Donnerstag, 30. Januar 2014

Was ist überhaupt "etwas"?

Über den Unterschied zwischen etwas, das nicht nichts, und etwas, das nicht nichts, aber auch nicht etwas ist.


Ein ontologisches Basisproblem besteht in der Annahme, dass es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts gibt. Eine zentrale philosophische Grundfrage lautet daher: "Was ist überhaupt etwas?" Eine erste Antwort, die sich auf diese Frage nahelegen könnte, ist: "Etwas ist nicht nichts." Nicht nichts im Sinne einer Begriffsanalyse: "etwas" ist immer etwas insofern, als es Element der Menge aller gegenständlichen Bestimmtheiten ist, es ist - wie die Logiker sagen - "Element des Universums". Dieser Überlegung zufolge gibt es also nichts, was es nicht gibt. Es gibt alles. Nichts gibt es nicht.

Das passt auch mit unseren alltäglichen Redegewohnheiten zusammen, wenn wir etwa davon sprechen, dass etwas "nichts" ist oder war. Ein solches "Nichts" ist immer nur "nichts" im Sinne doch wieder von "etwas", das nicht Element einer bestimmten Menge ist. "Das war nichts.", geflüstert als Kommentar zu einem merkwürdigen Geräusch aus dem Unterholz, bedeutet eben: Es [das Geräusch], war "nichts von Relevanz, kein Element der Menge der Etwasse, die für uns jetzt hier relevant, bedenklich oder gefährlich wären." Etwas, das nichts ist, ist also "nichts" immer nur in Hinblick auf einen bestimmten Aspekt, es ist nicht etwas von dieser oder jener Art.

Ob aber etwas, das nicht nichts ist, auch immer schon etwas sein muss: DAS ist die eigentlich interessante Frage. Eine Frage, die noch vor Epistemologie und Ontologie - vor der Frage, was wir erkennen können, und der Frage, was es gibt - in deren Ununterscheidbarkeitsbereich hinein ihr Unwesen treibt. Die These ist also: Es gibt Etwasse, die nicht Elemente der Menge der gegenständlichen Bestimmtheiten sind. Wenn es aber etwas gibt, das nicht etwas ist, dann gibt es etwas, das nicht nichts und zugleich nicht etwas ist. Etwas also, das zwar außerhalb des Rahmens sprachlicher Adressierbarkeit, aber innerhalb des Rahmens des Artikulierten überhaupt steht.

Das bedeutet: Wenn etwas etwas ist, dann kann man daraus schließen, dass es nicht nichts ist. Wenn etwas aber nicht nichts ist, kann man noch nicht daraus schließen, dass es deshalb immer auch schon etwas ist. Man hat es beim Lesen wahrscheinlich bemerkt: Hier scheint sich ein Regress eingeschlichen zu haben. Etwas, das nicht nichts ist, ist ja wohl etwas, sonst wäre es ja nicht "etwas, das nicht nichts ist". Wir müssen also, wenn wir hier noch einen Schritt weiter kommen wollen, etwas von etwas, das eine etwas vom etwas anderen etwas unterscheiden:

Etwas, im Sinne all dessen, was ein Element der Menge aller gegenständlichen Bestimmtheiten ist, ist etwas anderes als etwas, das nicht nichts, aber auch kein Element der Menge aller gegenständlichen Bestimmtheiten ist. Diese Etwasse nun markieren den hypologischen Bereich. Sie sind die unteransprechbaren, nicht sprachlich adressierbaren Etwasse, was aber nicht bedeutet, dass sie nur ex nagativo als das Nicht-Begriffliche, Mystische undsoweiter adressierbar wären. 

