit der Anderen durch Argumente häufig hierauf hinausläuft: Auf den Wunsch, dass der Andere sich von den eigenen Argumenten zur Einsicht zwingen lassen solle, sofern man ja von sich selbst immer schon annimmt, Argumenten zugänglich zu sein.)] Positionen befestigen, Glaube an die Eindeutigkeit dessen, was ein Wort bezeichnet, Definitionen, stützende Argumentationskonstruktionen, Fundierungen, undsoweiter kommen wiederum hierzu in Frage. Dem haltlosen Geschwätz und Gerede ein Ende bereiten, das wird dann hier zur Aufgabe der Theorie. Der allgemeinen Dominanz des uferlosen Geredes Einhalt gebieten - Vereindeutigung der Welt.

"Flüssige Steine im Geviert"

(So oder ähnlich könnte der Versuch einer ersten Annäherung an zwei sehr grobe Evidenzszenarien aussehen.) 

Theorien verlassen sich auf solche basalen Evidenzen, aber sie bedenken sie nicht ernsthaft genug, weil sie stattdessen allzu häufig lieber die Mechanik ihrer Argumentationen bewundern. Und es scheint keine kleine Aufgabe, die Frage zu beantworten, ob und wie sich an diesen basalen Evidenzszenarien etwas ändern lässt, und wenn ja: wie, im Sinne von was, man das überhaupt tun sollte. 

Kommentare:

  1. Der Text steht und fällt mit der Bedeutung des vorgestellten Begriffs „Evidenzszenario“. Leider habe anhand des Textes nicht nachvollziehen könne, was unter „Evidenzszenario“ zu verstehen ist. Eine Theorie formuliert üblicherweise bestimmte Erwartungen, die entweder auf der Grundlage bestimmter Beobachtungen oder auf der Grundlage bestimmter relativ gut bestätigter Erwartungen formuliert werden können. Ist eines der beiden mit „Evidenzszenario“ gemeint?

    Beim Lesen hatte ich den Eindruck, der Text kreist eigentlich um den Unterschied zwischen Theorie und Ideologie bzw. Erwartungen (enttäuschungsoffen) und Normen (enttäuschungsresistent). Darüber hinaus wäre es hilfreich gewesen den Geltungsbereich genauer anzugeben. Da die Stoßrichtung des Textes eher in Richtung Ideologiekritik zu gehen scheint, müsste genauer angegeben werden, ob sich der Text auf Wissenschaft, Politik oder Religion – oder alles zusammen? – bezieht.

    Im Übrigen sehe ich nicht, welchen philosophischen Gewinn es hat Theorien als Angriffs- oder Verteidigungszauber zu beschreiben (diskreditieren?). Immerhin wird mit dem Text ja auch eine Theorie formuliert, nämlich eine Theorie über Theorien, für die ja dann dasselbe gelten müsste. Da stellt sich natürlich die Frage, welches Evidenzszenario der hier präsentierten Theorie zugrunde liegt und was damit angegriffen oder verteidigt werden soll? Ansonsten gerät auch der Text selbst unter den Verdacht, dass es nur um das Bewundern der eigenen Argumentation geht.

    Aus dieser Gefahr ließe sich dann zumindest schon mal eine Teilantwort auf die Abschlussfrage geben. Die eigenen Evidenzszenarien müsste unter Umständen im eigenen Interesse geändert werden, um sich nicht in performative Widersprüche zu verstricken, die die Anschlusswahrscheinlichkeit massiv reduzieren können. Insofern wäre das beste Beispiel, um den Begriff Evidenzszenario stärker zu plausibilisieren, die präsentierte Theorie über Theorien selbst.

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    1. Oh, dazu gibt es vieles anzumerken. Zunächst einmal: tatsächlich argumentiert der Text gar nicht für die Existenz von Evidenzszenarien. Er behauptet einfach, dass es sowas, also, diese 'Evidenzszenarien' wirklich gibt, und legt es dem einzelnen Leser anheim zu entscheiden, ob er diese Szenarien in Theorien wirklich zu entdecken vermag.

      Dann: in der Tat befindet sich der Begriff noch in der Beta-Phase. Wenn also dem wohlwollenden Leser bei der Lektüre noch nicht seinerseits evident wird, dass es Evidenzszenarien wirklich gibt, muss der Autor sich das selbst (oder dem Text) zunächst als Problem zurechnen (und erst im 2. Schritt überlegen, ob der Mangel an sich einstellender Evidenz auch mit einem Mangel an Wohlwollen des Lesers zusammenhängen könnte).

      Was die erste Rückfrage angeht. Ja, es handelt sich bei dem hier als Evidenzszenario bezeichneten Phänomen in der Tat um so etwas wie standardisierte Erwartungen auf Seiten desder Theorieformuliererin, um die Imagination einer verallgemeinerten Situation, eines Erwartungskontextes, in dem sich die Theorie als Strategie verortet (damit ist auch die Diskreditierungs-Rückfrage beantwortet: Es geht bei der Beschreibung von Theorien als Angriffs- oder Verteidigungszauber nicht um die Diskreditierung von Theorien, sondern um den Versuch von deren tieferer Durchdringung. Die Behauptung, dass es so etwas wie Evidenzszenarien gibt, bezieht sich dann selbstredend auch auf die Formulierung dieser Behauptung selbst: Welches Evidenzszenario könnte es sein, das seinerseits die Beschreibung verschiedener Typen von Evidenzszenarien motiviert? Etwa die Vorstellung, dass alle epistemologische Unruhe auf Missverständissen beruht, die man durch Überblicksdarstellungen auflösen könnte, damit endlich Ruhe einkehre, weil alle eigentlich dasselbe meinen..).

      Tatsächlich ist hier die Unterscheidung von kognitiven und normativen Erwartungen hilfreich. Das Evidenzszenario fixiert spezifische, sehr allgemeine Erwartungen häufig enttäuschungsresistent. Derdie Theoretikerin geht beispielsweise im imaginierten Evidenzszenario von der Vorstellung aus, dass 'in der Welt' eine spezifische Art von Instabilität dominiert, der es mithilfe der Theorie entgegenzuwirken gilt. Ersie wird also Theorien wählen, die einen absichernden, wissensstabilisierenden Charakter aufweisen (Wahl fixer Terminologien, Arbeit mit Begriffsdefinitionen, Kritik an abweichendem Begriffsgebrauch, undsoweiter). Oder eben: Derdie Theoretikerin geht andererseits von einem Evidenzszenario aus, in dem 'die Welt' vom Dogmatismus und totalitären Beobachtungsmuster bedroht ist, die es aufzuweichen gilt..

      Abschließend noch zweierlei: Das Evidenzszenario stellt sich gleichberechtigt neben die Orte, an denen sonst der Begründungszusammenhang und der Entdeckungszusammenhang verweilen. Es erklärt dabei weniger die inhaltliche als die formale Seite der Wahl der je von einem spezifischen Beobachter bevorzugten Theorien. Daher die Verbindung zu Luhmanns Konzeption des "Weltstimmungsgehalts" von Theorie, der eine "Parallelpoesie" zu seiner Artikulation nötig machen würde. Ansätze einer solchen also.

      Zum anderen nur noch ein weiterer Luhmann-Bezug. Der Begriff des Evidenzszenarios dient der Innenausleuchtung dessen, was Luhmann einmal die "Dunkelkammern" der Theorie genannt hat:

      "Um praktische Vertrautheit mit Theorien [] zu erlangen, darf man sich nicht nur an die großen, einladenden Portale halten []. Bei weiterem Vordringen stößt man auf andersartige, auch funktionale Einrichtungen, die der Stabilisierung des Ganzen, der Verteidigung der Errungenschaften, oder der Erleichterung interner Beweglichkeit und Einfallsproduktion dienen. Da gibt es Dunkelkammern, in denen man nur nach längerer Eingewöhnung etwas sieht. Nicht selten ist das der Ort, an dem der Theoretiker seine inneren Erfolge hatte und von dem aus er sich in seiner Konstruktion sicher fühlen kann."

      Die Evidenzszenarien bezeichnen somit diese intimen Dunkelkammern der Theorie.

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  2. Ja, die Ähnlichkeit zu Entdeckungs- und Begründungszusammenhängen war mir schon aufgefallen. Den Unterschied zu einem Evidenzszenario habe ich allerdings noch nicht verstanden. Wäre das Evidenzszenario nicht das, was dem Begründungszusammenhang vorausgehen müsste?

    Kannst Du Literaturangaben zu den Luhmann-Referenzen geben? „Weltstimmungsgehalt“ ist mir noch nicht über den Weg gelaufen.

