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Samstag, 5. Januar 2013

Das Defaszinations-Apriori der Theorie (und seine Negation)

[Re-Entry 07-20-12]
"Apo-Sitional" [@SG]
"Du verstehst es nicht. (Es ist Jazz.) Ich habe die Flows. (Und du nur ein Gefäß). Fang davon etwas auf und flieg auf und davon.
(In deinem mentalen Heißluftballon)"
(Retrogott/Hazenberg)
Nicht zugeben zu dürfen, was die eigene Motivation eigentlich ist. So tun müssen, als hätte sich alles auch von alleine genau so ergeben, wenn nur irgendeiner es einmal nüchtern und lange genug - analytisch! - in den Blick genommen hätte: Unter einem allgemeinen Neutralitätsgebot steht für gewöhnlich die Theorie. Wer doch offen gesteht, dass er in und durch seine Überlegungen emotiven Impulsen folgt, ihn möglicherweise hier etwas antreibt, was nicht seinerseits einfach abstrakt und nüchtern zu begründen wäre, macht sich dem gegenüber verdächtig. Neutral sei sie, die Theorie, ganz wie ihr großer, naturwissenschaftlicher Bruder. 
Die "theoretische Einstellung" meint die praktische Desinteressiertheit der Disposition gegenüber dem Thema der betätigten "Theoria". Die Neutralität im Sinne der Unbeteiligtheit des Theoretikers als eines Zuschauers ist für Husserl wesenhaft dem Eingestellt-Sein auf Wissen. So deutet diese knappe Erläuterung des Begriffs der "theoretischen Einstellung" auf ein grundlegendes Merkmal der wissenschaftlichen Untersuchung als Textgattung, d.i. auf die Verschwiegenheit der sie bewegenden Motivation.
(Jean Clam)
Wenn Theorie sich selbst präsentiert, so tut sie das also meist als von ihren Gegenständen defasziniert. Ihr Paradigma der Defaszination ist -- ihr Name hat es schon verraten -- der göttliche Blick, Sauron (der allerdings fast schon zu spezifisch aufmerksam), der "Blick von nirgendwo" (Thomas Nagel), Zeus, "als eine Art Pensionär im Absoluten" (Sloterdijk), der Welt souverän bei ihren Autoimmun-Verstrickungen zusehend, während die vielen kleinen selbstverwickelten und -faszinierten Ideologen sich gegenseitig "die Zähne ins eigene Fleisch" (Schopenhauer) schlagen. Der Theoretiker dagegen arbeitet, von den konkreten Bedrängnissen unberührt, thronend, schwebend [und was einem noch an Jovialitätsfiguren so einfällt] an ihn im Idealfall überdauernden Resultaten, die mit ihm nicht mehr zu tun haben als ihren "context of discovery" (Reichenbach).
Nur durch strenge Spezialisierung kann der wissenschaftliche Arbeiter tatsächlich das Vollgefühl, einmal und vielleicht nie wieder im Leben, sich zu eigen machen: hier habe ich etwas geleistet, was dauern wird.
(Max Weber)
Das Dauernde der Philosophie sind aber nicht ihre Antworten, ihr Dauerndes sind [das wird hier einfach behauptet; mit einem Kopf, Textkopf, versehen] die verschiedenen Weisen des faszinierten Fragens und Sagens. Wer von den Philosophen Positionen lernen will ("Herr H., Sie sind doch Philosoph, sagen Sie uns, wie sollen wir uns moralisch korrekt verhalten?"), hat nicht verstanden, dass die einzelnen Positionierungen nur vorübergehende Anhalte eines gerichteten Sagens und Fragens waren. 
Es gibt vielleicht so etwas wie die heisenbergsche Unschärferelation des Philosophierens, die darin besteht, dass man, wenn man den Ort einer philosophischen Positionierung in Erfahrung bringt, nichts mehr über den spezifischen Impuls aussagen kann, der diese Positionierung eigentlich trägt, ihr als Impuls- und Bewegungsmasse im Nacken sitzt. Die Philosophie verkauft aber keine mentalen Immobilien sondern bietet Richtungen und Geschwindigkeiten, vielleicht sogar Vehikel des Sagens und Fragens an, Methoden, denen sie -- jeweils verschieden -- selbst folgt; und dabei dieses Bewegtsein fasziniert präsentiert.
Die Faszination spielt hier insofern eine gewichtige Rolle, weil sie den Bewegungssinn, die Richtung der Bewegtheit vorgibt, auf der sich ein Denken jeweils bewegt. Hier hat man es überhaupt nicht mit "Ideologien" zu tun, weil Ideologien Selbsteinmauerungen in positionale Gefäße bedeuten. Das faszinierte Denken besitzt dagegen (nur) eine Gerichtetheit, Es tut Es nicht für "cash und fame" (D-Flame), sondern weil Es ihm So am interessantesten erscheint -- und ist dabei a-positional, transitorisch:   
Es käme darauf an, dem "Standpunktdenken", das vergeblich nach dem richtigen (proletarischen, konservativen, liberalen) Standort fragt, abzusagen, und Rationalität in der Struktur der Theorie anzusiedeln: Im Verhältnis des Aussagesubjekts zu seinen semantischen und narrativen Verfahren. [...]
Das Engagement als solches sollte [...] keineswegs unterdrückt, sondern als angebracht erkannt und anerkannt werden: solange es nicht in Ideologisierung umschlägt und die theoretische Reflexion lähmt.
(Peter V. Zima, Was ist Theorie?)
Das wäre eine Theorie, die ihre eigenen Fasziniertheit offen bekennt und bekennend auch verkörpert, eine "Art Wissenschaft, die von Fans betrieben wird" und die das "eigene Fasziniertsein nicht ideologisch ausblendet, sondern heuristisch fruchtbar macht".

