Montag, 10. September 2012

Zwischen Pathologie der Distanz und Präsenzen-Fanatismus: Die BEFERNUNG DER GEGENWART


Ob Gegenwart distanziert oder Nähe, Ereignis und Präsenz glorifiziert werden sollten ist eine Frage mit einem sehr spezifischen Nicht-Gewicht. Authentisch wirbt selten einer für Weltdistanz, wenn auch "Pragmatismus" und "Rationalität" für gewöhnlich gleichmäßig kalkulierbare Lebensrhythmen bevorzugen, gerne auch wider eigenen Empfindens Gleichförmigkeit der eigenen Stimmungen und Antriebe behaupten: mittlerer Abstand zur eigenen Existenz bittesehr! Glättet die lokalen Maxima: ruhiger, mittelstarker Wellengang rhythmisiert das halbergriffene Leben für bis zu 30 Jahre länger! Der existenzielle Tretbotverleih bietet erwartbare Restabenteuer ohne Verlustrisiko und mit Garantieversprechen auf Verbleib in der Komfort-Zone mit langfristiger Befestigung der Gegenwart: Welt der indirekten Temperierung - der Mikrowellen und Induktionsherde. Der launische, der unkalkulierte, der widerspenstige Mensch wird pathologisiert, "hat sich nicht im Griff", "schießt immer über das Ziel hinaus". 

(Foto: Velo Steve; CC BY-SA 2.0)
Diesem Phantasma gegenüber steht der alte manische (scha-) Existenzzauber: Genieße den Augenblick, "heute ist schon morgen nie wieder", das dramaturgische Pathos des "Jetzt oder nie": kairologische Schattenmeditation zur letzten Wiederaufplusterung einer lauwarmen Gegenwart: Erleben SIE JETZT HIER zum ersten und letzten Mal existenzielle Stromschnellen mit ECHTER Gefahr und ECHTEM Risiko: "Es kann ihnen hier wirklich etwas passieren!" Rucksackreisen mit unsicherer Aussicht auf Verlust der letzten Komfortrefugien wie Kreditkarte und Mobiltelefon, alle Milchquark-Mahlzeiten werden bei uns schon frühzeitig über Bord geworfen. Das einzige, was wir ihnen noch versprechen, ist die Unvollständigkeit ihrer kleinen intensiven Narration, irgendwo wird immer etwas fehlen, das sie dann noch früh genug zu spät bemerken. Aber auch von hier aus hin und wieder ein gehässiger Blick zu den daheimgebliebenen Schafen in der Komfortzone: Lauwarmes Leben, lauwarme Welt: Mittelklasse-Utopien.

Als Alternative bleibt heute offensichtlich nur noch die BEFERNUNG DER GEGENWART. Ein befreundendes Distanzieren, freundliches Entstellen der Dinge, "Ironie der Sachen", keine Ironisierung. Unaufgeregt-euphorischer Verbleib im driftenden "Weg" des "Da", halbangehalten, halb Passant, halb Passagier. Mittendrin UND nur dabei.

Kommentare:

  1. "Mittendrin" ist wohl ein unüblicher aber zumindest theoretisch schönster (erreichbarer?) Standort für diejenigen, die bloß dabei sein wollen. Denn: Lässt nicht, at least in every-day life, erst eine gewisse Distanz vom "Mittendrin" wirklich in ein Bloß-dabei-Sein los?

    Frecher: "Mittendrin UND nur dabei" könnte ein Slogan sein, gar (aber nur aus Sicht einer gereizt-gespreizten Hermeneutik des Verdachts) auch Jargon für eine systemtheoretische Illusion, die heiter weiter, aber ernst falsch, an der logisch unplausiblen These hängt, dass man als Beobachter mehr vermag als maximal beim Phänomen immer direkt nebendran (oder: direkt gegenüber) zu sein - und, bitte schön, bei bestmöglichen Sichtverhältnissen!

    Luhmann hat das verstanden. Und hat vielleicht gerade deshalb so gern und lang in Oerlinghausen (bei Bielefeld, Berlin, Paris, London, New York, Washington, Harvard, Yale und Paderborn) gewohnt. Und gerade so "allgemeine Theorie" gemacht - oft auf dem Balkon, mit Blick auf spezifische Wälder, Wiesen und Felder eines von nunmehr sechzehn deutschen Bundesländern.

    Ein Öhrling-Hausender, der die Kommunikation der Gesellschaft atmen, husten, lieben, schuften und lachen hört (weiß man eigentlich, von wo aus, denkerisch, genau?), ist einerseits sicher ein listenreicher Kerl und Reisekundiger der Geistesgeschichte (wie zuvor schon Odysseus Re-Entrykós), andererseits ein Steuerzahler der geistigen Einseitigkeit vieler Diskurse und Lehrstühle der Bonner, auch noch der Berliner Republik.

    Anyway. Könnte man, scholastisch als quaestio disputanda formuliert, sagen: Die Reste der Frankfurter Schule brauchen inzwischen fast ein Deo, auf dass man ihren Axel-Schweiß (früher: "Schmerz-Apriori") nicht immer rieche?

    Im positiven Fall hieße das wohl in etwa: Nietzsches "Pathos der Distanz" wäre konkret keine "Pathologie der Distanz", solange man in Frankfurt am Main kein Deo (z.B. Axe, ohne "l") hat.



    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wo liegt Frankfurt am Main und wer kann es von da aus sehen, aus-sehen, aussehen?

      Löschen
  2. Gemeinschaft liberaler Ironikerinnen11. September 2012 um 11:34

    Ich bin hier!

    Und ich bin dort!

    Ich bin da!

    Und ich bin fort!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Jedes Wodkabular

      ist wönderbullar!

      Löschen
  3. der geköderte existenzmaximalist11. September 2012 um 14:26

    "...ist eine Frage mit einem sehr spezifischen Nicht-Gewicht."

    Es könnte sich herausstellen, dass das Spezifische dieser festgestellten Nicht-Gewichtigkeit seinen Grund in dem spezifischen Blick hat, der die unterschiedenen Theorieformen hier auseinanderlegt.

    Dieser Blick betrachtet offenbar die Theorie unter dem Blickwinkel ihrer ökonomischen Dimension: die Theorie in ihrem Warencharakter. An dieser Voraussetzung des Warencharakters der Theorie hängt der ganze Witz der hier ausgestellten Beschreibungsversuche. Aus der komischen Reduktion der Theorie auf ihre implizite oder explizite Reklametechnik und Reklameform folgt alles andere: ein wenig materialistisches Gelächter darf eben nicht fehlen.

    Bleibt die Frage, ob sich der Autor vermittels seiner Diffamierungsstrategie der in das sophistische Licht gestellten "Theorieangebote" damit halbausgesprochen nun als den endlich "authentisch" für authentische "Weltdistanz" ("BEFERNUNG", die - und man überhöre dabei nicht den - ach, Ironie! - wiederum fatalen Tonfall: "nur noch", man dürfte ergänzen als "einzige" "Alternative", bleibe) werbenden Theoriereklamemacher inszenieren möchte? Ob dann seine nett präsentierte "Alternative" der "freundlichen Entstellung" bereits jener hier demonstrierten quasi materialistischen Reduktion entspricht (und sich eventuell damit auch schon erschöpft, was zumindest allgemein die "Konkurrenzprodukte" angeht)?

    Oder, ob sich in der Alternative vielleicht doch mehr als nur ein weiterer "Slogan" verbirgt?



    AntwortenLöschen
  4. Woody Allen says:

    Well, you know it's hard to get facts interpreted properly. They tend to be hermeneutically resistent. They object all the time; they are even objects.

    Yet, in a way, they can even be subjects as well; in a certain sense. They force you to accept that you can't define what reality is without opening and closing your eyes. Which is a job generally called "conditio humana".

    Know what? I wonder if "presence" is so much different from just graciously, or pragmatically, renouncing at being somewhere else.

    AntwortenLöschen
  5. Ich würde meinen. Der Autor ist ein sehr ernster Kerl. Ich würde meinen, der Autor könnte so einer sein, der Alternativen lebenspraktisch in verschiedenen Freiwilligkeitsstufen erlernt haben könnte. Ich würde meinen, eine Theorie des Mittendrin UND nur dabei müsste ausformuliert werden und könnte helfen Fluchtlinien zu gemütlichen Allgemeinplätzen zusammen zu pflastern, die generell auch binäre Sitzgelegenheiten bieten würden als kleine Achterbahnwagons. Angebot: Loopieren sie auf dem (unserem oder ihrem eigenen) Intensitäts-Ei! Alles mit dabei! Sie können ihr Agencement der Bürgerlichkeit mitnehmen! Sie können sich an- und abschnallen. Sie können auch lachen und Photos machen! Sein Sie was Sie wollen!

    AntwortenLöschen
  6. http://www.youtube.com/watch?v=A9V34qNuG7I

    AntwortenLöschen