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Sonntag, 12. August 2012

Der Sinn für interessantere Alternativen - Eine Einführung in die Kunst der Immersion


(Wirklichkeit und Möglichkeit nach Bilz im Bild)
Eine zu langweilige und wenig spektakuläre Gegenwart (und wer kennt so eine nicht?) ist ein Problem und häufig ein hinreichender Grund, sich mit dem zu beschäftigen, was so eigentlich überhaupt nicht da ist. Glücklicherweise sind Menschen wenig genug in ihre Gegenwarten verstrickt, um nebenher auch noch anderswo zu sein: in "längeren Gedankenspielen" (Schmidt), bei einer kleinen Kritzelei ins Schulheft, dem letzten inspirierten Gespräch in der Küche, undsoweiter. Bei Kant (und auch anderswo) heißt diese Fähigkeit "Einbildungskraft":
Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: [...] wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der Assoziation [...] fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Auf der Suche nach der besseren Unterhaltung stehen uns also neben der "Wirklichkeit" und neben den vielen suggestiven Medien-Kanälen noch die selbstgetragenen (aber ja doch nicht schlichtweg "selbstgelenkten") Ablenkungen (besser: Einlassungen) zur Verfügung.

Die grundmenschliche Kompetenz zur Flucht aus einer unterfordernden Gegenwart in einen alternativen Erlebensraum brachte

Samstag, 28. April 2012

Kultur(gegen)Revolution - Retrogott(gegen)Meese

"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)
[Eine kleine Ergänzung zu "Zwischen Reform und Revolution":] Die Kultur(gegen)Revolution fängt nicht irgendwo da vorne an. Als das Andere schlechthin beginnt sie immer nur zu spät, um dann trotzdem noch auf sich warten zu lassen. Als bloß nur erwartbar Unerwartetes, Nichtplanbares, letzter und erster Metahack, Selbstüberlistung eines träumenden Genies, ist sie nur an Gabe und Gunst gebunden, Selbsteröffnung ihrer selbst, ihr eigener Anfang- und Schlussverkauf.  Einfall des Anderen als Anderes. Ereignis.

Zwei Versuche über DAS als K(g)R:

1. Die spektakuläre Variante:
Man muss nur abwarten und dann wird alles sich fügen, wie es sich zu fügen hat, und das ist natürlich immer revolutionär, besonders, wenn wir dieser Revolution nichts in den Weg stellen. Aufzuhalten ist sie eh nicht, es dauert dann halt nur länger und das ist einfach sehr langweilig, weil ja was Grundsätzliches passieren muss. Und das, was grundsätzlich passiert, fußt natürlich auf Begriffen wie Dilettantismus, Kindergeburtstag feiern, albern sein. Wie bei allen Großrevolutionen und Großrevolutionären war es immer so, dass die Leute gespielt haben wie Kinder und auf eine Expedition gegangen sind, wo eigentlich die Rückkehrchancen gleich null waren.
2. Die subkulturelle Variante:


Dergegenrvolutionaer / beim täglichen Selbstverzehr / die Stützbalken der Konstruktion stellen sich quer / Ich handel nicht fair / Die Säulen des Chaos stehen stabil / Immer die selben Geschichten über das Meer / Die Welt ist eine Scheibe: / Hörst du nicht das Rauschen? / Gott ist für die da / die ihn brauchen / und das Geld ist für die da, die etwas mit ihm kaufen / Wer lässt sich mit dem letzten Wassertropfen taufen / der ihn vor dem Austrocknen zu retten vermag? / Fragen mit der kommunikativen Kraft von einem Schlag / stehen im Raum / wie ein Riese auf Stelzen / dass Antworten sie zerschmettern geschieht selten / doch viele Höhenflüge enden in Felsen / und Goldketten verheddern sich in Gebirgsketten / Er wäre frei, wenn sie ihn nicht vor seinem letzten Atemzug erwürgt hätten

