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Montag, 17. September 2012

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise XXII


Elf-köpfiger Soziograph. Gestern noch das Meer über Stunden an die Wand gestarrt, dem Gewitter die sommerliche Stirn geboten: Trotzdem keimen die Wolken weiter, keimen weiter, Wasser im Wetterglas, keimt Biosphäre 3, keimt Zauberland, keimt trauriger vor sich hin. 

Aber wessen Wolken woher? Und wieso überhaupt dieser Dunst? Und nicht viel mehr Gischt!?

Der elf-köpfige Soziograph zählt die Bestände: In der Hitze sind ihm alle Worte, sind ihm in der drängelnden Hitze unter der Hand getaut, in eigenen Linien zwischen die Fugen gelaufen. Und so unmotiviert, sagt er sich, wie unerzogene Kinder, hängen sie da jetzt herum. "So taugen die noch weniger als Personenregister", denkt der Soziograph, "verwaiste Seitenzahlen, noch weniger als unmarkierte Verweise, nicht abzugeltende, nicht einzuholende Schulden haben die sich aufgeladen -- die Worte stehen in der Kreide und schon holt die Welt ihre Netze ein: Du bist zu spät.

Zu spät, alle Züge fahren ohne dich ab, denkt jetzt auch Manuel, zieht dabei die Segel straff. Ein Wirbel der Euphorie, den er aufgegriffen hatte, "Ich habe nur einen Impuls konzentriert", sagt Manuel verlegen, "verschiedene Momente versammelt, die ohnehin schon in der Luft lagen", führt zu einem halben Jahr Unordnung, die als vergegenständlichter guter Wille noch ein weiteres Jahr müde über den Scheitel der Zeiten glotzt. Ich habe doch auch etwas beizutragen... Manuel geht an einer Kante, zerknirscht, etwas an der ganzen Sache war doch faul gewesen. Du hast alles richtig gemacht, der große Andere lenkt ein, aber auch erhoffte Erlösungsphrase zieht nach all den Jahren schwieriger Witterung die Maschine nicht mehr aus dem Schlamm, löst nicht die Verspannung im hinteren oberen Getriebe, legt auch nicht den Schalter um.

Ob das Quartär schon wieder hinten über kippt -- weiter tragen geborgte Sätze nicht.
[Re-Entry vom 23.07.11]

Donnerstag, 5. April 2012

Derrida des Rechts: Lob der Nicht-Verwertung


(Quelle: Abode of Chaos; Lizenz: CC BY 2.0)
Der Werkzeugkasten zur Rekonstruktion einer künftigen Philosophie wird nach dem Versuch zu klären, was "die Philosophie" eigentlich sein soll, und der Aufforderung zu einer ihr angemessenen Popularisierung durch Kant und Bourdieu durch Derrida nun um ein nächstes Konstruktions-Tool erweitert:
"Ich beziehe mich [...] auf eine Universität, die wäre, wie sie stets hätte sein sollen oder stets zu sein beanspruchte, nämlich seit ihrer Gründung und grundsätzlich mit einer souveränen Autonomie, einer unbedingten Freiheit ihrer Einrichtung ausgestattet, souverän in ihrer Rede, ihrem Denken, ihrer Schrift. [...] Professer heißt sich verpflichten, indem man sich erklärt, indem man sich für etwas ausgibt -- und hingibt, indem man verspricht, dieses oder jenes zu sein. [...] Philosophiam profiteri bedeutet nicht einfach, daß man Philosoph ist, auf einer der Sache angemessene Weise Philosophie treibt oder lehrt, sondern daß man sich durch ein öffentliches Versprechen dazu verpflichtet, sich öffentlich der Philosophie zu widmen, sich ihr hinzugeben, sich zu ihr zu bekennen, für sie Zeugnis abzulegen, ja sich für sie zu schlagen."
 
"Ja, manchmal gibt sie sich preis und verkauft sie sich; sie läuft Gefahr, schlicht und einfach besetzt, erobert, gekauft, zur Zweigstelle von Unternehmen und Verbänden zu werden. Darin steht heute [...] ein enormer politischer Einsatz auf dem Spiel: In welchem Ausmaß dürfen Forschungs- und Lehreinrichtungen gefördert, das heißt direkt oder indirekt von kommerziellen Interessen kontrolliert, oder, um es mit dem Euphemismus zu sagen: "gesponsort" werden?"
(Derrida, Die unbedingte Universität, 2001)
Sich vor "Schurken" in Acht nehmen, oder doch lieber vor dem Begriff?

[Re-entry 28.10.11]

Freitag, 23. März 2012

Surflehrer Niklas empfiehlt: Einfach "sitzen und sich eine Bahn machen"


"Luhmann" kommuniziert mit "uns" und sucht noch (immer) nach einer Antwort auf die Frage, ob im Internet -- oder zumindest entsprechend strukturierten Hypertextsystemen -- "Kommunikation" (als Einheit von Mitteilung, Information und Verstehen) überhaupt stattfindet. Und wenn nicht, haben wir es dann in so strukturierten Netzen überhaupt noch mit sozialen Systemen zu tun?
Mein schöner neuer Hypertext
("So bauen Spinnen ihre Netze unter Drogeneinfluss")
"Dass Aristoteles mit mir kommuniziert" ist eine Vorstellung, die also gleichsam schreibtischspezifisch ist und nicht unbedingt in die Alltagssprache übernommen werden kann. [...] Eine letzte und ganz offene Frage, auf die ich überhaupt keine Antwort weiß, ist, ob wir mit Kommunikation auch noch dann rechnen, wenn auf Serialität verzichtet wird. Wenn man also Computerinformationssysteme hat, wo man sich fallweise etwas heraussucht, was man selbst dann neu kombiniert, wo gar nicht ein Satz auf den anderen folgt, sondern eine Information da ist und dann ein Spektrum von Verweisungen auf andere Informationen gegeben ist und man sitzt und macht sich eine Bahn und ruft auf den Bildschirm, was man dazu braucht, ohne eigentlich zwischen Information und Mitteilung unterscheiden zu können. Man ist wieder Beobachter erster Ordnung, man drückt auf bestimmte Knöpfe und dann kommt ein bestimmter Text zum Lesen und dann muss man irgendwie da was draus machen, gibt das vielleicht in den Apparat zurück, ohne dass bei diesen modernen -- wie heißen die? -- "Hypertextsystemen" mit Eigennamen markiert wird. Und es entwickelt sich eine Masse von Anregungen mit riesiger verdeckter Absorption von Unsicherheit und ebenso riesiger Erzeugung von Unsicherheit in der Auswahl und -- wer kommuniziert jetzt mit wem?  
(Luhmann, Theorie der Gesellschaft (Autobahnuniversität, MC 13b))
[Re-entry 12.10.11]

Freitag, 16. März 2012

Morphologien des Frühlings: Die Verwegenheit des Eisverzehrs

Ausgehend von Deleuze´ und Guattaris Überlegungen zum "organlosen Körper" macht sich Jean Clam Gedanken über Symbolisierung und Erzeugung der spezifischen Form von "Begehrlichkeit", die in unserem Kulturkreis vorzuherrschen scheint. Ausgehend von Ovid zeichnet er die Entstehung und Entwicklung dieser "Nacktheit/Begehrlichkeit/Weiblichkeit als ein Körper/Weib/Werden" nach, verfolgt mithilfe einer kreativen Phänomenologie das Spiel der "Weib/Körper/Nacktheit-Wolke", die unsere Welt bewirbelt.
(Eisschmelze; [Roman Duerr, CC BY-NC 2.0])
Die Weib/Körper/Nacktheit-Wolke wirkt in allem, was sich von ihr durchziehen und bewirbeln lässt, als Weltagencement. Dieses setzt an allen Weltregionen und -gegenständen an, taktet sie in den Sog, Klang, Tanz, in die "Ritournelle" der Begehrlichkeit hinein, bringt an ihnen die Resonanz eines schematischen Grundgleichklangs zum klingen. Das Feld der belegend beschreibenden Analysen wäre hier grenzenlos: In jedem Hörnchen Eis pocht dieses Werden, das es "klanglich" transformiert, ummetaphorisiert, umnebelt, umenergetisiert, umartikuliert. [...]
In seinen Formen und Farben, im sonnigen Nachmittag, der es in den lässigen Gängen durch eine durchbefriedete und von Wohligkeit beschwingte Innenstadt hervorwünscht, wirkt die Metapher des Eisverzehrs als Werden eines am Weiblichen orientierten Genussagencements. Dieses ist Bildung von Haecceitates zu augenblicklichen Ganzheiten, zu Zusammenhängen von Geschwindigkeiten und Langsamkeiten; von Kugeln, Rundungen von Farben, Essenzen, Geschmacksqualitäten und -intensitäten, Kurvigkeiten von geschmeidigen Leckmassen, übereinander gelagert, fallend, dreistöckig, verfolgbar, körperschematisch, mit Händen und Zunge. Der Eiskegel ist ein invertierter (leckender, saugender) Mund, ein inneres Hüftefassen, -nachbilden, -streicheln, ein Bedrücken von geschmeidigen und feuchten Massen, die lustvoll nachgeben, nach einem von Genießenslangsamkeiten bestimmten Rhythmus der Wahrnehmung und der Berührung. Ice Cream/I scream.
(Jean Clam, Die Gegenwart des Sexuellen. Analytik ihrer Härte)

Dienstag, 13. Dezember 2011

Regen über Europa...


Unter der "Ebene d. gemeinsamen Verantwortlichkeit" steht zwischen den Modellen "Titanic" und "Offener Gravitationsraum mit deutsch-französischem Kraftkern" die Frage nach der "Konstitution einer europäischen Bürgeröffentlichkeit" durch neue "Engagementkulturen"

Auf der anderen Seite jagt die "Wirtschaft" unter der fragwürdigen Aufsicht von Carl Schmitt Flüchtlinge in Richtung "Festung Europa".

Samstag, 10. Dezember 2011

"Wir reden jetzt über den Euuroo...Haalloo!...Euuroopa. Euuroo"


Söder und Marsh proben noch ihre neue Verbalperformance, Novalis gibt den Nostradamus:
Nun wollen wir uns dem politischen Schauspiel unsrer Zeit wenden. Alte und neue Welt sind in Kampf begriffen, die Mangelhaftigkeit und Bedürftigkeit der bisherigen Staatseinrichtungen sind in furchtbaren Phänomenen offenbar gworden. Wie wenn auch hier wie in den Wissenschaften eine nähere und mannigfaltigere Connexion und Berührung der europäischen Staaten zunächst der historische Zweck [der Krise] wäre, wenn eine neue Regung des bisher schlummernden Europa ins Spiel käme, wenn Europa wieder erwachen wollte, wenn ein Staat der Staaten, eine politische Wissenschaftslehre uns bevorstände!
(Novalis, Die Christenheit oder Europa, 1799)

Montag, 7. November 2011

Unsere Großen XVIII: Hoffnung als Kulturthermometer (Ernst/Rio-Doppel-Feature)




Unausgeschöpfte Latenzen. Die Wirklichkeit als eine Reihe abgebrochener Versuche, doch noch mehr aus dem Ding zu machen. Was übrig bleibt liegt irgendwo auf dem ungeraden Weg von hier nach anderswo. Die Welt in der Garage abgestellt,  "aber mein Place to be ist utopisch"

"Weil das eigene Leben noch weit liegt, wird jede Ferne verschönt. Der Wunsch reißt nicht nur zu ihr hin, sondern er reißt nun ohne Versteck in sie aus, desto heftiger, je enger die eigene Lage ist. [...] Wenn einer der stärksten Wünsche der menschlichen Natur und einer, der am häufigsten verletzt wird, dieser ist, wichtig zu sein, so verbindet er sich überdies besonders stark mit dem Wunsch nach importanter Umgebung. Begabte Mädchen wünschen in diese durchzubrennen; München zog so an um 1900, Paris weit länger. Hingerissen betritt der Student die große Stadt, sie ist ihm außer dem sichtbaren Glanz mit lauter ungeduldigen Hoffnungen bevölkert. Hier glaubt er den Grund und Hintergrund zu einem endlich gemäßen Dasein zu haben; die Häuser, die Plätze, die Bühnen wirken utopisch erleuchtet."
(Bloch, Prinzip Hoffnung)

Sonntag, 6. November 2011

Des Universitators gescheite Rhetorikschule IX - Du suchst einen zweiten Job? Aber den hast Du doch schon!


(Foto: Merlina Hermsen, CC BY-NC-SA 2.0)
Der Universitator nimmt das sensibel gefaltete Blatt vom Mund. In seiner Organisation ist mächtig was los. Eifriges Bienenvolk durchbrummt alle Gänge, der Laden ist on point, und das last but not least nicht auch nicht nur, weil er weiß, was echte Mitarbeitermotivation eigentlich heißt. Jung und selbstzufrieden, als smarter Abteilungsleiter, streicht er die Kragen seiner besten Leute glatt, um die Atmo optimal zu incentivieren.

Als Extra, "Kleines Sahnehäubchen" gibt´s für die heute sogar Selbstreflexion:

Das Personal der Organisation kann nicht nur motiviert werden, es kann auch demotiviert werden, und Letzteres nicht zuletzt durch Versuche der Motivation. Es ist emotional und intelligent, es bringt sich ein und es weicht aus, es streitet, kämpft und schlichtet, es kann ermüdet werden (nicht zuletzt: durch Verfahren, so Luhmann, 1989) und sich begeistern (im Zweifel auch: für eine andere Organisation); und es tut all dies in den mehr oder minder geordneten Bahnen eines informellen Netzwerks, in dem jedem Mitarbeiter einer Organisation neben seiner offiziellen eine inoffizielle Aufgabe zugewiesen wird: zu spionieren, Geschichten zu erzählen, schlechte Witze zu machen, die Beichte abzunehmen, zu intrigieren und zu soufflieren, aufzuregen und abzuregen, zu ironisieren und den Ernstfall zu markieren (siehe mit dem Theorem des "second job": Deal/Kennedy, 1982, S. 85 ff.; und und mit dem eindrucksvollen Beispiel der zunächst steilen, dann abstürzenden Karriere John DeLorans bei General Motors: Martin/Siehl, 1983).

Samstag, 5. November 2011

Irgendwie kann ich mit der Musik noch nicht so richtig Schwarm-Werden - Erläuterung einer glücklichen Symbiose


Beim Tier-Werden hat man es immer mit einer Meute zu tun, mit einer Bande, einem Rudel, einer Population, einer Bevölkerung, kurz gesagt, mit einer Mannigfaltigkeit.



Die Arten des Tier-Werdens sind weder Träume noch Phantasmen. Sie sind durch und durch real. Aber um was für eine Realität handelt es sich dabei? Denn wenn das Tier-Werden nicht darin besteht, ein Tier zu spielen oder nachzuahmen, dann ist auch klar, dass der Mensch nicht "wirklich" zum Tier wird und das das Tier auch nicht "wirklich" zu etwas anderem wird.

Wenn die Evolution wirklich Arten des Werdens umfasst, so im weiten Bereich von Symbiosen, in dem GEschöpfe völlig unterschiedlicher Entwicklungsstufen und Tier oder Pflanzenreiche zusammenkommen, ohne daß irgendeine Abstammung vorliegt. Es gibt einen Block des Werdens, der die Wespe und die Orchidee umfasst, aus dem aber keine Wespen-Orchidee hervorgehen kann.
(Ja wo denn)

Donnerstag, 3. November 2011

Ammo Schmidt - DENI`Z TRAUM [28=01=11]


Erstes Kapitel - : 

von den girlz und junks wie uns und dem wegen Mathe und faxn

(Verz=raum, Quelle: Jean Stubenzweig, CC BY-NC-ND 2.0)
neulich brötchenkaufen ([morgens alles noch bissle bedröppelt so] - szene). in´nen ganzen tangenten gehtitt lichtz aus. momeeentzmaa! wass´ndalos? alle skandalnudel schaun voll komisch, stehn vorn becker und machn so schön kreis um den. so wie: step ma in unsre saipha, batti-boy!
schnell da wek, die ham doch alle´knall, die knallgänse [hähä], und so früh auch noch, nee. zigarettenpapierchen gepackt und mit feinschliff eine gedreht wieder, erstma. ers-ma.. iss ja doch früh noch, dreht sich alles wie kettkarrussel noch von den zeug gestern abend - under typ meinte noch so: pass ma auf besser, jetzt nich so gierich! ich einfach so: tüte auf und alles schön rein damit. so: "kannich einatmen". nee, zweistundn und ich kopf wie´n elefenatenmutter. krass echt. 
ersma aber kaffee jetzt - -. - frrrbb.

huu: langsam wieder besser. lass die schnäpfen da hin´n einfach quatschn ma. die checkn ja eh nie was bei so kerls wie uns eigentlich abgehtz was wir ei´ch für so leben ham. für uns bedeutet diss allis noch was, verstehstö!? hier straße perspektive unnso. aber die mädchen mit balerinas und faxn da imma bei ih´n kaufland fängt die welt an und dann bis feinkost daniel und ah´ms am sofa und schön weinchen so und die dicke mammi wieder eingeratzt. so isdiss. ja! angi! brauchst gar nich so blöd glotzn da hinten aus deim plastikgesicht. die peilt ja eh, dass ihr "süßer stev-ou" voll verlierer iss. die kleine strebermaus. und wenns´ dann wieder bei Mathe nicht weiterkommt kommt see wieder so zu mir angemauzt, so: duuhuuu? [ich bin der pascha man, stev-ou!], vergiss die, die hat doch nur angst vor dein rektor-pappi. und dann kommtse wieder so bei mir an: hast du aufgabe fümf? kanns dir nächstes mal echt voll sparn, weißt? ja, kicher doch mit dein weibern! weißt, irgendwann merkst einfach so: häää?, da iss irgendwie was voll nich korrekt an der Situation. weißt?
hab ich einfach kein bock drauf. soll die doch zum marco gehn näx´maa. 

aber egal jetz, vielleicht gleich noch mit serkan und manu elfklässler jagen, wie gestern so voll die üble brillenschlange. hat echt geflennt der typ. "üüü, bitte lasst mich doch jetzt einfach." voll der schwächling, echt, voll geflennt. oder wir gehn halt zu dani zocken. egal, alles jackpot heute, voll der tag jetzt. 

Dienstag, 1. November 2011

Finanzkrise. Oder doch einfach wieder Humanismus?


Schauspielerisch entrückt als Prototypin schöngeistiger Verträumtheit und Verwirrung irritiert Jana Pallaske die seriöse Runde durch Wärme und das unerwartete Wort, Roman affirmiert.

Montag, 31. Oktober 2011

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungssreise XXVI

Der elf-köpfige Soziograph vergisst seine Tiefflüge. Er überdenkt seine letzten Spielzüge, zieht seine Karte noch einmal zurück. Fenster wischen, Zwischensicht. Von einem Spaziergang an der Grenze kehrt er ernüchtert zurück: Nebel verstellt die hinteren oberen Lagen. In einem Café am Rande der Weltgenese sieht er sich jahreszeitenweise um, legt mit Blicken über die Straßen seine Wege zurück.

Knistern im Ohr zieht mit einem knirschenden Grollen irgendwo links. Das Mädchen nuschelt ungehalten:  

"Ich weiß noch gar nicht, was ich morgen machen soll. Ich hab zu viel Freunde" HAhA  
"Zu mächtig, du bist zu mächtig geworden, Uffie." 

Uffie untertreibt, alle möglichen Termine klappt sie in die Runde wie eine Bastelanleitung:  

"Christian hat gestern in ner halben Stunde sieben Kriege angefangen."  
"Typisch Christian." HAhA. 
"Ich hab letzte Woche mein Auto für 1300 verkauft und es für 700 wieder zurückgekauft."  
"Aber wie?" 
"Ich hab vor dem Verkauf die Zündung ausgebaut und dann über einen Freund zurückgekauft." 
"Das ist aber fies." 
"Wieso? HAha", Christians Grinsen zeichnet eine fiese Linie bis in den Zenit. 

Verschiedene Kinder, die über Treträdern liegen, lachen derweil müde der Speisung entgegen: "Ich hab vergessen was ich esse, Mama. Das vergess ich fast nie." Uffie immer noch am Hebel, seltsam selbstbewusst legt sie noch einmal vor mit Krankenhäuserspäßen. Unkonterbar, befürchtet müde der Soziograph, legt fast seine Stifte in eine andere Gegend. Wo aber Blamage ist, wächst manchmal das Rettende auch:

"Ist der Dekonstruktionismus nicht die Selbstorganisation des Tanzes ums goldene Kalb angesichts eines bereits erfundenen, wenn auch nicht näher bestimmbaren Gottes, wobei man der verlorengegangenen Tradition nachtrauert und sich durch eben solche Trauer in Abhängigkeit von der Tradition begibt, so daß sich nicht entscheiden läßt und auch nicht entschieden werden muß, ob es einen Mittelpunkt gibt oder nicht?"
(so ähnlich in: Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung)

Mittwoch, 28. September 2011

Was Facebook noch nicht wusste... -- Erinnerungs-Aktions-Kunst auf der LEUCHTE


(Selbstgemacht)
"Größere Verschiedenheiten im Ich verschiedener Menschen, als im Laufe der Jahre in einem Menschen eintreten, kann es kaum geben. Wenn ich mich heute meiner frühen Jugend erinnere, so müßte ich den Knaben (einzelne wenige Punkte abgerechnet) für einen Andern halten, wenn nicht die Kette der Erinnerungen vorläge. Schon manche Schrift, die ich selbst vor 20 Jahren verfaßt, macht mir einen höchst fremden Eindruck."

Ernst Mach, Analyse der Empfindungen


Wichtig sind immer Aktions-Künstler, die uns hochaktuell auf gesellschaftliche Zerwürfnisse mit ihrem messerscharfen Spürsinn, noch mehr aber dadurch hinweisen, dass sie ihr ganzes Leben ihrer Kunst verschreiben, sich auf Gedeih und Verderb an ihr Werk ausliefern. DIE NEONLEUCHTE lädt solche herausragenden Künstler ein, ihre Projekte einem feinsinnigen und anspruchsvollen Publikum im Schutze des Untergrunds zu präsentieren. Aus aktuellem Anlass heute Life-Streaming minus 1 von Daniel Umgang, der einen kleinen Ausschnitt seines Projekts freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. 

Der Künstler zum Werk:
"Mit Life-Streaming minus 1 wollte ich vor allem auf das Paradox moderner Social-Media-Plattformen hinweisen. Dieses Paradox besteht darin, dass, je mehr wir (freiwillig oder unfrewillig) Persönliches tatsächlich preisgeben, es desto mehr auch seinen spezifisch persönlichen Reiz verliert, der ja vor allem über die Struktur des (bewusst oder versehentlich) aufgedeckten oder noch nicht aufgedeckten Geheimnisses erzeugt wird. An die Stelle der vielen möglichen Geheimnisse tritt dann mehr und mehr die Transparenz des doch nur Allzu-Gewöhnlichen. Was wir von anderen erfahren überrascht selten, Nicht-Wissen ist hier tatsächlich die aufregendere Kategorie.
Indem ich nun aber altes, abgelegtes und schon abgelebtes Leben in den Offenheits-Strom einspeise, entsteht das Geheimnis wieder neu, ein Geheimnis, das in der biographischen Selbstentfremdung erst wieder erfahrbar wird. Alte Notizen lesend steht man auf einmal wieder vor der Frage: Was ist das nur für ein Kerl, der da so eigentümliche Dinge sagt?"              --           Daniel Umgang


"2.4.2006


Das ist alles (schon) mit Absicht so arrangiert, weil mehr haben wir (hier) eigentlich nicht zu tun."



"03.06.2006


Hinter dem gegenüberliegenden Fenster bemerke ich eine Frau, die mich ansieht; für sie bleibe ich sitzen, ernst, und denke nach. Als ich am Abend wieder sitze, sitzt auch sie -- sie war nur ein Filmplakat. Schaut mich wieder an, in gleicher Haltung lehnt sie am Fenster und ich bemerke, dass die Frau, die mir für ein paar Stunden Gewicht und Bedeutung gegeben hat, nur ein (die Figur auf einem) Filmplakat gewesen ist.  


Die Pointe als Gattungsmerkmal."

Samstag, 24. September 2011

"Leichtfüßig und formulierungsgeschickt über die Dinge gleiten" Luhmanns unbeachtete Skizze einer Theorie der "Intelligenz"


("Freischwebende Intelligenz", Quelle:www.iraff.ch)
Als gutgelaunte Pioniere der Systemtheorie scheuen wir keine Mühen, um auch wenig beachtete Theoriestücke des oerlinghausener Großmeisters der Beobachtung von staubigen Vorlesungsmitschnitten im Wortlaut abzutippen, um sie so (endlich) unters Volk zu bringen. Heute: Die Skizze einer Theorie des Mediums der modernen Intelligenz.

"Ich könnte mir vorstellen, (obwohl ich da also noch etwas zögere, das so wirklich zu sagen) dass es ein allgemeines Medium der modernen "Intelligenz" gibt, das genau darauf [auf die Beobachtung von Beobachtungen] bezogen ist. Sie finden in der parsonsschen Theorie in irgendeiner Ecke in irgendeinem dieser Kästchen das Medium "Intelligenz" -- und das ist nicht ausreichend ausgeführt. Aber man könnte sich vorstellen, dass wir, wenn wir unsere Gesellschaft (oder überhaupt irgendwelche Sachverhalte) relativ außerhalb der Funktionssysteme sehen, also zum Beispiel auch außerhalb des eigentlich wissenschaftlich zu verantwortenden Betriebs (der Forschung, des Testens von Hypothesen, des Datensammelns, undsoweiter) [...], wenn wir einen Schritt zurücktreten und die modernen "Intellektuellen" als Phänomen sehen, das darin nicht aufgeht, das also nicht nur bessere Forschungsresultate produziert, sondern generell über die Dinge redet -- Mannheims "freischwebende Intelligenz" zum Beispiel (das ist ja eine bloße Metapher natürlich). Dann könnte man sich vorstellen, dass dieses eine Generalisierung des Beobachtens zweiter Ordnung ist. Und dann könnte man sich auch erklären, wieso die Intellektuellen immer über andere Intellektuelle reden hauptsächlich. Also, wieso Habermas beschreibt, wie Derrida Nietzsche beschreibt, oder wie Hegel Kant beschreibt. Und andere wieder beschreiben, wie Habermas... Oder Parsons beschreibt Weber und die Parsonskritiker beschreiben, das Parsons Weber falsch beschrieben hat. Und das ganze läuft also auf der Ebene des Diskurses "Beschreiben von Beschreibungen", "Beobachten von Beobachtungen". Und in dieses Netzwerk, in dieses autopoietische Netzwerk der Intellektuellen kommen "Realitäten" nur "schockartig" rein.
[...]
Aber die Frage ist, ob dieses Medium "Intelligenz" eigentlich ohne eine realitätsbezogene Theorie der modernen Gesellschaft überhaupt etwas anderes kann als diesen Diskurs zweiter Ordnung führen und Schocks dann irgendwie mit dieser "Leichtigkeit", die Intellektuelle an sich haben, durch Umformulierungen oder Relativierungen oder durch neue "Ideen" [aufzufangen] (-- das "Sublime" ist jetzt zum Beispiel angeboten, nicht? Schlegel, August Wilhelm Schlegel, hat schon gesagt, das sei ein "vornehmes Abführmittel" -- und jetzt ist das im Moment "in", man kann das so sagen.) [...]
Aber auf dieser Ebene fehlt eigentlich ein Beitrag der Soziologie, wo man einerseits diese Beobachtungsfigur reflektieren -- also, über das Medium "Intelligenz" als Teil einer Theorie -- wirklich handeln könnte und andererseits die Problematik einer solchen Abhebung von Realitäten und die Auffangvorrichtungen selbst noch einmal beschreiben könnte." 

(Luhmann, Theorie der Gesellschaft (Autobahnuniversität, MC 7b))

Donnerstag, 22. September 2011

Früher, als die Städte wenigstens noch den Anstand hatten, sich zu schämen..


Hört ihr die Zeit? Wie sie über meine Dächer schreitet? Unaufhaltsam, immer weiter? - Die Stadt
"Unsere Städte und unsere Wohnungen sind Produkte der Phantasie wie der Phantasielosigkeit, der Großzügigkeit wie des engen Eigensinns. Da sie aber aus harter Materie bestehen, wirken sie auch wie Prägestöcke; wir müssen uns ihnen anpassen. Und das ändert zum Teil unser Verhalten, unser Wesen. Es geht um einen im Wortsinn fatalen, einen schicksalsbildenden Zirkel: Menschen schaffen sich in den Städten einen Lebensraum, aber auch ein Ausdrucksfeld mit Tausenden von Facetten, doch rückläufig schafft diese Stadtgestalt am sozialen Charakter der Bewohner mit.
 (Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte, 1965)