(Diedrich Diederichsen, zitiert nach Eckhard Schumacher, Existenzielles Besserwissen, in: Dilettantismus als Beruf). 

Donnerstag, 6. September 2012

Die dunkle Seite der Gegenwart - Kleiner Versuch über den Modellcharakter von Erkenntnistheorien


The aim of philosophy, abstractly formulated, is to understand how things in the broadest possible sense of the term hang together in the broadest possible sense of the term.
(Wilfrid Sellars)

"Von draußen nach drinnen schauen."
(Bild: Monkwhy; CC BY-NC-SA 2.0)
Philosophische Erkenntnistheorien arbeitet häufig mit einer modellhaften Beschreibung dessen, was sie als den "wirklichen Erkenntnisprozeß" (Carnap, Der logische Aufbau der Welt) vorstellen. Was im Erkenntnisprozess wirklich geschehen könnte, bilden sie innerhalb ihrer Beschreibungen "nur in rationalisierender oder schematisierender Weise nach" (ebd.).

Man stellt beispielsweise ein Subjekt vor, das bestimmte Wahrnehmungsschemata instanziiert, die ihm entweder a priori (bzw. "hard-wired") oder vermittels eines Prozesses der Habitualisierung ("soft-wired") zukommen. Diese Wahrnehmungsschemata fungieren dann als Filtratoren zunächst neutraler oder chaotischer Sinnesdaten, die diesen erst ein semantisiertes, bedeutsames Gewand verleihen. Je nach theoretischer Vorliebe lassen sich verschieden Beschreibungen dieser neutralen Daten vorstellen: Entweder lässt sich vom Standpunkt der Subjekte aus nichts über sie aussagen, sofern die in ihnen instanziierten Wahrnehmungsschemata von den Subjekten selbst nicht beobachtet werden können: Die Wahrnehmungsschemata bezeichnen dann den "blinden Fleck" der eigenen Beobachtung (Kant kann sie beobachten!). Oder man unterscheidet zwischen einer (beobachtbaren?) neutralen Beobachtungsebene, die dann durch Semantisierungen erst überlagert wird. Etwa, indem man davon ausgeht, dass den Subjekten Wahrnehmungsgegenstände zunächst nur als ausgedehnte Körper gegeben sind, die erst in einem zweiten kulturell vermittelten Interpretationsschritt verschieden semantisiert werden können. Der quadratische schwarze Holzgegenstand wird dann erst durch einen kulturellen Lernprozess als "Würfel" identifizierbar, undsoweiter.

Eine andere Alternative ist, grundsätzlich vom Erkenntnissubjekt abzusehen und nicht nach dem Konstitutionsprozess alltäglicher Wahrnehmung zu fragen (der vermeintlich "hinter" dieser Wahrnehmungs selbst abläuft), sondern nach der Möglichkeit der Konstitution valider Theorien. Wer nach der Konstituierbarkeit valider Theorien fragt, fragt also nicht länger nach den Bedingungen der Möglichkeit evidenter Erfahrung, sondern nach den Bedingungen der Möglichkeit zuverlässiger Aussagen und Theorien ("semantic ascent", Quine). Das modellhaft vorgestellte Erkenntnissubjekt, das sich Gegenständen gegenüber sieht, wird in dieser Konzeption also durch Aussagen ausgetauscht, die als Axiome oder plausible Intuitionen an den Anfang der Theoriekonstitution treten sollen, die dann mithilfe weiterer Aussagen zu kohärenten Welt- oder Phänomenbeschreibungen ausgebaut werden können. Hier kann man dann seine Axiome entweder aus Alltagsbeschreibungen der Welt (ihrem "manifest image", Wilfrid Sellars) oder aus wissenschaftlichen Weltbeschreibungen (dem "scientific image") zu destillieren versuchen, etc.

