Das Internet ist seiner inneren Struktur nach eine wenig widerstandsfreundliche Zone. Allzu Wirres oder Uneingängiges versperrt sich schnell den Weg zur Aufmerksamkeit seiner potentiellen Empfänger, macht ihnen zumindest den Zugang schwer und lässt sie bald die Lust verlieren. Das
Surfen [sofern man das heute überhaupt noch sagt] ist eine flüchtige Angelegenheit, "ein ungleich nervöserer, zielorientierterer, aber auch nüchternerer Akt als bloße Unterhaltung" (Jens-Christian Rabe, in:
Hipster. Eine transatlantische Diskussion), es sucht nach Faszination, nicht nach mühsamer Einarbeitung und erschwertem Zugang, es weicht aus, wo Dinge zu langweilig zu werden drohen:
Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so läßt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg [...].
(Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Es könnte aber doch sein, dass das Zulassen und Verarbeiten von Widerständen und Irritationen (und wieso nicht auch: Irritationen durch Verlangsamung und Nicht-Verstehen) die Aufmerksamkeit für Alternativen und blinde Flecken, den eigenen
Möglichkeitssinn erst kultiviert. --
Die
ideale Maschine wäre eine
[so liest man gelegentlich], die in der Realisierung ihrer Effekte gar nicht mehr
als Maschine auffällig werden würde, ein Apparat ohne Widerstand oder auch ein Effekt-Knopf ohne Apparat, der die gewünschten Resultate ohne sichtbare Zwischenschritte und ohne irgendwelche zusätzlichen Eingabeerfordernisse schon verwirklichen würde (vielleicht eine Art universaler virtueller Fernbedienung). Man kann sich fragen, ob der Grenzfall dieses Ideals (die unmittelbare und ruckelfreie Erfüllbarkeit aller willkürlichen Intentionen) nicht einer Abschaffung aller Widerstände, Widrigkeiten und Irritationen gleichkommen müsste, einer Abschaffung, die an die Stelle von Irritation, Anstrengung und geduldiger Einarbeitung das semi-benommene und immer affirmationsbereite Hindurchfließen durch Ströme angenehmer Affiziertheit setzt:
Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein
Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita
contemplativa mit sich bringen. [...] Weil Zeit zum Denken und Ruhe im
Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man
begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des
Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und
Urtheilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und
Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige
Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit
ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht [...].
(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Eine provisorische Ablehnung alles allzu Befremdlichen, die nur noch die Affirmation dessen kennt, an das man sich ohnehin bereits gewöhnt hat, muss auf Dauer in aktive Selbstabschottung, einen Zirkel der Selbstisolation gegen alles Fremde münden, in den nur hineingerät, was den Test auf Ähnlichkeit vorher immer schon bestanden hat [Angst vor dem Algorithmus]. Man ist dann eigentlich nicht länger mit irgendeiner Sache als einem "aufsässigem" Gegenüber (Heidegger) konfrontiert, sondern befindet sich stattdessen in einem Zustand absoluter Defrontation (Ent-wider-ständiung), sich in einem gleichförmigen Strom der Similaritäten bewegend, der vielleicht noch seichte Variationen, aber keine Brüche kennt.
Man
erwartet von der Philosophie eine Förderung und gar Beschleunigung des
praktisch-technischen Kulturbetriebes im Sinne einer Erleichterung. Aber
- die Philosophie macht ihrem Wesen nach die Dinge nie leichter,
sondern nur schwerer. Und das nicht beiläufig, weil die Art ihrer
Mitteilung dem Alltagsverstand befremdlich oder gar verrückt vorkommt.
Erschwerung des geschichtlichen Da-seins und damit im Grunde des Seins
schlechthin ist vielmehr der echte Leistungssinn der Philosophie. Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).
(Heidegger, Einführung in die Metaphysik)
Andererseits ist fraglich, ob ein einseitiges Votum für bewusste Selbstwiederbelastung und Arbeit nicht einem überkommenen Leistungsideal (dem "Decorum des alteuropäischen Heroismus"; Sloterdijk, Sphären III) verpflichtet bleibt, dass die Vorstellung einer widerstandlosen Produktivität ("organloser Körer", Deleuze/Guattari) gar nicht kennt, das sich nicht vorstellen kann, dass Faszinierbarkeit und Engagement auch eine nicht-destruktive faszinativ-fließende Liaison eingehen könnten:
Diese Protagonisten des Realismus in der entzauberten Welt [Heidegger, Gehlen, Schmitt] besaßen ein geschärftes Bewußtsein davon, daß unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit die Zerstreuung gegenüber der Konzentration das umfangreichere Phänomen ist. [...] Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
(Sloterdijk, Sphären III, Leichtsinn und Langeweile)
[RP vom 8.02.12]