Die Neonleuchte

Ein Museum für moderne Kunst und Theorie

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Sonntag, 13. Oktober 2013

Die Verfänglichkeit der Wiederholung - Eine kurze Theorie der Einfühlung

(Bundesarchiv, B 145 Bild-P109966 / CC-BY-SA)
Das alltägliche Prozedere besteht aus einer Reihe stabiler Routinen, festgewachsener Pfade, auf denen sich die eigene Aufmerksamkeit gewöhnlich wie gewohnt bewegt: Denktrampelpfade (was viele nicht bedenken: die längste Zeit hält man sich nicht in Räumen, sondern im schweifend-driftenden Denken auf [wie war das nochmal gestern, was hab ich gesagt, morgen ist november], nur mit einem Fuß in der physischen Gegenüber-Gegenwart gewissermaßen). In Gesprächen und im Verstehen dieselbe Szene: routinierte Gedankenpfade weisen den Weg zu dem, was man selbst als das Bekannte erkennt: ah, hier so ein Argument, so sieht das aus, ist das nicht ein Regress, kann man das umkehren, ist das eine die Bedingung von dem anderen, Beweislastumkehrung, odersoweiter. Alles erlernte, auch Argumentations- und Denkroutinen. Das große Problem: Wer einmal genug Beweglichkeit erworben hat, kann in sich selbst fast jede Denkbewegung, die von außen irgendwie reinkommt, von innen scheinbar simulieren. Wer also einmal beweglich genug geworden ist, sieht überall bekannte Gedanken, weil er die im eigenen Denken scheinbar alle nachzubauen vermag: Die ewige Wiederholung droht.

Dieses Problem besteht auf zwei Ebenen: 
1. Die Denkregistratur. Die Denkregistratur umfasst die Nuanciertheit eigenen Erlebens von Denkbewegung. Sie ist eine projektiv-rezeptive Maschine, die als Einfühlung oder Projektion mentaler Modelle die Denkbewegungen Anderer der eigenen durch Simulation näherführt. Schwach ausgebildete Denkregistraturen geben dem Gegenüber im Erleben wenig eigene Denkbewegung, stattdessen wird die Form der eigenen Bewegung auch dem Denken des Anderen unterstellt (projektiv unterschoben). Rezeptivität ist also gering, stattdessen hohe Irritation bei abweichender Entwicklung erwarteter Denkverläufe, ungewohnte Gedankensprünge werden als "verrückt", alternative schnelle Verweisungsspiele (Humor, Witz) schnell als "seltsam" registriert. Ausgeprägte Denkregistraturen dagegen verleihen den Anderen in der Wahrnehmung autonome Denkmodule, Eigenlogik, Eigenbeweglichkeit. Hierhin gehört auch das heute gelegentlich als Entschuldigung kritisierte "Nachvollziehenkönnen" nicht geteilter Denkbewegung. "Ich kann, wie sie denkt, nachvollziehen.", das heißt: ich simuliere (aktiv-passiv) ein Denkmodul, das ihre Denkbewegung scheinbar abbildet.

2. Die Vefänglichkeit der Denkbewegung. Ist das eigene Denkerleben hinlänglich differenziert, scheinen fast alle - Grenzfälle (Wahnsinn, Schizophrenie, Autismen) schwieriger - Formen der Denkbewegung durch die eigene Registratur simuliert. Hier wird es allerdings verfänglich: der Eindruck der Stärke der eigenen Regsitratur kann trügen. Zwar wird dann überall autonome Denkbewegung unterstellt, leicht aber so Eigensinniges Anderswo unregistrierbar wegsimuliert (indem die erprobten Module nur noch rekombiniert und wiederholt werden). Die erstellten Modelle der Denkregistratur sind scheinbar gut genug, alles, was sich im Umkreis des Denkens als Denken zeigt, zu simulieren. Der Eindruck universalen Verstehens schleift sich ein: Für den Besitzer [verstanden als Insasse] einer Registratur möglicherweise der Anfang einer poetischen oder theoretischen Innenausschreitung (im Roman oder einer universalistischen Theorie). 
Das diffizilere Problem: Die Unregistrierbarkeit der Unzulänglichkeit der eigenen Registratur (auch bekannt als "Der blinde Fleck"). Im Denken das Modell des Denkens überhaupt wähnend registriert die Registratur überall nur noch: Nichts Neues. Wird registrierungsmüde, schaltet langsam auf Leerlauf (das auch die Erklärung für Formen von High-Level Bewusstlosigkeit, wie sie manchmal unter Spitzenregistraturen registriert werden kann), registriert das Erlebte nur noch beiläufig mit. Die Sicherheit, die auf der Ebene der Modellierung fremder Denkbewegung durch projektionsbestätigendes Feedback erzeugt wird, sorgt dafür, dass das Registrieren selbst nach und nach beiläufiger, beliebiger wird. Die Wahrscheinlichkeit, noch neues überhaupt zu registrieren, sinkt rapide, die Registratur wird absolutiert (vom potentiell korrigierenden Registrieren losgelöst), registriert so mehr und mehr nur noch sich selbst, während zugleich, und hierhin wächst auch ihre Gefahr, andere Registraturen sie weiterhin als hyperregistrativ registrieren: Ein abgeschlossenes System, das beobachtenden Systemen gerade so maximal offen erscheint. [Öffnung und Schließung; Paradoxie]        
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Labels: Deleuze, Phänomenologie, Philosophie

Freitag, 23. November 2012

„Die Philosophie“ – was soll´n das sein?






















(PDF-Version: Hier)

Still ist es geworden um die Philosophie. Bis auf wenige, zuweilen wenig wohlwollende Erwähnungen im Feuilleton, hier und da mal ein Vortrag von einem der letzten „Großen“, der aus Anstand oder augenzwinkernd in einer der ebenfalls „großen“ Tageszeitungen kommentiert wird, und der ein oder anderen sogenannten „populärwissenschaftlichen“ Publikation stehen die intelligiblen Konzertsäle der Philosophie die längste Zeit im Jahr leer. Die alte Dame schweigt. „Was soll das eigentlich sein, „die Philosophie“?“ lässt sie sich fragen, lässt sich ungern so fragen, da eine Philosophie, die keine Wesensfragen mehr stellen will, durch so etwas in ungemütliche Schwierigkeiten gerät. „Was ist Philosophie?“, eine Frage, die überhaupt nur als Zitat gestellt werden kann und die zumeist durch den Verweis auf bereits gegebene Antworten beantwortet wird, aus denen der oder die Gefragte – meist selbst „Philosoph“ – eine spezifische Philosophie als „die richtige“ ausgrenzt, um anschließend deutlich klarzustellen, dass es sich bei den konkurrierenden Positionen „auf gar keinen Fall“ um Philosophie im eigentlichen Sinn handeln könne, um „Literatur“ vielleicht, wenn nicht gleich um die verwirrte, sprachlich „aufgebrezelte“ Artikulation allenfalls unscharf gebrauchter Begriffe oder auch andersrum: um bloße „logistische“ Spielereien ohne Wirklichkeits- oder gar Gegenwartsbezug... 
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Sonntag, 12. August 2012