Beiden Konzeptionen ist allerdings eigen, dass sie sich schon im ersten Schritt von der Gegenwart der Gegenwart verabschieden, um an ihre Stelle ein Modell dessen zu setzen, was eigentlich geschieht ("psychologistisch") oder eigentlich geschehen sollte ("anti-psychologistisch"). Statt zuerst die Tagseite der Gegenwart durch den Versuch auszuleuchten, zu beschreiben, was sich überhaupt zeigt ("Phänomenologie"), versuchen sie sich also direkt im Maschinenraum der Erkenntnis. Transzendentalistische Schematisierungstheorien (apriori oder aposteriori) und axiomatische Theoriekonstitutionstheorien etablieren damit immer eine Kluft zwischen dem, was sich auf der Vorderseite des Erkenntnisprozesses zeigt (bzw. zu zeigen scheint) und dem, was auf seiner dunklen Seite eigentlich passiert. Sie postulieren einen „epistemologischen Bruch“ (Bachelard) zwischen ihrer Beschreibung von Erkenntnis und dem, was dem Einzelnen als Gegenwart geschieht. Daher informieren sie uns auch "niemals [über] unsere Dinge", weshalb es "ein Problem von großer philosophischer Tragweite [ist], ob sie überhaupt Dinge bezeichnen" (Bachelard).

Montag, 3. September 2012

Logische Kartenverteiler: Vorbereitung der unkritischen Theorie


"Welche Karte lag zuerst?"
Kritik ist das Medium des denkerischen Forschritts. Nur durch Kritik: strenge gegenseitige Beobachtung und Kontrolle ist Fortschritt im Denken möglich. Kritik ist deshalb eines der zentralen Paradigmen gegenwärtiger Theoriepraxis. Mit halboffenen, streng wachenden Augen hält der kritische Genius die Principia Mathematica unter dem linken Arm, ein Modell des ersten Mikroskops locker in seiner Rechten:
Wenn es nun in der Philosophie keine Forschung im eigentlichen Sinne gibt, so gibt es doch statt dessen etwas anderes, was in der Physik und der Geschichte so gut wie unbekannt ist. [...] Philosophen kritisieren stets einander und ihre Vorgänger sorgfältig und geschickt. Ein großer Teil ihrer Diskussionen und Veröffentlichungen ist in diesem Sinne sokratisch: eine Gegenüberstellung von Auffassungen, die durch gegenseitigen kritischen Vergleich und Analyse herausdestilliert worden sind. Daß die Philosophen gegenseitig ihr Waschwasser trinken ist zwar eine unfreundliche Charakterisierung, aber es trifft etwas Wesentliches [...].
(Thomas Kuhn) 
Als Methode der Theorieproduktion bewährt sich Kritik, wo immer zu kritisierende Inhalte bereits vorliegen. Diese werden durch die Prüfvorrichtungen des kritischen Apparats hindurchgeschleust: dann funkeln die bunten Fehlerdetektoren und melden tapfer jeden logischen Fauxpas und jede unangemessen unscharfe Unschärfe. Kritik ist immer ein laufendes Strafverfahren mit wahrscheinlicher Schuldigsprechung des Angeklagten. Sofern es dabei die Theorie ist, die auf der Anklagebank Platz genommen hat, ist Kritik selbst gar keine Theorie -- sondern deren Beobachterin.
Für sich genommen ist der kritisch-analytische Apparat daher keine synthetische Methode, kein Weg, auf dem man zur Erfindung neuer Ideen und Inhalte gelangt. Ausgerüstet mit dem kritizistischem Werkzeug alleine lassen sich allenfalls sich locker selbsttragende hypo-thetische logische Luftbauten realisieren, faszinierende Hüpfburgen des Geistes -- Mathematik zum Beispiel.
Der größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft ist also wohl nur negativ; da sie nämlich nicht, als Organon, zur Erweiterung, sondern, als Disziplin, zur Grenzbestimmung dient, und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat, Irrtümer zu verhüten.
(Kant, KdrV)
Die Frage ist also nicht, ob Kritik (Verstanden als systematische Analyse interner logischer Konsistenzen und deren Aufweis) ein gutes Verfahren ist oder nicht. Die Frage ist, wo herkommen soll, was dann diesem Verfahren entweder ausgesetzt wird oder nicht -- die Ideen und Inhalte. Die Theorie setzt nicht mit der logischen Ableitung an. Sobald sie abzuleiten und auf Konsistenzen zu prüfen in der Lage ist, sind alle wichtigen Entscheidungen schon gefallen, die Karten schon verteilt. Von da an knobelt die Theorie ("puzzle-solving", Kuhn) oder stellt zumindest ihr Knobeln dar:
Wir mir scheint, werden in zunehmendem Maße (zumal soziale, universitäre Praxis es unablässig verlangt) die (Kartei-)Karten gewissermaßen heuchlerisch gezinkt, damit jeder einzelne Fall rhetorisch zu einem "Streitfall", einer quaestio, wird. Es ist wie beim Kartenspiel. [...] Wir hingegen mischen die Karten und geben sie aus, wie sie kommen.
(Roland Barthes)

