Freitag, 20. Januar 2012

Lebens-Kunst-Nischen XXII: Zur Welt kommen. Zur Sache kommen


(Einladung zur Teilnahme vs. "Krise des Arenabewusstseins")
Wer Philosophie über die Probleme identifiziert, die sie jeweils zu lösen versucht und beansprucht, wird schnell darauf aufmerksam, dass eine Philosophie der Selbstorientierung andere Schwierigkeiten zu diskutieren hat als eine Philosophie der sicheren Erkenntnis. Selbstorientierungsphilosophien suchen ihren Halt nicht in letzten Tatsachen sondern in spezifischen Arrangements derjenigen prozesshaften Beweglichkeit, die man sonst "das eigene Leben" nennt (--> Selbstaneignung). Nachdem Rafael Horzon hier schon theoretisch und praktisch einiges vorgearbeitet hat, liefert S. diesmal einen Vierschritt gelingender Weltaneignung nach der ersten Welteröffnung:

Erst einmal das Dringendste aus der Bahn arbeiten, um einen Spielraum möglichen Anderstuns zu erschließen..
Das Dringlichkeits-Apriori: 
"Bei einer genaueren Analyse zeigt sich, daß niemals die Zeit als solche drängt, sondern der Drang als solcher Reihenfolgen zeitigt; an deren uns zugekehrten Spitzen stehen immer die Dinge, die wir als unumgängliche Dringlichkeiten erleben. Unter dem Druck des Dringlichen vollzieht sich die Umandlung von Notwendigkeit in Erste Selbsthilfe."
..etwas anfangen...
Das Initiativ-Apriori:
"Es besagt zunächst nicht mehr, als daß Menschen, um zu einer Welt zu kommen, etwas anfangen müssen -- ohne eigenes Anfangen keine Welt. [...] Das Mitsichanfangen, von dem hier die Rede ist, bedeutet buchstäblich: Sichanfangen. Man muß diese Redewendung hören, als hieße sie: Sichscharfmachen, wie eine Bombe; Sichzururaufführung bringen, wie ein noch nie gespieltes Stück; [...] Sichübernehmen, wie ein bisher untragbares Gewicht [...]."
..nie das allerwichtigste vorbereiten..
Das Zurückstellungs-Apriori  ["Das Prinzip Aufschub"]:
"Durch Zurückstellung entstehen Vorfelder zu den Hauptsachen, und solche Vorfelder lassen sich beleben, bewohnen und bewirtschaften. Man darf behaupten, daß Lebenskunst über weite Strecken sich auf die Kunst der Nebensachen bezieht, wie es auch Anhaltaspunkte für die Vermutung gibt, daß ein gut Teil des wirklichen Lebens sich nicht auf dem Spielfeld, sondern im Seitenaus abspielt, nicht während des Hauptprogramms, sondern in der Pause. [...] Wie jeder sieht, spielt sich heute ein kultureller Ansturm ins Vorfeld ein, das Leben wird für echte Metropolitaner zum Zehnkampf im Leichtnehmen aller Disziplinen."
 ..und damit trotzdem auftreten.
Das Bühnen-Apriori:
"Kulturen sind [...] nicht nur soziale "Systeme", in denen Entbindungen stattfinden, wo Dringlichkeiten verarbeitet, Initiativen ergriffen und Vorfelder zur lockeren Pflege der zweitwichtigsten Dinge eingerichtet werden. Sie sind vor allem bühnenbauende Systeme. [...] Das Zurweltkommen von Menschen verweist von Anfang an auf die Bühnen und Arena-Eigenschaften der Welt als solcher. [...] [Was es gibt], ist eine Krise des Zurweltkommens, eine Krise des Arenabewußtseins und des Glaubens daran, daß Menschen Wesen sind, die völlig zur Welt kommen können, um ganz von dieser Welt zu sein."
(Alles jeweils aus: Sloterdijk, Zur Welt kommen. Zur Sprache kommen.)

Kommentare:

  1. Schön und klug, das alles. Aber: Wir wollen M., nicht S. lesen!

    AntwortenLöschen
  2. Der Sitz schon in der Hinterstube und bereitet den nächsten Coup vor..

    AntwortenLöschen