    Bei dem Zitat mit der Dunkelkammer, hab ich zwar eine Ahnung worauf es anspielt. Passt für mich allerdings nicht im Zusammenhang mit Evidenzszenario. So wie ich das mit den Dunkelkammern verstehe, sind das Theorieteile, die man nicht beim ersten „Kontakt“ mit der Theorie versteht. Als ich mit der ersten Einführung in die Systemtheorie fertig war, hatte ich noch längst keinen Überblick über die komplette Theoriearchitektur. Diese kann man sich erst beim längerfristigen Studium und Arbeit mit der Theorie erschließen. Man hat ja immer wieder so ein Aha-Erlebnis, bei dem sich auf einmal alle möglichen Querverbindungen zu anderen Theorieteilen oder Beobachtungen aufdrängen – selbst nach Jahren noch. Solche Ereignisse können aber möglicherweise Evidenzszenarien zerstören. Wobei man vielleicht genauer sagen müsste, dass man eine eigentlich nur eine neue Perspektive auf das Evidenzszenario entwickelt.

    Ein weiterer Aspekt ist, dass wenn man z. B. eine bestimmte These einer Theorie akzeptiert, man noch nicht überblicken kann, welche anderen Annahmen man damit bereits noch mit akzeptiert hat. Aber auch hier fällt es mir schwer von Evidenzszenario zu sprechen, eben weil die noch unbekannten Hintergrundannahmen gerade nicht evident waren. Man kann aber auch nicht vom „Unbewussten“ der Theorie sprechen, weil dies zunächst mal nur auf die Unvertrautheit des Lesers mit der Theorie hinweist. Liest er dann den entsprechenden Autor noch ein zweites und drittes Mal fällt ihm auf, dass der Autor die bisher unbekannten Aspekte schon gesehen hat. Da einem aber vorher das Problembewusstsein und die Sensibilität fehlten, war man selbst einfach noch nicht in der Lage diese Aspekte zu sehen.

    Darin liegt eine Ambivalenz des Begriffs. Evidenz setzt eigentlich Bekanntheit voraus. Mit der Rede von Dunkelkammern wird aber auf etwas Unbekanntes angespielt. Was man nicht kennt, kann man auch nicht für evident halten im Sinne von akzeptieren. Damit ist man irgendwie schon wieder beim Unbewussten angelangt.

    Du behandelst Evidenzszenarien als Merkmal einer Theorie. Für mich würde der Begriff eher Sinn machen, wenn man ihn nicht als Moment der Theorie betrachtet, sondern als externer Katalysator für Theoriebildung – und nicht nur einer Theorie, sondern diverser Theorien. Evidenzszenarien wären dann zum einen der kleinste gemeinsame Nenner der verschiedenen Theorien und zum anderen der Referenzpunkt, an dem sich die verschiedenen Theorien vergleichen lassen. Es ist ja immer die Frage, evident für wen? Um hier nicht völlig in subjektiver Willkürlichkeit zu versacken, würde ich es für sinnvoller halten über die Evidenz den sozialen Aspekt zu berücksichtigen. Andernfalls würden wir uns nämlich bereits über psychologische Sachverhalte unterhalten.

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    1. Genau, das Evidenzszenario ist etwas, das dem Begründungszusammenhang vorausgeht, weil es hier noch nicht um thetisierbare Behauptungen geht, die man annehmen oder ablehnen kann, sondern tatsächlich um eine erlebte oder imaginierte Situation, in der man sich im Allgemeinen zu befinden glaubt. Solche Situationen werden meistens nur im Falle sog Psychopathologien auffällig: Sagen wir etwa bei einer Angststörung oder im Fall von jemanden, der eine bestimmte Sorge immerzu wiederholt (Ist der Herd wirklich aus?), obwohl man alles getan hat, um diese Sorge einzudämmen. Also zum Beispiel ein verallgemeinertes Gefühl der Sich-Verlassen-Könnens, oder eben ein Wunsch, anderen etwas verbieten zu können. So etwas zeichnet ein Evidenzszenario aus und liefert stimmungshafte motivationale Gründe, eine Art von Theorie eher zu bervorzugen, eine andere eher abzulehnen. (Nähe zur Ideologie)

      Was die Dunkelkammern angeht, habe ich zunächst ein ähnliches Zögern empfunden wie du, allerdings war es dann vor allem der hintere Satzteil, also "nicht selten ist das der Ort, an dem der Theoretiker seine inneren Erfolge hatte und von dem aus er sich in seiner Konstruktion sicher fühlen kann" - das scheint mir auf etwas mehr hinzuweisen als auf die Aha-Erlebnisse mit Theorieteilen, die einem als Rezipienten zunächst nicht vetraut waren. Es geht offenbar um einen Raum, in dem der Theoretiker etwas tut: Er fühlt sich in ihm sicher, von diesen Räumen aus scheint die Theorie offenbar wesentlich konstruiert ud man darf mutmaßen: der Theoretiker fühlt sich hier sicher, weil er hier nicht ohne weiteres gesehen werden kann. Dunkelkammer: Ja, für den Rezipienten unvertraut, aber das Zuhause des Theoretikers [dazu Soentgen: Der Bau!].

      Die Frage, inwiefern die Theorie dazu in der Lage ist, Evidenzszenarien zu transformieren, scheint mir eine sehr wichtige zu sein. Ich glaube in der Tat, dass gut Theorie sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie das vermag. Wie gute Literatur eben auch 'Welstimmungsgehalte' nicht bloß abzuschildern, sondern zu ändern in der Lage ist.

      Was den letzten Punkt angeht: Ja, genau, so würde ich das etwa sehen. Evidenzszenarien liefern eine Vergleichsperspektive auf verschiedene Theorien (und die Literatur/Kunst) unabhängig von den in ihnen behaupteten theoretischen Positionen. Es geht vielmehr um spezifische allgemeine formale Eigenschaften, die eine Theorie näher zu dem einen oder näher zu dem anderen Szenario rücken.

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  3. @Beobachter: "Weltstimmungsgehalt" findet sich hier:
    https://books.google.de/books?id=3PSqFw2YyEkC&pg=PA200&dq=Weltstimmungsgehalt&hl=de&sa=X&ei=pBW4VJ60J4SFPeqpgEg&ved=0CCoQ6AEwAQ#v=onepage&q=Weltstimmungsgehalt&f=false

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  4. @Neonleuchte: Mir scheint, dir geht es beim "Evidenzszenario" um zwei Dinge:

    Zum einen um die impliziten Grundannahmen/Axiome einer Theorie. Nur wenn ein Rezipient der Theorie ihren Grundannahmen zustimmt (egal ob bewusst oder nicht), also sie für evident (keiner Begründung bedürfend) hält, wird er etwas mit der Theorie anfangen können. Wenn die Axiome nicht geteilt werden, dann wird auch die Theorie abgelehnt. Rational begründet werden kann die Ablehnung natürlich nur, wenn man sich der Grundannahmen der Theorie bewusst ist, sie also explizit macht. Andernfalls wird man die Theorie für irgendwie unplausibel halten, ohne genauer sagen zu können warum.

    Zum anderen um den impliziten Einsatzzweck einer Theorie. Das ist etwas anderes. Dass eine Theorie nützlich sei, praktische Anwendbarkeit habe, zählt nicht unbedingt zu ihren Grundannahmen. Viele Theorien sollen nur möglichst wahr sein, nicht unbedingt möglichst nützlich. Wenn nun eine rezipierende Person davon ausgeht, dass es in der Welt ein Problem gibt, für dessen Behandlung die Theorie hilfreich ist, dann wird diese Person mehr damit anzufangen wissen als eine, die gar nicht von einem passenden Problem ausgeht oder es zumindest für unwichtiger hält.

    Im ersten Fall geht es um Plausibilität und Wahrheit, im zweiten um Nutzen und Praxisbezug. Wie hängen nun beide zusammen? Wenn man einer Theorie für falsch hält weil man ihre Grundannahmen nicht teilt, wird man sie wahrscheinlich nicht für nützlich halten. Umgekehrt dürfte es aber häufig so sein, dass man einer Theorie durchaus zutraut richtig zu sein, dass man sie darüber hinaus aber für praxisfern hält -- und darum oft für weniger interessant. (Man fragt sich dann: "Mag ja sein. Und weiter? So what?")

    Wobei aber auch nicht selten allein der erste Fall (Plausibilität) ausreicht um eine Theorie interessant genug für einen Rezipienten zu machen, der fehlende Nutzen steht dann im Hintergrund. Ein Beispiel dafür sind Gebiete der theoretischen Philosophie, etwa die Erkenntnistheorie. Dass Erkenntnistheorie (z.B. im Gegensatz zu Ethik) ganz nutzlos ist, davon wird wohl häufig ausgegangen. Dennoch kann man sie interessant finden, wegen des Wissens, das sie vermittelt (in dem Fall darüber, was man Wissen kann, wie man zu Wissen kommt, wo die Grenzen der Erkenntnis liegen etc.). Ähnlich ist es wohl auch bei einigen Erkenntnissen der theoretischen Physik, die nicht oder erst in fernerer Zukunft technisch nutzbar sind. Ob man solche mutmaßlich wahren (plausiblen) aber mutmaßlich nutzlosen Theorien für interessant hält, hängt wohl weniger von konkreten Überzeugungen ab (wie bei den ersten beiden Fällen) als von ästhetischen Vorlieben.