In der Sprache lassen sich nur Bestimmtheiten adressieren (durch die Sprache lässt sich allerdings sehr viel mehr anzeigen. Durch Rhythmus, Intonation, undsoweiter). Die Sprache ist aber nicht das einzige Medium, in dem wir unsere Bezüge und Konstellationen artikulieren, in welchem wir Adressen als stabile Resonanzen etablieren. Deshalb sind in anderen Medien der Verständigung, etwa in der mimischen Interaktion, auch hypologische Positivitäten adressierbar. Sie können allerdings nicht in den Bereich des Sprachlichen als Bestimmtheiten übertragen, höchstens hier hinein meta-phorisiert, meta-morphorisiert werden: sprachlich sind sie tatsächlich nur als Unverfügbarkeiten adressierbar.  

Aber die Grenzen unserer Sprache sind glücklicherweise nicht die Grenzen unserer Welt.

[tl;dr: Blumen sagen mehr als Worte]

Kommentare:

  1. Um dem Gedankengang mehr Tiefe zu verleihen, wäre es sinnvoll zu präzisieren, was Du unter „gegenständlichen Bestimmtheiten“ verstehst. Sind damit nur materielle, wahrnehmbare Dinge gemeint? Wenn dem so ist, dann gehören die Sachverhalte, die durch Worte wie Relation, Zahl, System, Philosophie, Wirtschaft, Kunst, etwas, nichts usw. bezeichnet werden bereits zu den Nicht-Nichtsen, die keine Elemente der Menge aller gegenständlichen Bestimmtheiten sind. Wenn man nur die materiellen Dinge als Etwasse bezeichnen will, dann gäbe es ziemlich viele Nicht-Nichtse. Man würde die Sprache auf eine reine Objektsprache reduzieren. Da man aber auch die bezeichneten Objekte nur durch ihre Relationen zueinander verstehen kann, ist auch eine Metasprache notwendig, um sich diese Objekte begreiflich zu machen. Ist man bereit zu akzeptieren, dass auch die Begriffe der Metasprache etwas bezeichnen, das von ihnen verschieden ist, dann erübrigen sich sprachliche Konstruktionen wie „Wenn es aber etwas gibt, das nicht etwas ist, dann gibt es etwas, das nicht nichts und zugleich nicht etwas ist.“ Ansonsten fällt mir zu solchen sprachlichen Artefakten immer nur Wittgenstein ein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Und wenn man trotzdem über das Unaussprechliche sprechen will, muss man manchmal einfach nur die Unterscheidung wechseln, anstatt deren Paradoxie offenzulegen.

    Die Grenzen der Sprache sind vielleicht nicht die Grenzen der Welt. Wenn man aber die Grenzen der Welt sprachlich erreichen will, muss man die Grenzen der Sprache erweitern, d. h. sie weiterentwickeln bzw. differenzieren. Zumindest stößt man aber mit den Grenzen seiner Sprache auch an die Grenzen der mit anderen teilbaren Welt bzw. die Grenzen seiner eigenen Ausdrucksfähigkeit. Und dann gilt wieder Wittgenstein.

    Blumen sagen nicht mehr als Worte, sondern drücken dasselbe, was man in Worten ausdrücken kann, nur anders aus.

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  2. Danke für Deine Kritik!

    Zum letzten Punkt: das ist genau die These, die angegriffen werden soll. Es gibt Dinge, die sich nicht in Worten ausdrücken, sondern nur ansprechen/adressieren/"zeigen" (Wittgenstein II) lassen. Und das ist die Mehrzahl dessen, auf was wir uns, wenn man phänomenologische Terminologie verwenden will, "intentional" beziehen. Wir können uns auf Etwasse beziehen, die nicht propositional explizierbar sind. Der Standardintentionalitätstheoretiker würde das verneinen. Für ihnen sind nur sprachlich explizierbare Gegenstände mögliche Gegenstände intentionaler Akte, intentionale Akte erfordern immer eine "dass..." Klausel ("Ich glaube/wünsche/befürchte, dass...").

    Damit komme ich zu Deinem ersten Punkt. Genau, die Definition der "gegenständlichen Bestimmtheit" bleibt im Text explizit. Läuft aber genau darauf hinaus: Gegenständliche Bestimmtheit meint sprachliche Explizierbarkeit. (Die angegebenen Beispiele fallen also allesamt in den Bereich der "gegenständlichen Bestimmtheiten".)

