Die Neonleuchte

Ein Museum für moderne Kunst und Theorie

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Freitag, 30. November 2012

Die Erfindung der Psyche - Eine Spekulation über projektive Psychoanalyse oder: Psychoanalyse als Projektion


[tl;dr: Die Psyche ist eine Verwicklung, aber von wem?]

Symbol eines schielenden Selbst mit Welt
(Der Ohlsen; CC BY-NC-ND 2.0)
Etwas über sich selbst zu denken, das man der eigenen Empfindung nach überhaupt nicht einholen kann. Sich erzählen, dass etwas in einer bestimmten Weise, eine Konstellation, die keine spürbaren Spuren in der Gegenwart trägt, wie ein heimliches Gesetz den eigenen Wandel konstruiert und beherrscht. An einer äußeren Innerlichkeit zu hängen, deren Geheimnis man auf die Spur zu kommen versucht: Die Erfindung der Psyche.
Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: »Ich höre Zarathustra und eben dachte ich an ihn.« Zarathustra entgegnete: »Was erschrickst du deshalb? – Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, ins Dunkle, Tiefe – ins Böse.« »Ja, ins Böse!« rief der Jüngling. »Wie ist es möglich, daß du meine Seele entdecktest?« Zarathustra lächelte und sprach: »Manche Seele wird man nie entdecken, es sei denn, daß man sie zuerst erfindet.«
(FN, ASZ)
Wer nicht genau hinsieht, kann, wie überall sonst auch, in Menschen überall wesentlich ähnliches vermuten: Apriorische Grundbedingungen, physiologische Identitäten, transzendentale Subjektivitäten, protomythologische Komplexe (Elektra). Und wer ihnen so etwas sagt, riskiert damit immer auch, dass sie es glauben werden. Identifizierendes Denken greift überall niemals zu kurz: dafür sind seine Arme gar nicht lang genug. Was sonst Psyche heißt, erscheint aus einer anderen Perspektive als öffentliche Bestimmung des Standorts der eigenen Selbstverwicklung, die ihrerseits jeder Einzelnen erst sprechend aufgespielt werden muss ["immer die alte Leier"]. Die Subjekte lernen langsam - und wie viel wird es sie erst noch kosten - durch sich selbst in Schleifen zu prozessieren, sich selbst als Schleifen auf die Welt zu schnüren, als würde die erst durch sie zu einem kostbaren Geschenk, sich beim Beobachten des Anderen halbdurchsichtig mitspiegelnde Spiegel: 
Das Bewußtsein (>conscience<), das wir von unserem Bewußtsein selbst besitzen, sagt er [Sartre], ist verschieden von der Erkenntnis (>connaissance<), durch welche wir ein von uns verschiedenes Objekt vor uns stellen oder >vor-stellen< (und propositional beurteilen).
(Manfred Frank, Selbstbewußtseinstheorien von Fichte bis Sartre) 
Dieser minimalste Umweg [durch das "reflét-reflétant" (Sartre)], den auf einmal jeder Gedanke zu nehmen beginnt, fängt schon bald an als eigenes Geheimnis zu faszinieren, in das hinein man sich gerne sich selbst bespiegelnd tiefer begibt. Die Bespiegelung [wie Be-hexung] des Selbst zum Subjekt vollzieht sich also wie eine heimliche Selbstwelt-Innenausstattung [die Eltern haben dem Kind heimlich eine Wohnung gekauft, mit der sie es jetzt überraschen!], Möblierung ungeöffneter Räume zu Gemächern, Zurechtmachen innerer Grünflächen und Parkanlagen - je nach erreichtem Zeitwohlstand beliebig erweiterbares Quartier, eines jedermanns "Second Life". "Hier" kann man sich aufhalten, wenn man sich >hier< lieber gar nicht aufhalten will. Der reflektierende Schritt zurück als ein Schritt zur Seite um die Gegenwart herum sucht nach seinem blinden Punkt, dem er - als sich selbst - sich eigentlich am allernähsten zu befinden glaubt ("Was sollte mir denn auch näher liegen als Ich selbst?"). Die Erfindung der Psyche beginnt mit dem Versuch, das Medium selbst ins Bild ragen zu lassen, oder - sofern man eine andere Begrifflichkeit bevorzugt - das Medium selbst in Form zu bringen. Psychoanalyse würde in diesem Verständnis auf den unerreichbaren Grenzfall der Selbsterscheinung des Mediums im Mediums zuarbeiten - auf Autoepiphanie: Hineinragung des Selbst ins Selbst. Aber auf der anderen Seite natürlich auch die objektive Theorie der Materie als Versuch, die Form selbst zu medialisieren, als Versuch, das tumbe Material endlich zum Sprechen zu bringen.
3 Kommentare:
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Labels: Frank, Luhmann, Nietzsche, Philosophie, Psychologie, Sartre

Dienstag, 23. Oktober 2012

Kritisieren heißt Filtrieren

"Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!" - Nietzsche
Die Vorstellung einer geteilten Öffentlichkeit

"Das Interessante durchlassen" (DyeHard; CC BY-NC-SA)
Kritik macht nur da Sinn, wo Kritisierte auf sie zu reagieren genötigt sind. Ist Ausweichen nicht möglich, erscheint das Nichteingehen auf Kritik gleichbedeutend mit ihrer Anerkennung ("Da fällt Dir wohl nichts mehr zu ein."). Zwei Argumentationskontrahenten stehen (meistens sitzen sie) einander gegenüber, tauschen Argumente aus, die jeweils zum Respondieren nötigen, den ein oder anderen möglicherweise sogar durch zwanglosen Zwang vom Besseren überzeugen. Ein nicht-entkräftigtes Argument zählt hier, wo dem Kritisierten kein rhetorisches Diffusionsgeschick zur Verfügung steht, als Entwertung seiner Position: gewonnen hat der, dessen Argumente am Ende am wenigstens durch Kritisierbarkeit enttäuschten.

Die Logik solcher Situationen lebt von der Vorstellung einer geteilten öffentlichen Bühne, eines aufmerksamen Publikums, das über das Agonalitätsgeschehen wacht, Argumente gewichtet und zählt, um am Ende Gewinner und Verlierer zu bestimmen. Goethe und Schiller imaginierten sich als Künstler offenbar noch eine solche "geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur" (Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma), einen Ort allgemeiner Öffentlichkeit: 
„Nach dem tollen Wagestück mit den Xenien müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische Natur, zur Beschämung aller Gegner, in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln“
(Goethe an Schiller, 1796)
„Wenn mir die Götter günstig sind, das auszuführen; was ich im Kopf habe, so soll es ein mächtiges Ding werden, und die Bühnen von Deutschland erschüttern“
(Schiller, 1803) 
Aufmerksamkeitsökonomie

Die Unwahrscheinlichkeit solch allgemeiner Beschäm- oder Erschüttrungen ist heute offensichtlich: es gibt keinen so deutlich geteilten Raum öffentlicher Aufmerksamkeit mehr, der Sieg oder Niederlage eines Einzelnen noch für alle sicht- und markierbar machen könnte (vielleicht lässt sich mit diesem Umstand auch das erstaunliche Interesse an der öffentlichen Aufdeckung von Verfehlungen von Politikern erklären, sofern hier noch ein Sphäre notwendig geteilter Öffentlichkeit suggeriert werden kann). 
Das Überangebot an content macht vor allem die Aufmerksamkeit zu einem knappen Gut und zerstreut sie zugleich in verschiedene, sich teils überlappende, teils einander ausschließende Aufmerksamkeitskulturen (nach geteilten Grundüberzeugungen sortierte "Schulen" der Theorie etwa, musikalische Genres, politische Orientierungen, etc.). Stets muss man -- sofern man sich das Wählen und Filtrieren nicht durch prominente Adressen und Content-Aggregatoren abnehmen lässt -- auswählen, mit was man sich beschäftigen will, und weiß dabei zugleich nicht, was genau man dabei eigentlich ausgeschlossen hat, ob es nicht auch sehr viel Interessanteres gegeben hätte, von dem man nur noch nichts weiß. 
  