Dienstag, 24. Juli 2012

Das kybernetische Manifest

[Re-Entry vom 17.01.12]
(Marx hat sich was ausgehackt)
Ein Gespenst geht um in der Welt -- das Gespenst der kybernetischen Intelligenz. Alle Verteidiger des alten Denkens haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, Schulen und Universitäten, Medien und Machthaber, französisch-postsrukturalistische Radikale und deutsch-analytische Polizisten. 
Wo ist ein raffiniertes Denken, das nicht von seinen realen und virtuellen Widersachern als relativistisch verschrien worden wäre, wo das raffinierte Denken, das den Fortgeschritteneren sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Phallozentrismus nicht zurückgeschleudert hätte?
Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor. 
Das kybernetische Denken wird von allen bestehenden Mächten bereits als eine Gegenströmung anerkannt. 
Es ist hohe Zeit, dass die kybernetischen Denker ihre Anschauungsweise, ihr Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des kybernetischen Denkens ein Manifest der Sache selbst entgegenstellen...

Montag, 23. Juli 2012

Die Rache der epistemischen Gewalt I: Drei nathanische Enthüllungen


[Eine kleine Dialektik der Entstellung (nicht zur Strafe, nur zur Übung:)] 
I. Es ist schon früh wieder dunkel geworden in den noch halbbenommenen jungen Theorie-Köpfen. Während die einen in logischen Siedebecken letzten Fremd- und Selbst-Analysen entgegeneifern, ergehen sich die anderen in esoterischen, ein Fremdes, Anderes, Unfestgestelltes, Unidentifiziertes, Ununiformiertes vorsichtig umkreisenden Wort-Wellen, langsam anbrandend, immer wieder das Eine (und damit natürlich auch das Andere) wiederholend: "Du kannst nicht. Du darfst nicht. Du sollst nicht: Mach´ keine Unterschiede! Hör´ auf das Rauschen! Enjoy the silence."
"Die Party steigt immer nur in der Höhle,
nie aus"
In diesem schweren, traurigen Nein liegt ihr ganzer Furor, in ihrer "Kritik" Schmerz der alten Welt, Schmerz des Gestern, Heute, Schmerz des Morgen. Der Schmerz aller Schnitte, Schmerz der Unterscheidung  des Unterscheidens (krinein): Kritik der Kategorie, versammelt in ein paar Namen, ein paar Worten, Schlachtworte, Kriegsworte, lauter Unter- Zwischen- Mittlerkategorien, immer das Gleiche Andere Dazwischen meinend, das Andere sagend, damit es auf keinen Fall wieder das Gleiche werde, damit es nicht das Gleiche sei. All das versammeln sie und rüsten damit gegen die "Euphorie", die "Identität", den "Affirmismus", den sie -- man weiß nicht genau, wo -- schon überall vermuten, dem sie seine blöde triumphalistische Naivität endlich austreiben wollen: "Auch ihr seid nur Gefangene!" und wenn sie es könnten (blinder Fleck) würden sie ihren eigenen Ärger sehen: "Was bilden sie sich ein zu behaupten, sie seien die Fesseln losgeworden? Was bilden sie sich ein, von einer anderen Sonne "da draußen" zu sprechen? Wartet bloß ab, wir bringen euch schon wieder in die Höhle zurück: Wenn wir nicht sehen dürfen, dann darf es keiner: Die Rache der epistemischen Gewalt."
II. So und so ähnlich liest man heute immer öfter in vermeintlich revolutionärem Tonfall, deutlich hybrid, seltsam umständlich, altmodisch, ein verquaster neoromantischer Stil greift um sich, Internetwirrnis vermischt mit ein bisschen affirmativem Pop: Chaostruppe Notausgang, Einsatzkommando Spaßclub. Offenbar sind da mal wieder ein paar Lutige Mustige ausgezogen, das Abendland (oder doch lieber sein Gegenteil?) zu retten - keiner hat auf sie gewartet, keiner steht für sie Spalier, keiner abboniert ihre News-Feeds. Dabei vermuten sie (natürlich) nur die allerbesten Absichten auf ihrer Seite, haben auch ihren Derrida gelesen, ihren McLuhan und dazu einen kleinen Schuss Frühromantik und glauben nun, sich mit aus fremden Texten geliehener Energie der Verstrickung der Geschichte zu entheben -- aber sie bleiben Gefangene, auch wenn sie es nicht wahr haben wollen. Ihre blinden Flecken werden sie nicht los, die Gewalt der episteme hat sie noch immer so fest im Griff wie Kants reine Anschauungen und Kategorien das transzendentale Subjekt. Keiner kommt da raus und keiner nahm je ungestraft die Brille ab, keiner von ihn hat je lange genug den Blick auf die "Weiße des Papiers" ausgehalten, um danach noch in artikulierten Sätzen darüber zu berichten. Chaos, Chora -- sie sind zu schwach, es zu ertragen und retten sich ins Fantasma ihrer Standpunktlosigkeit zurück -- und nennen das zu allem Überfluss auch noch ihren "utopischen Aktivismus".

