Montag, 12. März 2012

Missverstandene sokratische Ironie sucht einen Notausgang

[Re-entry vom 26.09.11]
Ein philosophisches Bilderrätsel: 
 
[Mäeutik: x ≈ Ich verstehe nichts // Wittgenstein: Jeder Fliege ihren Ausgang]

Kommentare:

  1. Im Wörterbuch der Brüder Grimm heißt es, das Fliegenglas sei ein „glas mit engem halse, in dem sich fliegen fangen.“ Dieser Ausdruck werde auch bildlich genutzt, etwa wenn sich Menschen durch Versprechungen einlullen lassen.[1]

    Ludwig Wittgenstein verwendete das Fliegenglas in seinen Philosophischen Untersuchungen ebenfalls bildlich: „Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (§309)

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  2. Indes, hat Wittgenstein nicht offenkundig auch die Fliege bildlich verwendet?! Und zwar fast als das wichtigere Bild, wie man anhand der Schmerz-Diskussion in den §§ 284-309 PhU sehen kann.
    In § 284 liest man: "Schau einen Stein an und denk dir, er hat Empfindungen! - Man fragt sich: Wie konnte man auch nur auf die Idee kommen, einem Ding eine Empfindung zuzuschreiben! - Man könnte sie ebensogut einer Zahl zuschreiben! - Und nun schau auf eine zappelnde Fliege, und sofort ist diese Schwierigkeit verschwunden und der Schmerz scheint hier angreifen zu können, wo vorher alles gegen ihn, sozusagen, glatt war."
    Es scheint, man könne vor diesem Hintergrund § 309 genauer verstehen: als Bild für Philosophie als Theorie erfolgreicher Migration aus Schmerzangriffsgebieten. Das klingt eigentlich weniger analytisch als klassisch (Platon, Epikur, Stoa und so) bis neoklassisch (Heidegger, Levinas, Ted A. D'Ornos Schmerz-Apriori und dem Pathozentrik-Diskurs).

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  3. Sowas - möchte da ein Wittgenstein sogar den Tieren eine gewisse Relevanz zukommen lassen? Warum wählt er nicht den Stein, der das Glashaus durch die Scheibe verlässt?

    Sind nicht auch Notausgänge ausgetretene Wege?
    Man könnte dagegen halten: Sei ein Stein und schaffe dir Deinen Weg!

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  4. Freiheit ist doch die Kontingenzformel der Ethik. Aber Ethik ist Transzendental.

    Transzendentale Freiheit für eine Fliege? Ob sich darin Wittgenstein und Fuchs treffen? Oder ist dann doch ein wenig zu viel der Moral?

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  5. Nun, wenn man die Literatur zu Wittgenstein und der Tierethik und Animal Minds nicht kennt, findet der flotte Netzler ein paar Angebote unter Google "Wittgenstein animals".

    Bei der These: "Ethik ist Transzendental" geht wohl einiges durcheinander. Erstens soll "Transzendental" hier wahrscheinlich "transzendental" bedeuten, zweitens gälte die These dann immer noch nicht für alle Ethik (z.B. die Utilitaristen oder narrativen Ethiker hätte wohl Einwände) und drittens ist der Begriff "transzendentale Freiheit" Kantisch konnotiert und meint in der KrV "absolute Selbsttätigkeit" im Sinne von Spontaneität (einen Zustand von selbst anfangen). Ob man sich hierein näher vertiefen soll, oder, wenn man ein Fuchs ist, lieber die Fliege macht - wer kann das wissen?

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