Der Sinn für interessantere Alternativen - Eine Einführung in die Kunst der Immersion


(Wirklichkeit und Möglichkeit nach Bilz im Bild)
Eine zu langweilige und wenig spektakuläre Gegenwart (und wer kennt so eine nicht?) ist ein Problem und häufig ein hinreichender Grund, sich mit dem zu beschäftigen, was so eigentlich überhaupt nicht da ist. Glücklicherweise sind Menschen wenig genug in ihre Gegenwarten verstrickt, um nebenher auch noch anderswo zu sein: in "längeren Gedankenspielen" (Schmidt), bei einer kleinen Kritzelei ins Schulheft, dem letzten inspirierten Gespräch in der Küche, undsoweiter. Bei Kant (und auch anderswo) heißt diese Fähigkeit "Einbildungskraft":
Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: [...] wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der Assoziation [...] fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Auf der Suche nach der besseren Unterhaltung stehen uns also neben der "Wirklichkeit" und neben den vielen suggestiven Medien-Kanälen noch die selbstgetragenen (aber ja doch nicht schlichtweg "selbstgelenkten") Ablenkungen (besser: Einlassungen) zur Verfügung.

Die grundmenschliche Kompetenz zur Flucht aus einer unterfordernden Gegenwart in einen alternativen Erlebensraum brachte
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Mittwoch, 8. August 2012

Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns


"Wie geht die mens mit notio um, der Kusaner?"
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert ("Ich checks einfach nicht."). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt ("Er hat gar nichts damit gemeint."). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet ("Metaphysik ist Unsinn."), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt "in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor"):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen.
(Deleuze, Logik des Sinns) 
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er "einfach nur zu blöd ist": Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden. 
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: "Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat." (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet.
(Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, [...] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. [...]
(Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
[Re-Entry auf M_K Hinweis 05.03.12]
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Labels: Deleuze, Gehäuse und Widerstände, Ironie, Kant, Lacan, Luhmann, Nietzsche, Nonsense, Platon

Samstag, 4. August 2012

Schielen lernen mit den "magischen >>Augen" der Wunderwelt<< - Mythopoietisch-pathetische Perspektiven


"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)

"Nicht als Untergrabender, sondern als Ebnender versteht sich
Kant: nicht als Maulwurf, sondern als Planierraupe."
(Krell, Der Maulwurf)

Hypotope (Foto: cc by-nc-nd Bruno Monginoux)
Wer die sichernden Gründe verlässt gerät in instabile Bezirke. >Hier< kann es von Vorteil sein, mit Ohren zu sehen um mit Augen zu hören. "Ist es wirklich so traurig und gefährlich, daß die Augen nicht mehr sehen wollen, die Lungen nicht mehr atmen, die Sprache nicht mehr sprechen...?" (Deleuze/Guattari) Das Lösen der Griffe auf der Suche nach klügeren Stricken führt Schritt für Schritt vom Be- ins Un- und Unter-griffliche zurück (!?). >Zwischen< "Nacheinander" und "Nebeneinander" ("Schließ deine Augen und schau! [...] Fünf, sechs: das Nacheinander. Genau: und das ist die unausweichliche Modalität des Hörbaren. Öffne deine Augen. Nein. Jesus! Wenn ich von einem Felsen fiele, der in die See nickt über seinen Fuß, ich fiele unausweichlich durch das Nebeneinander." - Joyce) scheinen vage Orte auf, Zwischen-Orte, Bei- und Vor-Orte, hypotopische, atlantische Aufenthalte. >Was< macht hier noch Unterschiede? "Wo sind wir...?", will man fragen und spürt, dass das alte "Wo" >von hier aus< schon nicht mehr zu sehen ist, statt "Ich" oder "Wir" würde >man< lieber "Es" sagen (Lichtenberg); aber selbst >da< regt sich schon wieder leise aber distinkt ungutes Gefühl.
Es ist nicht unmöglich, sich mit einem solchen kybernetischen Denken auseinanderzusetzen, aber das verlangt einen elementaren Wechsel der Ebenen: von Land zu Meer, - und damit ändern sich auch alle anderen Bedingungen und wir benötigen auf einmal eine andere Aufmerksamkeit, einen überraschend beweglich gewordenen Verstand. Ja, wir müssen uns hier ganz anders als zuvor "aufs Spiel setzen". Immer in der Gefahr das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: "Thalassa", die "kleinste Kluft", das, wo alles vor sich geht (d. h. auch, noch einmal: den stummen Hintergrund der Schrift, der manchmal laut wird, durch den auch Stürme fegen); immer in der Gefahr, dass wir dann irgendwo stranden (und notgedrungen unser Lager aufschlagen: wieder einen Standpunkt beziehen...), dass unsere Klugheit nicht ausreicht und wir Schiffbruch erleiden; dass wir die falschen Routen wählen, oder unsere Fesseln zu locker sind: es gibt tausend Gründe unzeitig und spurlos im Offenen zu verschwinden.
(Anonym)
Deshalb ist überall Vorsicht geboten. >Wir< brauchen neben klugen Fesseln Proviant, aber brauchen >wir< auch und wie Navigation. Tasten >>wir<< >uns< nicht mit "Flimmerhaaren" (Benn) an kleinsten salomaimonischen "Differentialen" entlang. Vielleicht kommen >wir< dabei auch gar nicht umhin, die >falschen< Routen zu wählen, aber die Frage bleibt, woher >wir< und wie und wann wissen, dass es >falsche< Routen waren. Wie weit ins Offene sollten >wir< >>uns<< bewegen, sind wir überhaupt schon ins Offene geraten. Wünschen >wir< uns denn noch, dass Gründe tragen:
Sokrates war, meine Herren, kein gemeiner Kunstrichter. Er unterschied in den Schriften des Heraklitus, dasjenige, was er nicht verstand, von dem, was er darin verstand, und that eine sehr billige und bescheidene Vermuthung von dem Verständlichen auf das Unverständliche. Bey dieser Gelegenheit redete Sokrates von Lesern, welche schwimmen könnten. Ein Zusammenfluß von Ideen und Empfindungen in jener lebenden Elegie vom Philosophen machte desselben Sätze vielleicht zu einer Menge kleiner Inseln, zu deren Gemeinschaft Brücken und Fähren der Methode fehlten.
(Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)
Wenn Medien trügen und Behälter beinhielten -- wenn Sprache mehr Boot als "Haus" (Hdg//KKS), mehr Wasser als Boden wäre. Schwimmen oder tauchen wir. Müssten wir nicht mit Flüssigkeiten zu sprechen lernen: "Du sagst, Du hast Flows, aber das ist nur Kondenswasser." (Retrogott) "Meine Flows sind wie Wein. Du dagegen bist unreif. Du bist zu steif für tighte Rapflows." (Taktloss) Wo hielten wir uns auf. In Dunkel-, "in denen man erst nach längerer Eingewöhnung etwas sieht" (Luhmann), oder Wunderkammern: "Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13." (Lichtenberg). >Was< wollen >>wir<< hier noch unterscheiden. >Was< unterscheidet >>uns<<. Kein Kybernet geht über Wasser - eher noch durchschwimmt _sie_ mit offenen Augen die Gründe: viel schmerzhafte Unterschiede, >Stille der Schattenwelt<, mit "embryonischen" Maulwurfsaugen (Schopenhauer).
Denn, von ihr [der Theorie] wird, zum Skandal der Philosophie, nicht selten vorgeschützt, dass, was in ihr richtig sein mag, doch für die Praxis ungültig sei: und zwar in einem vornehmen wegwerfenden Ton, voll Anmassung, die Vernunft selbst in dem, worin sie ihre höchste Ehre setzt, durch Erfahrung reformieren zu wollen; und in einem Weisheitsdünkel, mit Maulwurfsaugen, die auf die letztere geheftet sind, weiter und sicherer sehen zu können, als mit Augen, welche einem Wesen zu Teil geworden, das aufrecht zu stehen und den Himmel anzuschauen gemacht war.
(Kant)
Wer hier "sehen lernen" möchte - nicht "weiter und sicherer", mit neuer "Kurzsichtigkeit" - sollte sicher sein, dass er dafür ausreichend gewappnet ist. Sich mit >Klugheit< ("Habt ihr auch genug Klugheit walten lassen? Nicht etwa Weisheit, sondern Klugheit als Dosis, als innere Regel des Experimentierens: Injektionen von Klugheit." "...man braucht kleine Rationen von Subjektivität..." - Deleuze/Guattari) an unerhörte Blicke gewöhnen. "Man muss noch...", ja, was muss man eigentlich noch genau:
Ich halte auch keinen Kompromiß für möglich, denn er würde dieselben Probleme aufwerfen wie ein Kompromiß zwischen der Ente und dem Hasen in dem bekannten Gestaltwandel-Bild. Die meisten Menschen können zwar ohne weiteres einmal die Ente und einmal den Hasen sehen, doch einen Entenhasen wird man mit noch so viel Übung und Anstrengung nicht erzeugen können.
(Thomas Kuhn)
(Entenhausen)
Mit Maulwurfsaugen Entenhasen UND Hasenenten sehen lernen: "Die Paradoxie lässt den Beobachter oszillieren, nämlich ganz kurzzeitig (aber immerhin: kurzzeitig) zwischen der einen Feststellung und ihrem Gegenteil pendeln." (Luhmann) Und wenn wir nun die Bildrate der Oszillation erhöhen, bis beides auf einmal sichtbar würde, müsste sie nicht als stehende Bewegung in den Blick geraten. Und bewegt sie sich denn nicht.
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Montag, 23. Juli 2012

