Die Neonleuchte

Ein Museum für moderne Kunst und Theorie

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Montag, 23. Juli 2012

Die Rache der epistemischen Gewalt I: Drei nathanische Enthüllungen


[Eine kleine Dialektik der Entstellung (nicht zur Strafe, nur zur Übung:)] 
I. Es ist schon früh wieder dunkel geworden in den noch halbbenommenen jungen Theorie-Köpfen. Während die einen in logischen Siedebecken letzten Fremd- und Selbst-Analysen entgegeneifern, ergehen sich die anderen in esoterischen, ein Fremdes, Anderes, Unfestgestelltes, Unidentifiziertes, Ununiformiertes vorsichtig umkreisenden Wort-Wellen, langsam anbrandend, immer wieder das Eine (und damit natürlich auch das Andere) wiederholend: "Du kannst nicht. Du darfst nicht. Du sollst nicht: Mach´ keine Unterschiede! Hör´ auf das Rauschen! Enjoy the silence."
"Die Party steigt immer nur in der Höhle,
nie aus"
In diesem schweren, traurigen Nein liegt ihr ganzer Furor, in ihrer "Kritik" Schmerz der alten Welt, Schmerz des Gestern, Heute, Schmerz des Morgen. Der Schmerz aller Schnitte, Schmerz der Unterscheidung  des Unterscheidens (krinein): Kritik der Kategorie, versammelt in ein paar Namen, ein paar Worten, Schlachtworte, Kriegsworte, lauter Unter- Zwischen- Mittlerkategorien, immer das Gleiche Andere Dazwischen meinend, das Andere sagend, damit es auf keinen Fall wieder das Gleiche werde, damit es nicht das Gleiche sei. All das versammeln sie und rüsten damit gegen die "Euphorie", die "Identität", den "Affirmismus", den sie -- man weiß nicht genau, wo -- schon überall vermuten, dem sie seine blöde triumphalistische Naivität endlich austreiben wollen: "Auch ihr seid nur Gefangene!" und wenn sie es könnten (blinder Fleck) würden sie ihren eigenen Ärger sehen: "Was bilden sie sich ein zu behaupten, sie seien die Fesseln losgeworden? Was bilden sie sich ein, von einer anderen Sonne "da draußen" zu sprechen? Wartet bloß ab, wir bringen euch schon wieder in die Höhle zurück: Wenn wir nicht sehen dürfen, dann darf es keiner: Die Rache der epistemischen Gewalt."
II. So und so ähnlich liest man heute immer öfter in vermeintlich revolutionärem Tonfall, deutlich hybrid, seltsam umständlich, altmodisch, ein verquaster neoromantischer Stil greift um sich, Internetwirrnis vermischt mit ein bisschen affirmativem Pop: Chaostruppe Notausgang, Einsatzkommando Spaßclub. Offenbar sind da mal wieder ein paar Lutige Mustige ausgezogen, das Abendland (oder doch lieber sein Gegenteil?) zu retten - keiner hat auf sie gewartet, keiner steht für sie Spalier, keiner abboniert ihre News-Feeds. Dabei vermuten sie (natürlich) nur die allerbesten Absichten auf ihrer Seite, haben auch ihren Derrida gelesen, ihren McLuhan und dazu einen kleinen Schuss Frühromantik und glauben nun, sich mit aus fremden Texten geliehener Energie der Verstrickung der Geschichte zu entheben -- aber sie bleiben Gefangene, auch wenn sie es nicht wahr haben wollen. Ihre blinden Flecken werden sie nicht los, die Gewalt der episteme hat sie noch immer so fest im Griff wie Kants reine Anschauungen und Kategorien das transzendentale Subjekt. Keiner kommt da raus und keiner nahm je ungestraft die Brille ab, keiner von ihn hat je lange genug den Blick auf die "Weiße des Papiers" ausgehalten, um danach noch in artikulierten Sätzen darüber zu berichten. Chaos, Chora -- sie sind zu schwach, es zu ertragen und retten sich ins Fantasma ihrer Standpunktlosigkeit zurück -- und nennen das zu allem Überfluss auch noch ihren "utopischen Aktivismus".

