Geisteswissenschaftliche Theorien entstehen nie aus dem
Nichts, sie werden von Menschen erdacht und erschrieben. Und das geht mit dem
nicht immer erfreulichen Umstand einher, dass Theorien nicht nur argumentativ rechtfertigen
und appellieren, sondern sich auch auf vorausgesetzte, vorauszusetzende
Evidenzen stützen. Diese vorausgesetzten Evidenzen werden, wenn man sich theoretisch
mit ihnen befasst, heute häufig in Analogie zu Überzeugungen modelliert. Diese
vorausgesetzten Überzeugungen nennt man dann „Intuitionen“. Intuitionen werden
dabei als in propositionale Form überführbare Thesen oder Hypothesen vorgestellt,
von denen man nun einmal ausgeht, für die jedenfalls an der jeweiligen Stelle
keine eigenständigen Argumente angeführt werden. Solche überzeugungsförmigen Intuitionen
werden also in jeder philosophischen Erörterung immer vorausgesetzt (man kann
ja schließlich nie alles auf einmal bedenken!). Die Vorstellung, dass diese
Intuitionen ihrerseits die Form von Thesen haben (oder aber zumindest
thetisierbar sind) ist dabei wichtig, weil in der an der Logik orientierten
Philosophie der Gegenwart Thetisierbarkeit die Zugangsbedingung von überhaupt
irgendetwas zum philosophischen Diskurs ist. Philosophie ist wesentlich argumentierend,
und argumentieren kann man eben nur für oder gegen Behauptungen. Die Philosophie bewegt sich im "Raum der Gründe" - und was nicht
thesenförmig gemacht werden kann, kommt eben nicht in die große Thesenverwurstungsmaschine Philosophie.
Allerdings ist es meistens so, dass die vorausgesetzten Evidenzen, die uns Theorien (oder: bestimmte Arten von
Theorien) annehmen oder ablehnen lassen, sich gerade nicht (oder vielleicht
sogar: wesentlich nicht) in dieser Weise besonders gut explizieren lassen.
Vielmehr sind in alle Theorien nicht direkt thetisierbare Basisevidenzen eingelagert: „formale
Mythologien“, Evidenzszenarien und Hintergrundmetaphoriken, die dem Gesagten
oder Geschriebenen für seine Anhänger erst seinen spezifischen evidenziellen
Reiz geben.
„Weltstimmungsgehalte“ (Luhmann) könnte man vielleicht abstrakt
sagen, aber das lässt sich noch genauer beschreiben: Eine Theorie kann man sich
jenseits der von ihr konkret vertretenen Überzeugungen vorstellen wie eine Art Angriffs-
oder Verteidigungs-Zauber, mit dessen Hilfe ihr Anwender sich in einer bestimmten
problematischen Situation zu behaupten versucht. Also eine Art Mittel, zu dem
man greift, um in einer spezifischen Situation Raum zu gewinnen oder Raum zu
verteidigen. Um nun herauszufinden, in welchem Evidenzszenario sich eine
bestimmte Theorie bewegt, muss man sich also (auf formalste Aspekte reduziert)
die Situation vorstellen, in der die primären Präferenzwerte der Theorie die
größten Effekte erzielen würden, die Situation also, auf die der jeweils gewählte
Zauber reagiert. Diese Situation nun ist das Evidenzszenario der Theorie, die
Situation, in der sich die Theoretikerin zu befinden glaubt und in der ihr die
gewählte Art von Theorie/Zauber besonders notwendig erscheint.
Um solche Evidenzszenarien zu beschreiben bieten sich
zunächst einfache Oppositionspaare wie die folgenden an (wobei eine Theorie meistens je einen der beiden Werte bevorzugt):
Statisch // Beweglich, Eindeutig // Vieldeutig, Hart //
Weich, Fest // Flüssig, Langsam // Schnell, Geschlossen // Offen,
Diskontinuierlich // Kontinuierlich, ...