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    1. 1. Naja, das ist eben genau das, was ich durch den Begriff Evidenzszenario infrage stellen will. Dass es um axiom-förmige, thetisierbare Theorieteile geht, denen man entweder zustimmt oder nicht. Es geht um etwas, das funktional mäglicherweise Grundannahmen analog ist, aber eben eher eine Art allgemeinen Stimmungsgehalt betrifft, der mehr auf der formalen als auf der inhaltlichen Ebene einer Theorie zu suchen ist (Welche Worte gebraucht sie, um ihre Phänomene zu beschreiben? Wie rhythmisiert sie ihre Sprache? Versucht sie vor allem Vertraute zu überzeugen? Greift sie immerzu andere Positionen an oder versucht sie, Evidenzen anderer Theorien in ihren Korpus zu integrieren? Gibt sie sich besonders nüchtern oder spielt sie auch mit der Konstruktion? usw.)

      2. Der instrumentelle Charakter einer Theorie steht dabei auch nicht eigentlich im Vordergrund. Das Evidenzszenario hat etwas mit einer imaginierten Situation zu tun, in der jemand glaubt, eine bestimmte Art von Theoriebewegung sei nötig (z.B. das Aufhalten der der bedrohlichen Anderen (Theorien), das Überzeugen der Zurückgebliebenen (man selbst als Theorieheld, schon schlau, überzeugt die anderen, wieso wollen die anderen nie begreifen?), usw.). Was genau sonst ihre praktischen Konsequenzen sein mögen. Klar, das kümmert meistens keinen. Das ist ja gerade der Vorzug der Theorie: Du musst nur behaupten und begründen. Wer wird von dir nicht verlangt.

      Es geht also genau um die ästhetischen Vorlieben, über die du am Schluss sprichst. Ich glaube aber, dass man gerade zu diesen noch etwas mehr sagen kann als bloß dies. Also: Der einen gefällt halt rosa besser, ich vervorzuge nüchtern und grau. An dieser Stelle kommen besagte Evidenzszenarien ins Spiel.

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    2. Okay. Dabei denke ich nicht, dass man die Existenz von impliziten, aber grundsätzlich thetisierbaren Axiomen bestreiten muss, um auch die Rolle von ästhetischen Kriterien bei der Bewertung von Theorien (bzw. deren "Stimmungsgehalte") zu sehen. Das schließt sich ja nicht gegenseitig aus.

      (Wobei ich das Adjektiv "evident" [bzw. "nicht evident"] zwar auf die Axiome, nicht aber auf ästhetische Urteile anwenden würde. Dass Geschmacksurteile keine Begründung erfordern ist nämlich ohnehin klar, sie erheben ja grundsätzlich nicht den Anspruch wahr zu sein, Vorlieben hat man einfach. Dementsprechend hat zumindest mich der Ausdruck "Evidenzszenario" nicht an Ästhetik denken lassen.)

      Zu 2., ich würde das "für-nötig-halten" bestimmter Arten von Theorien durchaus als Zweck interpretieren, weniger als ästhetische Vorliebe. Aber da ist der Übergang wohl fließend.

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    3. Würde ich dir Recht geben, also, grundsätzlich glaube ich auch an die Existenz impliziter, thetisierbarer Axiome. Allerdings auch an die nicht-thetisierbaren Evidenzen, die entscheidend sind für die Frage, in welche Theorie man sich hineinfindet, in welcher Theorie man sich empfindungshaft einrichtet. Ich denke wie gesagt an die Präferenz für spezifische Rhythmisierungen, Wortfelder, Temperamente. Also eigentlich an den ganzen Bereich, der uns auch Menschen sympathischer oder unsympathischer finden lässt. Es mag hier Anteile geben, die sich noch einigermaßem gut beschreiben lassen, aber, so die These: beiweitem nicht alle.

      Was die Geschmacksurteile angeht, hätte ich zumindest empirisch (nicht theoretisch) eine andere Intuition: Gehen nicht viele Menschen für gewöhnlich davon aus, dass ihre ästhetischen Geschmacksurteile, wenn sie auch nicht dafür besonders ausführlich zu argumentieren in der Lage sind, von "subjektiver Allgemeinheit", also ohne weitere Begründung objektive Geltung beanspruchen?

      Bei 2. würde ich dir auch zustimmen. Also, es existiert da eine pragmatische Dimension bei der Wahl "theoretischer Rahmenwerke" (Carnap), die auch diese Dimension umfassen kann. Hatte ich dich wahrscheinlich zunächst zu stark interpretiert.

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    4. Zum Verständnis: Würdest du, wie ich es machen würde, die "nicht-thetisierbaren Evidenzen" (z.B. "Präferenz für spezifische Rhythmisierungen, Wortfelder, Temperamente") den (unbewussten) Geschmacksurteilen zurechnen, also der Ästhetik? Oder willst du sie als etwas Drittes abgrenzen sowohl von Geschmacksurteilen des Rezipienten als auch von impliziten aber thetisierbaren Axiomen der Theorie? Das ist mir noch nicht ganz klar.

      "Was die Geschmacksurteile angeht, hätte ich zumindest empirisch (nicht theoretisch) eine andere Intuition: Gehen nicht viele Menschen für gewöhnlich davon aus, dass ihre ästhetischen Geschmacksurteile, wenn sie auch nicht dafür besonders ausführlich zu argumentieren in der Lage sind, von "subjektiver Allgemeinheit", also ohne weitere Begründung objektive Geltung beanspruchen?"

      Dazu habe ich mal hier etwas geschrieben: https://plus.google.com/112873449479530197416/posts/PqRTGTfUBbB

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  5. @Kris: Vielen Dank für den Literaturverweis.

    @Neonleuchte: Ich glaub, ich bekommen so langsam eine Ahnung, worum es Dir geht. Wenn ich Deine Antworten auf Kris richtig verstehe, interessiert Dich die Frage, ob sich die Affinität für eine bestimmte Theorie aus der psychologischen Verfassung einer Person erklären lässt – also aus der allgemeinen existentiellen Einstellung einer Person zur (Um-)Welt und sich selbst. Darin konvergieren Gefühl und Ratio bzw. ästhetische Vorlieben und Zweckorientierung, die dann zusammen die Empfänglichkeit bzw. den Resonanzraum für bestimmte Ideen und bestimmte Darstellungsformen schaffen. Genau das hatte ich in den letzten Texten auf meinem Hauptblog am Beispiel der Postmoderne für verschiedene „Frequenzbereiche“ wie Politik, Wissenschaft durchexerziert. Was Du als Evidenzszenario zu fassen versuchst, ist das, was ich als existentielle Grundeinstellung bezeichnet habe. Entscheidend ist also nicht die soziale Stellung einer Person, sondern ihre psychologische Verfassung. Dafür spielt die aktuelle soziale Stellung eine wichtige Rolle, aber genauso die Erfahrungen, die man gemacht hat, um dahin zu kommen, wo man steht. Streng systemtheoretisch ausgedrückt, handelt es sich bei Evidenzszenarien um die letzte nicht weiter dekomponierbare und damit auch nicht weiter hinterfragbare Selbstreferenz psychischer Systeme. Die fühlt sich natürlich da am wohlsten, wo sie sowohl kognitiv wie emotional bestätigt wird, egal worum es im Einzelnen geht. Das läuft dann auf Folgendes hinaus: „Sag mir welche Theorien du bevorzugst und ich sag dir wer du bist.“