Dergegenrevolutionaer / hat keine Kinder, die er essen könnte / Von allen Dingen, über die ich rappen könnte, ist mir ausgerechnet nichts eingefallen / und ich meine nicht das Nichts, sondern nichts. 2x
Dergegen..dergegen..hat keine Kinder..
Die letzte Wahrheit sprechen nur falsche Zungen aus / sie ist keine Hure, aber hält Jahrhunderte lang Vergewaltigungen aus.
(Retrogott)

Dienstag, 17. April 2012

Zerstreuung und Konzentration -- Skizzen zur Wiederbeschwerung der Welt


(Foto: dreamfire; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)
Das Internet ist seiner inneren Struktur nach eine wenig widerstandsfreundliche Zone. Allzu Wirres oder Uneingängiges versperrt sich schnell den Weg zur Aufmerksamkeit seiner potentiellen Empfänger, macht ihnen zumindest den Zugang schwer und lässt sie bald die Lust verlieren. Das Surfen [sofern man das heute überhaupt noch sagt] ist eine flüchtige Angelegenheit, "ein ungleich nervöserer, zielorientierterer, aber auch nüchternerer Akt als bloße Unterhaltung" (Jens-Christian Rabe, in: Hipster. Eine transatlantische Diskussion), es sucht nach Faszination, nicht nach mühsamer Einarbeitung und erschwertem Zugang, es weicht aus, wo Dinge zu langweilig zu werden drohen:
Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so läßt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg [...].
(Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Es könnte aber doch sein, dass das Zulassen und Verarbeiten von Widerständen und Irritationen (und wieso nicht auch: Irritationen durch Verlangsamung und Nicht-Verstehen) die Aufmerksamkeit für Alternativen und blinde Flecken, den eigenen Möglichkeitssinn erst kultiviert. --
Die ideale Maschine wäre eine [so liest man gelegentlich], die in der Realisierung ihrer Effekte gar nicht mehr als Maschine auffällig werden würde, ein Apparat ohne Widerstand oder auch ein Effekt-Knopf ohne Apparat, der die gewünschten Resultate ohne sichtbare Zwischenschritte und ohne irgendwelche zusätzlichen Eingabeerfordernisse schon verwirklichen würde (vielleicht eine Art universaler virtueller Fernbedienung). Man kann sich fragen, ob der Grenzfall dieses Ideals (die unmittelbare und ruckelfreie Erfüllbarkeit aller willkürlichen Intentionen) nicht einer Abschaffung aller Widerstände, Widrigkeiten und Irritationen gleichkommen müsste, einer Abschaffung, die an die Stelle von Irritation, Anstrengung und geduldiger Einarbeitung das semi-benommene und immer affirmationsbereite Hindurchfließen durch Ströme angenehmer Affiziertheit setzt:    
Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita contemplativa mit sich bringen. [...] Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht [...].
(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Eine provisorische Ablehnung alles allzu Befremdlichen, die nur noch die Affirmation dessen kennt, an das man sich ohnehin bereits gewöhnt hat, muss auf Dauer in aktive Selbstabschottung, einen Zirkel der Selbstisolation gegen alles Fremde münden, in den nur hineingerät, was den Test auf Ähnlichkeit vorher immer schon bestanden hat [Angst vor dem Algorithmus]. Man ist dann eigentlich nicht länger mit irgendeiner Sache als einem "aufsässigem" Gegenüber (Heidegger) konfrontiert, sondern befindet sich stattdessen in einem Zustand absoluter Defrontation (Ent-wider-ständiung), sich in einem gleichförmigen Strom der Similaritäten bewegend, der vielleicht noch seichte Variationen, aber keine Brüche kennt.
Man erwartet von der Philosophie eine Förderung und gar Beschleunigung des praktisch-technischen Kulturbetriebes im Sinne einer Erleichterung. Aber - die Philosophie macht ihrem Wesen nach die Dinge nie leichter, sondern nur schwerer. Und das nicht beiläufig, weil die Art ihrer Mitteilung dem Alltagsverstand befremdlich oder gar verrückt vorkommt. Erschwerung des geschichtlichen Da-seins und damit im Grunde des Seins schlechthin ist vielmehr der echte Leistungssinn der Philosophie. Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).
(Heidegger, Einführung in die Metaphysik)
Andererseits ist fraglich, ob ein einseitiges Votum für bewusste Selbstwiederbelastung und Arbeit nicht einem überkommenen Leistungsideal (dem "Decorum des alteuropäischen Heroismus"; Sloterdijk, Sphären III) verpflichtet bleibt, dass die Vorstellung einer widerstandlosen Produktivität ("organloser Körer", Deleuze/Guattari) gar nicht kennt, das sich nicht vorstellen kann, dass Faszinierbarkeit und Engagement auch eine nicht-destruktive faszinativ-fließende Liaison eingehen könnten:
Diese Protagonisten des Realismus in der entzauberten Welt [Heidegger, Gehlen, Schmitt] besaßen ein geschärftes Bewußtsein davon, daß unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit die Zerstreuung gegenüber der Konzentration das umfangreichere Phänomen ist. [...] Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
(Sloterdijk, Sphären III, Leichtsinn und Langeweile)
[RP vom 8.02.12]

Sonntag, 15. April 2012

Zurück in die vergangene Zukunft: Teeel - 88mph

Durch die Finsternis des zukünftig Vergangenen sehnt der Magier sich nach Licht.
(Twin Peaks)
Scheinbar uneinholbar Vergangenes trägt stets auch Züge einer immer noch wachen möglichen Gegenwart. Die schlummernde Zukünftigkeit des Vergangenen und die vergangene Vorwegnahme möglicher Zukünfte entsprechen sich hier wechselseitig: Manches, früher noch als Zukunft Projiziertes, scheint heute überholt, anderes steht weiterhin aus, wartet auf Verwirklichung trotz dem oder provoziert zur kontrafaktischen Spekulation (Was wäre, wenn..).  
Nur faktische eigentliche Geschichtlichkeit vermag als entschlossenes Schicksal die dagewesene Geschichte so zu erschließen, daß in der Wiederholung die »Kraft« des Möglichen in die faktische Existenz hereinschlägt, das heißt in deren Zukünftigkeit auf sie zukommt. Die Historie nimmt daher – sowenig wie die Geschichtlichkeit des unhistorischen Daseins – ihren Ausgang keineswegs in der »Gegenwart« und beim nur heute »Wirklichen«, um sich von da zu einem Vergangenen zurückzutasten, sondern auch die historische Erschließung zeitigt sich aus der Zukunft.
(Martin Heidegger, Sein und Zeit)

Donnerstag, 16. Februar 2012

Minima Irritabilia II: Rückkehr des pop-ästhetischen Lumpenproletariats in die Dominanzkultur

[Re-Entry vom 01.08.11]

Eine kleine, nicht ganz unbrauchbare Reflexions-Performance über den Untergrund:
Das Kellerkind sitzt mitten unter der Gesellschaft und begrüsst die Rückkehr des ästhetischen Lumpenproletariats in die Dominanzkutur...

Ein ergebnisoffenes Herumschrauben an den Kunstproduktionsmittel, das sich jedoch allzu absichtsvollen Berührungen durch äussere Diskurse verweigert und den Charakter eines dramaturgisch-halbdurchdachten, leicht irrsinnigen, aufklärungsresistenten Popvandalismus haben kann.

[Ergänzend zur Rand- und Grenzmetaphorik:  
"Die Bestimmung des Privat-Horizonts hängt ab von mancherlei empirischen Bedingungen und speziellen Rücksichten, z. B. des Alters, des Geschlechts, Standes, der Lebensart u. dgl. m. Jede besondre Klasse von Menschen hat also in Beziehung auf ihre speziellen Erkenntniskräfte, Zwecke und Standpunkte ihren besondern, – jeder Kopf, nach Massgabe der Individualität seiner Kräfte und seines Standpunktes, seinen eigenen Horizont."
(Kant, Logik)]
Dazu der CV der Künstlerdarstellerin Ariane Andereggen, die in ihren Versuchen der Frage nachgeht, 
"was geschieht, wenn eine Schauspielerin in die Rolle einer Künstlerin schlüpft, und dadurch versucht, diese untersuchbar zu machen. Diese Aneignung geschieht weniger über eine Identifikation mit der Künstlerperson, sondern eher über eine Neu-Einschreibung in das Methodenprogramm der Kunst des 20 Jahrhundert. Als ART-ACTOR überführt sie dabei Praktiken authentischer Kunstproduktion in ein selbstdefiniertes, experimentelles System, welches aus selbst auferlegten Regie- und Handlungsanweisungen besteht, mit welchen sie die Rolle eines Künstlers „performt“."

Dienstag, 31. Januar 2012

Kant-Robinsonaden : Eine kleine Phänomenologie der Südsee-Sehnsucht


Nicht (oder doch zumindest nicht ausschließlich) als strenger logischer Deduktor, wachsamer Hüter der "Kaserne in ihrer metaphysischen Potenz" (Ball), sondern kants in der Rolle des aufmerksamen Weltmanns, mit allen sieben Wassern der Menschenkenntnis gewaschen, als aufmerksamer Phänomenologe der Sehnsucht nach Welt- und Menschenflucht zum einen, Bedürfnislosigkeit zum anderen, präsentiert sich das sonst vor allem ehrfurchtseinflößende Inselgenie IK in folgenden kurzen Textabschnitten:
Sich selbst genug sein, mithin Gesellschaft nicht bedürfen, ohne doch ungesellig zu sein, d.i. sie zu fliehen, ist etwas dem Erhabenen sich Näherndes, so wie jede Überhebung von Bedürfnissen. Dagegen ist Menschen zu fliehen, aus Misanthropie, weil man sie anfeindet, oder aus Anthropophobie (Menschenscheu), weil man sie als Feinde fürchtet, teils häßlich, teils verächtlich. Tatsächlich gibt es eine (sehr uneigentlich sogenannte) Misanthropie, wozu die Anlage sich mit dem Alter in vieler wohldenkender Menschen Gemüt einzufinden pflegt, welche zwar, was das Wohlwollen betrifft, philanthropisch genug ist, aber vom Wohlgefallen an Menschen durch eine lange traurige Erfahrung weit abgebracht ist: wovon der Hang zur Eingezogenheit, der phantastische Wunsch, auf einem entlegenen Landsitze, oder auch (bei jungen Personen) die erträumte Glückseligkeit auf einem der übrigen Welt unbekannten Eilande mit einer kleinen Familie seine Lebenszeit zubringen zu können, welche die Romanschreiber oder Dichter der Robinsonaden so gut zu nutzen wissen, Zeugnis gibt.
(Kritik der Urteilskraft, §29)  
Der dritte Wunsch, oder vielmehr die leere Sehnsucht (denn man ist sich bewusst, dass das Gewünschte uns niemals zu Teil werden kann) ist das Schattenbild des von Dichtern so gepriesenen goldenen Zeitalters: wo eine Entledigung von allem eingebildeten Bedürfnisse, das uns die Üppigkeit aufladet, sein soll, eine Genügsamkeit mit dem blossen Bedarf der Natur, eine durchgängige Gleichheit der Menschen, ein immerwährender Friede unter ihnen, mit einem Worte der reine Genuss eines sorgenfreien in Faulheit verträumten oder mit kindischem Spiel vertandelten Lebens; – eine Sehnsucht, die die Robinsone und die Reisen nach den Südseeinseln so reizend macht, überhaupt aber den Überdruss beweiset, den der denkende Mensch am zivilisierten Leben fühlt, wenn er dessen Wert lediglich im Genusse sucht, und das Gegengewicht der Faulheit dabei in Anschlag bringt, wenn etwa die Vernunft ihn erinnert, dem Leben durch Handlungen einen Wert zu geben. 
(Mutmasslicher Anfang der Menschengeschichte)
Dann aber:
Für sich allein würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel weder seine Hütte, noch sich selbst ausputzen, oder Blumen aufsuchen, noch weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in Gesellschaft kommt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern auch nach seiner Art ein feiner Mensch zu sein (der Anfang der Zivilisierung) [...].
(Kritik der Urteilskraft, §41)

Montag, 7. November 2011

Unsere Großen XVIII: Hoffnung als Kulturthermometer (Ernst/Rio-Doppel-Feature)