Und was werfen sie uns dabei vor? Dass wir "auf Adorno hängengeblieben" seien, dass Kritik am "identifizierenden Denken" "altbacken und inzwischen an jeder Straßenecke billig zu haben" sei. Dass unser "Kult um Alterität und Veranderung steril geworden" sei, wir ums goldene Kalb "eines bereits erfundenen, wenn auch nicht näher bestimmbaren Gottes" tanzten? Und von wo aus sprechen sie?
III. Solche und ähnliche Schein-Dispute entstehen, wenn man innerhalb der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung die Logik und das Argument zugunsten "großer Worte, schöner Metaphern und krasser Theorien" in den Hintergrund rücken lässt. Theorien -- oder sagen wir lieber "Sätze, die durch ihre Anordnung und ihren Tonfall suggerieren, dass es sich bei ihnen um Theorie handeln könnte" -- die sich aber bei näherer Betrachtung allesamt "schnell als Banalitäten oder Unsinn entpuppen".
"Den sicheren Gang einer Wissenschaft gehen"
Das redliche Denken dagegen ist und bleibt sehr nüchtern, es ist keine Gaudi und keine Amüsierveranstaltung. Es ist ernsthafte Arbeit, trocken, ja, zuweilen auch dröge, dafür aber präzise und sauber, sich in kleinen (aber sicheren) Schritten voranarbeitend, statt in großen Weltvereinfachungssprüngen und mit viel Bohai über alle Regeln des Denkens hinwegzusetzen. Wir müssen uns davor hüten, diesem Denken zu viel Raum zu schenken. Dieser revitalisierte romantische Skeptizismus versucht, das redliche Denken langsam zu unterspülen, sein freundlicher Humor ist nur seine Maske der Harmlosigkeit -- sichert die Fundamente, befestigt die Deiche, damit ihre diffusen Wortwellen ihm nichts anhaben können. 

Donnerstag, 7. Juni 2012

Kleiner Versuch einer allgemeinen Wissenschaftstheorie

Bitte beachten Sie, wie oft in einem Gedicht "wie" vorkommt. "Wie", oder "wie wenn", oder "es ist, als ob", das sind Hilfskonstruktionen, meistens Leerlauf [...] gut, Rilke konnte das, aber als Grundsatz können Sie sich daran halten, dass ein Wie immer ein Einbruch des Erzählerischen, Feuilletonistischen in die Lyrik ist. -- (Gottfried Benn)
"Der Raum der Gründe ist zwar leer, aber die Tür ist offen."
Von einem durch die kleistsche Brille gelesenen Kant inspiriert versucht sich Hans Vaihinger bei der Bestimmung des Verhältnisses von Realität und Schein in essayistisch-saloppem Stil:
Die organisierende Tätigkeit der logischen Funktion reisst alle Empfindungen in ihren Prozess herein und baut so ihre eigene innere Welt auf, welche sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt und doch an gewissen Spitzen wieder mit ihr so eng zusammenhängt, so dass stets ein Übergang von der einen in die andere stattfindet, und der Mensch gar nicht merkt, dass er gleichsam doppelt handelt - in seiner inneren Welt (die er freilich objektiviert als die sinnliche Anschauungswelt) und in einer ganz anderen Welt, in der äusseren. Es gibt also Wechselorte, wo die Werte der einen Welt gleichsam in die der anderen umgetauscht werden, wo der lebhafte Verkehr zwischen beiden Welten ermöglicht wird, wo gleichsam das leichte Papiergeld der Gedanken umgesetzt wird in die schwere Münze der Wirklichkeit, und wo umgekehrt das Metall der Wirklichkeit gegen jene leichtere Ware, welche aber auch den Verkehr erleichtert, umgetauscht wird.
(Vaihinger, Die Philosophie des Als ob)
Während die Naturwissenschaften nun stets darauf angewiesen bleiben, das "Papiergeld" ihrer Konstruktionen ins Kleingeld der Erfahrung zurückzutauschen, können Kunst und Literatur in einem "viel weiteren Spielraum" spekulieren. Die Naturwissenschaft muss auf Logik und Empirie setzen, um ihren Gegenstand nicht zu verlieren. Sie tut das allerdings nicht im leeren Raum, sondern immer unter Zuhilfenahme von "Idealen der Natur[- und Theorie]ordnung" (Toulmin), "regulativen Ideen" (Kant), "Paradigmen" (Kuhn), etc.
Denn wenn wir es auch immer der Natur selbst überlassen müssen, wie sie unsere Fragen beantwortet, sind wir es doch, die die Fragen stellen. Und welche Fragen wir stellen, hängt unvermeidlich von voraufgegangenen theoretischen Erwägungen ab. Wir haben es hier nicht so sehr mit vorgefaßten Meinungen als mit vorgeformten Begriffen zu tun; und wenn wir die Logik der Wissenschaft verstehen wollen, müssen wir erkennen, daß der Gebrauch vorgefaßter Begriffe dieser Art unvermeidlich und legitim ist -- wenn er in der angemessenen Weise sub judice und der Revision durch die Erfahrung unterworfen bleibt.
(Toulmin, Voraussicht und Verstehen) 
Sehr viel mehr hat auch Heidegger nicht gemeint, als er in "Was heißt Denken?" glaubte stipulieren zu können, die Wissenschaft denke nicht -- sie ist (als Forschung) Exekution von Programmen (Lakatos), "puzzle-solving" (Kuhn), nicht selbst Programmierung. Dabei sind die Wissenschaften auf doppelte Weise "positiv": Sie setzen jeweils bestimmte Prinzipien [die "vérités positives" im Sinne von Leibniz, allerdings "detranszendentalisiert" (Habermas)] voraus, innerhalb derer sie ihre Forschungsspiele kultivieren -- und sie fördern positive Ergebnisse zutage, die auf die konventionelle (Poincaré) Unterstellung dieser Prinzipien zurückverweisen, ohne aus diesen schon ableitbar zu sein (das ist ihr empirischer Teil). Die Prinzipien selbst sind allerdings nicht "interner" Teil der wissenschaftlichen Fragestellungen, sie gehen diesen als "externe" Ermöglichungsbedingungen (wer eine altmodische Terminologie vorzieht, kann hier auch "Bedingungen der Möglichkeit"  (Kant) sagen) voraus. Aber auch der nicht-dogmatische Naturwissenschaftler kann ein Spieler sein.

