Dienstag, 21. August 2012

Wer sind wir, wenn wir Masken tragen? -- Ein kurzes Stück über Töne und Personen

[Re-Entry vom 08.01.12]
["Alle Barbiere, die sich nicht selbst zapfen." -- Troll Dad]




Ohne eine Lehre des Bluffs, der Show, der Verführung und der Täuschung lassen sich aber Bewußtseinsstrukturen der Moderne überhaupt nicht recht verstehen.
(P.S., Kritik der zynischen Vernunft, 730) 
Sobald man darauf aufmerksam geworden ist, dass die Benutzeroberfläche des eigenen Selbst für andere nicht man selbst sondern das ist, was als Selbst präsentiert und inszeniert wird, entwickelt man einen Hang zur Theatermetaphorik, um menschliches Zusammenleben zu beschreiben (Masken, Rollen, Stücke, Skripte, Erving Goffman). Solche Metaphern haben natürlich den Nachteil, dass sie auch bei der Beurteilung dessen, was man selbst ist, an der Unterscheidbarkeit von Spiel und Wirklichkeit festhalten (hysterische Gegendarstellungen von Schauspielerseite ändern hieran wenig). Die Frage bleibt allerdings, wie man eigentlich aus der Maske rauskommt, wenn man um die Maske gar nicht drumrum kommt.
Hugo Ball kennt hier zwar auch keinen Ausweg, ist dafür aber etymologisch informiert:
Wie ist das Wort persona abzuleiten? Daß es ursprünglich das Abbild der Götter und die Maske des antiken Theaters bedeutet, gibt keine Lösung. Ist der Maskenträger aktiv mit personare oder passiv mit personari in Beziehung zu setzen? Die Maske des griechischen Theaters hatte ein Schallrohr, durch das der Schauspieler zum Publikum sprach. Der Mime, der hohe Töne von sich gibt, könnte als Persönlichkeit gelten. So faßte noch vor kurzem C. G. Jung (in ›Psychologische Typen‹) die Persona als täuschendes Individuum auf, das sich mit seiner Maske identifiziert. Auch Erasmus, beim Beginn der (reformatorischen) Individual- und Original-Tendenzen setzt Persönlichkeit gleich Maske, erlogenes Antlitz, wenn er dann auch widersprechend die angeborene Gestalt als die echtere, der anderen, verlarvten (personatus), die nur auf der Nachahmung der Vorbilder beruhe, entgegenstellt.

Sehr im Gegensatz zu diesen beiden Auffassungen steht indessen eine dritte, die den Begriff der Maske auf das ganze Kleid, auf den Überwurf bezieht und an die magische Auffassung dieses Überwurfes bei den Alten erinnert (das Löwenfell des Herakles, das Seelenkleid des Gnostikers). Die Tier- oder Göttermaske prägt danach den Kern des Helden, der die höhere oder die physisch stärkere Person anzieht. Es handelt sich hier nicht mehr um ein Mimikry des Schauspielers und Nachahmers, sondern um die magische Identifikation mit einem kreativen übermenschlichen Wesen, das den Menschen, der vorher nur Sinn und Materie war, im Innersten prägt und erhöht. Vico vertritt diese Auffassung. Persona kommt nach ihm nicht von personare, durchtönen, sondern von personari, Festkleider anlegen.
(Hugo Ball, Der Künstler und die Zeitkrankheit, I)

Kommentare:

  1. Kannte Hugo Ball den Monaco Franze?

    http://www.youtube.com/watch?v=n6UHiJ3ipoM&feature=related

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  2. Vielleicht schon, obwohl er kein typischer Münchner Ironiker war:

    http://www.youtube.com/watch?v=qHF1i-oFdu8&feature=related

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