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  6. Wichtiger als die Frage, ob man Evidenzszenarien nun eher in einem psychologisch oder soziologischen Register versteht, scheint dem Autor der Neonleuchte die Schwierigkeit oder, streng verstanden, Unmöglichkeit zu sein, solche Evidenzszenarien reflexiv einholen zu können. Diese reflexive Uneinholbarkeit ist gemeint, wenn oben davon gesprochen wird, sie ließen sich nicht, oder eben nur sehr schwierig, auf indirekte Weise, unmittelbar explizieren, also in thetischer Form der jeweiligen anderen Person darlegen. Da man kaum davon sprechen kann (denn dann könnte man eben nicht darüber sprechen, es geht also um ihren ontologischen Status), der direkte Zugang zu solchen Szenarien sei unmöglich, muss man wohl davon ausgehen, dass die Explikation indirekt vorzugehen hat: an einer Reihe unterschiedlicher Dinge, die genau wie die in Rede stehende Theorieform von der Person präferiert werden, lässt sich ein, nicht immer klar fassbares, Muster, das als eine unterliegende Matrix fungiert, die die jeweiligen Präferenzen einander ähneln lässt, extrahieren. Klarerweise gibt es motivationale Strukturen, die sich einfacher erschließen lassen, als solche nur hypothetisch zu gewinnende Muster. Dass, um ein Beispiel zu geben, Bourdieus Vorbehalte gegenüber der 'scholastischen Einstellung', der 'reinen Theorie' seit seinem Aufenthalt in Algerien erstmals hervortaten oder nur verstärkten (diese Alternative ist nicht unwichtig), lässt sich aus seiner Herkunft aus einer ländlichen, benachteiligten Schicht sowie aus seinen spezifischen Erfahrungen mit dem französischen Kolonialregime in Algerien erklären, aber freilich: die Erklärung von theoretischen Ausrichtungen ist nicht immer so einfach, und sie hat stets sowohl die im Hintergrund bleibenden Szenarien (bei Bourdieu etwa manifeste und im Gedächtnis haften gebliebene Benachteiligungen in seiner schulischen Laufbahn - von Traumata, die sich seiner reflexiven Durchdringung widersetzten, gar nicht zu reden) wie auch zufällige Gelegenheiten und ein ganzes Netz an kontextuellen Einwirkungen in Rechnung zu stellen. - Überdies kann es, gerade für Soziologen (das sind Systemtheoretiker ja wohl) nicht schon als ausgemacht gelten, psychische und soziale Aspekte ließen sich hier klar voneinander sondern. Hier gibt es keine linearen Wirkungsverhältnisse, 'soziale' Geschehnisse prägen 'psychische' Strukturen, und diese wiederum wirken sich verschärfend, dämpfend, ergänzend, ablenkend oder wie auch immer auf all dasjenige auf, was als bloß 'sozial', 'objektiv' oder 'äußerlich' gilt. Aber das ist ja fast schon die soziologisch Grundzauberformel. Dass Luhmann früh Husserl gelesen oder eine prägende Zeit bei Parsons verbracht hat, wird seine 'psychischen' Dispositionen, seine Lektürehaltung in spezifischer Weise geprägt haben und er wird darum alle weiteren Theorieentscheidungen in diesem an Parsons und Husserl ausgerichteten Gesichtswinkel getroffen haben. Das ist natürlich ganz schematisch, als setze sich eine Theorie sowie der zu ihr führende Wege aus klar isolierbaren Schritten und Bausteinen zusammen, gefasst.

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    1. „Wichtiger als die Frage, ob man Evidenzszenarien nun eher in einem psychologisch oder soziologischen Register versteht, scheint dem Autor der Neonleuchte die Schwierigkeit oder, streng verstanden, Unmöglichkeit zu sein, solche Evidenzszenarien reflexiv einholen zu können.“

      Spricht der anonyme Kommentator auch für die Neonleuchte? Wenn die Prioritäten so gesetzt sind, wie im Kommentar benannt, dann würde ich empfehlen die Prioritäten umzukehren. Wenn von der Unmöglichkeit die Rede ist, Evidenzszenarien reflexiv einholen zu können, verstehe ich darunter, dass sie der Erkenntnis nicht zugänglich sind. Dann wäre jede weitere Beschäftigung damit lediglich ein intellektuelles Kunststückchen ohne Realitätsbezug.

      Wenn wir über Rückkopplungsverhältnisse reden, dann ist klar, dass weder von Ursache-Wirkungs-Beziehungen oder letzten Gründen, die ja auch bloß als Ursachen identifiziert werden, die Rede sein kann. Trotzdem sieht es im Kommentar so aus als würde es bei dem Evidenzszenario am Ende doch wieder auf diese Figur hinauslaufen.

      Möchte man das Konzept des Evidenzszenarios empirisch fruchtbar machen, dann ist die Frage, ob Evidenzszenarien als soziale oder psychische Phänomene zu verstehen sind entscheidend. Womit allerdings nicht nahe gelegt sein soll, dass man sich für eine der beiden Alternativen entscheiden müsste. Nach allem, was ich bisher hier dazu gelesen und selbst geschrieben habe, scheint es um das Rückkopplungsverhältnis zwischen sozialen und psychischen Ereignissen zu gehen und wie dabei bestimmte Muster verstärkt werden. Wobei die Beobachtung offenbar sehr personenzentriert erfolgt. Das geht dann sehr stark in Richtung Biographieforschung und deutet sich ja schon in dem anonymen Kommentar an. Das ist aber nur unter der Voraussetzung durchführbar, dass man sauber zwischen sozialen und psychischen Ereignissen trennt. Ansonsten ist man auch nicht in der Lage das Rückkopplungsverhältnis zwischen beiden zu beschreiben. Dann löst sich das Evidenzszenario in einen Prozess wechselseitiger Bestätigung und Musterverstärkung auf.


      „Überdies kann es, gerade für Soziologen (das sind Systemtheoretiker ja wohl) nicht schon als ausgemacht gelten, psychische und soziale Aspekte ließen sich hier klar voneinander sondern.“

      Mit Verlaub, ist diese Bemerkung wirklich ernst gemeint? Für die meisten Soziologen und Psychologen scheint dies eine ausgemachte Sache zu sein. Anders kann ich mir die bis heute bestehende scharfe Trennung von Soziologie und Psychologie nicht erklären. Hier wäre auch zu klären, was genau eigentlich mit „Aspekten“ gemeint ist. Die Trennung von Soziologie und Psychologie sehe ich zwar auch kritisch, trotzdem steht für mich außer Frage, dass man soziale von psychologischen Phänomenen klar unterscheiden kann. Jeder, der nicht dazu in der Lage ist, wäre ein schlechter Sozial- oder Geisteswissenschaftler.

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    2. Ohne das letzte Wort in der sich entspinnenden Diskussion haben zu wollen, kann ich ja vielleicht dennoch kurz etwas dazu schreiben. Zur 'Unmöglichkeit': deswegen habe ich davon angesprochen, dass das Unmögliche hier einen besonderen Status hat, dass es ein bestimmtes Verhältnis, eine Art des Zugangs zu ihm ist, um die es hier geht. Es geht nicht um das völlig Unzugängliche oder Uneinholbare, sondern darum, dass es sich nur indirekt zeigt. Was das bedeutet, lässt sich klarmachen etwa an Krankheiten, die sich auch nur in Symptomen, in Wirkungen und Anzeichen äußern, ohne dass immer schon klar wäre, dass es sich hier schon um eine Krankheit, und wenn ja, welche, handelt. Und hier geht es ja ebenfalls darum, eine Diagnose zu stellen, in dem ein ganzes Ensemble, eine Reihe von Phänonemen, mitunter auch in ihrer zeitlichen Abfolge, Aufschluss darüber geben soll, worum es sich handelt. Und auch hier greift auf man bewährte Muster, auf Kataloge von schon bekannten Krankheiten zurück, um ihre Identifizierung zu ermöglichen. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen unbestimmbar bleibt, worum es sich handelt, ob man überhaupt krank ist, etc. Das gilt nicht nur für Krankheiten und ihre Symptome, sondern für eine ganze Reihe von 'Phänomenen', die sich nie als solche, sondern nur vermittelt darstellen. Das Missliche an der Biographieforschung ist in dem Zusammenhang, dass in einem so komplexen, überdeterminierten Feld wie, die Riesenkategorie überhaupt!, dem 'eigenen Leben' kausale Erklärungen nur stark simplifizierend erfolgen können. Aber auch hier gibt es ja bewährte, stereotypisierte Muster des Handelns (wie ich mein Studienfach fand etc.) und der darauffolgenden narrativen Darstellung. In diesem, an manifesten Ereignissen orientierten, Sinne kann man dann auch von Rückkopplungseffekten, also negativen und positiven Feedbacks, sprechen, aber das bleibt gegenüber Basisevidenzen oberflächlich. Mit der Rede von 'Basisevidenzen' ist gerade infragegestellt, dass hier eindeutige Beziehungen zwischen psychischen und sozialen Ereignissen feststellbar sind. Es ist ja ein wesentlicher Zug des für evident 'Gehaltenen', dass es im Hintergrund bleibt und zumeist erst etwa auf Nachfrage hin vor Augen tritt. Jemandem, der dazu neigt, anderen etwas verbieten, immer Recht behalten und die Vielfalt an kursierenden Meinungen stillstellen zu wollen, wird diese Neigung oftmals nicht bewusst sein, er wird sie für normal und selbstverständlich halten. Dass es ganze Generationen gibt, die bestimmte charakterliche Züge aufweisen (wie etwa die 68er, die offenbar spezifische Schlüsselerlebnisse geteilt haben und darum in ihren politischen Meinungen, in ihrer allgemeinen Lebenshaltung auf unausgesprochene Weise vorverständigt waren), lässt sich durch Biographieforschung im engeren Sinne nicht erfassen. - Und ja, mit 'Aspekt' ist nicht schon 'Phänomen' gemeint. Klarerweise kann können Gedanken als Gedanken nicht kommuniziert werden, aber diese systemtheoretische Binsenweisheit bedeutet noch nicht, dass es nicht Hinsichten, Aspekte psychischer Phänomene gibt, die nur durch ihren Bezug auf Soziales beschrieben werden können (bestimmte Prägungen etc.).

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    3. Vom Ansatz her liegen wird nicht weit auseinander. Dass man heute auf viele Sachverhalte nur indirekt schließen kann, sehe ich ganz genauso. Das gilt je zum Beispiel auch für Forschungsgegenstände, die nicht mehr der Wahrnehmung zugänglich sind, wie z. B. in der Quantenphysik.