Donnerstag, 15. März 2012

Zwischen Reform und Revolution - Unsortierte Elemente einer Fragmentarisierung der Betriebe

(Seismographische Intelligenz)
Aus der geistigen Welt einen lebendigen Organismus bilden, der auf den leisesten Druck reagiert.
Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit

Wer grobe Kategorisierungen nicht scheut, der findet im Nachdenken über die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft häufig zwei grundverschiedene, einander teils ergänzende, teils aber auch ausschließende Prozesse beschrieben:  
Dem Weitermachen am und mit dem bereits Geleisteten steht die Innovation, der unerwartete Regelbruch, der Einfall des Neuen in die innerste Strukturierung des jeweiligen Praxiszusammenhangs gegenüber. Thomas Kuhn unterschied exemplarisch zwischen Phasen der "Normalwissenschaft", die vor allem durch "Puzzle-Solving", d.h. die Lösung derjenigen Probleme bestimmt sind, die sich gewissermaßen "natürlich" aus den bisherigen Annahmen und Ergebnissen schon ergeben, und den Phasen "wissenschaftlicher Revolutionen", in denen Grundsätzliches auf dem Spiel und zur Diskussion steht. Mit Blick auf die Kunst unterschied Kant analog "Nachäffung" als tumbe Imitation des Genialischen von der ursprünglich regelsetzenden Kraft des Genies...

Montag, 20. Februar 2012

"Herr Habermas und der Papst" vor 22:00 Uhr im deutschen Fernsehen! -- Rekonstruktion eines unerwarteten Satzes


Nachdem Geißler bei Jauch die "zunehmende Bedeutungslosigkeit des politischen Katholizismus in Deutschland" konstatierte und der Kurie vorwarf, dass sie "sich vertikal in die Höhe spiritualisiert und die politische Dimension des Evangeliums vollkommen aus dem Auge" verliere, konterte ein wackerer Wickert, dass das eigentlich "doch aber gut so" sei. Jauch daraufhin vorsichtig, ob nicht zumindest eine "Rückbesinnung zu diesen ursprünglichen christlichen Werten in unserer Gesellschaft" zu bemerken wäre. Eine Novelle.
Wickert: Also, ich glaube, dass die Leute sich nach Werten sehnen. Und dass sie es auch gerne hören, dass man über Werte spricht. [...] Und sie möchten da auch Leitfaden haben. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass das nichts mit einer neuen Religiosität in der Politik zu tun hat, denn die gesellschaftlichen Regeln kommen nicht aus dem Glauben erstmal, sondern aus der Vernunft. [Einsam verhallender Applaus] [...]
Jauch: Aber Glaube und Vernunft schließen sich doch nicht aus!?
Wickert: Oh ja! Schließt sich aus! Und das haben sie auch...da gab es mal ein ganz spannendes Gespräch zwischen Herrn Habermas und dem Papst.
Geißler: Na na na. [Allgemeines Gelächter] Also...
Wickert: Ja, Glaube und Vernunft schließen sich aus: der Glaube ist eher das Gefühl und die Vernunft ist eher...das, was wir aus der Aufklärung her gelernt haben.

Montag, 23. Januar 2012

Strategien der Selbstversicherung I: Die Glückskindtheorie


Strategien der Selbstversicherung sind allgegenwärtig. Von Abschottungs- über Ignoranz-, Ausblendungs- und Externalisierungsstrategien bis hin zu raffinierten Theorien des Verblendungszusammenhangs sind sie die stets beliebten Stabilisierer unseres Alltagserlebens. Hier werden sie zum ersten Mal zur einfacheren Handhabe vulgärpsychologisch aufbreitet und kompakt dargestellt.