Solche Unterscheidungen siedeln sich auf einer Ebene des
Intuitiven an, die relativ eng an den jeweiligen charakterlichen Präferenzen entlangführt, indem sie verschiedenste lebensweltliche Beobachtungs- und Empfindungsbereiche
miteinander verknüpft. Jeder Einzelne (ob Theoretikerin oder nicht) besitzt so etwas wie
einen Raum der primordialen, pränominalen Evidenzen, in dem sich beispielsweise
eine Präferenz für „flüssige“ und „vieldeutige“ Haltungen und Bewegungen entwickelt
hat [eine Präferenz für Lächeln zum Beispiel]. Jemand hat etwa das Gefühl, dass das
Terrain, in dem er sich aufhält, vor allem durch Erstarrungen und
Verknöcherungen strukturiert wird, gegen die es vorzugehen gilt, um sich Luft
zu schaffen. Von außen rückt also die Erstarrung heran, die einem den Raum zu
nehmen droht, die Welt droht langsam von außen nach innen zu verknöchern. Möglicherweise ist ein solcher Eindruck durch die Erfahrung des unüberbrückbaren und deprimierenden Widerstands motiviert, den man oft gegenüber dogmatischen
Verhärtungen verspürt – er muss das aber nicht sein. Die Verhärtungen zu lösen
versuchen wird dann die Aufgabe auch der Theorie. Der Verteidigungszauber, den
sie einzusetzen versucht, ist also ein Anti-Verknöcherungszauber, der
scheinbare Stabilitäten aufweicht und destabilisiert: Anti-Dogmatismus, post-ontologische
Intuitionen, anti-identitäres Denken, das Aufweisen von impliziten Voraussetzungen undsoweiter kommen
hierzu in Frage. Alles eben, was der Verflüssigung der rundherum verhärteten Positionen dienlich ist. Der allgemeinen Dominanz des Dogmatismus etwas
entgegensetzen - Verflüssigung der Welt.
Eine Präferenz für „harte“ und „eindeutige“ Haltungen mag ihrerseits in
der Verallgemeinerung von Erfahrung begründet sein, in denen durch
Vielstimmigkeiten [das uferlose Durcheinanderreden am Familientisch zum Beispiel], auch: die
wiederholte Konfrontation mit unnachgiebiger, unüberzeugbarer Dummheit oder
Desorientierung ein Bedürfnis nach der Durchsetzung stabilisierbarer Positionen entstanden ist. Den
Streit endlich entscheiden können wollen. In die Lage geraten, den Anderen
zur Einsicht zu zwingen. ["Sag endlich, dass du Unrecht hast!" (Es scheint so, dass das vehemente Eintreten für die Zugänglichkeit der Anderen durch Argumente häufig hierauf hinausläuft: Auf den Wunsch, dass der Andere sich von den eigenen Argumenten zur Einsicht zwingen lassen solle, sofern man ja von sich selbst immer schon annimmt, Argumenten zugänglich zu sein.)] Positionen befestigen, Glaube an die Eindeutigkeit dessen, was ein Wort
bezeichnet, Definitionen, stützende Argumentationskonstruktionen, Fundierungen,
undsoweiter kommen wiederum hierzu in Frage. Dem haltlosen Geschwätz und Gerede
ein Ende bereiten, das wird dann hier zur Aufgabe der Theorie. Der allgemeinen
Dominanz des uferlosen Geredes Einhalt gebieten - Vereindeutigung der Welt.
![]() |
| "Flüssige Steine im Geviert" |
(So oder ähnlich könnte der Versuch einer ersten Annäherung an zwei sehr grobe Evidenzszenarien aussehen.)
Theorien verlassen sich auf solche basalen Evidenzen, aber sie bedenken sie nicht ernsthaft genug, weil sie stattdessen allzu häufig lieber die Mechanik ihrer Argumentationen bewundern. Und es scheint keine kleine Aufgabe, die Frage zu beantworten, ob und wie sich an diesen basalen Evidenzszenarien etwas ändern lässt, und wenn ja: wie, im Sinne von was, man das überhaupt tun sollte.