    Das ist genau der Punkt, an dem unsere Perspektiven sich offenbar unterscheiden: Blumen drücken nicht etwas aus, was man alternativ auch in Worten ausdrücken kann. Theoretischer gewendet: Es gibt Etwasse, die wir sinnhaft verstehen, aber nicht sprachlich ausdrücken können. Darunter würde ich etwa mimische Interaktion, stilistische Färbungen, undsoweiter rechnen.

    Der Text verbleibt daher auch nicht auf der Ebene der Konstatierung einer Paradoxie, die wird durch die Unterscheidung von Etwas und (durchgestrichenem) Etwas gerade vermieden (die Unterscheidung wird also gerade gewechselt). Wittgenstein, früh und spät, steht hier - das hast Du richtig gesehen - ganz offensichtlich hinter dem ganzen Textversuch, der sich als Replik auf das zitierte Schweige-Diktum versteht: Es geht nicht darum, eine Paradoxie zu konstatieren, sondern eine tiefergelegte Theorie des Bedeutens zu entwickeln, die Figuren der Form: "Worüber man nicht reden kann...", das Unaussprechliche, Nicht-Identische, undsoweiter gerade vermeidet.

    Der hypologische Positivismus bezeichnet hier ein Forschungsprogramm, das gerade das zu entwickeln versucht: Eine Theorie des sub- und nonverbalen Bedeutens (die uns letztlich auch ein besseres Verständnis sprachlicher Bedeutungen ermöglichen soll).

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  3. Ich muss nochmal nachhaken.

    Wenn man annimmt, dass die These richtig ist, dass sich nicht alles sprachlich explizieren lässt, bringt man sich dann nicht in eine unhaltbare Position? Wenn die These richtig ist, kann sie auch nicht durch Theorie oder Forschung eingeholt werden, mithin sprachlich expliziert und bestätigt werden. Ließe sich doch ein Forschungsprogramm entwickeln, dann wäre die These falsch, denn spätestens mit dem Forschungsprogramm ließe sich das nicht sprachlich Explizierbare doch sprachlich explizieren. Das Andeutbare würde sich doch als das noch nicht Ausdrückbare entpuppen.

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  4. Die Idee wäre, wie Du richtig andeutest, dass sich nicht alles, was etwas ist, auch sprachlich bestimmen lässt. Das heißt nicht, dass es nicht mitunter in und durch Sprache möglich ist, auf das zu deuten, was gemeint ist. Ein performativer Widerspruch droht hier also nicht notwendigerweise. Eher andersherum wäre eine mögliche Konsequenz, dass die entsprechende Theorie/Philosophie sich über die Sprache hinaus auch in extraverbalen Formen der Verständigung entfaltet (ohne dabei esoterisch zu werden). Was es hier gibt lässt sich dann im Sinne Wittgensteins nur "zeigen", nicht "sagen".

    Um das vielleicht nochmal mit Habermas anzudeuten: "Der Bereich des symbolisch ausgedrückten Sinns erstreckt sich nach wie vor über die Sphäre der sprachlich ausgedrückten und mit Gründen verwobenen Bedeutungen hinaus. Mit anderen Worten: Der Raum der Gründe ist in einen nichtverbalisierbaren oder vorprädikativen Sinnhorizont eingebettet. Er wird durch eine Zone von nichtsprachlichen Darstellungen und Praktiken begrenzt, deren Bedeutung zwar kommentiert, aber nicht diskursiv erschöpft werden kann."

    Das Problem entsteht wohl mitunter dadurch, dass ich die Begriffe "adressieren" und "explizieren" im Text nicht immer präzise gebraucht habe. Versuchsweise könnte man "adressieren" als "anzeigen" und "explizieren" als "begrifflich bestimmen". Die Thesen wären dann im Einzelnen: 1. Es gibt Etwasse, die sich sprachlich anzeigen, aber nicht sprachlich bestimmen lassen. 2. Es gibt Etwasse, die sich weder sprachlich anzeigen, noch sprachlich bestimmen lassen. Durch andere Medien der Verständigung lassen die sich aber dennoch als stabile Resonanzen etablieren. So etwa. Auch letztere These wäre dabei nicht unhaltbar, wenn sich Wege der Etablierung solcher Resonanzen finden lassen.