Und was werfen sie uns dabei vor? Dass wir "auf Adorno hängengeblieben" seien, dass Kritik am "identifizierenden Denken" "altbacken und inzwischen an jeder Straßenecke billig zu haben" sei. Dass unser "Kult um Alterität und Veranderung steril geworden" sei, wir ums goldene Kalb "eines bereits erfundenen, wenn auch nicht näher bestimmbaren Gottes" tanzten? Und von wo aus sprechen sie?
III. Solche und ähnliche Schein-Dispute entstehen, wenn man innerhalb der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung die Logik und das Argument zugunsten "großer Worte, schöner Metaphern und krasser Theorien" in den Hintergrund rücken lässt. Theorien -- oder sagen wir lieber "Sätze, die durch ihre Anordnung und ihren Tonfall suggerieren, dass es sich bei ihnen um Theorie handeln könnte" -- die sich aber bei näherer Betrachtung allesamt "schnell als Banalitäten oder Unsinn entpuppen".
"Den sicheren Gang einer Wissenschaft gehen"
(Stefano Costanzo) / CC BY-NC 3.0
Das redliche Denken dagegen ist und bleibt sehr nüchtern, es ist keine Gaudi und keine Amüsierveranstaltung. Es ist ernsthafte Arbeit, trocken, ja, zuweilen auch dröge, dafür aber präzise und sauber, sich in kleinen (aber sicheren) Schritten voranarbeitend, statt in großen Weltvereinfachungssprüngen und mit viel Bohai über alle Regeln des Denkens hinwegzusetzen. Wir müssen uns davor hüten, diesem Denken zu viel Raum zu schenken. Dieser revitalisierte romantische Skeptizismus versucht, das redliche Denken langsam zu unterspülen, sein freundlicher Humor ist nur seine Maske der Harmlosigkeit -- sichert die Fundamente, befestigt die Deiche, damit ihre diffusen Wortwellen ihm nichts anhaben können. 
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Montag, 21. Mai 2012

Ein Ausweg aus dem Selbstverwertungsdilemma? Alternativen zwischen Selbstunterdrückung und Selbstverkleinerung

[RP 20.11.11]
"Das Rennen beginnt, doch ich bleib´ stehen, wenn ihr loslauft" (Retrogott)
Wer für Selbstaneignung eintritt, der muss damit rechnen, dass die ewigen Kritiker der Verwertung ihn mit der Frage zu provozieren versuchen, ob sein Engagement für Engagement nicht letztlich einem liberal-ökonomischen Impuls verpflichtet bleibt, der den Einzelnen heimlich - und mit der dazu nötigen List der Vernunft - zu einem kalkulierenden Verwerter seiner Lebenschancen und -appetite umzuqualifizieren versucht. Das mag natürlich sein. Aber wie sähe denn die Alternative aus? Aktive Selbstverunmöglichung?
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich bemüht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z.B. Karriere, Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, wenn die verdächtige "Harmonie" meiner Natur sich durchringt, wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, meine Einsicht verbieten mir das.
(Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit)
Anderen Alternativen jedenfalls fehlt häufig scheinbar der nötige Schneid. Irgendwo irgendwie dazwischen sich einrichten: "das ist doch nicht radikal genug". Die Gesamtverhältnisse müssen auf jeden Fall ganz und von Grund auf -- von wo ganz anders her -- geändert werden.

