Freitag, 10. Februar 2012

Ist kalt draußen: "Komm´ zurück ins warme Kulturgehäuse!"


Gehäuse und Widerstände II
Umfriedetes Kulturgehege
Um dem Unheimlichen zu entfliehen, sucht der Mensch sich heimisch zu machen im Dasein, sucht er dem Dasein das Fremde, das Drohende zu nehmen. Ein hervorragendes Symbol dieses Willens ist das Haus. [...] Im Hause wird ein Stück des Daseins heimisch gemacht, zur Vertrautheit gebracht. 
(Paul Tillich, Die technische Stadt als Symbol)
Kultur scheint zu weiten Teilen eine Leistung und ein Effekt der Weltdistanzierung zu sein. Das Einrichten "umfriedeter" (Schmitz) Gehege mindert nach Innen den Realitätsdruck ("Kultur bedeutet schon auf niedrigster Stufe das Anwachsen der Leistungsfähigkeit abschirmender Gehäuse: schon der Eintritt in die Höhle entspannt den Mittelbarkeitseffekt.", Blumenberg, Beschreibung des Menschen), das bedrückende Wissen darum, dass nur durch gegenwärtiges Handeln das Weitermachen wie bisher oder ähnlich möglich bleibt. Das Unberechenbare soll draußen bleiben, damit das wohltemperierte Drinnen nicht durch Beunruhigung gestört wird.
Jener Widerstand [der Natur] muß allmählich schwächer, und endlich erschöpft werden [...]; jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden. Die Natur muß allmählich in die Lage eintreten, daß sich auf ihren gleichmäßigen Schritt sicher rechnen und zählen lasse und daß ihre Kraft unverrückt ein bestimmtes Verhältnis mit der Macht halte, die bestimmt ist, sie zu beherrschen, - mit der menschlichen.
(Fichte, Die Bestimmung des Menschen)
Dabei bleibt fraglich, ob die Vorstellung, man könne das Unberechenbare irgendwann letztgültig aus dem Leben aushegen, zielführend, ob die Vorstellung, alles Unkalkulierbare wäre aus der eigenen Gegenwart getilgt, nicht mit trostloser Langweiligkeit zusammenfallen müsste.
Zum Glück ist das auch alles nicht so einfach (fragt mal Heidegger, wieso Welt und Erde streiten...):
Die [Kultur-]Welt trachtet in ihrem Aufruhen auf der [undurchsichtig-chaotischen] Erde, diese zu überhöhen. Sie duldet als das Sichöffnende kein Verschlossenes. Die Erde aber neigt dahin, als die Bergende jeweils die Welt in sich einzubeziehen und damit einzubehalten. [...] Die Erde kann das Offene der Welt nicht missen, soll sie selbst als Erde im befreiten Andrang ihres Sichverschließens erscheinen. Die Welt wiederum kann der Erde nicht entschweben, [das Undurchsichtig-Unordentliche nicht einfach ins bloß Kalkulierbare überführen,] soll sie als waltende Weite und Bahn alles wesentlichen Geschickes sich auf ein Entscheiden gründen.
(Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks) 

Kommentare:

  1. "Liebe, Schlaf, Geburt, Verdauung, unerwartete Wiedersehen, sorgenvolle und gesellige Nächte liegen in diesen Häusern übereinander wie die Säulen der Brötchen in einem Automatenbüfett. Du wirst zugeben, daß die menschliche Freiheit hauptsächlich darin liegt, wo und wann man etwas tut, denn was die Menschen tun, ist fast immer das gleiche: da hat es eine verdammte Bedeutung, wenn man auch noch den Grundriß von allem gleich macht. Ich bin einmal auf einen Schrank geklettert, nur um die Vertikale auszunutzen, und kann sagen, daß das unangenehme Gespräch, das ich zu führen hatte, von da ganz anders aussah."

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