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  5. Rein formal, kann ich mit Deinem Argument mitgehen. Ich würde es so ausdrücken: Die (Um-)Welt lässt sich nicht Eins zu Eins in der Sprache abbilden. Es wäre aber verfrüht an dieser Stelle zu stoppen. Erstens gewinnt die Sprache ihren Reichtum an Ausdrucksformen nicht durch die Zeichenfunktion der Worte, sondern durch ihren Kombinations- und Variationsreichtum. Sprache steht auch nicht still, sondern entwickelt sich weiter. Vor 200 Jahren war an Fernseher oder Computer noch nicht zu Denken und damit auch nicht zu Sprechen. Heute deuten wir wie selbstverständlich mit den entsprechenden Worten auf diese Gerätschaften. Der Wechsel in die Zeitdimension liefert das zweite Argument. Während sich vielleicht rein logisch eine Diskrepanz zwischen Sprache und vorsprachlichen Eindrücken konstruieren lässt, löst sich diese Diskrepanz in evolutionärer Perspektive wieder auf. Sie ist weder soziogenetisch noch psychogenetisch haltbar.

    Wenn ich Deine These z. B. psychologisch lese, dann läuft sie für mich auf eine neue Theorie des Unbewussten hinaus. Habermas‘ Formulierung „Der Raum der Gründe ist in einen nichtverbalisierbaren oder vorprädikativen Sinnhorizont eingebettet.“ klingt für mich ziemlich danach. Mithin lassen sich in der Psychologie bereits Ansätze finden, die mit einer Theorie vorsprachlicher Zeichen arbeiten. Wirf mal einen Blick in Thomas Szasz‘ „Geisteskrankheit – ein moderner Mythos“, speziell das Kapitel über Sprache und Protosprache. Protosprache bezeichnet genau dieses vorsprachliche Deuten durch Verhalten. Bei diesem Ansatz kommt dann unter anderem das Wissen des auf diese Weise sich Mitteilenden in den Blick. Es sind dann gerade eher weniger gebildete Personen, die sich mit Hilfe einer Protosprache versuchen mitzuteilen, eben weil sie bestimmte Ausdrucksmöglichkeiten, also Begriffe, nicht gelernt haben.

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  6. Eure Diskussion ringt um die Kontur der Unterscheidung zwischen einem weiteren Begriff von Erfahrungssinn und einem engeren Begriff von Sprachbedeutung...den Beobachter der Moderne möchte ich gerne darauf hinweisen, dass das die hier relevante Abstraktionsbasis für die begriffliche Arbeit an hypologischen Phänomenen kein Argument ist, das überzeugt, sondern Erfahrung, die betrifft...die leitende Frage lautet doch: Auf welche Weise wird eine Sinnbildung, die sich nicht von einer Sinngebung durch das intentionale, sprachfähige Bewusstsein herleiten lässt, dennoch für das Bewusstsein erfassbar? Die Spur der Antwort: Eine derartige Sinnbildung bekundet sich für das Bewusstsein, indem sie die Form einer Erfahrung annimmt...Und trotz aller Lieber zur sanften Persuasion: Die Aufmerksamkeit muss daraufhin geöffnet werden, sich den Spannungsfeldern von Sinngenesen, die Sprach- und Bewusstseinsintentionalität übersteigen, zu stellen. Die meisten benötigen dafür eine hinreichende existenzielle Krise, andere lesen Husserl, Hogrebe oder Musil... "Einsamer, Du gehst den Weg zu Dir selber! Und an dir selber führt kein Weg vorbei, and an deinen sieben Teufeln!"