Funktionen von Kritik: Richtigstellung vs. Lenkung von Aufmerksamkeit

Welche funktionale Rolle sollte Kritik in einem solchen postagonalen (weil ohnehin überfüllten) Aufmerksamkeitsregime eigentlich noch erfüllen? Natürlich, Benutzer wollen sich nach für unermunternde Zeitvergeudung verschenkten Minuten gelegentlich Luft machen und nutzen dazu etwas, was sie selbst wohl als Kritik beschreiben würden. Aber das sind dann meist persönliche Annotationen, denen im Normalfall noch weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als dem annotierten Pimärcontent, und die -- wo sie nicht auf Verständigung hoffen -- unbeantwortet für sich stehen bleiben. Auf Richtigstellung abzielende Kritik kann nur da erfolgreich operieren, wo Bereitschaft zur Verständigung und eine geteilte Gesprächsgrundlage vorausgesetzt werden können. Man sollte zudem bedenken, dass das Kritisieren von Inhalten meist einfacher ist als deren Produktion. Gestalterische Vorschläge sind leicht auf Schwachstellen hin abklopfbar, unbegründete Prämissen finden sich in jeder Argumentation (weil die sonst zum Argumentieren gar nicht mehr käme) -- das kann man jeweils effektvoll nachweisen. Aber für wen sollte man das tun, wenn die Wahrscheinlichkeit, das oft virtuelle Gegenüber mit Kritik zu erreichen (d.h. zu Reaktion und Einlenkung zu nötigen) denkbar gering ist? Und wieso sollte man denn seine Aufmerksamkeit gerade für Kritik aufwenden, wenn man sich ja ebensogut auch mit Angenehmerem beschäftigen kann?

Filtrierende Kritik

Die Funktion von Kritik scheint heute -- wo man nicht selbst versucht, Inhalte zu liefern -- vor allem darin zu bestehen, das Interessante und Anknüpfenswerte vom Uninteressanten und wenig Erfolgsversprechenden zu unterscheiden ("krinein"). Das Überangebot an Inhalt und die Knappheit von Aufmerksamkeit (und Zeit) geben der Funktion des Unterscheidens und Filtrierens eine bisher vielleicht kaum angemessen abgemessene Relevanz. Es kann heute schon ausreichen, sich ohne alle eigenständige Produktion als Kollektor und Aggregator von Interessantem zu etablieren, um eine wichtige kritische Rolle innerhalb eines Überflusses der Inhalte zu erfüllen. Das Auswählen wird dabei selbst zu einem kreativen und produktiven Vorgang, der seinerseits, wo er mit Sorgfalt betrieben wird, mit hohem Aufwand verbunden ist. Kritik als begründete (oder Begründetheit zumindest suggerierende) Negation und Polemik scheint dagegen weitestgehend ihre kritische Relevanz verloren zu haben, sie erfüllt innerhalb eines Überangebots von "Primärquellen" nicht mehr den Zweck, den sie vielleicht teils selbst noch zu verfolgen glaubt. Filtrierende Kritik zu betreiben kann ihr gegenüber heute heißen: Für Interessantes Werbung zu machen. Das Weiterempfehlen vom Lesens- und Sehenswertem erfüllt die funktionale Rolle dessen, was sonst Kritik heißt, während das gewöhnlich als "kritikwürdig" eingestufte schlicht nicht weiterempfohlen wird. Wieso sollte man es denn noch kritisieren, wenn das immer auch heißt: ihm in einem Überangebot interessanterer Alternativen über Gebühr Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen? 
Insofern stellen Twitter und ähnliche Social Media Anwendungen, wo sie sich nicht um Skandalisierbares herum verklumpen, ihren eigenen Möglichkeiten nach hochkritische Medien dar. Sie ermöglichen eine Form filtrierendert Kritik, die Interessantes verbreitet und Uninteressantes einfach unerwähnt lässt. Was dabei jeweils als interessant erscheint, entscheiden die Kritiker als Filtratoren von ihnen ihrerseits offerierten und vorfiltrierten Faszinationsangeboten. Das mag dem Kritiker vielleicht nicht schmecken; was aber nicht jeden unbedingt interessieren muss. 

[Re-Entry vom 14.04.12]
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Labels: Goethe, Kritik, Kunst und Theorie nach der Abklärung, Nietzsche, Philosophie, Schiller, Technik

Sonntag, 21. Oktober 2012

Ja, Ja, Ja - Eine Kritik der Negation

Der Esel aber schrie dazu I-A.
(Welcher Esel zieht zuerst?)
Da Ja-Sagen steht nicht immer in besonders hohem Kurs. Ja-Sager: Weiche, Windige, Feige, Konturlose, Angepasste. Wer doch einmal aus Versehen unbedarft und in guter Absicht das Wort "Affirmation" in den Mund nimmt, der merkt schnell, dass es heute einen unangenehm muffigen Beigeschmack hat, mit Noten von fahlem Mitläufertum und sich anbiederndem Dabeiseinwollen. Nein, so geht das auf keinen Fall. "Kritik" dagegen ist immer noch und ungebrochen chick. "Kritisch" darf jeder sein, Kritisieren ist prima: die Verhältnisse nicht so annehmen, wie sie sind, sondern -- naja -- zumindest eben schonmal "kritisieren"; und das heißt dann eben: nicht zustimmen.
Aber Kritik als solche ist kein sinnvolles Ziel -- es sei denn, man sei im Vorhinein sicher, daß jede Kritik berechtigt sei. Einem Kritiker, der die Möglichkeit unberechtigter Kritik nicht eingesteht, fehlt es an Selbstkritik. 
(Luhmann, Die Praxis der Theorie)  
Im Internet scheint das Verhältnis von Negation und Affirmation nicht ganz symmetrisch zu sein. Entsprechend haben einige Kritiker angemerkt, dass das "Liken" allenthalben um sich greife, während ihm auf der anderen Seite keine entsprechende "Ich mag das nicht"-Option gegenübersteht. Die Entscheidung, keine Dislike-Buttons einzuführen, habe entsprechend etwas mit der Negationsaversion einer konfliktscheuen Internet-Weichlichkeit zu tun, die mit der Devisibilisierung von Ablehnung allen Widerstand aufzuheben versuche, weil sie für kritische Auseinandersetzungen keine Kraft besitze ("Charakterschwäche"): Weiches Gleiten durch widerstandslose Affirmationsfelder, keine virtuellen Reibereien auf öffentlichen Streitplätzen. 
Aber welche Funktion sollte ein Dislike-Button überhaupt erfüllen? Angenommen, das öffentliche "Mir gefällt das" markiert im Idealfall eine Faszinationsempfehlung, eine Einladung zur Auseinandersetzung mit Interessantem, auf das andere Nutzer ohne Empfehlung möglicherweise nicht gestoßen wären; was sollte demgegenüber ein Dislike-Button symbolisieren? Eine Aversion-Empfehlung? "Könntet ihr das hier bitte auch hassen", "Ich habe dieses Langweilige/Schlechte/Uninteressante im Netz gefunden, wäre schön, wenn ihr das auch schlecht finden könntet.."
Es war die Zeit, als Kolumnen in Magazinen wie Tempo, die alles besser, cooler, lässiger machen wollten als die drögen etablierten Medien, noch "100 Zeilen Hass" heißen und ganz ernsthaft den deutschen Schlagerkönig Ralph Siegel demontieren konnten.
Aber "100 Zeilen Hass" -- das bedeutet aus heutiger Sicht eben auch, dass es offenbar noch eine Verbindung, eine geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur gab, die man dann effektvoll und für alle nachvollziehbar verwerfen konnte. [...] "100 Zeilen Hass" sind allein deshalb undenkbar geworden, weil die kulturelle Einigkeit, aus der dieser Hass erwachsen könnte, nicht mehr herrscht. Wenn einem auch das je Erfreuliche präsent sein kann, wieso sollte man sich dann mit dem Unerfreulichen aufhalten?
(Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma. Über den Hass auf den Hipster [Leseempfehlung]) 
Wenn das geteilte Mögen Assoziationen (im Sinne von "Verbindungen") der Faszination ermöglicht, müsste umgekehrt ein "Das hier gefällt mir nicht" Aversionsassoziationen erzeugen, Verbindungen, die sich in ihrer geteilten Abscheu kurzfristig vergemeinschaften, indem sie sich gegenseitig Einladungen zum Ärgern und Nörgeln zuschicken -- früher nannte man solche Aversionsassoziationen schlicht "Lästern" oder "Tratschen". Insofern ist die offizielle Erklärung, dass "eine destruktive Information" "keine viralen Effekte" (Quelle) erzeuge, wahrscheinlich nicht ganz zutreffend: kollektive Verärgerung hat immer eine gute Konjunktur; und das macht auch Sinn, sofern sich diese Verärgerung auf Dinge bezieht, die die eigene Lebenswirklichkeit unausweichlich mitbestimmen und zugleich auch anders besser möglich wären (d.h. optimierbar sind). Alle anderen Fälle, in denen willkürliche Aversionsoptionen aktiv gesucht werden, um sich dann gemeinsam über sie zu ärgern, scheinen eher Verhaufungen von Ressentiment darzustellen, die letztlich zu nichts anderem führen als zu sich selbst.
Aufklärung war immer schon Enttäuschung im positiven Sinn, und je mehr sie voranschreitet, desto näher rückt ein Augenblick, wo die Vernunft uns heißt, eine Bejahung zu versuchen. Eine Philosophie aus dem Geist des Ja umfaßt auch ein Ja zum Nein. Das ist kein zynischer Positivismus, keine "affirmativ" Gesinnung. Das Ja, das ich meine, ist nicht das Ja eines Besiegten. Wenn etwas vom Gehorsam in ihm steckt, dann von dem einzigen, der aufgeklärten Menschen zuzumuten ist, dem Gehorsam gegen eigene Erfahrung.
(Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft)
[Re-Entry vom 20.03.12]
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Freitag, 31. August 2012

