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Montag, 17. September 2012

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise XXII


Elf-köpfiger Soziograph. Gestern noch das Meer über Stunden an die Wand gestarrt, dem Gewitter die sommerliche Stirn geboten: Trotzdem keimen die Wolken weiter, keimen weiter, Wasser im Wetterglas, keimt Biosphäre 3, keimt Zauberland, keimt trauriger vor sich hin. 

Aber wessen Wolken woher? Und wieso überhaupt dieser Dunst? Und nicht viel mehr Gischt!?

Der elf-köpfige Soziograph zählt die Bestände: In der Hitze sind ihm alle Worte, sind ihm in der drängelnden Hitze unter der Hand getaut, in eigenen Linien zwischen die Fugen gelaufen. Und so unmotiviert, sagt er sich, wie unerzogene Kinder, hängen sie da jetzt herum. "So taugen die noch weniger als Personenregister", denkt der Soziograph, "verwaiste Seitenzahlen, noch weniger als unmarkierte Verweise, nicht abzugeltende, nicht einzuholende Schulden haben die sich aufgeladen -- die Worte stehen in der Kreide und schon holt die Welt ihre Netze ein: Du bist zu spät.

Zu spät, alle Züge fahren ohne dich ab, denkt jetzt auch Manuel, zieht dabei die Segel straff. Ein Wirbel der Euphorie, den er aufgegriffen hatte, "Ich habe nur einen Impuls konzentriert", sagt Manuel verlegen, "verschiedene Momente versammelt, die ohnehin schon in der Luft lagen", führt zu einem halben Jahr Unordnung, die als vergegenständlichter guter Wille noch ein weiteres Jahr müde über den Scheitel der Zeiten glotzt. Ich habe doch auch etwas beizutragen... Manuel geht an einer Kante, zerknirscht, etwas an der ganzen Sache war doch faul gewesen. Du hast alles richtig gemacht, der große Andere lenkt ein, aber auch erhoffte Erlösungsphrase zieht nach all den Jahren schwieriger Witterung die Maschine nicht mehr aus dem Schlamm, löst nicht die Verspannung im hinteren oberen Getriebe, legt auch nicht den Schalter um.

Ob das Quartär schon wieder hinten über kippt -- weiter tragen geborgte Sätze nicht.
[Re-Entry vom 23.07.11]

Dienstag, 24. Juli 2012

Das kybernetische Manifest

[Re-Entry vom 17.01.12]
(Marx hat sich was ausgehackt)
Ein Gespenst geht um in der Welt -- das Gespenst der kybernetischen Intelligenz. Alle Verteidiger des alten Denkens haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, Schulen und Universitäten, Medien und Machthaber, französisch-postsrukturalistische Radikale und deutsch-analytische Polizisten. 
Wo ist ein raffiniertes Denken, das nicht von seinen realen und virtuellen Widersachern als relativistisch verschrien worden wäre, wo das raffinierte Denken, das den Fortgeschritteneren sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Phallozentrismus nicht zurückgeschleudert hätte?
Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor. 
Das kybernetische Denken wird von allen bestehenden Mächten bereits als eine Gegenströmung anerkannt. 
Es ist hohe Zeit, dass die kybernetischen Denker ihre Anschauungsweise, ihr Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des kybernetischen Denkens ein Manifest der Sache selbst entgegenstellen...

