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Sonntag, 29. April 2012

Publikum und Publikation: Gelehrtenpublik


"Ein Pirat avant la fenêtre"
Publizieren heißt: Etwas in die Öffentlichkeit bringen. Aber wie offen muss so eine Öffentlichkeit sein, um ihren Namen auch verdientermaßen zu tragen? Kommt es darauf an, für wen man schreibt? Kommt es darauf an, wer hört? Hat jemand gesagt, kommt es darauf an, wer hört? Kant (der hier schon einmal für eine angemessene Popularisierung der Philosophie eingetreten war) und Hamann etwa stritten darüber, ob und wie sich eine Physik für Kinder ("Kinderphysik") verfassen ließe -- zustande kam sie jedenfalls nie. Aber Hamann merkte kritisch an, dass Gelehrte allein als Publikum anzusprechen möglicherweise auch noch zu einfach ist:
Gelehrten zu predigen, ist ebenso leicht, als ehrliche Leute zu betrügen: auch weder Gefahr noch Verantwortung dabei, für Gelehrte zu schreiben; weil die meisten schon so verkehrt sind, dass der abenteuerlichste Autor ihre Denkungsart nicht mehr verwirren kann.
(Hamann an Kant)

Freitag, 2. September 2011

Bourdieu in Plauderlaune: Lob der Popularisierung II


Auch das neben Einschaltquotenkritik: 

"Die schlichte Weigerung, sich überhaupt im Fernsehen zu äußern, scheint mir nicht vertretbar. Ich denke sogar, daß man in bestimmten Fällen förmlich dazu verpflichtet ist – allerdings müssen vernünftige Voraussetzungen dafür gegeben sein. Bei der Entscheidung ist das Spezifische des Instruments Fernsehen in Rechnung zu stellen. Wir haben es hier mit einem Instrument zu tun, das jedenfalls theoretisch die Möglichkeit gibt, jedermann zu erreichen. Daher sind ein paar Vorfragen zu berücksichtigen: Geht das, was ich zu sagen habe, jeden an? Bin ich bereit, meine Rede formal so zu gestalten, daß alle sie verstehen? Verdient sie, von allen verstanden zu werden? Mehr noch: Soll sie überhaupt von allen verstanden werden? Eine Aufgabe gerade der Forscher und Wissenschaftler – und vor allem vielleicht der Sozialwissenschaftler – besteht darin, die Erträge ihrer Forschung allen zugänglich zu machen. Wir sind, wie Husserl sagte, »Beamte der Menschheit«, vom Staat bezahlt, um etwas aus dem Bereich der Natur oder der Gesellschaft ans Licht zu bringen, und es gehört, wie mir scheint, zu unseren Verpflichtungen, das Entdeckte offenzulegen." 
(Bourdieu,Über das Fernsehen)

Freitag, 5. August 2011

Kant im Anzug: Ein Lob der Popularisierung


Kompliziertheit mit Tiefsinn zu verwechseln ist eine nicht unweit verbreitete akademische Unart. Glücklicherweise finden sich auch beim allenthalben anerkannten und immerzitierbaren Philosophiegroßmeister Reflexionen über eine angemessene Popularisierung des Wissens, mehr noch, auch eine Mahnung vor konservativen Festhalte- und Abschottungsambitionen:

In Ansehung der Wissenschaften gibt es zwei Ausartungen des herrschenden Geschmacks: Pedanterie und Galanterie. Die eine treibt die Wissenschaften bloss für die Schule und schränkt sie dadurch ein in Rücksicht ihres Gebrauches; die andre treibt sie bloss für den Umgang oder die Welt und beschränkt sie dadurch in Absicht auf ihren Inhalt.
Der Pedant ist entweder als Gelehrter dem Weltmanne entgegengesetzt und ist in so fern der aufgeblasene Gelehrte ohne Weltkenntnis, d. i. ohne Kenntnis der Art und Weise, seine Wissenschaft an den Mann zu bringen; – oder er ist zwar als der Mann von Geschicklichkeit überhaupt zu betrachten, aber nur in Formalien, nicht dem Wesen und Zwecke nach. In der letztern Bedeutung ist er ein Formalienklauber; eingeschränkt in Ansehung des Kerns der Sachen sieht er nur auf das Kleid und die Schale. Er ist die verunglückte Nachahmung oder Karikatur vom methodischen Kopfe. – Man kann daher die Pedanterei auch die grüblerische Peinlichkeit und unnütze Genauigkeit (Mikrologie) in Formalien nennen.

[...]
Denn wahre Popularität erfordert viele praktische Welt- und Menschenkenntnis, Kenntnis von den Begriffen, dem Geschmacke und den Neigungen der Menschen, worauf bei der Darstellung und selbst der Wahl schicklicher, der Popularität angemessener, Ausdrücke beständige Rücksicht zu nehmen ist. – Eine solche Herablassung (Kondeszendenz) zu der Fassungskraft des Publikums und den gewohnten Ausdrücken, wobei die scholastische Vollkommenheit nicht hintenan gesetzt, sondern nur die Einkleidung der Gedanken so eingerichtet wird, dass man das Gerüste – das Schulgerechte und Technische von jener Vollkommenheit – nicht sehen lässt (so wie man mit Bleistift Linien zieht, auf die man schreibt, und sie nachher wegwischt) – diese wahrhaft populare Vollkommenheit des Erkenntnisses ist in der Tat eine grosse und seltene Vollkommenheit, die von vieler Einsicht in die Wissenschaft zeigt. Auch hat sie ausser vielen andern Verdiensten noch dieses, dass sie einen Beweis für die vollständige Einsicht in eine Sache geben kann. Denn die bloss scholastische Prüfung einer Erkenntnis lässt noch den Zweifel übrig: ob die Prüfung nicht einseitig sei, und ob die Erkenntnis selbst auch wohl einen von allen Menschen ihr zugestandenen Wert habe? – Die Schule hat ihre Vorurteile so wie der gemeine Verstand. Eines verbessert hier das andre. Es ist daher wichtig, ein Erkenntnis an Menschen zu prüfen, deren Verstand an keiner Schule hängt. – 
(Kant, Logik)