      Für Menschen gilt es aber ganz genauso. Psychisches Erleben bleibt der direkten Beobachtung immer entzogen. Man kann nur über das beobachtbare Verhalten darauf zurückschließen, welche Annahmen diesem Handeln zu Grunde lagen.

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  7. Liebe Neonleuchte, lieber Beobachter der Moderne, lieber Kris, lieber Anonymus,

    ich bitte zu entschuldigen, dass ich die bisher erreichte Komplexität Eurer Diskussion nicht aufgreife, und schlage stattdessen vor, eine freie Variation des Benacerrafschen Dilemmas zu bedenken:

    'Entweder haben theoretische Sätze einen existenziellen Sinn, dann aber bleibt die Gewissheit theoretischer Erkenntnis höchst rätselhaft; oder man rettet die Gewissheit theoretischer Erkenntnis durch formale Axiomatik, und verzichtet dadurch auf ihren existenziellen Sinn.'

    Könnte es nicht sein - korrigiert mich wenn ich spinne -, dass das "Evidenzszenario" nichts anderes ist als der Versuch, theoretischen Sätzen einen existenziellen Sinn zuzugestehen, ohne diesen gleich als Antipoden zu formalen Verfahren zu deuten? Selbstverständlich kann dies als "letzte nicht weiter dekomponierbare und damit auch nicht weiter hinterfragbare Selbstreferenz psychischer Systeme" beschrieben werden, aber wie erhellend ist das? Die Frage nach der Beziehung von einem möglichen existenziellen Sinn theoretischer Sätze und der möglichen Wahrheit theoretischer Sätze bleibt von dieser Beschreibung seltsam unberührt. Sollte dem Autor der Neonleuchte nicht zugute gehalten werden, dass sein Ringen um Parallelposie die Fragwürdigkeit, die zwischen Existenz, Sinn, Theorie und Wahrheit aufbricht, nicht weitaus intensiver ausschreitet als die korrekte Anwendung der systemtheoretischen Terminologie?

    Beobachter der Moderne: Was ist das für Dich, denken? Was ist die Fluchtlinie dieses Projekts, die intellektive Klarheit eleganter Gedankenführung gegen dieses äußerst beeindruckende Korsett einzutauschen, das die Systemtheorie bietet? Ist das ein epistemisches Klarheits-Projekt? Ein gesellschaftliches Transformations-Projekt? Ein persönliches Sorge-Projekt? Vergebe mit die Naivität, es fällt mir wirklich schwer zu realisieren, was Du wem wie zeigen willst...

    Ich danke im Voraus für Antwort!

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  8. Zunächst einmal, was sollen denn solche fundamentalen Einwürfe? Den Spieß kann man auch ganz einfach um drehen. Was willst Du denn wem wie zeigen? Du äußerst Deine Fragen auch aus einem nicht näher explizierten, vorhandenen oder auch nicht vorhandenen theoretischen Backround heraus, an den sich genau dieselben Fragen richten lassen. Das hieße dann, dass Du mal Dein beeindruckendes oder vielleicht wenig beeindruckendes Korsett offenlegst, in dessen Bahnen Deine Gedankenführung gezwängt ist. Sorry, aber das sind kindische Mätzchen, die zu nichts führen. Lies Dir die Texte auf meinen Blogs durch, dann findest Du die Antworten.

    Sicherlich muss man den hier diskutierten Sachverhalt nicht in systemtheoretischer Terminologie beschreiben. Ich zeigte nur auf, wie man es machen kann. Man muss es nicht so machen. Dann muss man aber zeigen, wie es anders geht.

    Der existentielle Sinn theoretischer Sätze zeigt sich in ihrer Bestätigung. Das wird vielleicht etwas greifbarer, wenn man statt von theoretischen Sätze von Erwartungen spricht. Erwartungen ebenso wie Theorien machen nur Sinn, wenn sich die darin formulierten Annahmen bestätigen lassen. Formulierungen wie „theoretische Erkenntnisse“ ergeben für mich daher keinen Sinn. Was soll das sein? Durch reines Theoretisieren ergeben sich keine Erkenntnisse, sondern lassen sich allenfalls Erwartungen formulieren. Erwartungen können sich nur im Handeln bestätigen oder widerlegen. Insofern gilt es darauf zu achten, wie dies geschieht. Was wird z. B. als ausreichende Bestätigung bzw. Evidenz einer Erwartung gesehen?

    „Theoretische Erkenntnis“, was immer das sein soll, ist daher das Unsicherste, was ich mir vorstellen kann, weil sie eben nicht bestätigt ist. Axiomatik ist dann nur eine Verlegenheitslösung die nicht dazu da ist die Erkenntnis zu bestätigen, sondern jegliche Bestätigungsmöglichkeit vollends zu eliminieren. Mit anderen Worten, Axiomatik ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Dogmatisierung und Ideologisierung. Das von Dir beschriebene Dilemma ergibt sich im Prinzip nur, wenn die Möglichkeit einer Bestätigung von Erwartungen oder Theorien nicht vorgesehen ist. Das gilt ebenso für die von Dir beschriebene Fragwürdigkeit, die zwischen Existenz, Sinn, Theorie und Wahrheit bestehen soll. Sie entpuppt sich dann selbst als ein Produkt der Theorie. Offenbar kennt Deine Theorie nur geschlossene Systeme. Dann stellt sich das Problem auf diese Weise, bleibt aber unlösbar. Auch wenn Du die Systemtheorie nur als Korsett betrachtest, gibt sie doch zumindest so viel gedankliche Freiheit dies zu sehen und sich aus den engen Prämissen, die Du dir gesetzt hast, zu befreien. Wenn die Alternativen darin bestehen sollten, sich entweder sein Denken durch Paradoxien zu blockieren oder diese Paradoxien mit Hilfe der Systemtheorie zu entfalten, dann fällt zumindest mir die Wahl ziemlich einfach.

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    1. Lieber Beobachter der Moderne,

      obwohl ich mich um eine wohlgesonnene Tonart bemühe, antwortest Du mir sehr wütend. Das verstehe ich nicht, muss ich wohl auch nicht. Ich intendierte auch keine "Mäzchen", sondern wollte den Zugang zu dem Begriff "Evidenzszenario" von einer anderen Seite her gewinnen, da die Diskussion zwischen Dir und dem anderen Anonymus sich in Seitengassen zu verlieren drohte. Wie dem auch sei.

      Du sagst:

      "Ich zeigte nur auf, wie man es machen kann. Man muss es nicht so machen. Dann muss man aber zeigen, wie es anders geht."

      Genau das hat die Neonleuchte doch gemacht. Dort wurde Sprache benutzt, um eine Sachverhalt zur Gegebenheit zu bringen, und dieser Sachverhalt scheint dem Autor durch den Begriff "Evidenzszenario" am angemessensten - oder zumindest angemessen - gebbar zu sein. Hat ja auch ganz gut funktioniert, wie man an Eurer Diskussion sehen kann, die sich doch einigermaßen um die Koordinaten dreht, zu deren Bedenken der Autor anregen wollte.

      Woher nun die vorausgesetzte Pflicht, das, was da gesagt ist, müsse anders sagbar sein? Der Autor hat doch bereits gezeigt, dass es anders geht - er hat doch nicht systemtheoretisch gesprochen, und wurde dennoch verstanden. Alles, was ich nachfragen wollte, ist das Woher und Warum dieser mitschwingenden Aufforderung zur Übersetzung - das, was der Autor sagte, müsse noch einmal gesagt werden, nun aber richtig. Aber er hat es doch schon "richtig" gesagt, so eben, wie er es hinreichend intellektiv fand. Anstatt einen transzendenten Maßstab an sein Gesagtes zu tragen - in Deinem Fall ein systemtheoretischer Maßstab -, besteht doch auch die Möglichkeit, den Nuancen seiner immanenten Sprachbeweglichkeit zu folgen, um so zu prüfen, inwieweit der Sachverhalt, der dem Autor der Neoleuchte scheinbar zu Gegebenheit gekommen ist, auch Dir zur Gegebenheit kommen kann. Es tut mir leid, wenn der Ausdruck "Korsett" einen pejorativen Anklang transportiert hat, das war nicht meine Absicht. Ich habe mich lediglich darüber gewundert, warum Du den Maßstab systemtheoretischen Sprechens über die Ambition stellst, den Autor so zu verstehen, wie er verstanden werden kann, gemäß dem Maßstab, den uns sein Sprechen liefert. Du scheinst immer schon einer Norm verpflichtet, bevor Du Dich Dich auf die konkrete Fülle einer - in diesem Fall sprachlichen - Vorfindlichkeit einlässt; das Einlassen-Können auf Vorfindlichkeiten scheint mir dadurch insofern beeinträchtigt, als dass über deren Unterbietung normativer Standards immer schon entschieden ist. Ich kann nicht sehen, an welcher Stelle uns der Beitrag über Evidenzszenarien mit einer Paradoxie bedroht, die uns in die Alternative "systemtheoretisch reformulieren" oder "zeigen, wie es anders geht" treiben. Deshalb fragte ich auch nach, was denken für Dich bedeutet, weil es mich neugierig macht, wie sich ein Denken selbst versteht, das Immersion, Vertrauensvorschuss und exkursives Wohlwollen hinter sich gelassen hat; Du scheinst Dich primär durch Nicht-Einlassen auf Dein Gegenüber einzulassen, im Namen einer äußerst misstrauischen Strenge, deren "Evidenzszenario" wohl nur Du kennst. Deine Art zu denken scheint Dein Gegenüber und seine Sprache zur Bewegung aufzufordern, während Deine Lage und Deine Sprache ein Geheimnis verwahrt - es kann ja wohl kaum die Lage und die Sprache ideengeschichtlicher Alternativlosigkeit sein -, dass Dir stets eine Rigorositäts-Vorsprung zu sichern scheint, allerdings auf Kosten situations-sensibler Registraturen. Gerne hätte ich mehr darüber erfahren, wie Du selbst dieses Denken verortest.