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    1. „Auf welche Weise wird eine Sinnbildung, die sich nicht von einer Sinngebung durch das intentionale, sprachfähige Bewusstsein herleiten lässt, dennoch für das Bewusstsein erfassbar?“

      Es empfiehlt sich nach funktionalen Äquivalenten zur Lösung dieses Problems zu suchen. Weitere und vermutlich wesentlich effektivere Möglichkeiten die Aufmerksamkeit auf Sinngenesen zu richten, welche die Sprach- und Bewusstseinsintentionalität übersteigen, sind vermutlich Religion, eine konsequente Selbstreflexion oder die Konsultation eines Therapeuten.

      Psychisch vermittelt eine nicht sprachlich fassbare Erfahrung allenfalls ein Gefühl, dass da irgendwas ist. Sofern man nicht in der Lage ist, es zu versprachlichen, bleibt es auch nur irgendwas, von dem man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Erst der Versuch es zu versprachlichen, bietet dann auch die Möglichkeit es zu begreifen. In sozialer Hinsicht muss Erfahrung sprachlich fassbar werden, damit sie soziale Relevanz gewinnen kann. Ansonsten kann man nur darauf hin deuten, es andeuten – egal ob mit Worten oder Verhalten. Dadurch wird die Aufmerksamkeit allerdings nicht auf das Hingedeutete gelenkt, sondern zunächst nur auf den Deutenden, also die sich auf diese Weise mitteilende Person. Und es stellt sich die Frage, was das Angedeutete anderes sein kann als die nichtartikulierbare Erfahrung des Deutenden? Mit anderen Worten, die Selbstreferenz des Mitteilenden drängt sich in den Vordergrund. Daher ist die soziale Funktion non-verbalen Deutens auf das psychische Erleben des Deutenden hinzudeuten – allerdings ohne, dass dadurch bereits spezifiziert wäre, auf welche Erfahrung dadurch gedeutet wird. Hier kommen dann wieder die oben benannten Varianten ins Spiel, das herauszufinden.

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    2. Leider drängt meine Zeit, aber so muss ich doch: "In sozialer Hinsicht muss Erfahrung sprachlich fassbar werden, damit sie soziale Relevanz gewinnen kann" - Wenn das die Erfahrungsgrundlage ist, von Der aus Du sprichst, dann bleiben wirklich nur Religion oder Konsultation, vielleicht auch psychedelische Drogen. Wie soll ich denn zu jemand sprechen, der die Systemtheorie auswendig gelernt hat, und darüber verdrängt, dass bei aller virtuosen Funktionalisierung ER es ist, der spricht? Maximaler-Konkretions-Hyperdrive an, falls nicht, viel Spaß in der Theorie, aber ich spreche im Namen des Vorhabens, die Philosophie als Form des Möglichen zu behüten...

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    3. Um nicht ganz so pampig zu wirken - bin ich nämlich nicht - hier eine Einladung zur Güte:

      "Wir müssen zumindest propositionalen Gehalten eine Eigendynamik zugestehen. Diese besteht darin, daß sie sich in einem von uns flüssig oder beweglich gehaltenen Spiel von Zeichen nach Art einer spontanen Musterbildung von selbst einstellen können. Gedanken suchen sich gewissermaßen ihre wörtliche Repräsentation bei von uns gegebener wörtlicher Variabilität manchmal selber. Gedanken haben manchmal attraktive Energien für ihre Verwortung, sie ziehen Worte an. In solchen Fällen folgen wir einem Gedanken und es kann uns durchaus Mühe bereiten, ihn in Worte zu fassen. Und für diese, über jeden gegebenen staus-quo unserer immer nur nachgearbeiteten Sätze, hinausreichende Orientierung am Gedanken steht die Ahnung. Sie erhält so universelle Bedeutung für unserer verstehende Kompetenz: per Ahnung hält unser Verstehen Anschluß am Gedanken, ein Anschluß, aus dem unsere sprachlichen Repräsentationsbemühungen eine Direktive erfahren. Ahnungen bezeugen unsere dianoetische Sensibilität, über die wir Kontakt mit noch nicht oder noch nicht vollständig oder deutlich gefaßten Gedanken halten. Ahnungen sind keine Organe unserer Fertigkeiten, sondern ihre Sensoren, die sich durch propositionale Gehalte schon getönt fühlen, noch bevor sie formuliert wurden. Ahnungen 'tunneln' Propositionen und bahnen Kontakte zu Sachverhalten, die schon existieren, bevor sie bestehen. Wenn es Ahnungen wenigstens in diesem Sinne nicht gäbe, könnten wir weder einen neuen Satz formulieren noch überhaupt in einem nennenswerten Sinn verstehen, wenn denn nennenswert hier besagt: Über das Wörtliche hinaus verstehen."