Kapitel 1: Die Glückskindtheorie

Die Glückskindtheorie besticht durch Einfachheit und Effektivität. Sie wird am häufigsten von Menschen angewandt, die sich ihre jeweiligen "Erfolge" (was genau das jeweils ist, variiert je nach Erfolgsmilieu) gerne als Eigenleistung zurechnen wollen, um anderen ihren "Erfolg" zugleich als "nicht selbstverantwortet" (--> "glücklich") abzusprechen. Ihre schlichte Überzeugungskraft macht die Glückskindtheorie beinahe universell anwendbar.

In ihrem Kern besteht sie aus einer einzigen These, die sich etwa wie folgt zusammenfassen lässt:

"Ein Glückskind hat stets Glück, sein "Erfolg" fällt ihm von alleine zu."

(Abbildung 1)
Ein Blick auf die Feedbackbilanz der Theorie (Abbildung 1) macht schnell deutlich, dass sie ihren Verwendern für beinahe alle Weltzustände positives Feedback zu liefern imstande ist. Dabei wird unterscheiden zwischen dem sogenannten In-Situ-Affekt-Feedback (ISAF; in der Abbildung durch den Strichmännchen-gesichtsausdruck symbolisiert) und dem Feedback aus der (theoretischen) Distanz (FAD, Sprechblasen auf der rechten Seite). Das ISAF bezeichnet die affektive Reaktion des Theorieverwenders auf die Wahrnehmung des jeweiligen Weltzustands, das FAD die weniger Affekt involvierende Reaktion aus der distanzierten Weltbeobachtung ("Siehste, ich hab natürlich mal wieder Recht gehabt!"). Abbildung 1 ergibt dabei folgende Feedbackbilanz:

Erste Zeile: Formulierung der Theorie: "E=Glückskind hat stets weiter Erfolg."
Zweite Zeile: Weltzustand1: E hat Erfolg --> ISAF = negativ; FAD = positiv.
Dritte Zeile: Weltzustand2: E hat keinen Erfolg --> ISAF = positiv; FAD = negativ

Die Glückskindtheorie liefert ihren Verwendern also sowohl auf Weltzustand1 (=E hat weiterhin Erfolg), als auch auf Weltzustand2 (=E hat keinen Erfolg) positives Feedback. Dabei bleibt im ersten Fall das ISAF negativ, da der Erfolg von E von TheorieverwenderIn weiterhin als mindestens störend, wenn nicht sogar kränkend wahrgenommen wird. Die Glückskindtheorie aber findet in E´s Erfolg Bestätigung und liefert daher das gute Gefühl, wenigstens Recht behalten zu haben (--> positives FAD). Im zweiten Fall sorgt E´s Nicht-Erfolg für positives ISAF (--> "Schadenfreude"), die Theorie findet derweil zwar keine Bestätigung, lässt sich aber durch Ad-hoc-Modifikationen immer noch vor ihrer Falsifikation retten (etwa durch die Ergänzung: "E war offensichtlich doch kein Glückskind").

Ihre einfache Handhabe macht die Glückkindtheorie zu einer stets erfolgreichen und beliebten Kompensationstheorie, die in den verschiedensten Kontexten zur Anwendung kommen kann.

Mittwoch, 4. Januar 2012

"Kleine" philosophische Metaphernkunde




Mehr Problemverfeinerung als Ergebnislieferantin, mehr erkenntnistheoretische Fahrschule ohne Fahrlehrer als Kraftmeierei mit Thesen -- die Philosophie ist keine positive Wissenschaft. Auch Schiffereimetaphern helfen da wenig weiter, suggerieren auch nur, dass irgendwas Stehendes, Haltendes, Tragendes am Ende der Mühe entstehen soll:
Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.
(Otto Neurath, “Protokollsätze”) 
Haus- und Baummetaphern nicht besser, auch wenn dabei gelegentlich Bescheidenheit markiert wird:
Freilich fand es sich, daß, ob wir zwar einen Turm im Sinne hatten, der bis an den Himmel reichen sollte, der Vorrat der Materialien doch nur zu einem Wohnhause zureichte, welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig und hoch genug war, sie zu übersehen; [...].
(Kant, KdrV, B 735)
So wird sorgsam Stein zu Stein gefügt und ein sicherer Bau errichtet, an dem jede folgende Generation weiterschaffen kann. 
(Carnap, Der logische Aufbau der Welt, xiv)
Jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden.
(Fichte, Die Bestimmung des Menschen)
Ganz anders natürlich Bewëgungs-, Fluss- und Richtungsmetaphern. Ziel der Philosophie ist hier nicht mehr Zustand, sonden -- wer altbacken-esoterischen Slang nicht verabscheut -- selbst "Weg": "der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zeigen" -- also nicht: Ankommen, sondern: "unterwegs zur Lösung" sein. Wenn Zustand allenfalls dynamisch.

