Vielleicht hat es kein sprachnormatives und zugleich sprachtheoretisches Postulat gegeben, das Jahrtausende so ungebrochen überstand, wie die europäische Ächtung der Ambiguität.
(Schüttpelz, Figuren der Rede, 1996)
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| ("Konsequenzen mangelnder Ambiguitätstoleranz") |
Wie anstrengend ist einer, der sich nicht entscheiden kann. Wie unangenehm einer, der keine eigene Meinung vertritt. Eine eigene Meinung vertreten, das ist auf jeden Fall einer der großen zivilisatorischen Schritte in der Menschwerdung junger Hominiden. Zu Meinung und Entscheidung gehört Mut. Echter Heldenmut. Vor allem dann, wenn man eigentlich gar nicht genau wissen kann, was die richtige Meinung eigentlich ist. Dann trotzdem etwas bestimmtes meinen: das ist Stärke. Man weiß nichts ganz genau und ist sich aber trotzdem absolut sicher: echter heldenhafter Meinungsmut. ("So sieht das aus!" "Auf keinen Fall!") Deshalb erscheint für gewöhnlich der Vorwurf der Unentschieden- und Meinungslosigkeit als messerscharfe, stechende Kritik, gerade auch, weil sie charakterlich ins Eingemachte zielt. Wer ist schon gern ein Unentscheider?
Man kann sich natürlich fragen, ob das so stimmt. Die hinter solchen Bemerkungen rumorende These ist offenbar, dass das Stellungnehmen mehr Kraft und Anstrengung erfordert, als das unentschlossene Dahingestelltseinlassen möglicher Tatsachen. Es könnte vielleicht nützlich sein, hier zwischen Entscheidungsstärke und Meinungsstärke zu unterscheiden. Eine entscheidungsstarke Person ist bereit, Entscheidungen zu treffen. Eine meinungsstarke Person ist bereit, Meinungen zu vertreten. Nun ist schnell einsichtig, dass die potentiellen Kosten für zukunftsrelevante Entscheidungen sehr viel schneller sehr viel höher sind, als die potentiellen Kosten für das Vertreten einer (und sei es einer abseitigen) Meinung. Sehr schematisiert lässt sich sagen: Mögliche Folgen einer riskanten Entscheidung tragen alle, die sich im Wirkraum der Entscheidung aufhalten. Die möglichen Kosten für eine vertretene Meinung trägt nur der, der sie vertritt (sobald die Meinung etwa skandalisiert, oder eine Person durch ihre Meinung aus für sie relevanten Kontexten exkludiert wird). Entscheidungen können teuer werden, Meinungen sind überall billig zu haben -- insofern gehört zu wenigen Meinungen wirklich Mut. Während eine entscheidungsstarke Person durch Entscheidungen bewusst Unsicherheit als Risiko absorbiert (d.h. sich als Zurechnungsadresse für oft unkalkulierbare Verantwortung zur Verfügung stellt), ist eine meinungsstarke Person häufig einfach nur lauter als der Rest. Wer entscheidet, obwohl er eigentlich nicht sicher wissen kann, absorbiert dagegen ein Risiko, dass er dann seine Verantwortung nennt. Der Verantwortliche trifft bei prekärer Faktenlage eine mutige Entscheidung und heimst sich dann -- je nach Spielverlauf -- Lob oder Tadel ein. Die mutige Entscheidung erscheint dann einmal als grandiose Fehleinschätzung (der eingewechselte Spieler schießt ein fatales Eigentor), das andere Mal als glorreich-mutige Vorhersehung dessen, was nicht vorherzusehen war (der eingewechselte Spieler gibt die zwei spielentscheidenden Vorlagen).
Entscheidungen sind daher immer problematisch. Meinungen sind das auch. Der Unterschied ist nur, dass Entscheidungen unvermeidbar sind, meinungsartige Positionierungen aber nicht. Wieso? Die Situation der Entscheidung ist immer die durch das Verstreichen von Zeit forcierte Notwendigkeit einer Auswahl aus einer gegebenen (bewussten oder unbewussten) Menge möglicher Optionen (unter denen das Nichts-Entscheiden eine ist). Wieso sollte für die Meinung nun Analoges gelten? Das "Meinen" (im Sinne einer wie immer erläuterten "Identifikation" mit einer "Position") ist nie in analoger Weise zu einer Vereindeutigung gezwungen. Im Gegenteil, die Vereindeutigung der eigenen Haltung gegenüber einem Problem zu einer "Meinung" kommt immer einer bewussten Renaivisierung gleich: Man behandelt das Problem, als ob es eine Entscheidung sei. Ich weiß, dass ich nicht genau wissen kann -- und weiß aber trotzdem. Eine mögliche Definition von Sturheit. Das ist zumindest den fallibilistisch denkenden Naturwissenschaften immer schon klar gewesen:
Mit ihrem Bedürfnis nach Vollendung wie mit ihrem Prinzip steht die Wissenschaft in einem vollkommenen Gegensatz zur Meinung. Wenn sie einmal in einem besonderen Punkt die Meinung rechtfertigen sollte, so aus anderen als für die Meinung ausschlaggebenden Gründen, so daß die Meinung auch im Recht immer unrecht hat. Die Meinung denkt falsch; sie denkt nicht: sie übersetzt Bedürfnisse in Erkenntnisse.
(Bachelard, Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes)
Man könnte aus dieser Überlegung die Vermutung ableiten, dass ein Gewinn darin liegen könnte, in Texten zu Problemen keine voreiligen Entschiedenheiten zu suggerieren. Texte so unentschieden werden zu lassen, wie es die Probleme selbst sind. Es ist für die Lösung von Problemen nicht mehr interessant, wenn in Texten Meinungen vertreten werden. Meinungen kann man sich jeder Zeit auch selbst und leicht herbeispekulieren. Ob jemand sie dann auch noch "vertritt", fügt den Meinungen weder etwas hinzu, noch nimmt es ihnen etwas weg. Interessanter sind Texte, die die Dinge verkomplizieren. Hypothetische, ambiguitätsoffene, ambiguitätseröffnende Texte, die dem Leser Oszillationen statt Positionen, Irritationen statt Konspirationen, kompliziertere Fragen statt provokativere Meinungen anbieten. Das mag in einer meinungs- und positionsfixierten (dazu auch noch skandalfixierten) Öffentlichkeit schwer vermittelbar erscheinen. Das muss aber nicht so sein.
[27.05.12]