Die Rache der epistemischen Gewalt I: Drei nathanische Enthüllungen


[Eine kleine Dialektik der Entstellung (nicht zur Strafe, nur zur Übung:)] 
I. Es ist schon früh wieder dunkel geworden in den noch halbbenommenen jungen Theorie-Köpfen. Während die einen in logischen Siedebecken letzten Fremd- und Selbst-Analysen entgegeneifern, ergehen sich die anderen in esoterischen, ein Fremdes, Anderes, Unfestgestelltes, Unidentifiziertes, Ununiformiertes vorsichtig umkreisenden Wort-Wellen, langsam anbrandend, immer wieder das Eine (und damit natürlich auch das Andere) wiederholend: "Du kannst nicht. Du darfst nicht. Du sollst nicht: Mach´ keine Unterschiede! Hör´ auf das Rauschen! Enjoy the silence."
"Die Party steigt immer nur in der Höhle,
nie aus"
In diesem schweren, traurigen Nein liegt ihr ganzer Furor, in ihrer "Kritik" Schmerz der alten Welt, Schmerz des Gestern, Heute, Schmerz des Morgen. Der Schmerz aller Schnitte, Schmerz der Unterscheidung  des Unterscheidens (krinein): Kritik der Kategorie, versammelt in ein paar Namen, ein paar Worten, Schlachtworte, Kriegsworte, lauter Unter- Zwischen- Mittlerkategorien, immer das Gleiche Andere Dazwischen meinend, das Andere sagend, damit es auf keinen Fall wieder das Gleiche werde, damit es nicht das Gleiche sei. All das versammeln sie und rüsten damit gegen die "Euphorie", die "Identität", den "Affirmismus", den sie -- man weiß nicht genau, wo -- schon überall vermuten, dem sie seine blöde triumphalistische Naivität endlich austreiben wollen: "Auch ihr seid nur Gefangene!" und wenn sie es könnten (blinder Fleck) würden sie ihren eigenen Ärger sehen: "Was bilden sie sich ein zu behaupten, sie seien die Fesseln losgeworden? Was bilden sie sich ein, von einer anderen Sonne "da draußen" zu sprechen? Wartet bloß ab, wir bringen euch schon wieder in die Höhle zurück: Wenn wir nicht sehen dürfen, dann darf es keiner: Die Rache der epistemischen Gewalt."
II. So und so ähnlich liest man heute immer öfter in vermeintlich revolutionärem Tonfall, deutlich hybrid, seltsam umständlich, altmodisch, ein verquaster neoromantischer Stil greift um sich, Internetwirrnis vermischt mit ein bisschen affirmativem Pop: Chaostruppe Notausgang, Einsatzkommando Spaßclub. Offenbar sind da mal wieder ein paar Lutige Mustige ausgezogen, das Abendland (oder doch lieber sein Gegenteil?) zu retten - keiner hat auf sie gewartet, keiner steht für sie Spalier, keiner abboniert ihre News-Feeds. Dabei vermuten sie (natürlich) nur die allerbesten Absichten auf ihrer Seite, haben auch ihren Derrida gelesen, ihren McLuhan und dazu einen kleinen Schuss Frühromantik und glauben nun, sich mit aus fremden Texten geliehener Energie der Verstrickung der Geschichte zu entheben -- aber sie bleiben Gefangene, auch wenn sie es nicht wahr haben wollen. Ihre blinden Flecken werden sie nicht los, die Gewalt der episteme hat sie noch immer so fest im Griff wie Kants reine Anschauungen und Kategorien das transzendentale Subjekt. Keiner kommt da raus und keiner nahm je ungestraft die Brille ab, keiner von ihn hat je lange genug den Blick auf die "Weiße des Papiers" ausgehalten, um danach noch in artikulierten Sätzen darüber zu berichten. Chaos, Chora -- sie sind zu schwach, es zu ertragen und retten sich ins Fantasma ihrer Standpunktlosigkeit zurück -- und nennen das zu allem Überfluss auch noch ihren "utopischen Aktivismus".

