Mittwoch, 6. Oktober 2010

Don´t mess with Precht

 © Raimond Spekking / Wikimedia Commons/ CC-BY-SA-3.0
Erst kürzlich hat der jüngste unserer deutschen "Starphilosophen", Herr Dr. Richard David Precht, sich wieder einmal eingemischt in die "öffentliche Debatte". Mit gedämpfter Stimme, schwankenden Haaren und seiner unschlagbaren Rhetorik, hat er sich ein Herz gefasst und einen Artikel für den Spiegel formuliert.

"Soziale Kriege - Vom Unbehagen der bürgerlichen Mittelschicht".

Da legt er vor. Da zieht er schon in den ersten Passagen winkend und im Sportwagen an seinem offensichtlich nur noch an Klamauk und Provokation interessierten Kollegen Sloterdijk vorbei. Eins ist klar: der Precht sieht messerscharf in unsere Gesellschaft hinein, und er nimmt echt überhaupt kein Blatt vor den Mund, wenn es um das Aussprechen der unbequemen Wahrheit geht.
Im Eifer des Combats kommt es da schon mal vor, dass man den Sarrazin so nebenher im ersten Absatz wegbügeln muss:
"Thilo Sarrazin braucht kein Mitleid. Er könnte auch schlecht damit umgehen. Und es geht schon gar nicht darum, ihm recht zu geben, in was auch immer. Fürs Rechtgeben sind seine Ansichten viel zu durchwachsen und zu missverständlich, mit Ausnahme vielleicht all des Unverstandenen und Unverständlichen aus der Genetik. Hier ist er eindeutig - und zwar eindeutig ohne Sachkenntnis."
Hihi! Da freut sich das Kennerherz, wenn es merkt, dass es auch weiß, dass dieser weißbärtige Dackel doch wirklich nur eine Woche zu lange vergessen hatte, den Biomüll zu leeren, um den dann zwischen zwei roten Pappdeckeln der Deutschen Verlags-Anstalt zuzuschieben. Klar, dass man als Intellektueller auf solche Seichtheiten keinen Bock hat. Zapp! Weg vom Fenster, der Sarrazin. Und wir!? Wir wollen endlich die guten, die präzisen Analysen unserer Situation!

Und die schüttelt der Precht uns mal so eben aus dem Ärmel, ganz nebenbei, locker, wie die jungen Germanisten das heute so machen:
"Es gibt Integrationsprobleme von Migranten in Deutschland, es gibt einen Moralverlust in allen sozialen Schichten, einen Sittlichkeitsverfall im öffentlichen Umgang, eine Enthemmung bei Sex und Gewalt, eine soziale Erosion der Mittelschicht und vor allem: Desorientierung."
Wow. In-die-Fresse-Analysen dieser Art hat man lange nicht gelesen. Gut vor allem, dass einer sich mal wieder traut, uns die "Enthemmung bei Sex" als Teil des allgemeinen Sittlichkeitsverfalls unverblühmt auf den Tisch zu knallen. Aber der Precht wäre nicht alle, die er ist, wenn er nicht auch genau sagen könnte, wie man dieses Problem wirklich genau verstehen kann:
"Wirklich begriffen [und "wirklich begreifen", DAS wollen wir!] wird dieses Problem allerdings nur jenseits aller Sarrazinaden um gefährdete Deutsche und gefährliche Migranten. Es stehen sich keine Völker gegenüber und keine Ethnien, sondern zwei moralische Kulturen. [...] Es ist das Ethos des Sozialen und das Ethos des Dissozialen."

Sätze wie Sniper-Head-Shots sind das, die der Precht da einen nach dem anderen raushaut. Zielgenau, schnell - und immer genau dahin, wo sie hin müssen, dahin, wo es weh tut: die wunden Stellen unserer Gesellschaft.
"Bedrohlich ist nicht der religiöse Fundamentalismus, sondern die Moralferne der Halbintegrierten, die Melange von religiösem Machismo und Gangsta-Kult, islamistischem Chauvinismus und westlichem. Was die Kinder von Allah und 50 Cent gefährlich macht für unseren sozialen Konsens, sind nicht Gene oder Glaube. Gewalttätige Migranten sind nicht in erster Linie von religiösen Wahnvorstellungen unheilvoll beseelt, sondern weit häufiger von Drogen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich nicht von Deutschen."
Drogen. Schon wieder voll ins Schwarze! Aber während delirierende Jugendliche noch unsere Banken versteigern, dazu Porno-Rap hören und auf die Straßen spucken, spuckt sich der David schonmal in die Hände packt die Sache an:
"Auch die Dissozialen unserer Gesellschaft werden weniger durch muslimische Propaganda aufgeheizt als durch kapitalistische: durch Gangsta-Rap, Killerspiele und Pornografie."
Kawumm. Damit sollten dann auch die letzten Zweifel ausgeräumt sein, wer in unserem unübersichtlichen Diskussionslandien die Hosen an und den Revolver geladen in der Hose stecken hat. Klar, erklärt er uns dann noch, die Welt ist kompliziert, das macht diesen ganzen kleinen Menschlein natürlich Angst, wenn die sich dann nur noch so schwer orientieren können. Und sowas, das sieht ja jeder, das nutzten so Leute wie der Sarrazin dann eiskalt und ohne Sachverstand aus, um Menschen mit ihren Plattitüden zu verführen.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für die Nutzung meines Fotos von Wikimedia Commons, über die ich mich sehr freue.

    Die Freie Lizenz erfordert zur kostenlosen Nutzung sowohl den Namen des Fotografen als auch die Angabe der Lizenz,
    siehe dazu auch die Bildbeschreibungsseite auf Wikimedia Commons: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Richard_David_Precht_(9194).jpg?uselang=de

    Foto: Raimond Spekking
    License: cc-by-sa-3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

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  2. Besten Dank für den Hinweis! Die Ergänzung ist entsprechend nachgetragen.

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