Der Totalitarismus der Kritik duldet kein "Dazwischen" und keinen "Kompromiss", er will Revolution, keine Reform. Seine regressive Trotzigkeit verbirgt er dabei geschickt hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit des "Ganz oder gar nicht". Allerdings kommt diese verständliche Sehnsucht nach der absoluten Alternative über die radikalistische Geste und den mit ihr verbundenen moralischen Fingerzeig auf die vermeintlichen "Kollaborateure des falschen Lebens" selten hinaus. Sie übersieht, dass "totale Kritik" und "Weitermachen" sich gegenseitig immer schon ausgeschlossen haben. Wer "alles das hier" so kritisiert möchte, der wird sich "in diesem Leben" schwer damit tun, sich am System nicht die Finger schmutzig zu machen oder schlichtweg zu sich selbst in unbequemen, offenen oder latenten Widerspruch zu treten.
Falsches Ziel gewählt?
"No matter. Try again. Fail better"
(Cyberdees, CC BY-NC-SA 2.0)
Gibt es andere Formen des Umgangs mit der unternehmerischen Anrufung [...]? Wie könnten Alternativen zu Enthusiasmus, Ironie und Melancholie aussehen? Eine pragmatische Gelassenheit vielleicht, die weder glorifiziert noch dämonisiert, der die hochgetunte Selbstmobilisierung des Enthusiasten so fern liegt wie die angestrengte Selbstdistanzierung des Ironikers oder die behagliche Selbstgewissheit des Dagegenseins, die der Melancholiker kultiviert. [...] Eine taktische Klugheit, welche die Listen der Simulation, des Abtauchens und des détournement beherrscht und den Aktivierungsfuror der Förderer und Forderer ins Leere laufen lässt.
(Bröckling, Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker)
Eine Frage der klugen Wahl der Ziele, für die man sich wirklich engagieren (lassen) will. Die wird gerade in Strukturen akut, die eigene Ambitionen und Eitelkeiten bewusst provozieren, Angebote zur eigenen Verausgabung mit dem leisen Versprechen verbinden, man könnte - Überverausgabung fröhlich in Kauf nehmend - bald schon zu den wenigen glücklich Auserwählten zählen, oder zumindest die Leiter des symbolischen Kapitals ein signifikantes Stück nach oben klettern. Aber möglicherweise ist das alles auch noch eine Spur zu ernst:
Fuest: Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.
[...]
TAZ: Woran glauben Sie dann?
Fuest: Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen. [...] Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
TAZ: Ist das nicht ein Rückzug?
Fuest: Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. 
(Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie in der TAZ)
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Dienstag, 27. März 2012

Aber diese Reduktion... (Diese Stümpfe von Menschen)



[Re-entry 8.06.11]
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Mittwoch, 21. März 2012

ZSCHOKK - Angst um Adorno

Bei Adorno ging die Leugnung des Männlichen so weit, daß er vom Namen des Vaters nur einen Buchstaben behielt, W. Der Weg zum Wiesengrund muß jedoch nicht gerade ein Holzweg sein.
(Sloterdijk, KdzV)
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Montag, 19. März 2012

Vorwärtsschreiten und Verweilen, Walter Benjamin beschreiben

[Entry: 26.10.2010, Re-Entry 13.07.11]
"Es geht um ein Spiel: Kindern werden Worte gesagt, sie sollen daraus Sätze bilden - und Benjamin hat ein paar Beispiele notiert: "Brezel, Feder, Brause, Klage, Firlefanz": "Die Zeit schwingt sich wie eine Brezel durch die Natur. Die Feder malt die Landschaft und entsteht eine Pause, so wird sie mit Regen ausgefüllt."

Wuunderbare Auugönn, unnder Adorno. Undersetzt.
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Samstag, 10. März 2012