      An einer Stellte ihre Luhmann nun in jedem Fall: dass die Fenster im philosophischen Lehrsaal höher hängen als im soziologischen. Vielleicht sollte man einfach niemand zu sehr vertrauen, der zur Frage nach der Generierung von Sozialität die Figur der doppelten Kontingenz vorschlägt. Angesichts von Affekten, Situationen und Aktaufbaten, welche die Konkretion der Gesellung erfahrbar leiten, scheint der nur-differenzielle Zugriff auf das Soziale fraglich. In der Gleichgültigkeit des Differenzialismus, ob es tatsächlich gibt, was ein Beobachtungsstandpunkt zu sehen gibt, lässt er immerhin seine stützlose Selbstreferenzialität und seine Verwahrung der Paradoxie aufrichtig sehen. Doch die Welt wird eröffnet in einem unbestimmten Gefühl von Selbstbefindlichkeit und Aufgehen von Weite und Dauer. Die Dinge sind ('noch') nicht geschieden, weder von einander, noch von deren Gefühl im Dasein. Die Sinnautopoesis des Bewusstseins - sowie der Kommunikation - wurzelt in einem solchen Bereich und setzt ihn voraus. Sie ist dieser Bereich nicht, noch kann sie ihn, wenn sie in ihrem Selbstvollzug ihre Begrenzung durch ihn in sich reflektiert, erschöpfen. Die welterchließende urtümliche Affektregung des Daseins ist kein System und kreist nicht in sich wie eine autopoetische Struktur. Sie ist die Grenze, die als letzte Differenz alle Systeme nährt. In Wirklichkeit hängen also die Fenster im philosophischen Lehrsaal tiefer, was wegen der erst spekulativen, dann theoretischen Selbstmissverständnisse vieler Philosophen wohl synästhetisch mit der anfänglichen Architektur kollidierte. Doch nichts für ungut: Lieber Beobachter, bist Du schon auf die Funktionalisierung des Weltproblem spezialisierte Differenz, oder begehrst Du noch nach kompexeren Formen der Selbstverortung als forschender Bezug zum Irrelativierbaren? Jemand liebt Dich, subsemantisch, sozusagen. Fühlst Du's, oder kannst Du nicht mehr, weil die Theorie so weh tut, dass ihr Träger sich letzten Endes doch selbst verachtet?

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    4. Schon blöd, wenn man mitkriegt, dass man dem Diskussionspartner sprachlich nicht gewachsen ist, nicht wahr? Mehr als mich blöd auf Systemtheorie anzumachen, fällt dir nicht ein? Wenn du meinen Blog mal lesen würdest, könntest du mitbekommen, dass ich gerade daran arbeite, diesen sozialen Bias der Systemtheorie wieder etwas auszugleichen. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich es bin der hier schreibt – und nicht spricht, soviel sprachliche Präzision muss schon sein. Ich schreibe nicht aus Theorie sondern aus Erfahrung. Mit einem entsprechend reichen, erfahrungsgetränkten Sprachschatz geht das auch. Das hat nichts mit Systemtheorie zu tun. Dann muss ich mir auch nicht solche Wolkenkuckucksheime abspinnen wie:

      „im Namen des Vorhabens, die Philosophie als Form des Möglichen zu behüten“

      Kriegst du eigentlich noch mit, was das für ein leeres Gequatsche ist? Wenn etwas reine, empiriefreie Theorie ist, dann ja wohl das. Aber wie heißt es so schön: Einbildung ist auch eine Bildung, gelle?

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    5. Na siehst Du, endlich habe ich Dich gesehen! Tut mir leid, dass Dich mein Duktus stört. Reine empiriefreie Theorie also...warum bist Du auf dem systemtheoretischen Nerv nur so reizbar? Wirst Du öfter darauf angesprochen? Aber nun neben aller pubertären Züge auf beiden Seiten: Wo finde ich denn Dein Blog? Wüsste gerne mehr über den Bias, der wir sînd!

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    6. Ich habe Deinen Blog gefunden! Er scheint überaus klug! Ich werde versuchen, mich an ihm zu bilden! Ein erstes Überfliegen hat meinen Verdacht, dass Du die Systemtheorie für das Mittel der Wahl betrachtest, leider nicht entkräften können. Um das Wolkenkukucksheim herunter zu holen: Ich bezweifle, dass die Systemtheorie ein philosophisches In-Form-Kommen des selbst- und welt-besorgten Daseins leisten wird. Doch wie gesagt, ich werde respektvoll in Deinem Blog nach Spuren fanden, die mich eines besseren belehren. Aber warum ist ein Systemtheoretiker so gereizt, wenn man ihn einigermaßen elaboriert - bin kein Experte - auf sein Durchdrungen-Sein von systemtheoretischen Gestus anspricht? Ist das eine déformation professionelle, die daher rührt, dass das Kennen der Systemtheorie und das Können der je eigenen Existenz nichts wesentliches miteinander zu tun haben?

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    7. Ich liefere als trotz aller hervorgeblitzter Schärfe meinen reizbaren Nerv als Angebot, denn im Grunde bin ich ja dankbar, dass wir uns überhaupt sprechen äh schreiben können. Als Novize, aber Verfechter der Phänomenologie, und in Geschichten-Verstrickter bekomme ich nur sehr selten die Chance, der Möglichkeit, Begriffe zu schöpfen, die Du darstelltst, zu begegnen. Der "Beobachter der Moderne" ist mir in diesem knappen Gefecht quasi schon zu einer gemochten Begriffsperson geworden, die ich bewundere, aber der ich auch misstraue. Also, wie gesagt, meine Schwäche: Wenn ich zu wittern meine, dass jemand sich in eine Abstraktionsbasis verläuft, die Epimelesthai sautou und Gnothi sauton auf eine Weise zu denken scheint, die mir als Vollzugssinn des Zweiklangs von Erkennen uns Sorge fremd ist...Ich bin "Der Fuchs": Sollen wir einander Begriffspersonen sein? ( ) ja ( ) nein ( ) vielleicht

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    8. Ich arbeite unter anderem mir systemtheoretischen Theoriefiguren und ja ich kann mit systemtheoretischen Begriffen mein Erleben ganz gut ausdrücken - aber eben nicht nur. Sicher lässt sich das immer noch auf eine bestimmte sozialwissenschaftliche Theorietradition zurückführen. Die beginnt aber eben nicht erst mit Luhmann, sondern schon viel früher und lief nicht immer unter dem Titel Systemtheorie. Ich verstehe mich primär als Soziologe und nicht als Systemtheoretiker. Irgendwann beginnt man sich aus dem Theoriegebäude zu emanzipieren, in das man mal reingewachsen ist. Diese Entwicklung steht dir anscheinend noch bevor. Mich auf Systemtheorie reduzieren zu wollen, zeigt eigentlich nur, was für einen begrenzten Horizont du hast.

      Im Übrigen hast du für eine Argumtenation bisher nur Introspektionen benutzt. D. h. du hast zunächst mal nur beschrieben, wie dein Erleben so funktioniert - oder zumindest, wie du dir das vorstellst. Woher willst du aber wissen, dass es bei anderen genauso ist? Richtig, das kannst du nicht. Insofern könnte man dich auch so verstehen, dass du anderen Leuten versuchst zu erklären, wie sie zu denken haben sollen. Und es ist so leicht, dem zu widersprechen. Damit hat man dann erstmal nur das soziale Grundproblem expliziert, dass verschiedene Menschen die Welt unterscheidlich erleben können. So, und nun?

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  7. Zu beachten bleibt aber natürlich das "Paradox des Ausdrucks", wie es Waldenfels konstatiert: Gesetzt, der Erfahrungssinn führt zu einem Zu-Sagenden, und die Performanz sprachlichen Ausdrucks zu einem Gesagten, dann ist das Zu-Sagende nichts Sprachliches, wilder, noch nicht gebändigter Sinn; aber auch nichts Außersprachliches, da es nicht von Worten zu trennen ist, die zu der Möglichkeit seines Ausdrucks führen. Der Erfahrungssinn gehört bereits ins Umfeld oder Vorfeld des Ausdrucks, obgleich er mit keiner Ausdrucksbedeutung zusammenfällt...

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  8. Um auf den Anfang zurück zu kommen: Geht es nicht eigentlich um die pointe von Etwassen mit Strich durch? Bei Derrida, zuvor bei Heidegger hat man ähnliche écriture gesehen. Sie hatte gute Gründe: Überwundene Worte wurden auch noch als Ruinen gebraucht, als grundformatierte Leerstellen für Analoges oder Lokal für neues Richtige.
    Ähnliches sinnt offenbar der Blog-Autor uns an: Wenn man etwas, das nicht nichts, aber auch nicht etwas ist, korrekt aufrufen will, sagt und schreibt man am besten: "Etwas, Strich durch". Klingt nur scheinbar fast wie Gottfried Benn, abends, Kurz-Autobiographie, Small talk mit Karyatiden. Könnte eher ein Key-Word sein zur Frage des Erkenntniswerts literarisch vermittelter Einsicht.
    Im Abendland hießen die frühen Literaten Troubadoure, Trovatori, Finder und Erfinder (von Wahrheit?). Haben sie die Kategorie "Etwas, Strich durch" gebraucht, um vom Erkenntniswert ihrer Sache überzeugend zu reden?



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    1. Zugegeben, diese Form des Orthographischen Ringens um Relevanz, die nicht schon Sprache ist, mag als stilistische Effektspielerei missfallen - dient er der Sache, um die es uns zu gehen scheint, trage ich sie als Versuch des Autors gerne mit. Seien wir ehrlich: Das Wie des rationalen - nicht rationalistischen - Vordringens in Bereiche nicht des Wissens im Stile »getunter« Meinung, sondern in Bereiche tastender Vergewisserung, nicht in abstrakte Areale des Habens von Gedanken, sondern in die Wüsteneien ihrer Findung, und das nicht am hellen Tag gut geprüfter Theorien, sondern in der Dämmerung von Stimmung, Ahnung und Mutmaßung, gibt wahrlich einige Rätsel auf. Das die vormaligen Entdecker unsere Aufmerksamkeit ohne ein "Etwas, Strich durch" auf semantisch-phänomenologische Differenzen zu lenken vermochten, könnte daran liegen, dass sich ihr Zeigen zu Zeiten prä-inflationärer Semiosen ereignete, die Möglichkeiten des Ausdrucks waren noch nicht ins apparativ-unermessliche perpetuiert...zudem scheint mir das Wie des Aufmerksam-Machens in unserem Fall doch eine motivierte Beziehung zum Worauf des Aufmerksam-Machen, nämlich auf die Grenzen der Belastbarkeit eines vertrauten, lieb gewonnenen epistemischen Ankers, der Schrift, zu unterhalten...dass das hier Angedachte so allein nicht in die notwendige Offenheit der Aufmerksamkeit gerät, versteht sich von selbst - aber als augenzwinkernde Einladung, sich das auslegende, nicht hinlegende Übernehmen der eigenen Erfahrung zuzutrauen, ist es doch nett, zumal hier zum ersten Mal im Gewand einer Metaphysik, die lächelt...

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