Unausgeschöpfte Latenzen. Die Wirklichkeit als eine Reihe abgebrochener Versuche, doch noch mehr aus dem Ding zu machen. Was übrig bleibt liegt irgendwo auf dem ungeraden Weg von hier nach anderswo. Die Welt in der Garage abgestellt,  "aber mein Place to be ist utopisch"

"Weil das eigene Leben noch weit liegt, wird jede Ferne verschönt. Der Wunsch reißt nicht nur zu ihr hin, sondern er reißt nun ohne Versteck in sie aus, desto heftiger, je enger die eigene Lage ist. [...] Wenn einer der stärksten Wünsche der menschlichen Natur und einer, der am häufigsten verletzt wird, dieser ist, wichtig zu sein, so verbindet er sich überdies besonders stark mit dem Wunsch nach importanter Umgebung. Begabte Mädchen wünschen in diese durchzubrennen; München zog so an um 1900, Paris weit länger. Hingerissen betritt der Student die große Stadt, sie ist ihm außer dem sichtbaren Glanz mit lauter ungeduldigen Hoffnungen bevölkert. Hier glaubt er den Grund und Hintergrund zu einem endlich gemäßen Dasein zu haben; die Häuser, die Plätze, die Bühnen wirken utopisch erleuchtet."
(Bloch, Prinzip Hoffnung)

Sonntag, 16. Oktober 2011

"Yes, men!" -- Möge die Katastrophe beginnen.


Ohne inventive Befreiungsschläge werden die kommenden Krisen kaum zu meistern sein. Statt das Unvermeidliche bloß ängstlich zu erwarten wird hierzu eine euphorische Affirmation des kommenden Unsinns vonnöten sein, die medial ohne Strategien der Überidentifikation nicht zu leisten ist. Neben dem "Zentrum für politische Schönheit" also auch dies allgemeine "Yes!" zur Krise, ein "Yes" zur Katastrophe, ein "Y" zum SurvivaBall. 

Dienstag, 28. Juni 2011

Unsere (organisierten) Großen X: "Aggressiver Humanismus" - Das Zentrum für politische Schönheit


Das Empfinden langfristiger Verantwortung, ein "Gefühl des Epochalen", in die politischen Bewusstseine zurückzuheben, ist erklärtes Ziel und Aufgabe des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS):
"Das künstlerische Kernkonzept besteht in einer historischen „Retrospektivierung“ der Gegenwart: im Dienste zukünftiger Historiker sammelt das ZPS Beweise und hinterlegt gezielt Botschaften, die erinnerungspolitisch wirken sollen – Denkmäler oder Rettungsplattformen im Dienste der Humanität."


Für ein Zentrum, das "politische Schönheit" in den Blick rücken will, erscheinen die Aktionen teilweise noch zu anklagelastig. Eine intensivierte Anmahnungen des unverwiklichten, unabgegoltenen, noch ausstehende Glücks, die Provokation der "existenziellen Eifersucht" ihrer Zeit-genossinnen und Zeit-genossen, könnte der Bewegung möglicherweise einen noch bestimmteren Zug zur Zukunft verleihen.
"Glück ist das Mögliche in seiner Verfehlung: dasjenige Mögliche, das zu seiner Zeit unmöglich in Wirklichkeit umgesetzt werden konnte, dasjenige Mögliche, das einem Un-möglichen entspringt. Nur dies Glück, das un-mögliche, provoziert Neid. Denn Neid ist ein Affekt, der nicht einem Wirklichen gilt, sondern einem verstellten, nicht verwirklichten und deshalb immer noch offenen Möglichen. Woran der Neid sich entzündet, ist für Benjamin nicht das Glück eines Anderen, sondern das möglich gewesene und nicht wahrgenommene eigene Glück. [...] Glück ist eine kontingente Möglichkeit des Gewesenen, die sich für eine andere Zeit, zunächst also für diejenige Zukunft, die jetzt Gegenwart ist, bewahrt."
(Hamacher, ´Jetzt´. Benjamin zur historischen Zeit)