Das schlechte Gewissen der Kontingenz: "Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich´s auch nicht besser weiß."


Kunst und Theorie nach der Abklärung II
(Quelle: Gedankenstrich)
Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.
Namen berühmter Autoren, Debatten und Diskurse sind immer auch Versuche, der allgemeinen Unübersichtlichkeit durch Elementarisierung - d.h. Reduktion auf das, was einem jeweils als das Wesentliche erscheint - eine bewältigbare Form zu geben. Um mit der Kompliziertheit des Ganzen überhaupt irgendwie zu Rande zu kommen, benötigen wir auf Verwendbarkeit und Zugänglichkeit hin optimierte Oberflächenstrukturen, Karten und Hinweisschilder, Geographen und Ortskundige, die uns zeilstrebig an der Nase durch die Reihen der babylonischen Bibliotheken herumführen.
Wer sich zum Beispiel für klassische Musik interessieren will, der muss damit irgendwo anfangen - bei "Beethoven" vielleicht, oder "Bach" oder "Chopin" - er kann ja nicht alles auf einmal wahrnehmen und muss sich deshalb irgendwie aus irgendeinem Grund für einen besonderen Einstieg entscheiden. Kanonisierung und "Geschmack" werden notwendig, sobald die Anzahl realisierbarer Möglichkeiten und die Zeit, um dann auch noch die beste aller möglichen Optionen aus dieser Menge auszuwählen, die Kapazitäten lebensweltlicher Prozessierbarkeit übersteigen. Von da an geht´s vor allem um "Tempovorteile" (Luhmann) und bessere Unübersichtlichkeitsbewältigungsstrategien, aber auch um die erfolgreiche Suggestion von "Überblick" und Bescheidwissen (auch da, wo solches Bescheidwissen gar nicht mehr möglich ist).
Aber selbst die Kanonisierer müssen sich ja ihrerseits auf ihnen vorausliegende, schon gewichtete Selektionen verlassen. Auch sie können ja nicht alles auf einmal, und auch nicht alles nacheinander begutachten, sondern müssen stattdessen eine Auswahl treffen; und so bleibt - selbst wenn man davon ausgeht, dass sie innerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs erfolgreich (und nach welchen Kriterien?) zwischen Relevantem und Irrelevantem unterscheiden - auch in ihren Sortierungen das zuerst Ausgeschlossene stets ausgeschlossen. 
"Eine der wichtigsten Bedingungen der Feldherrenkunst ist es, sich über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen. "Ich habe mir also" erzählte der General "einen Eintrittschein in unsere weltberühmte Hofbibliothek besorgen lassen und bin unter Führung eines Bibliothekars, der sich mir liebenswürdig zur Verfügung stellte, als ich ihm sagte, wer ich bin, in die feindlichen Linien eingedrungen. Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müßte das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müßte ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortete er!! [...] Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!
In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle stecken geblieben, und die Welt ist mir wie ein einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: da stimmt etwas ganz grundlegend nicht!"
(Musil, Mann ohne Eigenschaften) 
Weil man aber ohnehin dazu gezwungen ist, irgendetwas auszuschließen, weil auch das bequemste Forscherleben nicht genug Zeit umfasst, um alles Relevante mit gutem Gewissen vom Nicht-Relevanten abzusondern, gerät man im Blick auf die eigene Arbeit in eine Selbstrechtfertigungs-Schieflage. Wer nicht mehr beurteilen kann, ob das, was er aus dem Bereich seines Interesses ausgeschlossen hat, auch wirklich sein Interesse nicht verdient, wird zur Begründung seiner Ausschließungen ungern auf einen Mangel an Zeit verweisen (weil das ja bedeuten würden, dass er tatsächlich gar nicht weiß, ob er hier wirklich gut und angemessen ausgeschlossen hat). Vielleicht wird er sich sogar einreden wollen, dass das, um was er sich nicht kümmert, auch tatsächlich sein Interesse nicht verdient; oder aber er verlässt sich stattdessen auf seine Hoffnung, dass die geteilte Verlegenheit - die sich um einen spezialisierten, anderes ausschließenden Beschäftigungsbereich herum angesiedelt hat - niemanden dieses (doch nicht ganz uninteressante) Betriebsgeheimnis der eigenen Produktivität allzu laut ausplaudern lässt.
"Die heutigen Inhalte von Bibliotheken und Datenbanken sind für keinen Menschen auch nur annähernd erfassbar und selbst über die Bildung von Expertengruppen kaum noch abzudecken. Nichtwissen betrifft damit nicht nur das, was noch nicht erforscht wurde, sondern auch das, was schon erforscht ist, aber aus dem Kanon des ständig Genutzten herausgefallen ist. Die Problematik besteht nun darin, dass die Auswahl der Inhalte des Kanons ob der Menge der zur Verfügung stehenden Daten immer mehr zum Zufallsprodukt zu werden scheint. Nur noch in manchen kleinen Ausschnitten ist wissenschaftliche Arbeit noch inhaltlich übersichtlich und strukturiert zugänglich. Was darüber hinausgeht, die "post-normale Wissenschaft" [...], vereinfacht, entscheidet instinktiv und macht sich beispielsweise von dem abhängig, was die Suchmaschine im Internet gerade an dem Tag auswirft, an dem die Suche stattfindet. Die Effekte, die zur Zusammenstellung des Wissens führen, sind dann nicht mehr rekonstruierbar. Das Wissen verliert seine historische Logik. Seine Kanonisierung wird arbiträr und vermutlich von jeder Interessengruppe auf ihre Weise anders betrieben, ohne dass eine Orientierungslinie verfügbar wäre, die man als Leitfaden für einen Ausgleich zwischen diesen Inseln des Wissens verwenden könnte."
(Albrecht Fritzsche, Schatten des Unbestimmten)
Lebensweltlich mag es vielleicht notwendig sein, so zu verfahren: den eigenen Horizont nach vielen Seiten hin abzudichten, um überhaupt weiter produktiv an bewältigbaren Aufgaben zu arbeiten. Problematisch wird diese Notwendigkeit aber, sobald sie nicht mehr thematisiert wird und sich ihre Protagonisten so gerieren, als hätten sie einen Weg gefunden, der notwendigen Blickbeschränkung zu entgehen.
"Und dies ist ein allgemeines Gesetz; jedes Lebendige kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden; ist es unvermögend, einen Horizont um sich zu ziehn, und zu selbstisch wiederum, innerhalb eines fremden den eigenen Blick einzuschließen, so siecht es matt oder überhastig zu zeitigem Untergange dahin."
(Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben)
[Re-Entry 240611 080312]
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Mittwoch, 8. August 2012

Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns


"Wie geht die mens mit notio um, der Kusaner?"
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert ("Ich checks einfach nicht."). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt ("Er hat gar nichts damit gemeint."). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet ("Metaphysik ist Unsinn."), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt "in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor"):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen.
(Deleuze, Logik des Sinns) 
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er "einfach nur zu blöd ist": Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden. 
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: "Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat." (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet.
(Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, [...] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. [...]
(Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
[Re-Entry auf M_K Hinweis 05.03.12]
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Dienstag, 17. Juli 2012