Lieber Nüstern als nüchtern: Die Zukunft der Kunst, die Zukunft der Vernunft

[Re-load vom 3.12.11]
Mein Genie ist in meinen Nüstern..
(Nietzsche, Ecce Homo)
(Aufschlingende und verschlingende Vernunft
konstellieren sich im Denkraum
Wenn die "Zeit der großen Einzelnen" vorbei ist, Originalität nicht mehr nur unwahrscheinlich, sondern generell als ein Effekt der historischen Selbstverwischung der Kulturen entlarvt ist, müssen Kunst und Geisteswissenschaft andere Leitorientierungen finden. Die Philosophie//Theorie kann sich nicht länger an der Vorstellung festhalten, dass sie das Denken weiter entwickelt, dass sie heute besser und in klareren Synthese begreift, was Vorgängergenerationen nur durch trübe Linsen zu sehen bekamen; und die Kunst kann nicht länger glauben, dass sie einer historischen Linie vorgezeichneter -- oder doch zumindest re-spektiv so erscheinender -- Notwendigkeiten in der Gestalt von Großgeistern [resp. Genies] ihre Wege bahnt. Zu wenig konnten die einzelnen Künstler wahrnehmen, um alles Wesentliche in ihre Werke einfließen zu lassen, zu wenig konnten die Theoretiker lesen, um in ihren Texten das Ganze dessen, was schon gedacht war, weiterzuschreiben. Wenn die Zuschreibung von Originalität selbst als eine Frage des vorausgesetzten Horizontes erkennbar wird, muss auch der Glaube an den eigenen Fortschritt, der in den Naturwissenschaften noch einen einfachen, an der Kontrollierbarkeit der Phänomene festzumachenden Sinn besitzt, aufgegeben werden. Natürlich, man kann sich gegen so etwas hier wie überall re-naivisieren: 
Wer [immer noch am alten Fortschrittsglauben festhält] - und man kann das natürlich, wenn man Bücher schreibt oder Kongreßreferate hält - begründet dies [meist überhaupt nicht, sondern tut am besten so, als könnte alles einfach weitergehen wie bisher].
(nach Luhmann, Soz.Sys.) 
Weiter an den Dingen schreiben und arbeiten, an denen man halt so schreibt und arbeitet: Als ob die Philosophie//Theorie und die Kunst einfach weiter so möglich wären wie bisher. Aber Kunst und Theorie sind keine überschaubaren Großbewegungen, die in ein Schema der vernünftig aufeinanderfolgenden Epochen passen. Beide wachsen heute wilder: In die Fläche, in Untergründen, breit und gestreut, immer von vielen an vielen verschiedenen Orten zugleich voranbewegt:
Nicht zufällig haben die Werke der Gegenwart häufig relativierende Attribute um sich, sie werden leiser, fungibler, weniger epatant, biographischer, subkultureller, ironischer gegen Genialismus, skeptischer gegen Wirkung sowie Wirkungsverweigerung.
(P.S.)
Kunst und Theorie mit Befreundungs-Bewusstsein werden nicht mehr "für alle" zu sein beanspruchen, nicht mehr für alle (und auch nicht für alle und keinen); sondern für die jeweils Anderen, die sich von Ähnlichem faszinieren lassen.
