"Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!" - Nietzsche
Die Vorstellung einer geteilten Öffentlichkeit
| "Das Interessante durchlassen" (DyeHard; CC BY-NC-SA) |
Die Logik solcher Situationen lebt von der Vorstellung einer geteilten öffentlichen Bühne, eines aufmerksamen Publikums, das über das Agonalitätsgeschehen wacht, Argumente gewichtet und zählt, um am Ende Gewinner und Verlierer zu bestimmen. Goethe und Schiller imaginierten sich als Künstler offenbar noch eine solche "geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur" (Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma), einen Ort allgemeiner Öffentlichkeit:
„Nach dem tollen Wagestück mit den Xenien müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische Natur, zur Beschämung aller Gegner, in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln“
(Goethe an Schiller, 1796)
„Wenn mir die Götter günstig sind, das auszuführen; was ich im Kopf habe, so soll es ein mächtiges Ding werden, und die Bühnen von Deutschland erschüttern“
(Schiller, 1803)
Aufmerksamkeitsökonomie
Die Unwahrscheinlichkeit solch allgemeiner Beschäm- oder Erschüttrungen ist
heute offensichtlich: es gibt keinen so deutlich geteilten Raum öffentlicher Aufmerksamkeit mehr, der Sieg oder Niederlage eines Einzelnen noch für alle sicht- und markierbar machen könnte (vielleicht lässt sich mit diesem Umstand auch das erstaunliche Interesse an der öffentlichen Aufdeckung von Verfehlungen von Politikern erklären, sofern hier noch ein Sphäre notwendig geteilter Öffentlichkeit suggeriert werden kann).
Das Überangebot an content macht vor allem die Aufmerksamkeit zu einem knappen Gut und zerstreut sie zugleich in verschiedene, sich teils überlappende, teils einander ausschließende Aufmerksamkeitskulturen (nach geteilten Grundüberzeugungen sortierte "Schulen" der Theorie etwa, musikalische Genres, politische Orientierungen, etc.). Stets muss man -- sofern man sich das Wählen und Filtrieren nicht durch prominente Adressen und Content-Aggregatoren abnehmen lässt -- auswählen, mit was man sich beschäftigen will, und weiß dabei zugleich nicht, was genau man dabei eigentlich ausgeschlossen hat, ob es nicht auch sehr viel Interessanteres gegeben hätte, von dem man nur noch nichts weiß.
Funktionen von Kritik: Richtigstellung vs. Lenkung von Aufmerksamkeit
Welche funktionale Rolle sollte Kritik in einem solchen postagonalen (weil ohnehin überfüllten) Aufmerksamkeitsregime eigentlich noch erfüllen? Natürlich, Benutzer wollen sich nach für unermunternde Zeitvergeudung verschenkten Minuten gelegentlich Luft machen und nutzen dazu etwas, was sie selbst wohl als Kritik beschreiben würden. Aber das sind dann meist persönliche Annotationen, denen im Normalfall noch weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als dem annotierten Pimärcontent, und die -- wo sie nicht auf Verständigung hoffen -- unbeantwortet für sich stehen bleiben. Auf Richtigstellung abzielende Kritik kann nur da erfolgreich operieren, wo Bereitschaft zur Verständigung und eine geteilte Gesprächsgrundlage vorausgesetzt werden können. Man sollte zudem bedenken, dass das Kritisieren von Inhalten meist einfacher ist als deren Produktion. Gestalterische Vorschläge sind leicht auf Schwachstellen hin abklopfbar,
unbegründete Prämissen finden sich in jeder Argumentation (weil die sonst zum Argumentieren gar nicht mehr käme) -- das kann man
jeweils effektvoll nachweisen. Aber für wen sollte man das tun, wenn die Wahrscheinlichkeit, das oft virtuelle Gegenüber mit Kritik zu erreichen (d.h. zu Reaktion und Einlenkung zu nötigen) denkbar gering ist? Und wieso sollte man denn seine Aufmerksamkeit gerade für Kritik aufwenden, wenn man sich ja ebensogut auch mit Angenehmerem beschäftigen kann?
Filtrierende Kritik
Die Funktion von Kritik
scheint heute -- wo man nicht selbst versucht, Inhalte zu liefern -- vor allem darin zu bestehen, das Interessante und
Anknüpfenswerte vom Uninteressanten und wenig Erfolgsversprechenden zu
unterscheiden ("krinein"). Das Überangebot an Inhalt und die Knappheit von Aufmerksamkeit (und Zeit) geben der Funktion des Unterscheidens und Filtrierens eine bisher vielleicht kaum angemessen abgemessene Relevanz. Es kann heute schon ausreichen, sich ohne alle eigenständige Produktion als Kollektor und Aggregator von Interessantem zu etablieren, um eine wichtige kritische Rolle innerhalb eines Überflusses der Inhalte zu erfüllen. Das Auswählen wird dabei selbst zu einem kreativen und produktiven Vorgang, der seinerseits, wo er mit Sorgfalt betrieben wird, mit hohem Aufwand verbunden ist. Kritik als begründete (oder Begründetheit zumindest suggerierende) Negation und Polemik scheint dagegen weitestgehend ihre kritische Relevanz verloren zu haben, sie erfüllt innerhalb eines Überangebots von "Primärquellen" nicht mehr den Zweck, den sie vielleicht teils selbst noch zu verfolgen glaubt. Filtrierende Kritik zu betreiben kann ihr gegenüber heute heißen: Für Interessantes Werbung zu machen. Das Weiterempfehlen vom Lesens- und Sehenswertem erfüllt die funktionale Rolle dessen, was sonst Kritik heißt, während das gewöhnlich als "kritikwürdig" eingestufte schlicht nicht weiterempfohlen wird. Wieso sollte man es denn noch kritisieren, wenn das immer auch heißt: ihm in einem Überangebot interessanterer Alternativen über Gebühr Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen?
Insofern stellen Twitter und ähnliche Social Media Anwendungen, wo sie sich nicht um Skandalisierbares herum verklumpen, ihren eigenen Möglichkeiten nach hochkritische Medien dar. Sie ermöglichen eine Form filtrierendert Kritik, die Interessantes verbreitet und Uninteressantes einfach unerwähnt lässt. Was dabei jeweils als interessant erscheint, entscheiden die Kritiker als Filtratoren von ihnen ihrerseits offerierten und vorfiltrierten Faszinationsangeboten. Das mag dem Kritiker vielleicht nicht schmecken; was aber nicht jeden unbedingt interessieren muss.
[Re-Entry vom 14.04.12]
