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Montag, 5. August 2013

Dialektik der Überzeugung - Versuch über parasitäre Persuasion


tl;dr: Die Selbstüberzeugung findet durch das Ohr des Anderen statt.

Ereignisprotokoll eines Arbeitstags der und durch Doktorandin Lisa Bohn:
Beobachtungsgelände an Sommertag
(Mundus Gregorius, CC BY-NC-SA 2.0)
Mitten im Getümmel Kopfgewürm. Noch Knirschgewirr in der Kopfstube. Tee zum Mitnehmen einmal für mich erstmal. Dann: Stolpern über unglückliches Geschirr. Verzweifeln am Geschirr der Straße (Straßenbahn). Das verwickelte Gespann vorne vor mir bemüht sich derweil schon um Kerngehalte: Beide gehen gerade gemeinsam an einer dünnen Spannung entlang, gesprächsweise, solange beide dazu unsicher genug sind. An ihren Ge-sichtern vorbei Irritation und Zittern bemerken, ob der Andere denn - wenn sie was sagen - sie überhaupt und sie sich selbst denn verstanden haben. "Sag mir doch bitte, ob, was ich gerade gesagt habe, noch sinnvoll war." Die eigene Sinn-Angst für friedvolle Sommernachmittage. An diesem Nochsinn entlang, um diesen Nochsinn herum verspannt also die beiden Beteiligten vorne auf der Sommerstraße. (Gegenseitige Gewährung mittelfristiger Sinn-Kredite) "Bitte beglaubige mich doch!" Und: "Ich will Dich ja gar nicht überzeugen! Mich von mir sollst aber du!" "Eine gegenseitig sich gewährende Überzeugungskommune", denkt da Lisa Bohn: Wenn du mich von mir überzeugst, überzeuge ich dich von dir. "Ein gedanklicher Nichtangriffspakt", denkt da Lisa Bohn: Oder anders: Ein jeder versucht sich selbst im Andern zu überzeugen. "Wenn ich dich endlich überredet habe, muss ich ja selbst überzeugt gewesen sein!" 
Lisa Bohn denkt in das vor ihr gehende Gespann, ihren Tee zum Gehen noch in der Hand im unglücklichen Geschirr, folgende Gedanken: "Ich lege den Schwerpunkt meiner Überzeugung einfach in den Kopf des Anderen rein." 
Lisa Bohn denkt auf einmal ROBERT PFALLER INTERPASSIVITÄT wie Scheinwerferleuchten für Theoriesuperhelden ins eigene Kopffirmament hinein. "Muss man nicht alles immer selber tragen: Die Last der eigenen Argumente, wenn wenigstens der Andere dran glaubt! Deshalb laber ich jetzt den ganzen Tag anderen Menschen meine Überzeugung in ihre Köpfe rein!" Sinkende Überzeugungsschiffe in chronischer Schieflage.
Wieso Lisa Bohn das jetzt eigentlich erzählt, ist nicht ganz klar - sammel hier nur schimmernde Steine fürs messianische Mosaik. ["Ich mach bizznezz"]: Verwalter der Welt: 

"Marlene verliert ihre Augen mittags am Sommertag beim Flanieren in der Einkaufspassage." 

Ich glaub mein Auge zahnt. 

Freitag, 26. Oktober 2012

Mienenspiele - Versuch einer Typologie der Gesichtsverwendung


tl;dr: Genauere Beobachtungen von grimassierenden Gesichtern legen nahe, dass die Verwendung von Mimik sehr unterschiedlich an und in Situationen und eigene Stimmung gekoppelt werden kann. Nicht jedes Gesicht, nicht jede Art der Mimikverwendung wird in gleicher Weise an subjektive "Stimmung" und/oder "Atmosphäre" der Situation zurückgebunden. Gesichter sind also nicht immer einfach Ausdruck von Eindrücken, vielmehr sind sehr verschiedene Weisen der Gesichtsverwendung unterscheidbar: 

Das autonome (bzw. ausdrückliche) Gesicht

Das Subjekt als Koffer: Was steckt dahinter?
(Foto: Audringje / CC BY-NC-SA 2.0)
Autonome Gesichter koppeln ihren Ausdruck primär an das, was die jeweiligen Gesichtsverwender wahrscheinlich ihre eigene "Stimmung" nennen würden. Das autonome Gesicht ist von der Situation wenig affizierbar, schwere Grimmigkeit wird auch in der heiteren Situation im autonomen Gesicht höchstens durch den schmerzlichen Versuch eines Lächelns kommentiert, das sagt: "Ja, ich weiß, das wäre eigentlich amüsant, aber wie du siehst, bin ich in einer grimmigen Stimmung." Das autonome Gesicht nimmt sich das Recht, sich als Widerstand gegen die Atmosphäre der Situation zu behaupten. Andere müssen, sofern sie dafür einen Sinn besitzen, auf diese Widerständigkeit aufmerksam werden, um dann zu entscheiden, ob sie mit ihr umgehen wollen oder nicht. Etwa, indem sie versuchen, den Widerstand zu thematisieren ("Was ist denn mit dir?" oder "Lach doch mal!") oder auch, indem sie beschließen, den Widerstand zu ignorieren, was zur weiteren Entkopplung des autonomen Gesichts von der Situation führen kann.

Das kommentierende Gesicht

Das kommentierende Gesicht begleitet die Situationen als permanenter Kommentar. Zwar koppelt es seinen Ausdruck an die Gegebenheiten der jeweiligen Situation, so aber, dass es diese immerzu bewertend begleitet. Runzeln der Stirn, affirmatives Nicken oder zerknirschte Blicke zeigen an, wie der/die Gesichtsverwender_In die Äußerungen und Situationen im Augenblick erscheinen, sie ihm ge- oder missfallen, es Zweifel anmelden würde oder bestätigen will. Das kommentierende Gesicht entfaltet auf diese Weise eine Beurteilungshoheit, die andere Situationsteilnehmer auf Dauer beinahe unausweichlich in den Bann ziehen muss. Sie sehen im kommentierenden Gesicht ein permanentes Feedback, eine permanente beurteilende Rückspiegelung ihrer Äußerungen und werden sich, je nachdem, welche Rolle sie dem Gesichtsverwender zuschreiben, auf dieses Feedback einstellen. Beispielsweise, indem sie versuchen, den Gesprächsweg in die Richtung der affirmativeren Reaktionsdimensionen zu lenken oder auch, indem sie kritisch-zerknirschte Rückspiegelungen zu provozieren versuchen.    

Das immersive Gesicht

(Foto: baerchen57; CC BY-NC-SA 2.0)
Das immersive Gesicht koppelt seinen Ausdruck nicht an seine eigene "Stimmung", sondern ganz an die Atmosphäre der Situation. Es stellt einen seltenen Grenzfall dar, der tendenziell stark sympathetische, oder auch - auf der anderen Seite - unheimliche Effekte hervorruft. Das immersive Gesicht kennt keine Filtrationsfunktion, die von der "Subjekt"-Seite her die Situation entweder kommentiert oder ganz auf Ausdruck der "eigenen" Stimmung setzt, es liefert in diesem Sinn also keine Eigeninformation. Indem es den anderen Situationsteilnehmern keine Rückschlüsse auf den Zustand des Gesichtsverwenders erlaubt, destabilisiert es daher häufig Wahrnehmung und Äußerungen der Anderen. Wie ein diffuser Zerrspiegel wirft es nur das je Geäußerte in einen Strudel der Selbstinterpretation und -irritation hinein, der als Verständnis (mis)interpretiert werden kann. Das immersive Gesicht kann ein experimentierendes Gesicht sein, sofern es versucht, durch verschiedene mimische Angebote Reaktionen zu provozieren, die es dann situationsintern erkundet und auskundschaftet. Als abenteuerndes Gesicht macht es dann Expeditionen ins Innere der Situation, verbleibt dabei aber gleichzeitig in einem schizoiden Außerhalb oder - höchste Gesichtsverwenderkunst - in einem reinen Innerhalb ohne autonomen Eigenwert (das immersive Gesicht als Auge des Organlosen Körpers).

Das Spiegelstadium findet nicht statt:

Mittwoch, 8. August 2012

Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns


"Wie geht die mens mit notio um, der Kusaner?"
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert ("Ich checks einfach nicht."). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt ("Er hat gar nichts damit gemeint."). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet ("Metaphysik ist Unsinn."), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt "in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor"):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen.
(Deleuze, Logik des Sinns) 
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er "einfach nur zu blöd ist": Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden. 
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: "Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat." (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet.
(Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, [...] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. [...]
(Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
[Re-Entry auf M_K Hinweis 05.03.12]