Dann vielleicht lieber Geschmacksmetaphorik? Das Fragen ist die Bekömmlichkeit des Denkens; wer dagegen wild herumbehauptet verdirbt sich schnell den Magen. Oder auch einfacher: Philosophie ist Essig.

Montag, 26. Dezember 2011

Eine Weihnachtsgeschichte zweiter Ordnung


Nachdem sich manche Phänomenologen noch fragen, wie die Phänomene der Welt eigentlich zugleich verschwinden und trotzdem noch so aufdringlich präsent sein können, probiert sich Luhmann erzählerisch an der Frage, wohin in der Soziologie eigentlich der Mensch verschwunden ist:
Zu der Zeit, als man in Frankreich der unglücklichen Princesse de Lamballe ihren Kopf und die Merkmale ihres Geschlechtes abschnitt und diese auf Spieße steckte und vor dem königlichen Schloß aufpflanzte, damit die Königin, ihre Freundin, das sehen sollte, und zu der Zeit, als man daraufhin in Preußen etwas eilig, aber doch gründlich und philosophisch, eine neue Art von Humanismus erfand, zu der Zeit der französischen Revolution also, wurde in England eine kleine Geschichte aufgeschrieben, mit der ich meinen Vortrag einleiten möchte. Sie finden den Text in den Begleitnotizen zu Radierungen von William Blake: 
Der Teufel fuhr aufwärts in einer Flamme und traf dort einen Engel. Der Engel saß auf einer Wolke. Der Teufel -- durch diesen Anblick angeregt -- sagte: "Ich kann mir Gott eigentlich nur vorstellen als die Größe im Menschen, und zwar gibt es die Größe in einigen Menschen mehr als in anderen, und im besonderen Maße in genialen Menschen." Als der Engel das hörte, lief er blau an vor Zorn, aber er konnte sich beherrschen und wurde gelb und dann weiß und dann rosa und lächelte und sagte: "Du Götzenanbeter" -- denn ganz ohne Schimpfen gelang es ihm nicht -- "Du Götzenanbeter, weißt du nicht, dass Gott Einheit ist, und er hat seinen Sohn geschickt, der Sohn hat die zehn Gebote bestätigt, und die Menschen sind Sünder und Dummköpfe und Taugenichtse", und so weiter im Sinne einer theologischen Explikation.
Im weiteren Verlauf der Geschichte fällt der Engel, aber das soll uns jetzt nicht stören, wir möchten ihn noch ein bisschen auf der Wolke halten und sehen, was die Soziologie zu einer solchen Geschichte zu sagen hätte. Es ist wenig genug.
Soziologen, die eine anthropologische Orientierung bevorzugen, würden sofort erkennen, daß der Engel nach dem Muster eines Menschen gemacht ist, also Kopf oben und nicht, wie bei normalen Tieren, Kopf vorne. Daraus folgt ein problematisches Verhältnis zur Praxis, wie es sich in dem theologischen Sermon auch sogleich ausdrückt.
Die feministisch bewegten Frauen würden ein strukturell ähnliches Argument haben, sie würden sehen, daß der Engel als Mann dargestellt ist, übrigens auch der Teufel. In der ganzen Geschichte kommen Frauen gar nicht vor. Das zeigt sich dann auch an dem androzentrischen Weltbild, das der Engel verkündet, und letztlich, wenn man in der Bibel sieht, an der gesamten biblischen Geschichte. Die Welt wurde geschaffen mit Adam als einzigem Menschen. So wurde sie gut geheißen. Dann erst wurde Eva herausoperiert und dazu wurde dann nichts mehr gesagt. Man kann also innerhalb dieser Geschichte eine Reflexion jenes männlichen Weltbildes sehen. Die Angelologie bestätigt das nur, auch wenn das 18. Jahrhundert die Engel schon als Babys bervorzugte.
Für Jürgen Habermas wäre das Problem sicherlich der Monolog des Engels. Er redet allein und ohne auf die Argumente des Teufels einzugehen. Wie sollte er auch, wenn es ein Teufel ist! Es müßte also ein zweiter Engel auf die Wolke, damit ein Dialog zustandekommt und damit über Gründe vernünftigen Handelns gesprochen werden kann. Habermas selbst und der Teufel, wenn ich einmal diese Gruppe bilden darf, wissen nicht, was die guten Gründe sind, aber sie erwarten von den Engeln, daß sie darüber verhandeln. Sie müssen das Ergebnis der Wolkenarbeit abwarten.    
(Luhmi, Die Soziologie und der Mensch)

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Samstag, 1. Januar 2011

Ein Fall für die Reportage: Erfinder Janke

Nett anzuschauen auf jeden Fall, "Genie und Wahnsinn" eine blöde Phrase. Wäre er Schriftsteller gewesen, würde man ihn sicher lesen: