Freitag, 20. April 2012

„Ich bin mit meinen Dateien am Ende“ (Der lolle Mensch) - Ein geöffneter offener Brief an das Internet


Folgende E-Mail von einer mir unbekannten Adresse erreichte mich über meinen Spam-Ordner. Wollte sie nicht vorenthalten und veröffentliche sie hier; das Einverständnis des anonymen Verfassers vorausgesetzt (Hervorhebungen von mir): 
Hochverehrtes Internet,

"Frisierter Nie Che"
ich bin mit meinen Dateien am Ende. Ich habe mich durch Deine überfüllten Arsenale geklickt. Habe jedes Kilobyte, das ich bei Dir finden konnte, mit Lesezeichen versehen und akkumuliert, bis es in meinen clouds nur noch gewittert hat. Ich habe Datenbanken angelegt, neue Ordner erstellt, denen ich keine sinnvollen Namen mehr zu geben wusste, ich habe Material zu Themen gesammelt, von denen ich glaubte, sie würden mich interessieren, um nur immer mehr Themen zu finden, mit denen ich mich gerne auseinandergesetzt hätte, um immer nur wieder zu bemerken, dass meine Zeit nicht reichen wird, das alles zu verarbeiten, habe mich Stunden durch Urwälder von Musik geschlagen, die ich inzwischen keinen Stilrichtungen mehr zuordnen kann, habe blitzgescheite Aufsätze gelesen, bei denen mir kein offizieller Titel mehr anzeigte, ob sie eigentlich wichtig sind. Ich bin über alle Foren gegangen und habe jeden Thread kommentiert: „Ich suche Orientierung! Ich suche Orientierung!“ -- 

Als dort einmal zufällig viele von denen online waren, welche nicht mehr an Orientierung glaubten und die mich wohl für einen Offliner hielten, erregte ich damit ein großes Amüsement. "Ist er denn verlorengegangen?" schrieb der eine. "Hat er sich verlaufen wie ein Kind?" kommentierte ein anderer. "Oder will er uns nur veralbern?" "Fürchtet er sich vor uns?" "Ist er noch nicht angekommen im digitalen Zeitalter? ^^" – so schrieben und lolten sie durcheinander. Ich habe versucht, ihnen meinen Ernst zu beweisen, hackte mit Großbuchstaben weiter. »WOHIN IST DIE ORIENTIERUNG?« schrieb ich, langsam in Rage geratend »ich will es euch sagen! WIR HABEN SIE VERUNMÖGLICHT – ihr und ich! Wir alle sind ihre Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns die Wolken, um den ganzen Horizont damit vollzustopfen? Was taten wir, als wir unsere Lebenswirklichkeit immer weiter von der Enge unserer beschränkten Gegenwarten losketteten? Wo befinden wir uns, wenn wir im Internet sind? Wohin bewegen wir uns hier? Fort von allen Gegenwarten? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Brüllt uns hier nicht die pure Überfüllung an? Ist es nicht wirrer geworden? Kommen nicht immerfort Daten und mehr Daten? Müssen nicht Algorithmen unser beschränktes Aufnahmevermögen ersetzen? Hören wir noch nichts von dem Lärm, dem wir keine Ordnung mehr ablesen können? Die Orientierung ist futsch! Die Orientierung bleibt futsch! Und wir haben sie zerstört! Wie trösten wir uns, die Verunmöglicher aller Verunmöglicher? Ist nicht die Menge aller Daten viel zu groß für uns? Müssten wir nicht selber zu Algorithmen werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Menge an Daten – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Daten willen in eine verwirrtere Gegenwart, als alle Gegenwart bisher war!« – Dann schrieb ich nichts mehr und ließ nur die Seite wieder und wieder neu laden: keiner antwortete mehr. Endlich fiel mir meine Leuchte vom Desktop, daß sie in Stücke sprang und nur noch mild vor sich hin dämmerte. »Ich schreibe zu früh«, schrieb ich, »ich bin noch nicht an der Zeit. Die Menschen glauben immer noch, sie seien in ihrer Desorientierung eigentlich orientiert. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis ins Bewusstsein der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Daten brauchen Zeit, auch nachdem sie schon online sind, um gesehn und gelesen zu werden. All diese Daten sind vielen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie sie mit produziert!« – 

Man erzählt noch, daß ich desselbigen Tages in verschiedene weitere Foren eingedrungen sei und darin meinen Abgesang auf die Orientierung angestimmt hätte. Von Administratoren exkludiert und in E-Mails zur Rede gestellt, habe ich immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Foren noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler der Orientierung sind?«

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