Freitag, 16. September 2011

Engagierte Literatur


Als nachträgliche Handreichung zur Klima-Debatte. Schnell weg von den Spekulationsobjekten! Und wieder ein Beweis für den hintergründigen Tiefsinn von YouTube-Kommentatoren:

"find die anlage kindisch Günterkirsch!"
schigit23 vor 1 Jahr

Sonntag, 11. September 2011

Eschatologische Meditationen - Sichtbare Not, unsichtbare Not, pro-vozierende Not

powered by Fotopedia

Als kleine Klimatisierungshilfe zur ideellen Selbsteinrichtung des eigenen Lebens für eher nihilistisch affizierte Gemüter: drei in Verschiedenheit geeinte Konfrontationsperspektiven zur Beschreibung einer Welt, in der doch offensichtlich irgendwas fehlt. Hier in den Geschmackrichtungen: Ärgerlich, Fatalistisch und Nach vorne provoziert [jeweils nicht als ontologische Kennzeichnungen misszuverstehen].

Eine sich selbst mahlende Mühle (ärgerlich)

"Das Resultat der modernen Denkungsart nannte man Philosophie und rechnete alles dazu was dem Alten entgegen war, vorzüglich also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählig in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr -- der Religions-Haß, dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Noth oben an, und machte die unendliche sphärische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein ächtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sey."  
(Novalis, Die Christenheit oder Europa)

(BhlogistonCC BY-ND 2.0)
Irgendwer noch eine Unterkunft fürs Seyn!? (fatalistisch)

 
Doch die als Herrschaft der Metaphysik sich einrichtende Notlosigkeit bringt das Sein selbst in das Äußerste seiner Not. Diese bleibt nicht nur das Nötigende im Sinne des nicht ablassenden Anspruchs, der die Unterkunft beansprucht, indem er sie als die Unverborgenheit der Ankunft braucht, d. h. als die Wahrheit des Seins wesen läßt. Das Unablässige seines Brauchens fährt im Ausbleiben seiner Unverborgenheit so weit aus, daß die Unterkunft des Seins, d. h. das Wesen des Menschen, ausgelassen, der Mensch mit der Vernichtung seines Wesens bedroht und das Sein selbst im Brauchen seiner Unterkunft gefährdet wird. So weit in das Ausbleiben ausfahrend, begabt sich das Sein mit der Gefahr, daß die Not, als welche es nötigend west, für den Menschen geschichtlich nie die Not wird, die sie ist. Im Äußersten wird die Not des Seins zur Not der Notlosigkeit. Die Vorherrschaft der als solche verhüllt bleibenden Notlosigkeit des Seins, das in seiner Wahrheit die zwiefach nötigende Not des unablässigen Brauchens der Unterkunft bleibt, ist nichts anderes als die unbedingte Vormacht des vollständig entfalteten Unwesens im Wesen des Nihilismus. 
(Heidegger,  Die seinsgeschichtliche Bestimmung des Nihilismus)

Ein riesiger Behälter voll Zukunft ("...oder wenigstens noch eine schöne Unterkunft für uns!?") (nach vorne provoziert)

"Der bewusste Mensch ist das am schwersten zu sättigende Tier; er ist -- in der Befriedigung seiner Wünsche -- das Umwege machende Tier. Fehlt ihm das zum Leben Notwendige, so spürt er den Mangel wie kaum ein anderes Wesen: Hungervisionen tauchen auf. Hat er das Notwendige, so tauchen mit dem Genuß neue Begierden auf, die anders doch nicht weniger quälen als vorher nackter Mangel. Die Reichen und Übersättigten (doch nicht nur sie) leiden gegebenenfalls am sonderbaren Kitzel des Ichweißnichtwas; der Luxus vor allem ist ein unersättlicher Treiber. Xerxes setzte einen Preis auf die Erfindung eines neuen Vergnügens, da war nicht nur Langeweile im Spiel, sondern ein unbekannter Trieb [...], der ebenfalls gestillt sein wollte. [...] Der Mensch fühlt sich in solchen Zeiten deutlich als nicht festgestelltes Wesen, als eines, das zusammen mit seiner Umwelt eine Aufgabe ist und ein riesiger Behälter voll Zukunft.
(Bloch, Das Prinzip Hoffnung)