Donnerstag, 7. Juni 2012

Kleiner Versuch einer allgemeinen Wissenschaftstheorie

Bitte beachten Sie, wie oft in einem Gedicht "wie" vorkommt. "Wie", oder "wie wenn", oder "es ist, als ob", das sind Hilfskonstruktionen, meistens Leerlauf [...] gut, Rilke konnte das, aber als Grundsatz können Sie sich daran halten, dass ein Wie immer ein Einbruch des Erzählerischen, Feuilletonistischen in die Lyrik ist. -- (Gottfried Benn)
"Der Raum der Gründe ist zwar leer, aber die Tür ist offen."
Von einem durch die kleistsche Brille gelesenen Kant inspiriert versucht sich Hans Vaihinger bei der Bestimmung des Verhältnisses von Realität und Schein in essayistisch-saloppem Stil:
Die organisierende Tätigkeit der logischen Funktion reisst alle Empfindungen in ihren Prozess herein und baut so ihre eigene innere Welt auf, welche sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt und doch an gewissen Spitzen wieder mit ihr so eng zusammenhängt, so dass stets ein Übergang von der einen in die andere stattfindet, und der Mensch gar nicht merkt, dass er gleichsam doppelt handelt - in seiner inneren Welt (die er freilich objektiviert als die sinnliche Anschauungswelt) und in einer ganz anderen Welt, in der äusseren. Es gibt also Wechselorte, wo die Werte der einen Welt gleichsam in die der anderen umgetauscht werden, wo der lebhafte Verkehr zwischen beiden Welten ermöglicht wird, wo gleichsam das leichte Papiergeld der Gedanken umgesetzt wird in die schwere Münze der Wirklichkeit, und wo umgekehrt das Metall der Wirklichkeit gegen jene leichtere Ware, welche aber auch den Verkehr erleichtert, umgetauscht wird.
(Vaihinger, Die Philosophie des Als ob)
Während die Naturwissenschaften nun stets darauf angewiesen bleiben, das "Papiergeld" ihrer Konstruktionen ins Kleingeld der Erfahrung zurückzutauschen, können Kunst und Literatur in einem "viel weiteren Spielraum" spekulieren. Die Naturwissenschaft muss auf Logik und Empirie setzen, um ihren Gegenstand nicht zu verlieren. Sie tut das allerdings nicht im leeren Raum, sondern immer unter Zuhilfenahme von "Idealen der Natur[- und Theorie]ordnung" (Toulmin), "regulativen Ideen" (Kant), "Paradigmen" (Kuhn), etc.
Denn wenn wir es auch immer der Natur selbst überlassen müssen, wie sie unsere Fragen beantwortet, sind wir es doch, die die Fragen stellen. Und welche Fragen wir stellen, hängt unvermeidlich von voraufgegangenen theoretischen Erwägungen ab. Wir haben es hier nicht so sehr mit vorgefaßten Meinungen als mit vorgeformten Begriffen zu tun; und wenn wir die Logik der Wissenschaft verstehen wollen, müssen wir erkennen, daß der Gebrauch vorgefaßter Begriffe dieser Art unvermeidlich und legitim ist -- wenn er in der angemessenen Weise sub judice und der Revision durch die Erfahrung unterworfen bleibt.
(Toulmin, Voraussicht und Verstehen) 
Sehr viel mehr hat auch Heidegger nicht gemeint, als er in "Was heißt Denken?" glaubte stipulieren zu können, die Wissenschaft denke nicht -- sie ist (als Forschung) Exekution von Programmen (Lakatos), "puzzle-solving" (Kuhn), nicht selbst Programmierung. Dabei sind die Wissenschaften auf doppelte Weise "positiv": Sie setzen jeweils bestimmte Prinzipien [die "vérités positives" im Sinne von Leibniz, allerdings "detranszendentalisiert" (Habermas)] voraus, innerhalb derer sie ihre Forschungsspiele kultivieren -- und sie fördern positive Ergebnisse zutage, die auf die konventionelle (Poincaré) Unterstellung dieser Prinzipien zurückverweisen, ohne aus diesen schon ableitbar zu sein (das ist ihr empirischer Teil). Die Prinzipien selbst sind allerdings nicht "interner" Teil der wissenschaftlichen Fragestellungen, sie gehen diesen als "externe" Ermöglichungsbedingungen (wer eine altmodische Terminologie vorzieht, kann hier auch "Bedingungen der Möglichkeit"  (Kant) sagen) voraus. Aber auch der nicht-dogmatische Naturwissenschaftler kann ein Spieler sein.

Dienstag, 10. April 2012

Goethe: Begründer des Paläo-Post-Hipsterism


JWVGS - "Brille"
Sonst vor allem als drolliges Urgestein, unheimlich-gravitätisches Hypozentrum der mitteleuropäischen Hochkultur gefürchtet und berühmt, hat schon der junge Goethe - von Fachvertretern bisher unbemerkt - die Grundsteine für ein mutiges neues Leben nach der Ironie gelegt. Der schalen Dialektik von Highbrow und Lowbrow konspirativ-kichernder Hipsterei stellt er die gelassene, nicht mehr verlachend sich distinguierend Teilnahme an den Gemütsbewegungen der unteren Schichten entgegen, das freie, nicht-herablassende Sich-Einlassen auch auf das Dumpfe, blind-glücklich-benommen Fröhliche eines "Daseyns", das "von einem Tag zum anderen sich durchhilft, die Blätter abfallen sieht, und nichts denkt, als daß der Winter kommt". Keine "White Negros" mehr, keine ironischen Vereinnahmungen der Unterschicht durch Trucker Cap und Schnauzbart. Stattdessen nun endlich wieder Dabeisein, Nicht-Distanz, Nicht-Reflexion.

Goethes Porträt des Hipsters als übermüthiger Mann ist zwar denkbar kurz ausgefallen, trotzdem beweist die Art und Weise, auf die er seine Hipster-Kritik in einer allgemeinen Kritik des Snobismus verbirgt, die Intensität, mit der schon den jungen Goethe das Thema umgetrieben haben muss:
"Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder. Wie ich im Anfang mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dieß und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrießen; nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste: Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann gibt´s Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die sich herab zu lassen scheinen, um ihren Übermuth dem armen Volke desto empfindlicher zu machen. 

Ich weiß wohl daß wir nicht gleich sind, noch seyn können; aber ich halte dafür, daß der, der nöthig zu haben glaubt, vom sogenannten Pöbel sich zu entfernen, um den Respect zu erhalten, eben so tadelhaft ist, als ein Feiger, der sich seinem Feinde verbirgt weil er zu unterliegen fürchtet." 
(Goethes Werther)
[Re-entry vom 19.05.11]

Montag, 2. April 2012

Das zerstreute Selbst: stultitia moderna

Das Internet hat, außer manchen anderen Verstimmungen des Gemütes, auch dieses zur Folge, daß es die Zerstreuung habituell macht. 
(Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht)

Ein ironisches Lob der Torheit im Munde der Torheit.
(Kaminsky über Erasmus´ Laus Stultitiae)
Immer in der Mitte anfangen. Einen Text kurz anlesen, das Ende zuerst, sich doch wieder umentscheiden, wieder verschwinden, Interessanteres suchen, die Aufmerksamkeit eine Weile an einen Neuigkeiten-Ticker hängen, müde werden, einnicken, wieder weiter suchen -- das zerstreute Selbst ist flüchtig und neugierig, augenblicksgläubig und augenblicksvergessen, mit einem gewissen Hang zur folgenlosen Pointe. 
Neugier [ist] durch ein spezifisches Unverweilen beim Nächsten charakterisiert. Sie sucht [...] nicht die Muße des betrachtenden Verweilens, sondern Unruhe und Aufregung durch das immer Neue und den Wechsel des Begegnenden. In ihrem Unverweilen besorgt die Neugier die ständige Möglichkeit der Zerstreuung.
(Heidegger, Sein und Zeit)
Ungesammelt, nur kurzfristig aufmerksam, dabei stets vergesslich: es steht in der Küche und weiß nicht mehr genau, was es hier eigentlich wollte, lässt sich vom Angebot der Schränke aber spontan zu etwas inspirieren, macht sich um halb vier sowas ähnliches wie Mittagessen. Modularisierung und beliebige Wiederzusammensetzung des Tagesablaufs, Alltagsbricolage. Eine Kanne Kaffee vor dem Schlafengehen spricht es davon, seinen Schlaf-Rhythmus irgendwann einmal wieder dem anzunähern, was es als für "so allgemein als normal" befunden befindet. Nie ganz bei sich, poly- oder dekonzentriert, inspirationsoffen und unverhärtet verwirklicht es den "postanankastischen" (Clam) modus vivendi -- an vielem interessiert, vieles zugleich bearbeitend, multitabing-erprobt.
Stultus ist derjenige, der unachtsam sich selbst gegenüber ist. [...] Stultus ist derjenige, der sich allen äußeren Reizen aussetzt, für die äußere Welt offen ist, d.h. derjenige, der alle Vorstellungen, die ihm die äußere Welt zu bieten hat, in seinen Geist einläßt. Er nimmt die Vorstellungen an, ohne zu prüfen, was sie vorstellen. [...] Somit ist der stultus jeder Bewegung von außen kommender Vorstellungen ausgesetzt, ohne, sobald diese in seinen Geist eingetreten sind, fähig zu sein, die Grenze zu ziehen, die discriminatio vorzunehmen zwischen den Inhalten dieser Vorstellungen und den [...] subjektiven Elementen, die sich daruntermischen. Der stultus ist folglich auch der zeitlich Zerstreute, d.h. nicht nur der für die Vielfalt der Welt Offene, sondern auch der in der Zeit Verstreute. Der stultus erinnert sich an nichts, er läßt sein Leben zerrinnen, er bemüht sich nicht darum, seinem Leben eine Einheit zu geben [...].
(Foucault, Hermeneutik des Subjekts)
Das zerstreute Selbst weiß selbst nicht, was es bedeuten würde, mit sich identisch zu sein, gibt stattdessen lieber "Ich" und "Selbst" und "Identität" in die Suchmaske ein; und ist dabei selbst mehr Such-Maske als persona. Dass es trotzdem immer irgendwie mit sich zu tun hat, erkennt es dann vor allem an seinen schlechten Gewohnheiten und dem, was sein inspiriertes Fließen sonst noch so zum Ruckeln bringt: seine "Ermüdung, die unmotivierten Stimmungswechsel, die Tagesschwankungen, [...] Nichtschlafenkönnen, Abstoßungen, Übelkeiten", das zerstreute Ich "ist ein durchbrochenes Ich, ein Gitter-Ich, fluchterfahren, trauergeweiht" (Benn, Probleme der Lyrik) -- denn traurig ist das zerstreute Selbst meistens allein: Traurigkeit ist ungesellig.
 

Samstag, 10. März 2012

Lieber Nüstern als nüchtern: Die Zukunft der Kunst, die Zukunft der Vernunft

[Re-load vom 3.12.11]
Mein Genie ist in meinen Nüstern..
(Nietzsche, Ecce Homo)
(Aufschlingende und verschlingende Vernunft
konstellieren sich im Denkraum
Wenn die "Zeit der großen Einzelnen" vorbei ist, Originalität nicht mehr nur unwahrscheinlich, sondern generell als ein Effekt der historischen Selbstverwischung der Kulturen entlarvt ist, müssen Kunst und Geisteswissenschaft andere Leitorientierungen finden. Die Philosophie//Theorie kann sich nicht länger an der Vorstellung festhalten, dass sie das Denken weiter entwickelt, dass sie heute besser und in klareren Synthese begreift, was Vorgängergenerationen nur durch trübe Linsen zu sehen bekamen; und die Kunst kann nicht länger glauben, dass sie einer historischen Linie vorgezeichneter -- oder doch zumindest re-spektiv so erscheinender -- Notwendigkeiten in der Gestalt von Großgeistern [resp. Genies] ihre Wege bahnt. Zu wenig konnten die einzelnen Künstler wahrnehmen, um alles Wesentliche in ihre Werke einfließen zu lassen, zu wenig konnten die Theoretiker lesen, um in ihren Texten das Ganze dessen, was schon gedacht war, weiterzuschreiben. Wenn die Zuschreibung von Originalität selbst als eine Frage des vorausgesetzten Horizontes erkennbar wird, muss auch der Glaube an den eigenen Fortschritt, der in den Naturwissenschaften noch einen einfachen, an der Kontrollierbarkeit der Phänomene festzumachenden Sinn besitzt, aufgegeben werden. Natürlich, man kann sich gegen so etwas hier wie überall re-naivisieren: 
Wer [immer noch am alten Fortschrittsglauben festhält] - und man kann das natürlich, wenn man Bücher schreibt oder Kongreßreferate hält - begründet dies [meist überhaupt nicht, sondern tut am besten so, als könnte alles einfach weitergehen wie bisher].
(nach Luhmann, Soz.Sys.) 
Weiter an den Dingen schreiben und arbeiten, an denen man halt so schreibt und arbeitet: Als ob die Philosophie//Theorie und die Kunst einfach weiter so möglich wären wie bisher. Aber Kunst und Theorie sind keine überschaubaren Großbewegungen, die in ein Schema der vernünftig aufeinanderfolgenden Epochen passen. Beide wachsen heute wilder: In die Fläche, in Untergründen, breit und gestreut, immer von vielen an vielen verschiedenen Orten zugleich voranbewegt:
Nicht zufällig haben die Werke der Gegenwart häufig relativierende Attribute um sich, sie werden leiser, fungibler, weniger epatant, biographischer, subkultureller, ironischer gegen Genialismus, skeptischer gegen Wirkung sowie Wirkungsverweigerung.
(P.S.)
Kunst und Theorie mit Befreundungs-Bewusstsein werden nicht mehr "für alle" zu sein beanspruchen, nicht mehr für alle (und auch nicht für alle und keinen); sondern für die jeweils Anderen, die sich von Ähnlichem faszinieren lassen.
Ich muß sagen, ich halte Begriffe wie Faszination, interessant, erregend für viel zu wenig beachtet in der deutschen Ästhetik und Literaturktitik. Es soll hierzulande immer alles sofort tiefsinnig und dunkel und allhaft sein [...] demgegenüber glaube ich, daß die inneren Wandlungen, die die Kunst, die das Gedicht hervorzubringen im Stande ist [...] aus dem Erregenden, dem Faszinativen hervorgehen.
(Benn, Probleme der Lyrik)
Die Kunst tut sich hiermit sehr viel leichter. Gerade sie kann sich in Faszinationsgemeinschaften, denen ähnliche Stile, ähnliche Motive, ein ähnlicher Sound oder eine ähnliche Art von Unsinn behagen, sehr viel einfacher neu einrichten als das der Philosophie gelingen kann: die Kunst hat es längst; und nur die Fiktion eines weltweiten Kunstmarktes erzeugt hier noch so etwas wie die Vorstellung eines Ortes, an dem sich alle Kunstwerke mit allen anderen messen würden, um die wenigen Großen als Sieger zu bestimmen. Aber das ist ein Problem des Marktes und seiner Selbstwahrnehmung, keines der gegenwärtige Kunst. Die Philosophie dagegen tut sich schwer, ihre Ansprüche auf Allgemeinheit aufzugeben, obwohl sie inzwischen teils so selbstzerstreut erscheint, dass der Singular, mit dem man das Fach bezeichnet, als ein bloß noch historisches Erbe anmuten kann. Woran sollte man sie erkennen? Besitzt sie denn eine eindeutige Form? Einen eindeutigen Gegenstand? Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Begriff "Philosophie" aus Respekt vor seiner altmodischen Gravität für eine Weile ruhen zu lassen, ihn zu "musealisieren" (in den Schutz der Ausstellung zu ziehen)? Man könnte derweil an seine Stelle etwas setzen, was die Freundschaft zur Befreundung meint und nicht mehr die Freundschaft zu einer bestimmten Weisheit -- "Philophilie":
Noch einmal, anders: 'Philologie ist Zuneigung der Sprache zu einer Sprache, die ihrerseits Zuneigung zu ihr oder einer anderen ist. Darum ist Philologie Zuneigung zur Sprache als Zuneigung. Sie mag in der Sprache ihr Mögen, ihres und ihr eigenes. Sprache ist Selbstaffektion im anderen ihrer selbst. Philologie ist Philophilie.
(Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie)
Vielleicht wäre aber damit auch zu früh eine Sache aufgegeben, die nach wie vor den Versuch einer Gegenwartsformatierung mit eigenem Faszinationswert ertragen könnte:
Daß es "Grand Theories" nach wie vor geben kann und geben sollte, ist damit nicht bestritten. Aber sie haben, wenn sie "intellektuell" zelebriert werden (was nicht sein muß), zugleich etwas Spielerisches, Künstlerisches, Selbstironisierendes an sich. Man führt eine Konstruktionsanweisung aus und sieht, wie weit man kommt.
(Luhmann, Gibt es ein "System" der Intelligenz?) 

Dienstag, 28. Februar 2012

Eine philosophisch-verträumte Temperamentenlehre zwischen Ernüchterung und Weltwiedererwärmung

[Re-Enrty vom 22.06.11]
Kunst und Theorie nach der Abklärung I 

(Quelle: Flickr - Dominic´s Pics, CC BY 2.0)
Das Licht der Aufklärung war immer schon ein Licht von verhältnismäßig niedriger Temperatur. Ihr Versprechen war nie das einer klimatischen Restauration der Welt, ihr Genuss und Eifer nie mehr als die Begleiterinnen des guten Gewissens, die falschen fremderzeugten Schattenbilder durch potentere Selbst-Innenbeleuchtung zu vertreiben. Aber die hellste Beleuchtung ist - wie man weiß - nicht immer auch die angenehmste. Und so sind bei näherer Betrachtung Aufklärung und Ernüchterung, Auf- und Abklärung zwei Seiten derselben, eifrig ent-eifernden Bewegung, die gleichermaßen Mut zur Kälte und Mut zur Selbstüberschätzung von ihren Adepten einforderte.

Das Licht der Aufklärung - das in Dunkelheiten nur zu orientieren vermag, sofern die Welträume, die es ausleuchtet, überhaupt ausreichend widerständige Strukturen bereitstellen, um noch von "Orientierung" im positiven Sinn zu sprechen - ist ein nüchternes Licht, Neonlicht. Und wenn es überhaupt ein Licht für Menschenhände und Menschenaugen ist, bleibt ihm doch die Motivation für konkrete Ziele und Richtungen gänzlich fremd: Der Eifer der Aufklärung und ihrer Aufklärer kennt sich zwar selbst als engagierendes Ziel, aber was "nach" der Aufklärung kommen soll, lässt sich aus diesem Eifer nicht noch einmal eigens motivieren...

Donnerstag, 17. November 2011

Die mahnende Stimme aus dem historischen Off: Gottfried Benn mit einer dringenden Empfehlung für kommende Selbstaneigner


Gottfried Benn, altertümlich ernst (oder wirkt ernsthafter Ernst immer schon altertümlich heute?), mit einer Empfehlung, die wohl nicht nur an Dichter gerichtet ist: Selbsteingrenzung als tastend an- und zueignende Auslotung des eigenen Bereichs.

"Sie haben sicher einmal das Wort Moira gehört: das ist der mir zugemessene Teil, das ist die Parze, die sagt, dies ist deine Stunde, schreite ihre Grenzen ab, prüfe ihre Bestände, wabere nicht ins Allgemeine, treibe keinen Feuerzauber mit dem Fortbestand des Höheren, -- du bist hoch, denn ich spreche mit dir. Natürlich wirst du nicht befugt sein, in andere Reiche einzudringen, es gibt viele Moiren, ich spreche auch mit anderen, sehe jeder zu, wie er meine Rede deutet -- aber dies ist dein dir zugemessener Kreis: suche deine Worte, zeichne deine Morphologie, drücke dich aus. Übernimm ruhig die Aufgabe einer Teilfunktion [das heißt jetzt: finde deine Nische], die aber versorge ernstlich, ich will dir zuflüstern, eine voluminöse Allheit ist ein archaischer Traum und mit der heutigen Stunde nicht verbunden.
(Probleme der Lyrik)

Mittwoch, 2. November 2011

Das steiner=ne Herz: Die kühlen Beuys des beginnenden vergangenen Jahrhunderts


Schnell eine Geschichte der Coolness im 20. Jahrhundert schreiben, bevor alle anderen uns schon zuvorgekommen sind.

["Das war jetzt gar nicht lustik, nicht?" "Neee, aber...es war auf jeden Fall lustig."]

Samstag, 6. August 2011

Dienstag, 14. Juni 2011

Der Untergrunddemon macht Werbung für eine andere Kultur


Einsamer nie als im Autobus sucht der Untergrunddemon nur Seinesgleichen: von vorgestern ein paar und manche erst übermorgen. Allein auf weiter Flur: nur die allerbesten Alben und Modefarben lassen ihn die Plastik-Wüste tragen: Eure Leuchtfassaden, eure Empfangsbestätigungsanfragen und was immer ihr an höchste Stellen setzt geht unberührt durch seinen Magen. Den Blick zwischen Briefpapier, Gesamtausgaben und Tabakladen, klebt er aus Zeitungspapier unbekümmert anonyme Einladungskarten:  

"Subkulturstehimbiss. Einlass ab circa 21 Uhr, abhängig von Verkehrs- und Wetterlagen. Ab jetzt auch ohne Revolutionsambition." 



Mit Worten lässt sich leicht leben, aber so wirklich dann, mit eigenem Label und heimlichem Auftritt im Plattenladen, das ist dann doch schon ein ganzes Programm: Das ANDERE als Aufgabe.

Er widmet zum Abschluss ein merkwürdig persönliches Telegramm all denen, die weiter zuhause auf´s Ereignis warten: "Eure Wolhfühlfaç[on] könnt ihr den Hasen geben. Ich will sechs Stunden schlafen und lange leben, lesen und Musik genießen; und von euch soll mir keiner zwischen die Zeilen treten."

Dienstag, 7. Juni 2011

Risse liest Gottfried Benns "Probleme der Lyrik"

Ein wenig Poetologie passend zum sommerlichen Blau. Kunst soll vor allem und überhaupt eigentlich: faszinieren.

Manchmal bisschen zu laut, aber schöne Stimme hatter.

Samstag, 22. Januar 2011

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise XIV


Er winkt den Gruß aus einer ferneren Zeit [2.0 - Lyrik]:


Der elf-köpfige Soziograph lässt sich in diesen 
Tagen von unverhofften Zukunftsängsten plagen. 
Die letzte Stimme ist lange her, 
die Stille in seinem Kopf verschlingt ihm seinen 
Atem. 

Hat er, der immer über Worte fiel, 
denn überhaupt etwas zu sagen?  

Der Blick wird eng, noch lächeln die 
Fassaden, 
doch hinter Österreich und einem Tisch 
in Spanien funkelt eine Stadt, in der ihn Straßen nicht mehr tragen.
Er verwirft alle letzten Passagen, und schreibt über Fragen:


Drama - Die ersten Tage der Gekränktheit

I. Szene

[Versammlung glücklicher Menschenkinder: Alle haben was zu sagen und jeder hört einem anderen zu. Kekse und Kuchen. Mammis gemütlicher Kaffee-Mund. Bunte Wolken wolken um ihre Stirn. Kinders Augenkörner glänzen im Kreis: Plastikfolien in der Weihnachstszeit. Die ganze Szene verweist auf Vater, der offensichtlich wenig anwest, schmaucht seinen Tabak und liest.]

Vater: "Sagt mal, Jungs, was stellt ihr denn so mit euern Mädchen an?" 

[Ihre Blicke werden zu Fragen.]

Vater sagt: "Ich mein, ihr werdet doch schon welche haben!?" 

Mutter sagt: "Vater, jetzt lass es doch! Die Jungens wissen schon genau, was, und warum sie es dir sagen."

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise X

Der elf-köpfige Soziograph tritt stählern vor die Tür. Lange war er, so, nicht mehr hier: "Geburtstadt ist Herkunftsstadt und Heimat ist, wo man zur Schule gegangen ist." Er reibt sich die Augen: wie aus einem Traum steigen bunte Bilderbänder vor ihm aus der Flur: Ein Eindruck unerwarteter Tiefe - das kranke Papiertheater seiner verschlafenen Erinnerung blüht beißend vor ihm auf.  

"Es ist Zeit", beide Zeiger zeigen schon lang nach Mitternacht, draußen biegen die Wolken eine Schale gegen seine Stirn. "Wer freundet sich schon an mit sowas hier?" - Die Häufung deiktischer Ausdrücke macht ihn wütend und ungeduldig: lange wird er ihre lachsen Verweise nicht mehr ertragen. Der elf-köpfige Soziograph will tacheles reden. Aber zu welchem Zweck?, ja, vor allem aber und überhaupt: mit wem eigentlich? 

Aber, ach, ganz gleich, ob nun mit und oder ohne Zweck: Der duftende Grog vom Morgen trägt ihn auch jetzt noch warm durch die schwarzgekleidete Nacht. Einen guten ""Wallungswert", nämlich Rauschwert" hatte der; Nahrung für den ligurischen Moment:

-
Am Morgen Vorglühen auf Heiligabend, der zweite Glühweinstand [Eine städtische Schneelandschaft, vier Kavaliere, eine (etwas große) Frau in deren Begleitung]:

"Weißt´, die Gate-Schlange stand ja schon bis zum Siekjuritie. Wir standen da erst, dann wars uns aber echt zu blöd, da sind wir dann einfach rechts vorbei, war ja auch schon eh mörder spät, weil die ganzen Busse nich gefahren sind.  Wir dann also erstmal: Gate passiert, Passkontrolle,  und die haben uns echt alle gemustert, als wärn wir von anderswo ["Gehts noch???"]. Hat auf jeden Fall alles nochmal voll lang gedauert, keiner wusste überhaupt und wie und wo und was. Kannst dir ja denken. Also, ich sag mal echt so: "ServiceWüste Deutschland"!"