Olle Artisten-Kamellen: Die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze unterhalten


(V.E.)
An Jacob Burckhardt, 6. Januar 1889
Lieber Herr Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muß Opfer bringen, wie und wo man lebt. – Doch habe ich mir ein kleines Studenten-Zimmer reserviert, das dem Palazzo Carignano (– in dem ich als Vitorio Emanuele geboren bin) gegenüberliegt und außerdem erlaubt, die prachtvolle Musik unter mir, in der Galleria Subalpina, von seinem Arbeitstisch aus zu hören. Ich zahle 25 frs. mit Bedienung, besorge mir meinen Tee und alle Einkäufe selbst, leide an zerrissenen Stiefeln und danke dem Himmel jeden Augenblick für die alte Welt, für die die Menschen nicht einfach und still genug gewesen sind. – Da ich verurteilt bin, die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten, so habe ich hier eine Schreiberei, die eigentlich nichts zu wünschen übrig läßt, sehr hübsch und ganz und gar nicht anstrengend. Die Post ist fünf Schritt weit, da stecke ich selber die Briefe hinein, um den großen Feuilletonisten der grande monde abzugeben. Ich stehe natürlich mit dem Figaro in näheren Beziehungen, und damit Sie einen Begriff bekommen, wie harmlos ich sein kann, so hören Sie meine ersten zwei schlechten Witze: [... [unzumutbar] ...] Wir Artisten sind unbelehrbar.
[Re-Entry 2.06.11]
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Montag, 21. Mai 2012

Ein Ausweg aus dem Selbstverwertungsdilemma? Alternativen zwischen Selbstunterdrückung und Selbstverkleinerung

[RP 20.11.11]
"Das Rennen beginnt, doch ich bleib´ stehen, wenn ihr loslauft" (Retrogott)
Wer für Selbstaneignung eintritt, der muss damit rechnen, dass die ewigen Kritiker der Verwertung ihn mit der Frage zu provozieren versuchen, ob sein Engagement für Engagement nicht letztlich einem liberal-ökonomischen Impuls verpflichtet bleibt, der den Einzelnen heimlich - und mit der dazu nötigen List der Vernunft - zu einem kalkulierenden Verwerter seiner Lebenschancen und -appetite umzuqualifizieren versucht. Das mag natürlich sein. Aber wie sähe denn die Alternative aus? Aktive Selbstverunmöglichung?
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich bemüht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z.B. Karriere, Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, wenn die verdächtige "Harmonie" meiner Natur sich durchringt, wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, meine Einsicht verbieten mir das.
(Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit)
Anderen Alternativen jedenfalls fehlt häufig scheinbar der nötige Schneid. Irgendwo irgendwie dazwischen sich einrichten: "das ist doch nicht radikal genug". Die Gesamtverhältnisse müssen auf jeden Fall ganz und von Grund auf -- von wo ganz anders her -- geändert werden.

Der Totalitarismus der Kritik duldet kein "Dazwischen" und keinen "Kompromiss", er will Revolution, keine Reform. Seine regressive Trotzigkeit verbirgt er dabei geschickt hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit des "Ganz oder gar nicht". Allerdings kommt diese verständliche Sehnsucht nach der absoluten Alternative über die radikalistische Geste und den mit ihr verbundenen moralischen Fingerzeig auf die vermeintlichen "Kollaborateure des falschen Lebens" selten hinaus. Sie übersieht, dass "totale Kritik" und "Weitermachen" sich gegenseitig immer schon ausgeschlossen haben. Wer "alles das hier" so kritisiert möchte, der wird sich "in diesem Leben" schwer damit tun, sich am System nicht die Finger schmutzig zu machen oder schlichtweg zu sich selbst in unbequemen, offenen oder latenten Widerspruch zu treten.
Falsches Ziel gewählt?
"No matter. Try again. Fail better"
(Cyberdees, CC BY-NC-SA 2.0)
Gibt es andere Formen des Umgangs mit der unternehmerischen Anrufung [...]? Wie könnten Alternativen zu Enthusiasmus, Ironie und Melancholie aussehen? Eine pragmatische Gelassenheit vielleicht, die weder glorifiziert noch dämonisiert, der die hochgetunte Selbstmobilisierung des Enthusiasten so fern liegt wie die angestrengte Selbstdistanzierung des Ironikers oder die behagliche Selbstgewissheit des Dagegenseins, die der Melancholiker kultiviert. [...] Eine taktische Klugheit, welche die Listen der Simulation, des Abtauchens und des détournement beherrscht und den Aktivierungsfuror der Förderer und Forderer ins Leere laufen lässt.
(Bröckling, Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker)
Eine Frage der klugen Wahl der Ziele, für die man sich wirklich engagieren (lassen) will. Die wird gerade in Strukturen akut, die eigene Ambitionen und Eitelkeiten bewusst provozieren, Angebote zur eigenen Verausgabung mit dem leisen Versprechen verbinden, man könnte - Überverausgabung fröhlich in Kauf nehmend - bald schon zu den wenigen glücklich Auserwählten zählen, oder zumindest die Leiter des symbolischen Kapitals ein signifikantes Stück nach oben klettern. Aber möglicherweise ist das alles auch noch eine Spur zu ernst:
Fuest: Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.
[...]
TAZ: Woran glauben Sie dann?
Fuest: Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen. [...] Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
TAZ: Ist das nicht ein Rückzug?
Fuest: Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. 
(Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie in der TAZ)
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Labels: Adorno, Beckett, Deleuze, Heidegger, Hugo Ball, Ironie, Lebens-Kunst-Nischen, Nietzsche, Philosophie, Retrogott, Sloterdijk

Dienstag, 8. Mai 2012

In der Höhle des Luhmann: Ein literarisierender Gang in die Impulsmasse der Systemtheorie


Behutsamer Luhmann: ©teutopress, Stadt OE: CC BY-SA 3.0
Es ist nicht lange her, dass der alte Luhmann auszog, um den drei schrecklichen Gorgonen (Medusa, Euryale und Stheno), die draußen in der Wildnis ihr nicht ungestraft beobachtbares Unwesen trieben, den Garaus zu machen. Unter den Stadtbewohnern hatte er immer als ein Langweiler gegolten, "feiger Weltvermeider". Einen "Fuchs, gefangen in seinem eigenen Bau", nannten ihn mit kritisch ressentimenteller Attitüde die Leute, die gleichwohl fasziniert und sorgenvoll auf den "unmenschlichsten aller Philosophen" ("Ein Allosoph ist das!") stierten. Doch als er auf einmal auszog, um das Entparadoxieren zu lernen, waren alle äußerst irritiert: an seiner Eingangstür firmierte anstelle seiner Adresse ein Zettel mit folgenden Lettern:
Man nimmt sich, wie Perseus, die Medusa vor; oder man versucht, ein abgegrenztes Feld unter Kultur zu halten und gar nicht erst in die Wildnis auszuziehen. Ein echter, an Welt und damit an sich selbst interessierter Philosoph ist mit diesen Auswegen noch nie zufrieden gewesen.
Schriebs, stellte es als Selbstbeschreibung aus, und zog alleine weiter von dannen. In seinem Kopf Operationen und Gedanken an all diejenigen, welche, vor ihm, schon dem Paradox erlegen waren, die ganze bunte Schaar wirr gewordener Vorgänger, gefangen in ewiger Sthenographie, zu Stein erstarrt beim Anblick transzendentalisierter Widersprüche ("Wer ist das Ereignis? Wer ist der Fremde? Wer ist der Andere?", rufen sie müde bis heute durcheinander in den ewigen Hallen der Theorie und zeigen einander an ihren Köpfen vorbei), Luhmann überlegte:
Über Nietzsche und Heidegger bis zu Derrida hat sich inzwischen ein ganz anderer Umgang mit Paradoxien eingebürgert. [...] Die Pardoxien werden nicht vermieden oder umgangen, sondern vorgeführt. Sie werden mit Hingebung zelebriert. Sie werden in einer wie immer verdrehten Sprache zum Ausdruck gebracht. Fast glaubt man, die Absicht zu erkennen, die Gorgonen wie ein Schild zu benutzen, sie vor sich herzutragen, um andere damit zu erschrecken. Erst dies ist nun eigentlich Sthenographie.   
Erstarrte All-Erschrecker, Apologeten der Folgenlosigkeit, Mühlmänner schwerster Satzmühlen. "Und sehen sie [denn] die Leere, das Schweigen, die Weiße des Papiers" gar nicht, die vor all dem liegt, was sie da betreiben? Verstehen sie, wo das alles herkommt? Sehen sie denn nicht die "Engpässe, Risiken und Gefahren, auf die das ganze Menschheitsunternehmen Sinn zuzulaufen scheint"? "Es will einem dies vorkommen wie der Tanz ums goldene Kalb angesichts eines bereits erfundenen, wenn auch nicht näher bestimmbaren Gottes." (Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung) All diese Sthenographen beeindrucken doch nur "hauptsächlich Literaten und, in gewissem Umfange, Philosophieexperten [...], und Beobachter der Szene können bereits die für Gorgonenbetrachter voraussagbare Erstarrung feststellen. Das kommt davon!" Gefangen in der eigenen Geste, ihrem diffusen Selbstentgründungstaumel.