Und was werfen sie uns dabei vor? Dass wir "auf Adorno hängengeblieben" seien, dass Kritik am "identifizierenden Denken" "altbacken und inzwischen an jeder Straßenecke billig zu haben" sei. Dass unser "Kult um Alterität und Veranderung steril geworden" sei, wir ums goldene Kalb "eines bereits erfundenen, wenn auch nicht näher bestimmbaren Gottes" tanzten? Und von wo aus sprechen sie?
III. Solche und ähnliche Schein-Dispute entstehen, wenn man innerhalb der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung die Logik und das Argument zugunsten "großer Worte, schöner Metaphern und krasser Theorien" in den Hintergrund rücken lässt. Theorien -- oder sagen wir lieber "Sätze, die durch ihre Anordnung und ihren Tonfall suggerieren, dass es sich bei ihnen um Theorie handeln könnte" -- die sich aber bei näherer Betrachtung allesamt "schnell als Banalitäten oder Unsinn entpuppen".
"Den sicheren Gang einer Wissenschaft gehen"
(Stefano Costanzo) / CC BY-NC 3.0
Das redliche Denken dagegen ist und bleibt sehr nüchtern, es ist keine Gaudi und keine Amüsierveranstaltung. Es ist ernsthafte Arbeit, trocken, ja, zuweilen auch dröge, dafür aber präzise und sauber, sich in kleinen (aber sicheren) Schritten voranarbeitend, statt in großen Weltvereinfachungssprüngen und mit viel Bohai über alle Regeln des Denkens hinwegzusetzen. Wir müssen uns davor hüten, diesem Denken zu viel Raum zu schenken. Dieser revitalisierte romantische Skeptizismus versucht, das redliche Denken langsam zu unterspülen, sein freundlicher Humor ist nur seine Maske der Harmlosigkeit -- sichert die Fundamente, befestigt die Deiche, damit ihre diffusen Wortwellen ihm nichts anhaben können. 
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Montag, 4. Juni 2012

Der Ressentiment-Detektor: Wer hat Angst vor "du weißt schon wem"?


Gängige Ressentiment-Frühwarnsysteme sind technisch heute leider immer noch nicht weit genug entwickelt, um in allen Fällen zuverlässig und frühzeitig erkennen zu lassen, wann man sich von welchen Gesprächs-Gewässern besser fernhalten sollte. Schnell ist es zu spät: auf einmal steckt man mitten im klebrigen Sumpf vorgetäuschter Kenntnisse, ungedeckter Polemiken und augenzwinkernden Sich-Verlassens auf geteilte Geringschätzung diffuser Diskursgespenster ("Ach, die Analytiker / die Phänomenologen / die Franzosen / etc. !"). 

(Das Jargongespenst versteckt sich im Nebel der Argumente)
Erst vor kurzem hat das von M. verwendete Frühwarnsystem wieder einmal versagt: unbedarft ein Interview mit "jungen Philosophen" lesend tauchte auf einmal das Ressentiment in Form einer Kurzcharakterisierung der "französischen Kulturphilosophie [sic!]" wieder auf: "große Worte, schöne Metaphern und krasse Theorien, die sich aber schnell als Banalitäten oder Unsinn entpuppen." [Zitat aus performativen Gründen nicht kenntlich gemacht ("(Ich verzichte hier und im folgenden auf Quellenangaben; die Zitate stehen exemplarisch für viele)." - Schwitalla, Ein neuer Jargon in der Literaturwissenschaft, zitiert nach Schumacher 2000))]

Dieser Schulbuchfall knackiger Punchline-Philosophie inspiriert zu einer Vorschule des gekonnten Ressentiments:

Phase I: Den Gegenstand des Ressentiments niemals zu genau definieren! 

Merke: Wer im Nebel stochert, muss keine Nadeln in Heuhaufen suchen. Für gekonntes Ressentiment ist es daher wichtig, sich keiner zu konkreten Argumente zu bedienen und auch nicht zu genau festzulegen, welcher Autor oder Text gerade gemeint ist, so vermeidet man die Möglichkeit konkreter Entgegnungen. Besser noch: Wer sich angesprochen fühlt, meldet sich ganz von selbst auf der Seite der Gespenster:
Der konkrete Adressat wird jeweils nur sehr ungenau bestimmt, verschwindet partiell ganz und kann so zu einem undefinierbaren Jargon-Gespenst stilisiert werden, bei dem die Unterschiede zwischen Derrida, Deleuze, Baudrillard oder Kittler genauso wenig eine Rolle spielen wie Unterschiede zwischen den genannten Autoren und weiteren, die sich auf diese beziehen, sich mit ihnen schmücken, sie variieren, wiederholen oder in einen Jargon verwandeln. Je weniger zitiert wird, desto apodiktischer - und oft auch: apokalyptischer - wird die Kritik formuliert.
(Schumacher, Die Ironie der Unverständlichkeit, 2000 [Leseempfehlung!])
Auf diesen wichtigen Punt hat auch Hans Magnus Enzensberger schon in Bezug auf den Vorwurf hingewiesen, dass das moderne Gedicht grundsätzlich "unverständlich" sei:
An ihm ist bemerkenswert, daß er nicht spezifisch, im Hinblick auf einen oder anderen Text, sondern stets pauschal erhoben wird. Das legt den Verdacht nahe, daß er nicht in wirklichen Leseerfahrungen, sondern im Ressentiment gründet.
(Enzensberger, Museum der modernen Poesie, 1960)   
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Montag, 21. Mai 2012

Ein Ausweg aus dem Selbstverwertungsdilemma? Alternativen zwischen Selbstunterdrückung und Selbstverkleinerung

[RP 20.11.11]
"Das Rennen beginnt, doch ich bleib´ stehen, wenn ihr loslauft" (Retrogott)
Wer für Selbstaneignung eintritt, der muss damit rechnen, dass die ewigen Kritiker der Verwertung ihn mit der Frage zu provozieren versuchen, ob sein Engagement für Engagement nicht letztlich einem liberal-ökonomischen Impuls verpflichtet bleibt, der den Einzelnen heimlich - und mit der dazu nötigen List der Vernunft - zu einem kalkulierenden Verwerter seiner Lebenschancen und -appetite umzuqualifizieren versucht. Das mag natürlich sein. Aber wie sähe denn die Alternative aus? Aktive Selbstverunmöglichung?
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich bemüht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z.B. Karriere, Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, wenn die verdächtige "Harmonie" meiner Natur sich durchringt, wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, meine Einsicht verbieten mir das.
(Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit)
Anderen Alternativen jedenfalls fehlt häufig scheinbar der nötige Schneid. Irgendwo irgendwie dazwischen sich einrichten: "das ist doch nicht radikal genug". Die Gesamtverhältnisse müssen auf jeden Fall ganz und von Grund auf -- von wo ganz anders her -- geändert werden.