      Was die Problematik des Begriffs "theoretischer Erkenntnis" anbelangt, gebe ich Dir völlig recht, hier sollte von Erwartung gesprochen werden.

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    2. "Der existentielle Sinn theoretischer Sätze zeigt sich in ihrer Bestätigung."

      Was heißt das im Zusammenhang einer Diskussion um Evidenzszenarios? Wenn der existenzielle Sinn eines theoretischen Satzes an ein Evidenzszenario gebunden bliebe, ist doch genau dies das Problem. Dein Satz scheint mir eher zu lauten: "Der epistemische Sinn theoretischer Sätze zeigt sich in ihrer Bestätigung". Der existenzielle Sinn ist möglicherweise in der Dimension verortet, die der Autor der Neonleuchte mit dem Sprechen von Angriffs- und Verteidigungszaubern zur Sprache bringen wollte. Ist es nicht so: Versucht man sich eine Diskussion über die angemessene Bedeutung eines Begriffs topologisch vorzustellen, können die einzelnen Züge dieser Diskussion als Raumnahme oder Raumabgabe beschrieben werden. So versuchte ich Raum zu nehmen, indem ich die Diskussion anders aufschlüsseln wollte; Du hast diesen Versuch abgeschmettert, indem Du ihn mir vorgeworfen hast, er entspringe einem nicht explizierten oder nicht vorhandenen theoretischen Background. In der Hinsicht bist Du mit Dir im Reinen, da Dein theoretischer Backgorund sowohl vorhanden als auch expliziert ist, auf Deinem Block - ein erfolgreicher "Verteidigungszauber" also. Dem folgt ein "Angriffszauber": Es gibt überhaupt keine Fragwürdigkeit zwischen Existenz, Sinn, Theorie und Wahrheit, dass entpuppt sich als Produkt meiner nicht explizierten Theorie; offenbar kenne ich nur geschlossene Systeme. Hiermit soll ich scheinbar definitiv des Raumes verwiesen werden, der sich um den Begriff "Evidenzszenario" bis dato aufspannen ließ. Dieser "Angriffszauber" war quasi ein "finishing move" - doch ganz gleich, ob dieser Satz die ihm impliziten Erwartungen bestätigt, hatte er schon eine beschreibbare performative Funktion in unserem "Gespräch": dies scheint mir die relevante Spur zu sein, wenn vom existenziellen Sinn theoretischer Sätze im Sinne des Begriffs "Evidenzszenario" gesprochen werden soll. Und ja, ich habe meinem Beitrag hier keine "Theorie" unterlegt, sondern lediglich versucht, so weit es mir möglich war, mich auf die Evidenzen einzulassen, die mir der Autor in der immanten Beweglichkeit seiner Sprache abzulegen imstande war.

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    3. Ich musste gerade an Jazz denken, und daran, ob jeder, der auf den Reichtum der tonalen Einladungen mit Improvisation antwortet, nur geschlossene Systeme kennt...

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    4. @anomyn

      Ich weiß offen gestanden nicht, was eigentlich Dein Problem ist. Ja, der Begriff „Korsett“ hat einen sehr pejorativen Unterton, der auch in Deinen nachfolgenden Kommentaren mitschwingt. Auf welche Grundlage Du dir diesen Gestus der herablassenden Besserwisserei leisten kannst, kann ich nicht erkennen. Von daher wüsste ich nicht, warum ich Dir irgendwelche Vertrauensvorschüsse oder Wohlwollen entgegen bringen sollte. Umgekehrt besteht ja offenbar auch nicht die Bereitschaft dazu.

      Gedanken und Argumentationen schärfen sich im Austausch. Ich habe durch eine systemtheoretische Rekontexualisierung lediglich versucht etwas Reibungsfläche anzubieten, damit auch die Neonleuchte seine im Ausgangspost dargestellten Gedanken weiter entwickeln kann. Oder soll das etwa schon alles gewesen sein? Im Anbetracht ihrer nicht gerade regen Beteiligung, scheint jedoch nicht allzu viel Interesse an einem Austausch zu bestehen.

      Stattdessen mischt Du dich in die Diskussion ein. Es ist ganz nett gemeint der Neonleuchte zur Seite zu springen. Aber kann die nicht für sich selbst schreiben? Alles was Du schreibst, klingt für mich nur wie eine Bitte, die Neonleuchte in Ruhe allein weiter theoretisieren zu lassen. Bezeichnend ist auch, dass Du und die Neonleuchte die Diskussion in einer Kriegsmetaphorik beschreiben („Angriffs- und Verteidigungszaubern“). Sieh es doch mal wie ein Spiel statt wie ein Kampf. Da frage ich mich, was Du eigentlich zu verlieren hast bzw. was Du glaubst gewinnen zu können? Letztlich sind Deine letzten Kommentare auch bloß Abwehrreaktionen auf eine Theorie, die Du offenbar nicht magst. Warum, weiß ich nicht. Trotzdem scheinen Deine Vorurteile gegen Systemtheorie Dein Evidenzszenario zu sein. Denn anstatt Dich mal auf meine Argumentation einzulassen, möchtest Du lieber Stilfragen diskutieren bzw. – um im Bild zu bleiben – wie ich das Spiel spiele. Bevor Du dich jedoch darüber beklagst, wie ich das Spiel spiele, solltest Du erstmal reflektieren, wie Du es spielst – nämlich sehr defensiv. Dass meine offensive Diskussionsführung bei solchen Diskussionsgewohnheiten ein Ärgernis ist, kann ich mir gut vorstellen. Das ist aber nicht mein Problem. Wenn Dir mein Stil nicht passt, don’t hate the player, hate the game. Die Reflektion der Metakommunikation bringt die Diskussion in der Sache allerdings nicht weiter voran. Im Übrigen ist doch die These, dass die Form der Mitteilung über ihre Annahme oder Ablehnung entscheidet – darauf läuft es doch bei Deinem Verständnis von Evidenzszenarien letztlich hinaus - auch nicht neu oder originell, sondern seit mindestens 30 Jahren postmoderner common sense. Plausibel ist sie trotzdem nicht.

      Meine Beobachtung, dass Du – und die Neonleuchte möglicherweise auch – mit einer Theorie geschlossener Systeme arbeitest, war die Vermutung, dass Deine erkenntnistheoretische Grundlage ein solipsistischer Ansatz ist. In dieser Frage ergeben sich dann unüberbrückbare Differenzen, denn ich halte solipsistische Ansätze aufgrund der in meinem früheren Kommentar aufgeführten Einwände für unbrauchbar. Darauf kann ich mich wirklich nicht einlassen, denn da fehlt jegliche Grundlage in der Sache weiter zu diskutieren.

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  9. Noch eine (fast) systemtheoretische Rückfrage: Könnte der Begriff "Evidenzszenario" nicht als konstitutives Element einer "reflektierten Autologie" in Frage kommen?

    "Die Beobachtungsweise von Theorieansätzen ohne eine reflektierte Autologie kann man daher nicht nur als egozentrisch verzerrt, sondern auch als entfremdet bezeichnen. Hinsichtlich der Folgen für das psychische Selbst-Erleben muss man eine solche Semantik als schizogen (vgl. Laing 1973, S. 77f.) bezeichnen, denn sie ermöglicht nur eine egozentrische Pseudo-Bestätigung und ein langsames Abdriften in ein falsches Selbst-System. Darüber hinaus mündet sie in einen unendlichen Regress, denn die Distanzierung von und Kritik der gebräuchlichen Kommunikationsformen führt nicht zu neuen Lösungsvorschlägen, die das Problem beheben, sondern nur zur erneuten Distanzierung von der eigenen Form der Distanzierung, wenn registriert wird, dass man der Lösung des Problems nicht näher kommt. Da der Fehler jedoch im Beobachtungssystem liegt und nicht in der Umwelt, kann die Distanzierung von der vorherigen Distanzierungsform immer nur wiederholt werden, ohne jemals einen inneren Halt zu finden. Dieser reflexive Mechanismus der Distanzierung von der Distanzierung zwingt zum fortlaufenden Widersprechen der eigenen Aussagen und damit zur fortlaufenden Selbstverleugnung."