Ich muß sagen, ich halte Begriffe wie Faszination, interessant, erregend für viel zu wenig beachtet in der deutschen Ästhetik und Literaturktitik. Es soll hierzulande immer alles sofort tiefsinnig und dunkel und allhaft sein [...] demgegenüber glaube ich, daß die inneren Wandlungen, die die Kunst, die das Gedicht hervorzubringen im Stande ist [...] aus dem Erregenden, dem Faszinativen hervorgehen.
(Benn, Probleme der Lyrik)
Die Kunst tut sich hiermit sehr viel leichter. Gerade sie kann sich in Faszinationsgemeinschaften, denen ähnliche Stile, ähnliche Motive, ein ähnlicher Sound oder eine ähnliche Art von Unsinn behagen, sehr viel einfacher neu einrichten als das der Philosophie gelingen kann: die Kunst hat es längst; und nur die Fiktion eines weltweiten Kunstmarktes erzeugt hier noch so etwas wie die Vorstellung eines Ortes, an dem sich alle Kunstwerke mit allen anderen messen würden, um die wenigen Großen als Sieger zu bestimmen. Aber das ist ein Problem des Marktes und seiner Selbstwahrnehmung, keines der gegenwärtige Kunst. Die Philosophie dagegen tut sich schwer, ihre Ansprüche auf Allgemeinheit aufzugeben, obwohl sie inzwischen teils so selbstzerstreut erscheint, dass der Singular, mit dem man das Fach bezeichnet, als ein bloß noch historisches Erbe anmuten kann. Woran sollte man sie erkennen? Besitzt sie denn eine eindeutige Form? Einen eindeutigen Gegenstand? Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Begriff "Philosophie" aus Respekt vor seiner altmodischen Gravität für eine Weile ruhen zu lassen, ihn zu "musealisieren" (in den Schutz der Ausstellung zu ziehen)? Man könnte derweil an seine Stelle etwas setzen, was die Freundschaft zur Befreundung meint und nicht mehr die Freundschaft zu einer bestimmten Weisheit -- "Philophilie":
Noch einmal, anders: 'Philologie ist Zuneigung der Sprache zu einer Sprache, die ihrerseits Zuneigung zu ihr oder einer anderen ist. Darum ist Philologie Zuneigung zur Sprache als Zuneigung. Sie mag in der Sprache ihr Mögen, ihres und ihr eigenes. Sprache ist Selbstaffektion im anderen ihrer selbst. Philologie ist Philophilie.
(Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie)
Vielleicht wäre aber damit auch zu früh eine Sache aufgegeben, die nach wie vor den Versuch einer Gegenwartsformatierung mit eigenem Faszinationswert ertragen könnte:
Daß es "Grand Theories" nach wie vor geben kann und geben sollte, ist damit nicht bestritten. Aber sie haben, wenn sie "intellektuell" zelebriert werden (was nicht sein muß), zugleich etwas Spielerisches, Künstlerisches, Selbstironisierendes an sich. Man führt eine Konstruktionsanweisung aus und sieht, wie weit man kommt.
(Luhmann, Gibt es ein "System" der Intelligenz?) 
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Samstag, 3. März 2012