Sein Weg, das wurde ihm langsam klar, führte nicht zurück in ein anderes Außen, er würde nichts Neues gründen, keine neue Transzendenz errichten, seine Reise zielte genau in den flüssigen Kern der Sache selbst, magmatisch zähfließende Urbewegtheit. Mit der richtigen Zeitauflösung driften überall nur Flüssigkeiten: Zeitraffer Plattentektonik. "Das >Feste< wird dann auf das >Fließende< gegründet" (Luhmann). Weder Vermeidung noch Anbetung der Paradoxie, kluge, deblockierende Paradoxieplacierung ist am Platz, eine Paradoxieplacierung, die "mehr oder weniger geschickt vorgenommen, mehr oder weniger deblockierend wirken, mehr oder weniger fruchtbar sein kann."

(Gorgonin)
Er war auf seinem Weg angekommen. Hinter der nächsten Ecke verbarg sich Euryale, obwohl Luhmann das eigentlich nicht genau wissen konnte, aber er konnte ja nicht, wie all die anderen vor ihm, "den Blick ins Paradox [...] wagen und dann im postmodernen Erstarrungstanz sich selbst [...] opfern", er musste Euryale an ihr selbst vorbei beobachten. Dazu bediente er sich -- Odysseus am Mastbaum -- eines einfachen Tricks: er öffnete die Augen, trat einen Schritt nach vorn und blickte sorgsam um die Ecke, um nicht Euryale, sondern sich selbst dabei zu beobachten, wie er sie zu beobachten versuchte:
[Aber] was beobachtet ein Beobachter, der einen Beobachter beobachtet, der die Einheit, an der er selbst teilnimmt, zu beobachten versucht? [...] Die Paradoxie lässt den Beobachter oszillieren, nämlich ganz kurzzeitig (aber immerhin: kurzzeitig) zwischen der einen Feststellung und ihrem Gegenteil pendeln. [...]
Als Soziologe wird man der Meinung sein, daß dies letztlich auf Gesellschaft (und damit auf ein System in einer Umwelt) verweist als Bedingung der Möglichkeit des Beobachtens von Beobachtungen.

Aber ein Künstler zum Beispiel könnte es anders sehen.
[Alle unbezeichneten Zitate aus: Luhmann, Sthenographie]
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Freitag, 20. April 2012

„Ich bin mit meinen Dateien am Ende“ (Der lolle Mensch) - Ein geöffneter offener Brief an das Internet


Folgende E-Mail von einer mir unbekannten Adresse erreichte mich über meinen Spam-Ordner. Wollte sie nicht vorenthalten und veröffentliche sie hier; das Einverständnis des anonymen Verfassers vorausgesetzt (Hervorhebungen von mir): 
Hochverehrtes Internet,

"Frisierter Nie Che"
ich bin mit meinen Dateien am Ende. Ich habe mich durch Deine überfüllten Arsenale geklickt. Habe jedes Kilobyte, das ich bei Dir finden konnte, mit Lesezeichen versehen und akkumuliert, bis es in meinen clouds nur noch gewittert hat. Ich habe Datenbanken angelegt, neue Ordner erstellt, denen ich keine sinnvollen Namen mehr zu geben wusste, ich habe Material zu Themen gesammelt, von denen ich glaubte, sie würden mich interessieren, um nur immer mehr Themen zu finden, mit denen ich mich gerne auseinandergesetzt hätte, um immer nur wieder zu bemerken, dass meine Zeit nicht reichen wird, das alles zu verarbeiten, habe mich Stunden durch Urwälder von Musik geschlagen, die ich inzwischen keinen Stilrichtungen mehr zuordnen kann, habe blitzgescheite Aufsätze gelesen, bei denen mir kein offizieller Titel mehr anzeigte, ob sie eigentlich wichtig sind. Ich bin über alle Foren gegangen und habe jeden Thread kommentiert: „Ich suche Orientierung! Ich suche Orientierung!“ -- 

Als dort einmal zufällig viele von denen online waren, welche nicht mehr an Orientierung glaubten und die mich wohl für einen Offliner hielten, erregte ich damit ein großes Amüsement. "Ist er denn verlorengegangen?" schrieb der eine. "Hat er sich verlaufen wie ein Kind?" kommentierte ein anderer. "Oder will er uns nur veralbern?" "Fürchtet er sich vor uns?" "Ist er noch nicht angekommen im digitalen Zeitalter? ^^" – so schrieben und lolten sie durcheinander. Ich habe versucht, ihnen meinen Ernst zu beweisen, hackte mit Großbuchstaben weiter. »WOHIN IST DIE ORIENTIERUNG?« schrieb ich, langsam in Rage geratend »ich will es euch sagen! WIR HABEN SIE VERUNMÖGLICHT – ihr und ich! Wir alle sind ihre Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns die Wolken, um den ganzen Horizont damit vollzustopfen? Was taten wir, als wir unsere Lebenswirklichkeit immer weiter von der Enge unserer beschränkten Gegenwarten losketteten? Wo befinden wir uns, wenn wir im Internet sind? Wohin bewegen wir uns hier? Fort von allen Gegenwarten? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Brüllt uns hier nicht die pure Überfüllung an? Ist es nicht wirrer geworden? Kommen nicht immerfort Daten und mehr Daten? Müssen nicht Algorithmen unser beschränktes Aufnahmevermögen ersetzen? Hören wir noch nichts von dem Lärm, dem wir keine Ordnung mehr ablesen können? Die Orientierung ist futsch! Die Orientierung bleibt futsch! Und wir haben sie zerstört! Wie trösten wir uns, die Verunmöglicher aller Verunmöglicher? Ist nicht die Menge aller Daten viel zu groß für uns? Müssten wir nicht selber zu Algorithmen werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Menge an Daten – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Daten willen in eine verwirrtere Gegenwart, als alle Gegenwart bisher war!« – Dann schrieb ich nichts mehr und ließ nur die Seite wieder und wieder neu laden: keiner antwortete mehr. Endlich fiel mir meine Leuchte vom Desktop, daß sie in Stücke sprang und nur noch mild vor sich hin dämmerte. »Ich schreibe zu früh«, schrieb ich, »ich bin noch nicht an der Zeit. Die Menschen glauben immer noch, sie seien in ihrer Desorientierung eigentlich orientiert. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis ins Bewusstsein der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Daten brauchen Zeit, auch nachdem sie schon online sind, um gesehn und gelesen zu werden. All diese Daten sind vielen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie sie mit produziert!« – 

Man erzählt noch, daß ich desselbigen Tages in verschiedene weitere Foren eingedrungen sei und darin meinen Abgesang auf die Orientierung angestimmt hätte. Von Administratoren exkludiert und in E-Mails zur Rede gestellt, habe ich immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Foren noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler der Orientierung sind?«
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Dienstag, 17. April 2012

Zerstreuung und Konzentration -- Skizzen zur Wiederbeschwerung der Welt


(Foto: dreamfire; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)
Das Internet ist seiner inneren Struktur nach eine wenig widerstandsfreundliche Zone. Allzu Wirres oder Uneingängiges versperrt sich schnell den Weg zur Aufmerksamkeit seiner potentiellen Empfänger, macht ihnen zumindest den Zugang schwer und lässt sie bald die Lust verlieren. Das Surfen [sofern man das heute überhaupt noch sagt] ist eine flüchtige Angelegenheit, "ein ungleich nervöserer, zielorientierterer, aber auch nüchternerer Akt als bloße Unterhaltung" (Jens-Christian Rabe, in: Hipster. Eine transatlantische Diskussion), es sucht nach Faszination, nicht nach mühsamer Einarbeitung und erschwertem Zugang, es weicht aus, wo Dinge zu langweilig zu werden drohen:
Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so läßt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg [...].
(Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Es könnte aber doch sein, dass das Zulassen und Verarbeiten von Widerständen und Irritationen (und wieso nicht auch: Irritationen durch Verlangsamung und Nicht-Verstehen) die Aufmerksamkeit für Alternativen und blinde Flecken, den eigenen Möglichkeitssinn erst kultiviert. --
Die ideale Maschine wäre eine [so liest man gelegentlich], die in der Realisierung ihrer Effekte gar nicht mehr als Maschine auffällig werden würde, ein Apparat ohne Widerstand oder auch ein Effekt-Knopf ohne Apparat, der die gewünschten Resultate ohne sichtbare Zwischenschritte und ohne irgendwelche zusätzlichen Eingabeerfordernisse schon verwirklichen würde (vielleicht eine Art universaler virtueller Fernbedienung). Man kann sich fragen, ob der Grenzfall dieses Ideals (die unmittelbare und ruckelfreie Erfüllbarkeit aller willkürlichen Intentionen) nicht einer Abschaffung aller Widerstände, Widrigkeiten und Irritationen gleichkommen müsste, einer Abschaffung, die an die Stelle von Irritation, Anstrengung und geduldiger Einarbeitung das semi-benommene und immer affirmationsbereite Hindurchfließen durch Ströme angenehmer Affiziertheit setzt:    
Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita contemplativa mit sich bringen. [...] Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht [...].
(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Eine provisorische Ablehnung alles allzu Befremdlichen, die nur noch die Affirmation dessen kennt, an das man sich ohnehin bereits gewöhnt hat, muss auf Dauer in aktive Selbstabschottung, einen Zirkel der Selbstisolation gegen alles Fremde münden, in den nur hineingerät, was den Test auf Ähnlichkeit vorher immer schon bestanden hat [Angst vor dem Algorithmus]. Man ist dann eigentlich nicht länger mit irgendeiner Sache als einem "aufsässigem" Gegenüber (Heidegger) konfrontiert, sondern befindet sich stattdessen in einem Zustand absoluter Defrontation (Ent-wider-ständiung), sich in einem gleichförmigen Strom der Similaritäten bewegend, der vielleicht noch seichte Variationen, aber keine Brüche kennt.
Man erwartet von der Philosophie eine Förderung und gar Beschleunigung des praktisch-technischen Kulturbetriebes im Sinne einer Erleichterung. Aber - die Philosophie macht ihrem Wesen nach die Dinge nie leichter, sondern nur schwerer. Und das nicht beiläufig, weil die Art ihrer Mitteilung dem Alltagsverstand befremdlich oder gar verrückt vorkommt. Erschwerung des geschichtlichen Da-seins und damit im Grunde des Seins schlechthin ist vielmehr der echte Leistungssinn der Philosophie. Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).
(Heidegger, Einführung in die Metaphysik)
Andererseits ist fraglich, ob ein einseitiges Votum für bewusste Selbstwiederbelastung und Arbeit nicht einem überkommenen Leistungsideal (dem "Decorum des alteuropäischen Heroismus"; Sloterdijk, Sphären III) verpflichtet bleibt, dass die Vorstellung einer widerstandlosen Produktivität ("organloser Körer", Deleuze/Guattari) gar nicht kennt, das sich nicht vorstellen kann, dass Faszinierbarkeit und Engagement auch eine nicht-destruktive faszinativ-fließende Liaison eingehen könnten:
Diese Protagonisten des Realismus in der entzauberten Welt [Heidegger, Gehlen, Schmitt] besaßen ein geschärftes Bewußtsein davon, daß unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit die Zerstreuung gegenüber der Konzentration das umfangreichere Phänomen ist. [...] Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
(Sloterdijk, Sphären III, Leichtsinn und Langeweile)
[RP vom 8.02.12]
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Samstag, 10. März 2012

Lieber Nüstern als nüchtern: Die Zukunft der Kunst, die Zukunft der Vernunft

[Re-load vom 3.12.11]
Mein Genie ist in meinen Nüstern..
(Nietzsche, Ecce Homo)
(Aufschlingende und verschlingende Vernunft
konstellieren sich im Denkraum
Wenn die "Zeit der großen Einzelnen" vorbei ist, Originalität nicht mehr nur unwahrscheinlich, sondern generell als ein Effekt der historischen Selbstverwischung der Kulturen entlarvt ist, müssen Kunst und Geisteswissenschaft andere Leitorientierungen finden. Die Philosophie//Theorie kann sich nicht länger an der Vorstellung festhalten, dass sie das Denken weiter entwickelt, dass sie heute besser und in klareren Synthese begreift, was Vorgängergenerationen nur durch trübe Linsen zu sehen bekamen; und die Kunst kann nicht länger glauben, dass sie einer historischen Linie vorgezeichneter -- oder doch zumindest re-spektiv so erscheinender -- Notwendigkeiten in der Gestalt von Großgeistern [resp. Genies] ihre Wege bahnt. Zu wenig konnten die einzelnen Künstler wahrnehmen, um alles Wesentliche in ihre Werke einfließen zu lassen, zu wenig konnten die Theoretiker lesen, um in ihren Texten das Ganze dessen, was schon gedacht war, weiterzuschreiben. Wenn die Zuschreibung von Originalität selbst als eine Frage des vorausgesetzten Horizontes erkennbar wird, muss auch der Glaube an den eigenen Fortschritt, der in den Naturwissenschaften noch einen einfachen, an der Kontrollierbarkeit der Phänomene festzumachenden Sinn besitzt, aufgegeben werden. Natürlich, man kann sich gegen so etwas hier wie überall re-naivisieren: 
Wer [immer noch am alten Fortschrittsglauben festhält] - und man kann das natürlich, wenn man Bücher schreibt oder Kongreßreferate hält - begründet dies [meist überhaupt nicht, sondern tut am besten so, als könnte alles einfach weitergehen wie bisher].
(nach Luhmann, Soz.Sys.) 
Weiter an den Dingen schreiben und arbeiten, an denen man halt so schreibt und arbeitet: Als ob die Philosophie//Theorie und die Kunst einfach weiter so möglich wären wie bisher. Aber Kunst und Theorie sind keine überschaubaren Großbewegungen, die in ein Schema der vernünftig aufeinanderfolgenden Epochen passen. Beide wachsen heute wilder: In die Fläche, in Untergründen, breit und gestreut, immer von vielen an vielen verschiedenen Orten zugleich voranbewegt:
Nicht zufällig haben die Werke der Gegenwart häufig relativierende Attribute um sich, sie werden leiser, fungibler, weniger epatant, biographischer, subkultureller, ironischer gegen Genialismus, skeptischer gegen Wirkung sowie Wirkungsverweigerung.
(P.S.)
Kunst und Theorie mit Befreundungs-Bewusstsein werden nicht mehr "für alle" zu sein beanspruchen, nicht mehr für alle (und auch nicht für alle und keinen); sondern für die jeweils Anderen, die sich von Ähnlichem faszinieren lassen.
Ich muß sagen, ich halte Begriffe wie Faszination, interessant, erregend für viel zu wenig beachtet in der deutschen Ästhetik und Literaturktitik. Es soll hierzulande immer alles sofort tiefsinnig und dunkel und allhaft sein [...] demgegenüber glaube ich, daß die inneren Wandlungen, die die Kunst, die das Gedicht hervorzubringen im Stande ist [...] aus dem Erregenden, dem Faszinativen hervorgehen.
(Benn, Probleme der Lyrik)
Die Kunst tut sich hiermit sehr viel leichter. Gerade sie kann sich in Faszinationsgemeinschaften, denen ähnliche Stile, ähnliche Motive, ein ähnlicher Sound oder eine ähnliche Art von Unsinn behagen, sehr viel einfacher neu einrichten als das der Philosophie gelingen kann: die Kunst hat es längst; und nur die Fiktion eines weltweiten Kunstmarktes erzeugt hier noch so etwas wie die Vorstellung eines Ortes, an dem sich alle Kunstwerke mit allen anderen messen würden, um die wenigen Großen als Sieger zu bestimmen. Aber das ist ein Problem des Marktes und seiner Selbstwahrnehmung, keines der gegenwärtige Kunst. Die Philosophie dagegen tut sich schwer, ihre Ansprüche auf Allgemeinheit aufzugeben, obwohl sie inzwischen teils so selbstzerstreut erscheint, dass der Singular, mit dem man das Fach bezeichnet, als ein bloß noch historisches Erbe anmuten kann. Woran sollte man sie erkennen? Besitzt sie denn eine eindeutige Form? Einen eindeutigen Gegenstand? Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Begriff "Philosophie" aus Respekt vor seiner altmodischen Gravität für eine Weile ruhen zu lassen, ihn zu "musealisieren" (in den Schutz der Ausstellung zu ziehen)? Man könnte derweil an seine Stelle etwas setzen, was die Freundschaft zur Befreundung meint und nicht mehr die Freundschaft zu einer bestimmten Weisheit -- "Philophilie":
Noch einmal, anders: 'Philologie ist Zuneigung der Sprache zu einer Sprache, die ihrerseits Zuneigung zu ihr oder einer anderen ist. Darum ist Philologie Zuneigung zur Sprache als Zuneigung. Sie mag in der Sprache ihr Mögen, ihres und ihr eigenes. Sprache ist Selbstaffektion im anderen ihrer selbst. Philologie ist Philophilie.
(Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie)
Vielleicht wäre aber damit auch zu früh eine Sache aufgegeben, die nach wie vor den Versuch einer Gegenwartsformatierung mit eigenem Faszinationswert ertragen könnte:
Daß es "Grand Theories" nach wie vor geben kann und geben sollte, ist damit nicht bestritten. Aber sie haben, wenn sie "intellektuell" zelebriert werden (was nicht sein muß), zugleich etwas Spielerisches, Künstlerisches, Selbstironisierendes an sich. Man führt eine Konstruktionsanweisung aus und sieht, wie weit man kommt.
(Luhmann, Gibt es ein "System" der Intelligenz?) 
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Dienstag, 28. Februar 2012

Eine philosophisch-verträumte Temperamentenlehre zwischen Ernüchterung und Weltwiedererwärmung

[Re-Enrty vom 22.06.11]
Kunst und Theorie nach der Abklärung I 

(Quelle: Flickr - Dominic´s Pics, CC BY 2.0)
Das Licht der Aufklärung war immer schon ein Licht von verhältnismäßig niedriger Temperatur. Ihr Versprechen war nie das einer klimatischen Restauration der Welt, ihr Genuss und Eifer nie mehr als die Begleiterinnen des guten Gewissens, die falschen fremderzeugten Schattenbilder durch potentere Selbst-Innenbeleuchtung zu vertreiben. Aber die hellste Beleuchtung ist - wie man weiß - nicht immer auch die angenehmste. Und so sind bei näherer Betrachtung Aufklärung und Ernüchterung, Auf- und Abklärung zwei Seiten derselben, eifrig ent-eifernden Bewegung, die gleichermaßen Mut zur Kälte und Mut zur Selbstüberschätzung von ihren Adepten einforderte.

Das Licht der Aufklärung - das in Dunkelheiten nur zu orientieren vermag, sofern die Welträume, die es ausleuchtet, überhaupt ausreichend widerständige Strukturen bereitstellen, um noch von "Orientierung" im positiven Sinn zu sprechen - ist ein nüchternes Licht, Neonlicht. Und wenn es überhaupt ein Licht für Menschenhände und Menschenaugen ist, bleibt ihm doch die Motivation für konkrete Ziele und Richtungen gänzlich fremd: Der Eifer der Aufklärung und ihrer Aufklärer kennt sich zwar selbst als engagierendes Ziel, aber was "nach" der Aufklärung kommen soll, lässt sich aus diesem Eifer nicht noch einmal eigens motivieren...
...Hier weiterlesen...
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Freitag, 24. Februar 2012

Lebensspielräume, Lebensversäumnisse: Versuche zur Formalisierung des Existenzialismus


(Raum für Möglichkeiten)
Lebensmöglichkeiten erscheinen entweder als Fähigkeiten oder als Spielräume: als Selbstoptionen oder Weltoptionen. Selbstoptionen sind die als Kapital vorgestellten Potentiale und Fähigkeiten, die dem Einzelnen zur möglichen Verwirklichung zur Verfügung stehen (Talente, Kenntnisse, Fertigkeiten, Besitze), Weltoptionen sind die durch Situationen vorgegebenen Bewegungsspielräume (Erreichbare Orte oder Positionen, gestaltbare Räume). 
Während Weltoptionen als mögliche zukünftige Lebensumstände vorgestellt werden, zeigen sich Selbstoptionen als zu-verwirklichende Potentiale, die man entweder als durch Nicht-Verwirklichung erfolgte Kränkungen mit sich herumschleppt ("Ich wäre sicher ein großer Pianist geworden.") oder die als heimliche Versprechen einer möglichen Zukunft die eigenen Tätigkeiten tragen ("Ich werde gewiss ein mittelgroßer Pianist."). Im Hinblick auf beide Seiten besteht Täuschungsgefahr: Wirkliche Möglichkeiten können hier wie da als Unmöglichkeiten erscheinen: die eigene Unfähigkeit als noch nicht ausgeprägtes Talent, bestehende Möglichkeit als absurd und unwahrscheinlich vorschnell abgetan werden.
Vermeintliche Weltoptionenknappheit kann einschränken, träge und verzweifelt machen, oder zur Gegenreaktion provozieren: Protest [Adorno]. Protest gegen wahrgenommenen Selbstoptionenknappheit dagegen ist unwahrscheinlich: man fühlt sich eher unfähig als unterbliebene Talentvererbung (und wen denn nur?) anzuklagen. Eine Frage der Zuschreibung: Knappheit an Selbstoptionen kann durch Fremdzuschreibung (Externalisierung, Entantwortung) als Problem der Welt dargestellt werden: ein unterstellter Mangel an Weltoptionen etwa entlastet vom Eingeständnis eigener Unfähigkeit ("Es gibt hier einfach keine guten Klavierlehrer.."), Unterstellung ungerechter Mechanismen entlastet vom Eingeständnis mangelnden Engagements für die Sache selbst ("Protest ist manchmal leichter als Politik").
Vermeintlicher Weltoptionen- oder Selbstoptionenüberschuss steigert das Kontingenzgefühl und führt im Grenzfall zu Fahrlässigkeit: zu vieles scheint möglich, zu weniges notwendig oder auch nur alles Mögliche belanglos. Das Entscheiden selbst wird zum Problem.
Sofern man aber überhaupt für das Realisieren von Möglichkeiten votiert -- und es könnte natürlich auch Gründe geben, das nicht zu tun -- lohnt sich bisweilen vielleicht eine optimistische Überschätzung eigener Spielräume, solange die nicht absehbar langfristig zu den größeren Enttäuschungen führen muss.
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Montag, 14. November 2011

Das wurde so als Witz dargestellt, ist aber Philosophie. Nur Liebe.


Meese, der Money Boy des modernen Kunstbetriebs, wirft ein paar mittelgroße Brocken Richtung Deutsch Amerikanische Freundschaft. Präzise wie Nietzsche.

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Mittwoch, 2. November 2011

Das steiner=ne Herz: Die kühlen Beuys des beginnenden vergangenen Jahrhunderts


Schnell eine Geschichte der Coolness im 20. Jahrhundert schreiben, bevor alle anderen uns schon zuvorgekommen sind.

["Das war jetzt gar nicht lustik, nicht?" "Neee, aber...es war auf jeden Fall lustig."]
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Samstag, 1. Oktober 2011

Der künftige Musikant - Ich bin zu weit weg für dich



Naja, Pech gehabt, aber vielleicht kommt ihr ja in Zukunft mal hinterher:

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Samstag, 24. September 2011

"Leichtfüßig und formulierungsgeschickt über die Dinge gleiten" Luhmanns unbeachtete Skizze einer Theorie der "Intelligenz"


("Freischwebende Intelligenz", Quelle:www.iraff.ch)
Als gutgelaunte Pioniere der Systemtheorie scheuen wir keine Mühen, um auch wenig beachtete Theoriestücke des oerlinghausener Großmeisters der Beobachtung von staubigen Vorlesungsmitschnitten im Wortlaut abzutippen, um sie so (endlich) unters Volk zu bringen. Heute: Die Skizze einer Theorie des Mediums der modernen Intelligenz.

"Ich könnte mir vorstellen, (obwohl ich da also noch etwas zögere, das so wirklich zu sagen) dass es ein allgemeines Medium der modernen "Intelligenz" gibt, das genau darauf [auf die Beobachtung von Beobachtungen] bezogen ist. Sie finden in der parsonsschen Theorie in irgendeiner Ecke in irgendeinem dieser Kästchen das Medium "Intelligenz" -- und das ist nicht ausreichend ausgeführt. Aber man könnte sich vorstellen, dass wir, wenn wir unsere Gesellschaft (oder überhaupt irgendwelche Sachverhalte) relativ außerhalb der Funktionssysteme sehen, also zum Beispiel auch außerhalb des eigentlich wissenschaftlich zu verantwortenden Betriebs (der Forschung, des Testens von Hypothesen, des Datensammelns, undsoweiter) [...], wenn wir einen Schritt zurücktreten und die modernen "Intellektuellen" als Phänomen sehen, das darin nicht aufgeht, das also nicht nur bessere Forschungsresultate produziert, sondern generell über die Dinge redet -- Mannheims "freischwebende Intelligenz" zum Beispiel (das ist ja eine bloße Metapher natürlich). Dann könnte man sich vorstellen, dass dieses eine Generalisierung des Beobachtens zweiter Ordnung ist. Und dann könnte man sich auch erklären, wieso die Intellektuellen immer über andere Intellektuelle reden hauptsächlich. Also, wieso Habermas beschreibt, wie Derrida Nietzsche beschreibt, oder wie Hegel Kant beschreibt. Und andere wieder beschreiben, wie Habermas... Oder Parsons beschreibt Weber und die Parsonskritiker beschreiben, das Parsons Weber falsch beschrieben hat. Und das ganze läuft also auf der Ebene des Diskurses "Beschreiben von Beschreibungen", "Beobachten von Beobachtungen". Und in dieses Netzwerk, in dieses autopoietische Netzwerk der Intellektuellen kommen "Realitäten" nur "schockartig" rein.
[...]
Aber die Frage ist, ob dieses Medium "Intelligenz" eigentlich ohne eine realitätsbezogene Theorie der modernen Gesellschaft überhaupt etwas anderes kann als diesen Diskurs zweiter Ordnung führen und Schocks dann irgendwie mit dieser "Leichtigkeit", die Intellektuelle an sich haben, durch Umformulierungen oder Relativierungen oder durch neue "Ideen" [aufzufangen] (-- das "Sublime" ist jetzt zum Beispiel angeboten, nicht? Schlegel, August Wilhelm Schlegel, hat schon gesagt, das sei ein "vornehmes Abführmittel" -- und jetzt ist das im Moment "in", man kann das so sagen.) [...]
Aber auf dieser Ebene fehlt eigentlich ein Beitrag der Soziologie, wo man einerseits diese Beobachtungsfigur reflektieren -- also, über das Medium "Intelligenz" als Teil einer Theorie -- wirklich handeln könnte und andererseits die Problematik einer solchen Abhebung von Realitäten und die Auffangvorrichtungen selbst noch einmal beschreiben könnte." 

(Luhmann, Theorie der Gesellschaft (Autobahnuniversität, MC 7b))
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Sonntag, 11. September 2011

Eschatologische Meditationen - Sichtbare Not, unsichtbare Not, pro-vozierende Not

powered by Fotopedia

Als kleine Klimatisierungshilfe zur ideellen Selbsteinrichtung des eigenen Lebens für eher nihilistisch affizierte Gemüter: drei in Verschiedenheit geeinte Konfrontationsperspektiven zur Beschreibung einer Welt, in der doch offensichtlich irgendwas fehlt. Hier in den Geschmackrichtungen: Ärgerlich, Fatalistisch und Nach vorne provoziert [jeweils nicht als ontologische Kennzeichnungen misszuverstehen].

Eine sich selbst mahlende Mühle (ärgerlich)

"Das Resultat der modernen Denkungsart nannte man Philosophie und rechnete alles dazu was dem Alten entgegen war, vorzüglich also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählig in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr -- der Religions-Haß, dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Noth oben an, und machte die unendliche sphärische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein ächtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sey."  
(Novalis, Die Christenheit oder Europa)

(Bhlogiston,  CC BY-ND 2.0)
Irgendwer noch eine Unterkunft fürs Seyn!? (fatalistisch)

 
Doch die als Herrschaft der Metaphysik sich einrichtende Notlosigkeit bringt das Sein selbst in das Äußerste seiner Not. Diese bleibt nicht nur das Nötigende im Sinne des nicht ablassenden Anspruchs, der die Unterkunft beansprucht, indem er sie als die Unverborgenheit der Ankunft braucht, d. h. als die Wahrheit des Seins wesen läßt. Das Unablässige seines Brauchens fährt im Ausbleiben seiner Unverborgenheit so weit aus, daß die Unterkunft des Seins, d. h. das Wesen des Menschen, ausgelassen, der Mensch mit der Vernichtung seines Wesens bedroht und das Sein selbst im Brauchen seiner Unterkunft gefährdet wird. So weit in das Ausbleiben ausfahrend, begabt sich das Sein mit der Gefahr, daß die Not, als welche es nötigend west, für den Menschen geschichtlich nie die Not wird, die sie ist. Im Äußersten wird die Not des Seins zur Not der Notlosigkeit. Die Vorherrschaft der als solche verhüllt bleibenden Notlosigkeit des Seins, das in seiner Wahrheit die zwiefach nötigende Not des unablässigen Brauchens der Unterkunft bleibt, ist nichts anderes als die unbedingte Vormacht des vollständig entfalteten Unwesens im Wesen des Nihilismus. 
(Heidegger,  Die seinsgeschichtliche Bestimmung des Nihilismus)

Ein riesiger Behälter voll Zukunft ("...oder wenigstens noch eine schöne Unterkunft für uns!?") (nach vorne provoziert)

"Der bewusste Mensch ist das am schwersten zu sättigende Tier; er ist -- in der Befriedigung seiner Wünsche -- das Umwege machende Tier. Fehlt ihm das zum Leben Notwendige, so spürt er den Mangel wie kaum ein anderes Wesen: Hungervisionen tauchen auf. Hat er das Notwendige, so tauchen mit dem Genuß neue Begierden auf, die anders doch nicht weniger quälen als vorher nackter Mangel. Die Reichen und Übersättigten (doch nicht nur sie) leiden gegebenenfalls am sonderbaren Kitzel des Ichweißnichtwas; der Luxus vor allem ist ein unersättlicher Treiber. Xerxes setzte einen Preis auf die Erfindung eines neuen Vergnügens, da war nicht nur Langeweile im Spiel, sondern ein unbekannter Trieb [...], der ebenfalls gestillt sein wollte. [...] Der Mensch fühlt sich in solchen Zeiten deutlich als nicht festgestelltes Wesen, als eines, das zusammen mit seiner Umwelt eine Aufgabe ist und ein riesiger Behälter voll Zukunft." 
(Bloch, Das Prinzip Hoffnung)
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Mittwoch, 13. Juli 2011

Lebens-Kunst-Nischen XII: Das Sartoschtentum (Zoroastrismus)


Erfolgreich kultivierte Lebens-Kunst-Nischen stellen, indem sie mögliche Anschlüsse, Wiederanknüpfungen und Variationslinien vorzeichnen, adaptierbare Lebensform-Angebote dar. Formal fallen daher selbstverständlich auch religiöse Lebensentwürfe unter den Begriff der "Lebens-Kunst-Nische".



Ein griffiger Überblick über das Sartoschtentum und die Lehren des historischen Zarathustra findet sich hier. Der prominentesten Versuch einer freien (d.h. nicht-konservativen) Variation findet sich selbstredend bei Nietzsche:



Einen eher unglücklichen Adaptionsversuch präsentiert dagegen Jonathan Meese.
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Labels: Kunst, Lebens-Kunst-Nischen, Meese, Nietzsche, Philosophie, Religion

Freitag, 3. Juni 2011

Ein-Satz-Autor-Theorie (ESAT)

Frei nach Bloch/Wittgenstein/Nietzsche:


Worüber man nicht verfügen kann, darüber muss man schreiben.
1 Kommentar:
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Labels: Bloch, Nietzsche, Philosophie, Wittgenstein
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