    Selbst Luhmann würde wohl zugestehen, dass jede noch so "reflektierte Autologie" den schon angeführten "Weltstimmungsgehalt" aufweist - das Evidenzszenario wäre dann ein Antwortversuch auf die Frage, wie und warum eben dieser und nicht jener Weltstimmungsgehalt die jeweilige theoretische Aktivität eines Beobachters "durchstimmt". An dieser Stelle würde es dann irreduzibel phänomenologisch, selbst wenn die Geltung der Theorie davon unberührt bliebe; die Fluchtlinie des "So-und-nicht-so-theoretisch-zur-Geltung-kommen-Wollens" würde aber dahingehend erhellt, dass sich das Durchführen von dieser und nicht jener Theorie und sowie das Evidenzszenario, die dieses und nicht jenes Durchführen durchstimmt, wechselseitig erhellen könnten. Die Formulierung "nicht weiter hinterfragbare Selbstreferenz psychischer Systeme" markiert zwar genau denselben Ort, allerdings ohne vergleichbaren Erhellungs-Effekte.

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  10. @anonym

    „Könnte der Begriff "Evidenzszenario" nicht als konstitutives Element einer "reflektierten Autologie" in Frage kommen?“

    Ja, im Prinzip schon. Soweit ich es bis jetzt verstanden habe, versteht Luhmann unter einer reflektierten Autologie eine Beobachtung 3. Ordnung. Damit ist die Beobachtung der Bedingungen für eine Beobachtung 2. Ordnung gemeint. Beobachtungen 2. Ordnung erzeugen ja Kontingenz und stellen dadurch vormals unhinterfragte Notwendigkeiten (Alternativlosigkeiten) in Frage. Damit entsteht aber das Problem, wie neue Notwendigkeiten trotz der entdeckten Alternativen hergestellt werden können. Es mit anderen Worten um die Frage, wie man die richtige Wahl trifft. So stellt sich ja für einen Christ in der modernen Gesellschaft Frage, warum Christentum und nicht Islam, Hinduismus oder Buddhismus? Wieso wechselt er trotz der Auswahl nicht die Religion oder wird Atheist? Das gilt im Prinzip für jede Entscheidung und sei es nur die zwischen Coca-Cola oder Pepsi. Für die Funktionssysteme der Gesellschaft hatte Luhmann dafür den Begriff der „Kontingenzformel“ eingeführt. Die Funktion einer Kontingenzformel besteht darin, trotz kontingenter Alternativen Notwendigkeiten herzustellen und Kontingenz auszuschalten. Soweit ich es verstehe, zielt der Begriff „Evidenzszenario“ genau auf dieselbe Funktion ab, wie „Kontingenzformel“. Ich vermute, dass Kontingenzformeln ein konstitutives Element einer reflektierten Autologie sein könnten. Sie konstruieren Notwendigkeiten unter der Bedingung von Kontingenz ohne sich jedoch blind für andere Möglichkeiten zu machen

    Soweit könnte man sich allein auf Luhmann stützen. Wobei ich hier schon meine Interpretation der Kontingenzformeln vorgestellt habe. Ich ziehe hier noch psychologische Ansätze mit hinzu. Laing besitzt für mich hier eine große Relevanz. Ich vermute, dass die Affinität oder Vorliebe für eine bestimmte Theorie von dem Entwicklungsstand der Persönlichkeit abhängt. Jeder sozial- und geisteswissenschaftlichen Theorie liegt ein bestimmtes Menschenbild zugrunde, auch wenn es nicht explizit angegeben wird. Aber jede Gesellschaftstheorie benötigt ein gewisses Menschenbild. In diesem Punkt stehe ich der Systemtheorie inzwischen kritisch gegenüber, weil sie ein nicht unproblematisches Menschenbild impliziert. Resonanz löst eine Theorie dann aus, wenn das zugrunde liegende Menschenbild mit dem psychischen Entwicklungsstand einer Person übereinstimmt. Hier könnte man dann möglicherweise auch die Frage nach dem Weltstimmungsgehalt einer Theorie klären. Ich hab allerdings noch nicht ganz verstanden, was damit gemeint ist. Kommt hier möglicherweise nicht auch die Form der Darstellung und den damit verbundenen emotionalen „Untertönen“ ins Spiel?

    Vielleicht ist noch eine kurze Anmerkung zu der Formulierung „nicht weiter hinterfragbare Selbstreferenz psychischer Systeme". Was ich damit bezeichnen wollte, war die operative Selbstreferenz psychischer Systeme, worunter ich Aufmerksamkeit verstehen. Hier kann man dann nicht mehr nur auf Axiome der Theorie vertrauen, sondern muss schauen, worauf richten denn Personen ihre Aufmerksamkeit. Ich würde sagen, dies ist eine empirische Frage. Ich weiß nicht, ob das mit „irrreduzibel phänomenologisch“ gemeint war. (Es handelt sich hier um eine bewusst gesetzte Leerstelle, an der man mit Theorie nicht mehr weiter kommt, sondern nur noch mit Empirie. Hier kommt die informationelle Offenheit in die Theorie, die durch Axiomatik nicht zu kompensieren ist. Ich weiß nicht, ob Luhmann seine Theorie auch so verstanden hat bzw. so mit ihr gearbeitet hätte. Um der in meinem letzten Kommentar angedeuteten Dogmatisierung vorzubeugen, halte ich es für notwendig, solche Leerstellen einzubauen.)

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    1. Die Systemtheorie beinhaltet insoweit kein Menschenbild, als sie sich von anthropologischen oder transzendentalphilosophischen Annahmen distanziert. Der Einwand - der im übrigen auch die Entscheidung für den kommunikationstheoretischen Anthumanismus, für den Ausschluss psychischer Vorgänge aus kommunikativen Zusammenhängen, stützt - ist ganz schlicht: hier werden Individuen (in ihrer jeweiligen Singularität) nicht ernst genommen (darum auch der fast etwas manische wirkende Hinweis auf die 6 Milliarden Bewusstsein, oktopodeske Theorieform, etc.) Dass sie, und hier kommt der eventuelle (darum: 'insoweit') Einwand, in früheren Phasen der Theoriebildung, unter dem Konzept 'Reduktion von Komplexität' gewisse Annahmen mit anthropologischen Ansätzen (Gehlen, Herder, etc.) teilt, bedeutet ja noch nicht, dass daraus ein Menschenbild folgt - ein Menschenbild als substantialistische oder universalistische Annahmenaggregat über 'den Menschen'. Die Konzeption ist hier so formal angelegt, dass sie solche universalistischen Anthropologien blockiert (wenig mehr ist ja allein schon im Begriff 'Kontigenz' impliziert: notwendig sind überhaupt keine anthropologischen Annahmen oder Bestimmungen; unmöglich ist es aber auch nicht, dass sich faktisch, also in geschichtlichen Prozessen, spezifische anthropologische Merkmale herausbilden). - Von einem 'Entwicklungsstand' zu sprechen ist, bedenkt man die sequentielle Struktur von Biographien und Karrieren (wenn man denn überhaupt innerhalb des systemtheoretischen Paradigmas bleiben möchte), ziemlich problematisch, soweit in den Begriff teleogische Präsuppositionen ('Stand', und vielleicht auch 'Entwicklung', lassen sich nur verstehen in Relation zu einem festgesetzten Maßstab, einem Ziel, von dem aus Fort- und Rückschritte sich bemessen lassen) eingehen. Wenn man hier überhaupt von messbaren Unterschieden sprechen möchte, muss man die Kriterien offenlegen - es geht allein darum, Hinsichten festzulegen, innerhalb derer nicht allein von Wandlungsvorgängen, sondern tatsächlich von Fort- oder Rückschritten gesprochen werden kann. Vage von einem 'Entwicklungsstand' der 'Person' zu sprechen, bringt nur zwei weitere Begriffsdiffusitäten in einen Bereich ein, der ohnehin so wenig erschlossen ist und in dem es daher angeraten scheinen könnte, nicht zuviele ungeklärte Schrittfolgen auf einmal zu nehmen. Was Theorien ausmacht und in welcher Weise man sie auf unterschiedliche Persönlichkeitstypen bezogen denken kann, um die Problematik auch nur auf die allergröbste Weise zu umreißen, ist so leichthin nicht zu klären.

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    2. Sehr geehrter Beobachter der Moderne,

      leider bin ich gerade in eine Aufgabe verstrickt, und kann nicht angemessen antworten.

      Daher einfach nur: Danke. Der letzte Beitrag war ungemein erhellend.

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  11. @anonym (02.02.2015, 14:43Uhr)

    Man kann die Systemtheorie so lesen. Ich teile diese, wenn ich so sagen darf, Hardcore-Lesart jedoch nicht. Ich sag dazu nur soviel, kein Menschenbild zu haben, ist auch ein Menschenbild. Eine Theorie über soziale Systeme, welche eigentlich ohne Menschen gar nicht emergieren würden, ist für mich nur eine halbe Theorie. Auch eine Kommunikationstheorie formuliert letztlich nur Hypothesen über menschliches Verhalten. Dass Menschen oder Individuen in anthropologischen oder transzendentalphilosophischen Theorien nicht ernstgenommen wurden mag sein. Das Problem war doch aber nicht, die jeweiligen Annahmen, sondern die Rede von DEM Menschen (Kollektivsingular). Das ist sicherlich ein ziemlich absurdes Konstrukt. Wenn man dieses nur negiert, aber diese Redeweise beibehält, hat man das eigentliche Problem noch gar nicht gelöst und es würde sich auch bei kommunikationstheoretischen Ansätzen stellen. Sofern man eine fallbezogene und keine holistische Betrachtung vornimmt, dann ist doch völlig klar, dass man es mit Einzelmenschen und nicht mit DEM Menschen zu tun hat. Das Problem ist also dieses übergeneralisierte, semantische Konstrukt. Auch wenn ich selbst auch Kommunikationstheorie bevorzuge, für die Lösung dieses Problems benötigt man nicht zwingend Kommunikationstheorie.

    Das Argument, dass man Entwicklungen immer nur anhand eines festgelegten Maßstabes unterscheiden kann, ist eine zutreffende Beobachtung. Spricht für mich jedoch nicht gegen eine Entwicklungstheorie. Das Entwicklungsbegriffe ein Ziel unterstellen, kann sein, muss aber nicht. Deine Ausführungen sagen mehr über Deinen Entwicklungsbegriff als über meinen, denn für mich ist für die Beobachtung einer Entwicklung noch nicht die Unterstellung eines Ziels notwendig. Du willst ja wohl kaum bestreiten, dass sich soziale und psychische Systeme entwickeln oder evoluieren. Trotzdem wissen wir nicht wo die Entwicklung endet. Zumindest ich weiß es nicht. Wobei ich natürlich nicht bestreiten möchte, dass man vortrefflich über die Frage, wo eine Entwicklung hingeht spekulieren und streiten kann. Im Übrigen, wenn man von mindestens zwei Entwicklungsrichtungen ausgeht, progressiv oder regressiv, unterstellt das auch noch kein Ziel, sondern unterscheidet zunächst nur zwei verschiedene Entwicklungsformen.

    Mir ist darüber hinaus nicht klar, was für eine Theorie dabei rauskommen soll, wenn man Menschen nicht berücksichtigt und sich auch weithin für die zeitliche Dimension blind macht. Zu bestreiten, dass irgendwas nicht geht, ist einfach und ziemlich billig. Wie man es anders macht, da wird’s erst interessant. Dazu schweigst Du dich leider aus. Mir Vagheit vorzuwerfen, während Du dir leider kaum in die Karten blicken lässt – sorry, das kann ich nicht ernst nehmen. Mehr als eine pseudokritische Abwehr kann ich darin nicht erkennen. Es sollte außerdem klar sein, dass in den Kommentaren nicht der Platz ist meinen Entwicklungsbegriff dar zu legen. Wenn Du wissen willst, was für Vorstellungen über die soziale und psychische Entwicklungen meinen Ausführungen zugrunde liegen, lies meine Blogs. Danach können wir weiter reden.

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    1. Nur ganz kurz. Ich wollte keinesfalls bestreiten, dass sich Systeme, seien es soziale, biologische oder psychische, evoluieren oder entwickeln. Nur hier, in dieser Unterscheidung, nistet schon das ganze Probleme. Denn Evolution und Entwicklung, legt man letzteren Begriff so an, wie ich es skizziert habe, beinhaltet ein Kriterium, einen Maßstab (um nicht von 'Ziel' zu sprechen, aber das ist in der Sache unerheblich, denn mit 'Ziel' war kein in der Zukunft gelegener Zustand gemeint, über den wir allenfalls spekulieren können) und zum anderen eine Hinsicht, einen bestimmten Aspekt oder eine Dimension. Bei einer Diät wäre die Hinsicht, je nachdem, was einem wichtig ist, der Fettgehalt des Körpers, das Körpergewicht, optische Dinge usf. Der Maßstab wiederum wäre eine entweder quantitative (Gewicht, Fettgehalt in Prozent) oder qualitative (schwabblig, drahtig, muskulös, etc.) Festsetzung, die einem eine Orientierung gibt, ob man einen Fortschritt erreicht oder einen Rückschritt hinnehmen muss, ob es besser oder schlechter läuft (man sieht: angespielt wird auf binäre Schematisierung, die ebenso triftig ist, wenn man den Maßstabsrahmen differenziert, etwa nach einem Notensystem von 1-6 - immer geht es darum, Orientierung zu gewinnen darüber, wo man steht). Evolution, Wandel, Veränderung - das sind allesamt normativ (in diesem Sinn!: orientierende Festsetzung eines Maßstabs) unbelastete Begriffe. Auf den Evolutionsbegriff Luhmanns will ich hier jetzt (und kann ich auch gar nicht angemessen) eingehen. Beachung muss an ihm in unserem Zusammenhang nur finden: er formuliert keine Ziele oder Maßstäbe zum einen (welche Variation selektiert wird und welche Selektion wiederum restabilisiert wird, um es etwas formelhaft darzustellen, ist eine Sache des faktischen evolutionären Geschehens), und zum anderen auch keine Möglichkeiten der Prognose. Aber die Prognose ist auch nicht das Interesse des Entwicklungsbegriffs, wie ich ihn verstehe (für Prognosen kann man dann ruhig, als Pleonasmus, 'Entwicklungsprognosen' sagen), er stellt nur einen Rahmen zur Verfügung, innerhalb dessen über eventuelle Veränderungen befunden werden kann: sind sie positiv oder negativ.

      Mehr will ich jetzt zunächst nicht sagen. Dass die Systemtheorie (als deren Fürsprecher ich mich hier unverhofft wiederzufinden, erstaunt etwas, wenn man mit dem 'Beobachter der Moderne' diskutiert) den Menschen nicht berücksichtige und sich für die zeitliche Dimension blind mache - adressiert bin aber wohl eher 'ich' und 'meine Theorie' -, wird ja nun niemand ernstlich behaupten wollen. Insoweit ich aber hier nur, in systemtheoretischer Stellvertreterschaft, einige Korrektur- und Präzisierungsangebote einwerfen wollte, sehe ich mich mit dem Vorwurf auch nicht getroffen. Und ja - wenn man Entwicklungsmodelle (die immer, so wie oben verstanden, einen normativen Anspruch auf einem sehr grundlegenden Niveau implizieren) zumindest zunächst (!) einmal kritisch sieht und jeglichen Arten, wie mit normativem Akzent versehenen Annahmen menschlicher Eigenschaften z.B. in Gesprächen Geltung verschafft wird, Skepsis entgegenbringt, berücksichtigt man Menschen in ihrer Singularität wohl umso stärker (vielleicht auch: überhaupt, statt stärker).

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    2. @anonym

      Den Bedenken zu normativen Entwicklungsbegriffen kann ich mich nur anschließen. Trotzdem möchte ich davor warnen, nur weil jemand von „Entwicklung“ schreibt, gleich zu unterstellen, dass er ihn normativ benutzt. Strenggenommen spreche ich von evolutionären Entwicklungen, was also nichts anderes meint als Evolution. Insofern wäre ich an Deiner Stelle etwas vorsichtiger meine Befürchtungen bezüglich der Verwendungsweise eines bestimmten Begriffs, immer auf die Person zu projizieren, die ihn verwendet. Es wäre vielleicht sinnvoller erstmal zu schauen, wie er ihn verwendet und ob die Verwendungsweise meine Befürchtungen rechtfertigt.

      Ob Du ein Fürsprecher der Systemtheorie bist, weiß ich nicht. Gleichwohl lassen Deine Ausführungen zum Luhmannschen Evolutionsbegriff darauf schließen, dass Du auch nicht mehr ein Systemtheorie-Einsteiger bist und engagiert eine bestimmte sehr an Luhmann orientierte Lesart vertrittst. Ich vertrete letztlich nur einen bestimmten Standpunkt, der auch durch systemtheoretische Argumente gerechtfertigt erscheint. Dabei muss ich aber nicht mit allem übereinstimmen, was Luhmann geschrieben hat, auch wenn ich vieles teile. Daher kann es gelegentlich auch vorkommen, dass es unter Personen, obwohl sie sich demselben Theoriekanon zurechnen, zu Differenzen kommt.

      Allgemein widerstrebt es mir auf der Grundlage von kurzen Blog-Kommentaren, aus denen sich eh nicht die vollständigen Hintergrundannahmen erschließen lassen – und das gilt vermutlich wechselseitig -, in irgendwelche Grundsatz-Diskussionen einzusteigen. Solche Spielchen überlasse ich irgendwelchen Grünschnäbeln, die glauben, nur weil sie ein bisschen was von Luhmann verstanden haben, wären sie jetzt die ausgefuchsten Theorie-Cracks. Ernst gemeinte Anmerkungen, Anregungen oder Kritiken lieber auf anderem Wege, z. B. per Mail.

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