Freitag, 24. Februar 2012

Lebensspielräume, Lebensversäumnisse: Versuche zur Formalisierung des Existenzialismus


(Raum für Möglichkeiten)
Lebensmöglichkeiten erscheinen entweder als Fähigkeiten oder als Spielräume: als Selbstoptionen oder Weltoptionen. Selbstoptionen sind die als Kapital vorgestellten Potentiale und Fähigkeiten, die dem Einzelnen zur möglichen Verwirklichung zur Verfügung stehen (Talente, Kenntnisse, Fertigkeiten, Besitze), Weltoptionen sind die durch Situationen vorgegebenen Bewegungsspielräume (Erreichbare Orte oder Positionen, gestaltbare Räume). 
Während Weltoptionen als mögliche zukünftige Lebensumstände vorgestellt werden, zeigen sich Selbstoptionen als zu-verwirklichende Potentiale, die man entweder als durch Nicht-Verwirklichung erfolgte Kränkungen mit sich herumschleppt ("Ich wäre sicher ein großer Pianist geworden.") oder die als heimliche Versprechen einer möglichen Zukunft die eigenen Tätigkeiten tragen ("Ich werde gewiss ein mittelgroßer Pianist."). Im Hinblick auf beide Seiten besteht Täuschungsgefahr: Wirkliche Möglichkeiten können hier wie da als Unmöglichkeiten erscheinen: die eigene Unfähigkeit als noch nicht ausgeprägtes Talent, bestehende Möglichkeit als absurd und unwahrscheinlich vorschnell abgetan werden.
Vermeintliche Weltoptionenknappheit kann einschränken, träge und verzweifelt machen, oder zur Gegenreaktion provozieren: Protest [Adorno]. Protest gegen wahrgenommenen Selbstoptionenknappheit dagegen ist unwahrscheinlich: man fühlt sich eher unfähig als unterbliebene Talentvererbung (und wen denn nur?) anzuklagen. Eine Frage der Zuschreibung: Knappheit an Selbstoptionen kann durch Fremdzuschreibung (Externalisierung, Entantwortung) als Problem der Welt dargestellt werden: ein unterstellter Mangel an Weltoptionen etwa entlastet vom Eingeständnis eigener Unfähigkeit ("Es gibt hier einfach keine guten Klavierlehrer.."), Unterstellung ungerechter Mechanismen entlastet vom Eingeständnis mangelnden Engagements für die Sache selbst ("Protest ist manchmal leichter als Politik").
Vermeintlicher Weltoptionen- oder Selbstoptionenüberschuss steigert das Kontingenzgefühl und führt im Grenzfall zu Fahrlässigkeit: zu vieles scheint möglich, zu weniges notwendig oder auch nur alles Mögliche belanglos. Das Entscheiden selbst wird zum Problem.
Sofern man aber überhaupt für das Realisieren von Möglichkeiten votiert -- und es könnte natürlich auch Gründe geben, das nicht zu tun -- lohnt sich bisweilen vielleicht eine optimistische Überschätzung eigener Spielräume, solange die nicht absehbar langfristig zu den größeren Enttäuschungen führen muss.

Kommentare:

  1. Interessanter Gedankengang. Wie steht es in diesem Zusammenhang mit einem Verhältnis zwischen Optionsüberschuss und Selbstdeterminierung?

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  2. Selbstdeterminierung im Sinne von Selbstbeschränkung? Auto-nomie und so? Selbstrestringierendes Verhalten (Ausschluss möglicher Möglichkeiten aus dem Bereich zulässiger Weltoptionen) kann - wenn es mit einem empfundenen Überschuss an Alternativen einhergeht - im Zweifelsfall zum Gefühl existenzieller Versäumnisse ("Dies und das könnte ich eigentlich noch erleben, aber ich habe mich ja für M entschieden") führen. Umgekehrt hier auch ein Problem von von Foersters "KybernEthischem Imperativ":´"Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten wächst." --> Steigerung von (vermeintlicher) Wahlmöglichkeiten bedeutet ja immer auch: Steigerung von Komplexitäts- und Kontingenzempfinden. Aber alle Möglichkeit muss lebenspraktisch durchs Nadelöhr der Wirklichkeit ("Realisierungsproblem"). Bewusstmachung (vergangen und zukünftig) unverwirklichter Möglichkeit rekontingentisiert also getroffene Entscheidung und könnte zur motivationalen Entkopplung von bereits begonnenen konkreten Projekten führen ("Dichter ohne Werk" (Hegel)); Steigerung von Möglichkeit ginge dann mit der Reduktion realisierter Möglichkeit einher. Was wäre die Alternative? Vielleicht:

    "Handle stets so, dass die Anzahl der wahrscheinlich realisierten Möglichkeiten wächst."

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