Der Totalitarismus der Kritik duldet kein "Dazwischen" und keinen "Kompromiss", er will Revolution, keine Reform. Seine regressive Trotzigkeit verbirgt er dabei geschickt hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit des "Ganz oder gar nicht". Allerdings kommt diese verständliche Sehnsucht nach der absoluten Alternative über die radikalistische Geste und den mit ihr verbundenen moralischen Fingerzeig auf die vermeintlichen "Kollaborateure des falschen Lebens" selten hinaus. Sie übersieht, dass "totale Kritik" und "Weitermachen" sich gegenseitig immer schon ausgeschlossen haben. Wer "alles das hier" so kritisiert möchte, der wird sich "in diesem Leben" schwer damit tun, sich am System nicht die Finger schmutzig zu machen oder schlichtweg zu sich selbst in unbequemen, offenen oder latenten Widerspruch zu treten.
Falsches Ziel gewählt?
"No matter. Try again. Fail better"
(Cyberdees, CC BY-NC-SA 2.0)
Gibt es andere Formen des Umgangs mit der unternehmerischen Anrufung [...]? Wie könnten Alternativen zu Enthusiasmus, Ironie und Melancholie aussehen? Eine pragmatische Gelassenheit vielleicht, die weder glorifiziert noch dämonisiert, der die hochgetunte Selbstmobilisierung des Enthusiasten so fern liegt wie die angestrengte Selbstdistanzierung des Ironikers oder die behagliche Selbstgewissheit des Dagegenseins, die der Melancholiker kultiviert. [...] Eine taktische Klugheit, welche die Listen der Simulation, des Abtauchens und des détournement beherrscht und den Aktivierungsfuror der Förderer und Forderer ins Leere laufen lässt.
(Bröckling, Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker)
Eine Frage der klugen Wahl der Ziele, für die man sich wirklich engagieren (lassen) will. Die wird gerade in Strukturen akut, die eigene Ambitionen und Eitelkeiten bewusst provozieren, Angebote zur eigenen Verausgabung mit dem leisen Versprechen verbinden, man könnte - Überverausgabung fröhlich in Kauf nehmend - bald schon zu den wenigen glücklich Auserwählten zählen, oder zumindest die Leiter des symbolischen Kapitals ein signifikantes Stück nach oben klettern. Aber möglicherweise ist das alles auch noch eine Spur zu ernst:
Fuest: Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.
[...]
TAZ: Woran glauben Sie dann?
Fuest: Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen. [...] Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
TAZ: Ist das nicht ein Rückzug?
Fuest: Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. 
(Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie in der TAZ)
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Dienstag, 15. Mai 2012

Wo die wilden Werke wohnen? - Beim John


Wer füllt die Ur-Uter-Ius-Society mit neuen Begriffen wieder auf?
Der Philosoph ist der Freund des Begriffs, er erliegt der Macht des Begriffs. [...] Stets neue Begriffe erschaffen ist der Gegenstand der Philosophie. [...] Man kann nicht einwenden, daß die Schöpfung eher für das Sinnliche und die Künste gilt, so sehr verleiht die Kunst spirituellen Entitäten Existenz, und so sehr sind die philosophischen Begriffe auch "Sensibilia".
(Deleuze/Guattari, Was ist Philosophie?)
Um etwas gut zu finden, muß ich jederzeit wissen, was der Gegenstand für ein Ding sein solle, d.i. einen Begriff von demselben haben. Um Schönheit woran zu finden, habe ich das nicht nötig. Blumen, freie Zeichnungen, Peperoni mit Staub, ohne Absicht in einander geschlungene Züge, unter dem Namen des Laubwerks, bedeuten nichts, hängen von keinem bestimmten Begriffe ab, und gefallen doch.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
[RP 3.09.11]
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Donnerstag, 3. Mai 2012

Beschleunigung -- "entweder" und "oder", oder aber "auch".

("Die Maschine läuft auf Hochturing"; Lizenz: CC BY-SA 3.0)
So oder so muss man sich entscheiden. Mit irgendwas anfangen, damit irgendwas anderes ausgeschlossen wird. Schneller als erwartet akkumuliert sich Geschichte, macht das System träge, erzeugt Ruckel-Effekte, verhindert im Einzelfall Akzeleration, lässt das System hinter andere (aber welche?) zurückfallen und sich demotiviert in Trägheit einrichten. Die erste Initiative lässt nächste Schritte folgen, auf die Erwartungen Anderer folgen, die sich wechselseitig zu einem limitierend-limitierten Spielraum von Systemmöglichkeit verdichten: Sind ihm Witze erlaubt? Darf es in seinen Kontexten beleidigt sein? Lässt man ihm Unhöflichkeit durchgehen? 
Es ist die Bewältigung dieser Kontingenz, die das System in die Richtung von Individualität spezifiziert. Wenn das System sich konform einstellt, gewinnt es Individualität, weil es nicht abweicht. Wenn es abweicht, gewinnt es Individualität, weil es sich nicht konform verhält. Beide Haltungen können sich bewähren und durch positiven feedback verstärkt werden. Wie typisch für Bifurkationen, kann das zur Akkumulation einer Geschichte führen, die sich entweder auf der Bahn der Konformität oder auf der Bahn der Abweichung akkumuliert und mit der Last ihrer Bewährungen radikale Änderungen erschwert. Die Option für die eine oder andere Seite kann nach Sachgebieten des Erwartens differenziert werden, etwa nach dem Muster: beruflich erfolgreich, aber drogenabhängig; in der Schule ein völliger Versager, aber im Leben bewährt; ein glänzender Verführer und Liebhaber, aber hin und wieder im Gefängnis; oder zwar ehrlich, aber doof. 
(Luhmann, Die Autopoiesis des Bewusstseins)
Die Lore läuft -- während das System sich ins Netz dessen verstrickt, was es schon getan hat, das andere so oder ähnlich auch wieder von ihm erwarten. Ein "sich selbst limitierender Kontext" (Soziale Systeme), der ohne kompletten Milieu-Wechsel durch Umzüge oder Urlaube nur unter großem Kraftaufwand aus den routinisierten Erwartungs-Erwartungen ausbrechen kann.
Nicht zufällig haben schon frühe Soziologen beobachten können, daß der unvertraute Fremde mehr Freiheit genießt und unbefangener agieren kann. Wer länger am Platze ist, schon bekannt ist, vertraut hat und Vertrauen genießt, ist eben dadurch mit seiner Selbstdarstellung in ein durch ihn miterzeugtes Gewebe von Normen verstrickt, aus dem er sich nicht zurückziehen kann, ohne Teile seines Selbst zurückzulassen -- es sei denn, daß er ganz von der Szene verschwindet und nur die Illusion hinterläßt, daß er anderswo derselbe bleibt. 
(Luhmann, Vertrauen)
Die Frage ist dann, wie und ob oder überhaupt nicht sich das System zum unerwarteten System verdichten, beschleunigen oder flexibilisieren lässt, ohne sich dabei einfach aufzulösen. Nicht nur Chaos muss man noch in sich haben:
Man muß genügend Organismus bewahren, damit er sich bei jeder Morgendämmerung neugestalten kann; und man braucht kleine Vorräte an Signifikanz und Interpretation, man muß auf sie aufpassen, auch um sie ihrem eigenen System entgegenzusetzen, wenn die Umstände es verlangen, wenn Dinge, Personen, oder sogar Situationen euch dazu zwingen; man braucht kleine Rationen von Subjektivität, man muß so viel davon aufheben, daß man auf die herrschende Realität antworten kann.
(Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus)
Das System kann Erwartungen zu unterwandern versuchen, sich auf einmal anders verhalten, den Überraschenden, Spontanen geben, muss dann aber aufpassen, nicht wieder einfach als "Erwartungen unterwandernd" erwartet zu werden:
Und da Provokation sich nicht wiederholen läßt, muß man immer neue Provokationen ersinnen, bis ein Zustand der Gewöhnung eintritt mit der Folge, daß die Gesellschaft sich durch Provokationen nicht mehr provozieren läßt.
(Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft)
[Re-Entry 9.12.11]
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Freitag, 23. März 2012