Reskriptionen aus dem de-molierten Lesen


Voreiliges zum Retrofuturismus. Zwischendrin: Eine Mikrotypologie akademischer Seminarbeiträge: Die "Ich weiß was!"-Meldung (enzyklopädisch-galant, assoziativ ausladend) und die "Ich versteh´ was!"-Meldung (zuerst unschuldig eine Frage suggerierend, dann scharf ins Thetische auslaufend), allerdings de-moliert. Wien. Karl Kraus als Homie von Hofmannsthal [--> "Die Fackel" wird zur "Leuchte"; echte (!) Gründungsurkunde]:

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Donnerstag, 1. März 2012

Die ersten Züge der Philosophie - Dialektik der Verzehrung


Gewohnt gelassen leitet Luhmann das interintellektuelle Gespräch zum Thema "Das Rauchen - Schlecht oder doch gut?" ein:
Praxis kommt ja in der modernen Gesellschaft kaum noch vor. Rauchen wäre eines der wenigen Beispiele, die einem spontan einfallen; aber das betrifft dann nur die Zigarettenindustrie.
(Wirtschaft der Gesellschaft) 
Kant fühlt sich durch die nachlässige Flapsigkeit zu maßregelnder Korrektheit provoziert. Das Rauchen scheint ihm doch eine Sache zu sein, die einer ernsthafterer Beschäftigung fähig ist. Er will Grundlgendes klären: Zu den subjektiveren Sinnenempfindungen gehörten, meint er schnippisch, auch solche, 
die bloss subjektiv sind und auf die Organe des Riechens und Schmeckens durch einen Reiz würken, der doch weder Geruch noch Geschmack ist, sondern als die Einwirkung gewisser fixer Salze, welche die Organe zu spezifischen Ausleerungen reizen, gefühlt wird; daher denn diese Objekte nicht eigentlich genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden, sondern nur sie berühren und bald darauf weggeschafft werden sollen; eben dadurch aber den ganzen Tag hindurch (die Essenszeit und den Schlaf ausgenommen) ohne Sättigung können gebraucht werden. – Das gemeinste Material derselben ist der Tobak, es sei ihn zu schnupfen, [...] oder auch ihn durch Pfeifenröhre, wie selbst das spanische Frauenzimmer in Lima durch einen angezündeten Zigarro, zu rauchen. [...] – Dieses Gelüsten [...] ist, als blosse Aufreizung des Sinnengefühls überhaupt, gleichsam ein oft wiederholter Antrieb der Rekollektion der Aufmerksamkeit auf seinen Gedankenzustand, der sonst einschläfern, oder durch Gleichförmigkeit und Einerleiheit langweilig sein würde; statt dessen jene Mittel sie immer stossweise wieder aufwecken. Diese Art der Unterhaltung des Menschen mit sich selbst vertritt die Stelle einer Gesellschaft; indem es die Leere der Zeit statt des Gespräches mit immer neu erregten Empfindungen und schnell vorbeigehenden, aber immer wieder erneuerten, Anreizen ausfüllt.
(Anthropologie in pragmatischer Absicht)
Kants Anregungen greift ein umwölkter Husserl auf. Der sieht allerdings im Rauchen vor allem einen legitimem Treibstoff zur Beförderung des theoretischen Interesses:
Ein Gefühl kann uns berühren, ohne uns einzunehmen, und es braucht gar nicht schwach zu sein. Ich rauche eine Zigarre mit Lust, aber die Lust füllt mich nicht aus, vielmehr das theoretische Interesse, das indirekt von ihr Nutzen zieht. Manchmal mag es umgekehrt sein. Die Lust des Rauchens nimmt mich in Beschlag, das theoretische Interesse ist gering. Im einen Fall bin ich der Sache theoretisch zugewendet und nicht der Lust; im anderen Fall der Lust mitsamt ihrem sinnlichen Inhalt.
(Wahrnehmung und Aufmerksamkeit) 
Adorno ist empört. In allen bisherigen Ausführungen sieht er nichts als die masochistischen Auswirkungen des allgemeinen Verneblungszusammenhangs am Werk, er nippt ein letztes Mal kultiviert am Wein: Versuch einer Klarstellung:
Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit, sei's der eigenen, sei's der anderer, gebührt Mißtrauen. [...] Archetypisch dafür ist der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung kommt, die indirekte Beleuchtung andreht und sich einen Whisky-Soda mischt: das sorgfältig aufgenommene Zischen des Mineralwassers sagt, was der arrogante Mund verschweigt; daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercreme riecht, zumal die Frauen, und daß diese eben darum ihm zufliegen. [...] Die Freuden solcher Männer [...] haben allesamt etwas von latenter Gewalttat. [...] Wenn alle Lust frühere Unlust in sich aufhebt, dann ist hier die Unlust, als Stolz sie zu ertragen, unvermittelt, unverwandelt, stereotyp zur Lust erhoben: anders als beim Wein, läßt jedem Glas Whisky, jedem Zug an der Zigarre der Widerwille noch sich nachfühlen, den es den Organismus gekostet hat, auf so kräftige Reize anzusprechen, und das allein wird als die Lust registriert. Die He-Männer wären also ihrer eigenen Verfassung nach, als was sie die Filmhandlung meist präsentiert, Masochisten. Die Lüge steckt in ihrem Sadismus, und als Lügner erst werden sie wahrhaft zu Sadisten, Agenten der Repression.
(Minima Moralia)
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Freitag, 24. Februar 2012

Lebensspielräume, Lebensversäumnisse: Versuche zur Formalisierung des Existenzialismus


(Raum für Möglichkeiten)
Lebensmöglichkeiten erscheinen entweder als Fähigkeiten oder als Spielräume: als Selbstoptionen oder Weltoptionen. Selbstoptionen sind die als Kapital vorgestellten Potentiale und Fähigkeiten, die dem Einzelnen zur möglichen Verwirklichung zur Verfügung stehen (Talente, Kenntnisse, Fertigkeiten, Besitze), Weltoptionen sind die durch Situationen vorgegebenen Bewegungsspielräume (Erreichbare Orte oder Positionen, gestaltbare Räume). 
Während Weltoptionen als mögliche zukünftige Lebensumstände vorgestellt werden, zeigen sich Selbstoptionen als zu-verwirklichende Potentiale, die man entweder als durch Nicht-Verwirklichung erfolgte Kränkungen mit sich herumschleppt ("Ich wäre sicher ein großer Pianist geworden.") oder die als heimliche Versprechen einer möglichen Zukunft die eigenen Tätigkeiten tragen ("Ich werde gewiss ein mittelgroßer Pianist."). Im Hinblick auf beide Seiten besteht Täuschungsgefahr: Wirkliche Möglichkeiten können hier wie da als Unmöglichkeiten erscheinen: die eigene Unfähigkeit als noch nicht ausgeprägtes Talent, bestehende Möglichkeit als absurd und unwahrscheinlich vorschnell abgetan werden.
Vermeintliche Weltoptionenknappheit kann einschränken, träge und verzweifelt machen, oder zur Gegenreaktion provozieren: Protest [Adorno]. Protest gegen wahrgenommenen Selbstoptionenknappheit dagegen ist unwahrscheinlich: man fühlt sich eher unfähig als unterbliebene Talentvererbung (und wen denn nur?) anzuklagen. Eine Frage der Zuschreibung: Knappheit an Selbstoptionen kann durch Fremdzuschreibung (Externalisierung, Entantwortung) als Problem der Welt dargestellt werden: ein unterstellter Mangel an Weltoptionen etwa entlastet vom Eingeständnis eigener Unfähigkeit ("Es gibt hier einfach keine guten Klavierlehrer.."), Unterstellung ungerechter Mechanismen entlastet vom Eingeständnis mangelnden Engagements für die Sache selbst ("Protest ist manchmal leichter als Politik").
Vermeintlicher Weltoptionen- oder Selbstoptionenüberschuss steigert das Kontingenzgefühl und führt im Grenzfall zu Fahrlässigkeit: zu vieles scheint möglich, zu weniges notwendig oder auch nur alles Mögliche belanglos. Das Entscheiden selbst wird zum Problem.
Sofern man aber überhaupt für das Realisieren von Möglichkeiten votiert -- und es könnte natürlich auch Gründe geben, das nicht zu tun -- lohnt sich bisweilen vielleicht eine optimistische Überschätzung eigener Spielräume, solange die nicht absehbar langfristig zu den größeren Enttäuschungen führen muss.
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Sonntag, 12. Februar 2012

Minima Irritabilia I: Run Wrake - What is that?


Ein Interview mit Animationskünstler Wrake findet sich hier.

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Labels: Adorno, Animation, Kunst

Montag, 17. Oktober 2011

Kleines Adornigramm


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Montag, 5. September 2011

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungssreise XXIII: Auszeit beendet

Der elf-köpfige Soziograph legt das Besteck zur Seite, die eigenen Worte gehen zur Neige. Ruhepause Feierabend. Der elf-köpfige Soziograph vertritt sich die Beine, er kontrolliert Parkausweise, klimatisiert alle Bereiche -- auf drei. An seiner Stelle zwei hätten langsam "von hier" was von "da" gebraucht. Aber so stehen sie jetzt am Geh(-)leise -- geh nicht vorbei: "Von "hier" ist nicht mehr weit nach "da hinten"." Der elf-köpfige Soziograph zieht seinen Stift und legt ein Buch entzwei. Er würde gern Sinn vermeiden, leise notiert er in seine Kartei:

"Hallo."
"Hallo."
"Hast du das Buch dabei? Ich konnt das zuhause nich finden."
"Nurne Kopie bis Seite einhundertundzwei, der Rest warnich im Ordner."
"Ist da auch was zu Gender dabei?"
"Entschuldigen Sie mal bitte, wir haben es hier mit ADORNO zu tun, mit NEGATIVEN DIALEKTEN. Da ist viel Hegel drin und ein bisschen diffuses Gelände. Also, wenn du mich fragst, eine Theorie für Gekränkte."
"Aber ich mein: So am Anfang. Damit fängts ja an. Mit einer Unterscheidung."
"Kann ich zu nichts sagen. Da bin ich der falsche Mann."
"Und wenn wir drauf was trinken?"
"Ach, pack den Prunkhumpen wieder dabei, auch der geht heute an dir vorbei, der Kelchkrater im Theoriegelände."
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Dienstag, 22. Februar 2011

Car-nap: "Uhaaa!" - Im Auto auf der Baustelle eingeschlafen, mitten in einem logistischen Alptraum wieder aufgewacht

Leitern nach Gebrauch bitte wegwerfen! (Quelle: flickr - any_user)
Aus "Der logische Aufbau der Welt" (1928), §46:

"Nachdem wir das Problem der Stufenformen erörtert und gefunden haben, daß die einzelnen Stufen des Konstitutionssystems in Form von Klassen- und Relationsdefinitionen erbaut werden sollen, erhebt sich nun als zweites Problem das der "Systemform" [...]. Wie ist der Stufenbau anzulegen, damit die Gesamtheit der Wissenschaftsgegenstände darin Platz findet (siehe Abbildung oben)? [...]
BEISPIEL Aussage in Worttext: "wenn einer ein Neger ist, so ist er auch ein Mensch"; logisch geformt: "gehört einer zur Klasse der Neger, so auch stets zur Klasse der Menschen"; logistische Fassung des logischen Skeletts: "(x) : x ɛ Neger. ↄ [Def. ↄ := Vertretungszeichen für´s echte Teilmengenzeichen] . x ɛ Mensch"; logistische Fassung der ganzen Aussage: "(x) : x ɛ ne. ↄ . x x ɛ me"."
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Montag, 21. Februar 2011

Ouff Philosophie

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Montag, 27. Dezember 2010

Der Habermas des Tages

(Quelle: Wiki-Commons)
Ob man heute überhaupt noch Gedichte schreiben sollte, ist eine offene Frage, die durch gelungene Gedichte zu beantworten den "Dichtern der Gegenwart" obliegt. Adorno dachte bekanntlich einst, dass in unserer Zeit noch Gedichte zu schreiben "barbarisch" sei. Aber auch der große Jürgen Habermas hat sich Gedanken über  Lyrik und ihre Entstehungsbedingungen gemacht. 
Die Ergebnisse seiner Überlegungen packte er 1968 in einen Aphorismus, den er - damals noch aus Verlegenheit - in "Technik und Wissenschaft als "Ideologie"" (107) versteckte. Der wird jetzt und hier erstmals isoliert publiziert:

"Gedichte entstehen im Anblick von Hiroshima und nicht durch Verarbeitung von Hypothesen über die Verwandlung von Masse in Energie."

Na, wenn das mal keine gelungene Aufforderung zum Dichten ist!
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Donnerstag, 25. November 2010

Angst hat System...

www.agent-provocateur.ch
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Montag, 1. November 2010

Walter Benjamin beschreiben II

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Mittwoch, 27. Oktober 2010

Immer noch "diese Kälte": Interkontinentale Konkurrenz und der unendliche Mangel an Liebe

Auch analytische Philosophen sind gelegentlich ausgelassen und frech, obwohl das Drinnen natürlich ganz anders aussieht (→ "Universalisierung der Warenform"). David Cha[r]mers zum Beispiel hat den Zombie Blues. Aber er singt ihn auch.
 


Adorno ("Jeder Mensch, ohne Ausnahme, und ich glaube wirklich, diese Verallgemeinerung ist streng erlaubt...") hat damals blitzschnell auf Chalmers Song reagiert und ihn streng "methodologisch und methodisch" durch das Phänomen der "Lonely Crowd" analysiert.



Zu erwähnen vor allem noch seine zweite theoretische Großleistung (ab 0:57), die Entwicklung der Faschismus-Skala ("F-Skala"), die in Deutschland auch unter dem Namen "A-Skala"  (wahlweise: "Adorno-" oder "Autoritäts-Skala") angewandt worden ist, um heimlich heimliche Faschisten aufzustöbern.
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Labels: Adorno, Philosophie

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Neues aus dem Verblendungszusammenhang

Auf die manipulative Kraft der Medien schimpft inzwischen ja schon jeder dahergelaufene Videokünstler, wie exemplarisch etwa dieses altbekannte - und zugestandenermaßen etwas plumpe - Video zu Aphex Twins "Come to Daddy" beweist:



Die Kritik aber auf ein Niveau zu heben, auf dem sich einem die eigenen Eingeweide um den Hals legen, weil man die Augen vor der Realität einfach nicht mehr länger verschließen kann, ist eine Kunst, die nur die Allerwenigsten wirklich beherrschen (und solange die Jazzmaschine weiter stampft, werden es wohl auch immer wenige bleiben...):

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