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise im Bahnabteil, eine Mikronovelle XXVIII

[Re-Entry 24.12.11]
Keine Goethe-Reise gemacht = der ekS auf fliehender Wanderschaft mit Blick auf weiten Flur (Einz Zwo, Unschuld vom Lande). Ein Signal öffnet die Portale: Zwei parallele "Vierer" (auch in der Unendlichkeit ungeschnitten) sofort besetzt: Maike, Sabine, Marlene, Karo, Delfi, Liha (und noch zwei) schief aber gerecht ins Abteil verteilt. Die eben noch in kleine Doppel zerstreute Unruhe wandert jetzt zur Mitte. Erste zögernde nervöse Wellen Lachen lösen sich zuerst aus Einzelmündern. Marlene wirft mutig zwei Sätze hin: zwei prusten gleich, der Rest schließt kaum vermittelt auf: Langsam setzt sich die Lachmaschine in Gang. Nach zwei kanonischen Lachsalven rollt die ganze Runde, unverwundbare Lachkugel, in organlosem Innen durchs Gewitter. Zuckende Wellen Gekicher ziehen durch den Gang, alte Herren fühlen sich unbequem gegen Wände geschoben, in Mitten unbeholfen ausgestellt; ernsthafte Mütter und ein Paar, anglophil und gelotophob, erproben sich an einer Empörungsblickkontakte-Blase, die an nächster lachender Spitze aber gleich zerplatzt.

Auch der ekS vermeidet Blickkontakte, wirft bunte ungeschliffene Worte als Irritationsgelenke gegen die Hülle der wabernden Lachgestalt: hinter Nagellack und einem schwarz-scheiteligen Horizont als Kante, kleine Ruinen an der Wange, stockt zwei Sekunden die Kugel. Etwas ändert sich. Marlene kompensiert den Schreck durch Wiederholung, findet nicht sofort wieder Anschluss. Dann entspannt Delfi den Regenschirm ins Abteil -- Verkantungen lösen sich, die Kugel ist wieder heil und ruckelfrei, lacht vorsichtiger weiter. Sabine brütet ernst. Kleine Phänomenologinnen des Alltags entdecken die Ähnlichkeit zwischen dem Türschlussignal und Emma, Lukas´ Lokomotive. Eine will auf einmal das Höhlengleichnis analysieren im Abitur. Der stille Zug sei gruselig, mutmaßt Marlene. Dann rollt er (noch immer oberhalb) ins Gleis, drei irritierte Passagiere auf dem Weg in Die lächelnde Röhre zum Abschied.
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Donnerstag, 22. März 2012

Adult Swiw´s Double Shohs: ¯\_(ツ)_/¯


Zur Vorbereitung sei "Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns" empfohlen:
"Um sich auf Nonsense einzulassen, muß man bereits fähig sein, über das Lernen zu lernen; Nonsense fordert nicht nur diese Fähigkeit heraus, er ist selbst als eine Erkundung von Parametern von Lern-Kontexten anzusehen [...] Nonsense ist nicht einfach ein sicherer Ort, an dem eine Antwort auf die Welt des common sense artikuliert werden kann, wie es in einfachen Umkehrungen der Fall ist. Er ist auch ein Feld, in dem die interpretativen Verfahren kritisiert werden können, die zur Herstellung dieser Welt benutzt werden, und ebenso -- mit wachsendem Bewusstsein seiner selbst -- eine Kritik der interpretativen Verfahren, mittels deren er selbst entsteht." 
(Stewart, Nonsense)

[Re-entry vom 31.08.11]
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Freitag, 16. März 2012

Morphologien des Frühlings: Die Verwegenheit des Eisverzehrs

Ausgehend von Deleuze´ und Guattaris Überlegungen zum "organlosen Körper" macht sich Jean Clam Gedanken über Symbolisierung und Erzeugung der spezifischen Form von "Begehrlichkeit", die in unserem Kulturkreis vorzuherrschen scheint. Ausgehend von Ovid zeichnet er die Entstehung und Entwicklung dieser "Nacktheit/Begehrlichkeit/Weiblichkeit als ein Körper/Weib/Werden" nach, verfolgt mithilfe einer kreativen Phänomenologie das Spiel der "Weib/Körper/Nacktheit-Wolke", die unsere Welt bewirbelt.
(Eisschmelze; [Roman Duerr, CC BY-NC 2.0])
Die Weib/Körper/Nacktheit-Wolke wirkt in allem, was sich von ihr durchziehen und bewirbeln lässt, als Weltagencement. Dieses setzt an allen Weltregionen und -gegenständen an, taktet sie in den Sog, Klang, Tanz, in die "Ritournelle" der Begehrlichkeit hinein, bringt an ihnen die Resonanz eines schematischen Grundgleichklangs zum klingen. Das Feld der belegend beschreibenden Analysen wäre hier grenzenlos: In jedem Hörnchen Eis pocht dieses Werden, das es "klanglich" transformiert, ummetaphorisiert, umnebelt, umenergetisiert, umartikuliert. [...]
In seinen Formen und Farben, im sonnigen Nachmittag, der es in den lässigen Gängen durch eine durchbefriedete und von Wohligkeit beschwingte Innenstadt hervorwünscht, wirkt die Metapher des Eisverzehrs als Werden eines am Weiblichen orientierten Genussagencements. Dieses ist Bildung von Haecceitates zu augenblicklichen Ganzheiten, zu Zusammenhängen von Geschwindigkeiten und Langsamkeiten; von Kugeln, Rundungen von Farben, Essenzen, Geschmacksqualitäten und -intensitäten, Kurvigkeiten von geschmeidigen Leckmassen, übereinander gelagert, fallend, dreistöckig, verfolgbar, körperschematisch, mit Händen und Zunge. Der Eiskegel ist ein invertierter (leckender, saugender) Mund, ein inneres Hüftefassen, -nachbilden, -streicheln, ein Bedrücken von geschmeidigen und feuchten Massen, die lustvoll nachgeben, nach einem von Genießenslangsamkeiten bestimmten Rhythmus der Wahrnehmung und der Berührung. Ice Cream/I scream.
(Jean Clam, Die Gegenwart des Sexuellen. Analytik ihrer Härte)
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Samstag, 10. März 2012

Lieber Nüstern als nüchtern: Die Zukunft der Kunst, die Zukunft der Vernunft

[Re-load vom 3.12.11]
Mein Genie ist in meinen Nüstern..
(Nietzsche, Ecce Homo)
(Aufschlingende und verschlingende Vernunft
konstellieren sich im Denkraum
Wenn die "Zeit der großen Einzelnen" vorbei ist, Originalität nicht mehr nur unwahrscheinlich, sondern generell als ein Effekt der historischen Selbstverwischung der Kulturen entlarvt ist, müssen Kunst und Geisteswissenschaft andere Leitorientierungen finden. Die Philosophie//Theorie kann sich nicht länger an der Vorstellung festhalten, dass sie das Denken weiter entwickelt, dass sie heute besser und in klareren Synthese begreift, was Vorgängergenerationen nur durch trübe Linsen zu sehen bekamen; und die Kunst kann nicht länger glauben, dass sie einer historischen Linie vorgezeichneter -- oder doch zumindest re-spektiv so erscheinender -- Notwendigkeiten in der Gestalt von Großgeistern [resp. Genies] ihre Wege bahnt. Zu wenig konnten die einzelnen Künstler wahrnehmen, um alles Wesentliche in ihre Werke einfließen zu lassen, zu wenig konnten die Theoretiker lesen, um in ihren Texten das Ganze dessen, was schon gedacht war, weiterzuschreiben. Wenn die Zuschreibung von Originalität selbst als eine Frage des vorausgesetzten Horizontes erkennbar wird, muss auch der Glaube an den eigenen Fortschritt, der in den Naturwissenschaften noch einen einfachen, an der Kontrollierbarkeit der Phänomene festzumachenden Sinn besitzt, aufgegeben werden. Natürlich, man kann sich gegen so etwas hier wie überall re-naivisieren: 
Wer [immer noch am alten Fortschrittsglauben festhält] - und man kann das natürlich, wenn man Bücher schreibt oder Kongreßreferate hält - begründet dies [meist überhaupt nicht, sondern tut am besten so, als könnte alles einfach weitergehen wie bisher].
(nach Luhmann, Soz.Sys.) 
Weiter an den Dingen schreiben und arbeiten, an denen man halt so schreibt und arbeitet: Als ob die Philosophie//Theorie und die Kunst einfach weiter so möglich wären wie bisher. Aber Kunst und Theorie sind keine überschaubaren Großbewegungen, die in ein Schema der vernünftig aufeinanderfolgenden Epochen passen. Beide wachsen heute wilder: In die Fläche, in Untergründen, breit und gestreut, immer von vielen an vielen verschiedenen Orten zugleich voranbewegt:
Nicht zufällig haben die Werke der Gegenwart häufig relativierende Attribute um sich, sie werden leiser, fungibler, weniger epatant, biographischer, subkultureller, ironischer gegen Genialismus, skeptischer gegen Wirkung sowie Wirkungsverweigerung.
(P.S.)
Kunst und Theorie mit Befreundungs-Bewusstsein werden nicht mehr "für alle" zu sein beanspruchen, nicht mehr für alle (und auch nicht für alle und keinen); sondern für die jeweils Anderen, die sich von Ähnlichem faszinieren lassen.
Ich muß sagen, ich halte Begriffe wie Faszination, interessant, erregend für viel zu wenig beachtet in der deutschen Ästhetik und Literaturktitik. Es soll hierzulande immer alles sofort tiefsinnig und dunkel und allhaft sein [...] demgegenüber glaube ich, daß die inneren Wandlungen, die die Kunst, die das Gedicht hervorzubringen im Stande ist [...] aus dem Erregenden, dem Faszinativen hervorgehen.
(Benn, Probleme der Lyrik)
Die Kunst tut sich hiermit sehr viel leichter. Gerade sie kann sich in Faszinationsgemeinschaften, denen ähnliche Stile, ähnliche Motive, ein ähnlicher Sound oder eine ähnliche Art von Unsinn behagen, sehr viel einfacher neu einrichten als das der Philosophie gelingen kann: die Kunst hat es längst; und nur die Fiktion eines weltweiten Kunstmarktes erzeugt hier noch so etwas wie die Vorstellung eines Ortes, an dem sich alle Kunstwerke mit allen anderen messen würden, um die wenigen Großen als Sieger zu bestimmen. Aber das ist ein Problem des Marktes und seiner Selbstwahrnehmung, keines der gegenwärtige Kunst. Die Philosophie dagegen tut sich schwer, ihre Ansprüche auf Allgemeinheit aufzugeben, obwohl sie inzwischen teils so selbstzerstreut erscheint, dass der Singular, mit dem man das Fach bezeichnet, als ein bloß noch historisches Erbe anmuten kann. Woran sollte man sie erkennen? Besitzt sie denn eine eindeutige Form? Einen eindeutigen Gegenstand? Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Begriff "Philosophie" aus Respekt vor seiner altmodischen Gravität für eine Weile ruhen zu lassen, ihn zu "musealisieren" (in den Schutz der Ausstellung zu ziehen)? Man könnte derweil an seine Stelle etwas setzen, was die Freundschaft zur Befreundung meint und nicht mehr die Freundschaft zu einer bestimmten Weisheit -- "Philophilie":
Noch einmal, anders: 'Philologie ist Zuneigung der Sprache zu einer Sprache, die ihrerseits Zuneigung zu ihr oder einer anderen ist. Darum ist Philologie Zuneigung zur Sprache als Zuneigung. Sie mag in der Sprache ihr Mögen, ihres und ihr eigenes. Sprache ist Selbstaffektion im anderen ihrer selbst. Philologie ist Philophilie.
(Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie)
Vielleicht wäre aber damit auch zu früh eine Sache aufgegeben, die nach wie vor den Versuch einer Gegenwartsformatierung mit eigenem Faszinationswert ertragen könnte:
Daß es "Grand Theories" nach wie vor geben kann und geben sollte, ist damit nicht bestritten. Aber sie haben, wenn sie "intellektuell" zelebriert werden (was nicht sein muß), zugleich etwas Spielerisches, Künstlerisches, Selbstironisierendes an sich. Man führt eine Konstruktionsanweisung aus und sieht, wie weit man kommt.
(Luhmann, Gibt es ein "System" der Intelligenz?) 
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Samstag, 3. März 2012

Reskriptionen aus dem de-molierten Lesen


Voreiliges zum Retrofuturismus. Zwischendrin: Eine Mikrotypologie akademischer Seminarbeiträge: Die "Ich weiß was!"-Meldung (enzyklopädisch-galant, assoziativ ausladend) und die "Ich versteh´ was!"-Meldung (zuerst unschuldig eine Frage suggerierend, dann scharf ins Thetische auslaufend), allerdings de-moliert. Wien. Karl Kraus als Homie von Hofmannsthal [--> "Die Fackel" wird zur "Leuchte"; echte (!) Gründungsurkunde]:

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Sonntag, 26. Februar 2012

Strategien der Selbstverknotung - Nach Luhmann über Theorie theoretisieren


(Der Urknoten in der Theorie)
Über "Selbstverknotung" (die Thematisierung und Infragestellung der Grundlagen der eigenen Theorie in dieser Theorie selbst) reflektiert ein metaphernsicherer Jean Clam: 
Eine Theorie, die, wie Luhmann sagt, in sich selbst vorkommen kann und muss, bildet notwendig einen Letztknoten, der aus dem Kreis all der in jedem neumaligen Selbstvorkommnis entstehenden Nodositäten besteht ["Durch die Saugtätigkeit der Wurzelläuse krümmen sich die Enden der Faserwurzeln fast rechtwinklig ab und schwellen an (Nodosität)."]. Philosophie ist eine Art des Denkens, das eine solche Knotung im Grunde sucht und veranstaltet. Sie sammelt sich um diesen Grund und erhält daher eine involutive Gangart (Methodik), die ein theoretisches Ausufern in die Breite überflüssig macht. [...]  

Luhmann ignoriert die in der philosophischen Tradition ausgebildeten spezifischen Verfahren des Rückgangs auf die Letztknotungen der Bedingungen der Möglichkeit von Welt und Weltwahrnehmung sowie der auf sie gerichteten Besinnung selbst (d.h. der hierhin sich vollziehenden Philosophie selbst). Er ersetzt sie durch eigenentwickelte, der Protologik von Spencer Brown entliehene, ihre Selbstvorausgesetztheit ganz anders reflektierende Motive und Grundsätze, ohne eigens die Untauglichkeit der philosophischen Gegenstücke zu besprechen. Denn die Prämisse ist hier wiederum die angesetzte Idee von Theorie als Theorie-Konstruktion.
(Jean Clam, Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren? [Leseempfehlung])
4 Kommentare:
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Dienstag, 21. Februar 2012

Vom Über-Ich zum organlosen Körper: Radical Deconstruction


Kyber-Neo-Esoterik?


Eine post-strukturalistische Vorübung findet sich auch hier.
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Montag, 5. Dezember 2011

Living Life in the Fast Lane: Akte des Überholens

Die Unmöglichkeit der Selbsteinholung [Achill ist selbst die Schildkröte]
Während Hugo Ball den existenziellen Selbstabstand [Def.: Der e.S. bezeichnet das häufig durch ein Ereignis provozierte Gefühl, sich zum ersehnten Ich/Welt-Verhältnis in einer uneinholbaren Distanz zu befinden. Der e.S. bricht meist in der Konfrontation mit realen oder erdachten Personen und Lebensstilen auf, die -- scheinbar oder wirklich -- ersehnte aber für Ego uneinlösbare Lebensspielräume realisieren.] noch als einen unausweichlichen modus vivendi beschreibt...
In der Kindheit erträumen die Menschen sich ein so selbstverständliches Ideal ihrer selbst und der Welt, daß die Erfahrung sie nachher immer enttäuschen muß. Die Berichtigung tritt unversehens ein und der Schock davon ist meistens derart, daß eine gewisse Empfindlichkeit in diesem Punkte niemals erlischt. Wer den Traumschatz der Menschen zu heben vermag, der kann ein Erlöser werden. Zwischen Traum und Erfahrung liegen die Wunden, an denen de Menschen sterben. Hier liegen die Gräber, aus denen sie auferweckt werden. [...] Geboren werden die Menschen allesamt als Erlöser und Könige. Aber die wenigsten vermögen sich zu behaupten, oder, wenn sie sich schon verlieren, sich wiederzufinden. Wer das Leben befreien will, muß die Träume befreien.
(Ball, Flucht aus der Zeit)
 ...setzt Bloch den Blinker, um zügig auf die Überholspur zu wechseln:

Demgemäß und um die Geburt des Morgen zu befördern, ist [das Denken des "echten Widerstands"] zwar mitten in der Zeit, doch so, daß es sie weisen kann und überholt. Überholen nun, das setzt nicht nur Unzufriedene voraus, denen der Lauf, gar Stand der Dinge nicht Genüge tut. Und es setzt nicht nur ein Wünschen und Erwarten voraus, samt der Fähigkeit, Träume nach vorwärts zu haben. [...] Weiter jedoch ist nötig, daß das Überholen nicht abstrakt bleibt, nur putschhaft vorpreschend oder auch ein Glück vormachend, von dem überhaupt nicht gewusst wird, wie man hingelangt. So etwas ist Schwärmen und überholt nur scheinbar, obwohl sein Vorwärts besonders heftig aussieht; es überholt aber nicht, sondern überschlägt. Damit dies vermieden [sic], dazu muß man allerdings auch mitmachen, freilich nicht die Dinge, wie sie sind, wohl aber, wie sie gehen, real möglich gehen könnten [...]. Kein Überholen kann dies außer acht lassen, ja am wichtigsten ist auch in diesem Betracht die Beachtung der Straße.
(Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie)
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Samstag, 5. November 2011

Irgendwie kann ich mit der Musik noch nicht so richtig Schwarm-Werden - Erläuterung einer glücklichen Symbiose


Beim Tier-Werden hat man es immer mit einer Meute zu tun, mit einer Bande, einem Rudel, einer Population, einer Bevölkerung, kurz gesagt, mit einer Mannigfaltigkeit.



Die Arten des Tier-Werdens sind weder Träume noch Phantasmen. Sie sind durch und durch real. Aber um was für eine Realität handelt es sich dabei? Denn wenn das Tier-Werden nicht darin besteht, ein Tier zu spielen oder nachzuahmen, dann ist auch klar, dass der Mensch nicht "wirklich" zum Tier wird und das das Tier auch nicht "wirklich" zu etwas anderem wird.

Wenn die Evolution wirklich Arten des Werdens umfasst, so im weiten Bereich von Symbiosen, in dem GEschöpfe völlig unterschiedlicher Entwicklungsstufen und Tier oder Pflanzenreiche zusammenkommen, ohne daß irgendeine Abstammung vorliegt. Es gibt einen Block des Werdens, der die Wespe und die Orchidee umfasst, aus dem aber keine Wespen-Orchidee hervorgehen kann.
(Ja wo denn)
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Dienstag, 11. Oktober 2011

Nur einmal Hauptwort-Werden...



"Man könnte schließlich auf die Idee kommen, dass der Autorname nicht wie der Eigenname vom Inneren eines Diskurses zum realen, äußeren Individuum geht, das ihn hervorgebracht hat, sondern dass er in gewisser Weise an der Grenze der Texte entlangläuft, sie zerteilt, ihren Kanten folgt, dass er ihre Erscheinungsweise anzeigt oder zumindest charakterisiert." 
(Foucault, Was ist ein Autor?)

"Was den anderen Gesichtspunkt betrifft, die schöpferische und signierte Äußerung, so sind die wissenschaftlichen Propositionen und ihre Korrelate gewiß nicht weniger signiert oder erschaffen als die philosophischen Begriffe; und man spricht vom Satz des Pythagoras, den kartesianischen Koordinaten, der Hamilton-Zahl, der Lagrange-Funktion ebenso, wie man von der platonischen Idee oder Descartes´ Cogito spricht. Die Eigennamen aber, mit denen sich die Äußerung verknüpft, mögen noch so sehr historische und als solche bezeugt sein, sie sind doch Masken für andere Werdensprozesse, sie dienen nur als Pseudonyme für geheimere singuläre Entitäten." 
(Deleuze/Guattari, Was ist Philosophie?)
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