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Freitag, 16. Januar 2015

Das Gehäuse als Widerstand der Natur gegen ihre totale Technisierung.
Das Verschwinden des Technischen als Fluchtpunkt der Technik

Es gibt Autoren, die in Anlehnung an die Idee der Aufklärung von einer Geschichte der immer weiter fortschreitenden "Explikation" sprechen (Sloterdijk). Die Geschichte sei also mitunter aufzufassen als eine schrittweise Explikation alles zunächst und zumeist Impliziten, unverstanden Vorausgesetzten, Selbstverständlichen. Und so endet folgerichtig eine als Explikationsgeschichte vorgestellte Geschichte am idealen Endpunkt einer vollumfänglich entkleideten, geheimnisslosen Welt, die keine Fragen mehr offen lässt. Die Natur mag es zwar lieben, sich zu verbergen, die Geschwindigkeit ihrer sich selbst verbergenden Einwicklung (Implikation, Einfaltung) wird aber auf Dauer mit der Geschwindigkeit ihrer Auswicklung, ihrer theoretischen Entfaltung nicht schritthalten. Fluchtpunkt Geheimnislosigkeit - man könnte eine solche Entwicklung wirklich irgendwie romantisch bedauern, sofern sie denn zutreffen würde.

Heute wird gegenüber solchen Träumereien deutlicher, dass das Phantasma finaler Naturtransparenz für Menschenwesen (zum Glück, wie auch immer) wohl ein solches bleiben wird. Natürlich, es mag möglicherweise irgendwann Maschinen geben, die unsere avanciertesten physikalischen Theorien autonom so weit weiterzuentwickeln imstande sind, dass sie alle Weltprozesse (einschließlich ihrer selbst natürlich) generell restlos (trotz scheinbar drohender Mengenparadoxien) zu beschreiben vermögen. Allein, wie sollte es Menschen möglich sein, eine solche Theorie noch zu begreifen? Sie stünde höchstwahrscheinlich einfach so - unverstanden und richtig - alleine vor sich herum; und wäre somit eigentlich eine recht wunderbare Angelegenheit, sofern sie ihre Geltung nicht länger vor dem unzuverlässigen Gericht der Menschenvernunft zu verantworten hätte. Sie wäre einfach da, für niemand bestimmten einzig und allein korrekt.

Selbst, wenn dies aber unmöglich sein sollte, so ist doch immerhin klar, dass zumindest unser alltäglicher Umgang mit der Welt notwendig und immer auf einem Verzicht auf relativ große Pensen an explizitem Wissen beruht. Ein grundsätzliches Vertrauen auf das sich uns aus bisherigen Erfahrungen nehelegende "und so weiter" (Schütz) ist unverzichtbar, sofern man nicht in den praktischen Abgrund der skeptischen Kontinuitätsbezweiflung fallen will. Heidegger spricht diesbezüglich sogar davon, dass wir die Gegenstände unseres alltäglichen Umgangs gerade dadurch in ihrem Sinn verstehen, dass wir es "dabei bewenden lassen", womit es mit diesen Gegenständen jeweils "sein Bewenden" hat: deren "Bewandtnis". Sinnhafter Umgang mit der Welt beruht also gerade auf einem Verzicht auf deren erklärendes Verstehen, beruht gerade darauf, es bis auf weiteres mal gut sein zu lassen. (Geht schon. Funktioniert ja. Isso.) Und selbst wenn die Einzelne im Einzelnen weiß, wie ein Computer funktioniert, muss sie dieses Wissen überhaupt nicht beanspruchen, um ihn zu gebrauchen. Man muss aber auch nicht wissen, wie eine Orange im Zusammenspiel mit unserer Verdauung das macht, dass sie uns wertvolle Nährstoffe zuführt, um eine Orange zu essen. (Funktioniert einfach. Geht schon.) Das Auseinandertreten von "Sachverstand" und "Sachbeherrschung" (Blumenberg), das manche Autoren bezüglich der Fortschritte der Technik kritisch in den Blick gehoben haben, zeichnet also ganz allgemein unseren Zugang zur Welt aus. Ob man nicht weiß, wie das Wachstum eines Baumes oder wie der Motor eines Autos funktioniert, macht dabei keinen grundsätzlichen, allenfalls einen graduellen Unterschied.


Einen signifkanten Unterschied macht allerdings die Richtung, in die der technische Fortschritt selbst voranschreitet: Die Geschichte des technischen Fortschritts lässt sich gegenüber einer möglichen Explikationsgeschichte gerade beschreiben als eine Geschichte fortschreitender Implikationen. Eine Geschichte schrittweiser Einfaltungen also, in denen zunächst Explizites, Auffälliges schrittweise invisibilisiert, impliziert wird. So zeichnete sich die alte Technik stets dadurch aus, dass sie auffiel, schwer fiel, irgendwo immer irgendwie im Weg stand. Riesige Kisten und Gehäuse, der erste Fernseher, der erste PC, das erste schnurlose Telefon. Die alte Technike lieferte neue Möglichkeit, aber sie brauchte für deren Realisierung stets jede Menge Platz, der nicht einfach unsichtbar gemacht werden konnte, und der deshalb (aus Gründen der visuellen und habtischen Hygiene) in und hinter Gehäusen verborgen werden musste. 

Das Gehäuse bezeichnet also immer die Verkleidung desjenigen Rests der Technik, der noch nicht restlos impliziert werden konnte. Die Verkleidung desjenigen Rests, der nicht selbst nochmal zu etwas zu gebrauchen ist, sofern ja gerade er es ist, der die technische Funktion ermöglicht. Und so markiert das Gehäuse eigentlich den verbleibenden Widerstand der Natur gegen ihre restlose Technisierung, es verkleidet denjenigen Umstand, den die nicht vollständig abgeschlossene Technisierung darstellt: Das Gehäuse ist eigentlich die Umstandskleidung der Technik.

Worauf die heutige Entwicklung der Technik also auf einer sehr allgemeinen Ebene abzielt, ist recht einfach zu sehen. Der Fluchtpunkt der Entwicklung der Technik ist das Verschwinden der Sichtbarkeit des Technischen der Technik selbst, deren totale Implikation. Was am Ende einer solchen Entwicklung übrigbliebe wäre die reine Funktionalität - ohne verbleibende sichtbaren Restbereich ihrer Realisierung, ohne etwas, das noch aus Verlegenheit eingekleidet und umhüllt werden müsste. Die endgültige Abschaffung des technischen Inneren also, die letztlich auf reine Funktion, reine Oberflächlichkeit zuläuft. Und so sind die Oberflächen mit Funktion der eigentliche Fluchtpunkt der Entwicklung der Technik. Und nur da, wo wirklich noch etwas physisch aufbewahrt werden muss, werden Hohlkörper bleiben: Flaschen, Gläser, Schalen, Hüllen, Kisten.

Während die Möbel durch die natürliche Raumforderung ihrer Funktionen im Wesentlichen bleiben werden, was sie sind, wird das Technische der Technik verschwinden, bis es gänzlich implizit geworden ist.

Freitag, 2. November 2012

Trolling als negative Pädagogik


Ein mitunter lachender Vorträger palaviert irritierbar über Trolling. Die Folien zum Vortrag gibt´s hier.


Dienstag, 23. Oktober 2012

Kritisieren heißt Filtrieren

"Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!" - Nietzsche
Die Vorstellung einer geteilten Öffentlichkeit

"Das Interessante durchlassen" (DyeHard; CC BY-NC-SA)
Kritik macht nur da Sinn, wo Kritisierte auf sie zu reagieren genötigt sind. Ist Ausweichen nicht möglich, erscheint das Nichteingehen auf Kritik gleichbedeutend mit ihrer Anerkennung ("Da fällt Dir wohl nichts mehr zu ein."). Zwei Argumentationskontrahenten stehen (meistens sitzen sie) einander gegenüber, tauschen Argumente aus, die jeweils zum Respondieren nötigen, den ein oder anderen möglicherweise sogar durch zwanglosen Zwang vom Besseren überzeugen. Ein nicht-entkräftigtes Argument zählt hier, wo dem Kritisierten kein rhetorisches Diffusionsgeschick zur Verfügung steht, als Entwertung seiner Position: gewonnen hat der, dessen Argumente am Ende am wenigstens durch Kritisierbarkeit enttäuschten.

Die Logik solcher Situationen lebt von der Vorstellung einer geteilten öffentlichen Bühne, eines aufmerksamen Publikums, das über das Agonalitätsgeschehen wacht, Argumente gewichtet und zählt, um am Ende Gewinner und Verlierer zu bestimmen. Goethe und Schiller imaginierten sich als Künstler offenbar noch eine solche "geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur" (Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma), einen Ort allgemeiner Öffentlichkeit: 
„Nach dem tollen Wagestück mit den Xenien müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische Natur, zur Beschämung aller Gegner, in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln“
(Goethe an Schiller, 1796)
„Wenn mir die Götter günstig sind, das auszuführen; was ich im Kopf habe, so soll es ein mächtiges Ding werden, und die Bühnen von Deutschland erschüttern“
(Schiller, 1803) 
Aufmerksamkeitsökonomie

Die Unwahrscheinlichkeit solch allgemeiner Beschäm- oder Erschüttrungen ist heute offensichtlich: es gibt keinen so deutlich geteilten Raum öffentlicher Aufmerksamkeit mehr, der Sieg oder Niederlage eines Einzelnen noch für alle sicht- und markierbar machen könnte (vielleicht lässt sich mit diesem Umstand auch das erstaunliche Interesse an der öffentlichen Aufdeckung von Verfehlungen von Politikern erklären, sofern hier noch ein Sphäre notwendig geteilter Öffentlichkeit suggeriert werden kann). 
Das Überangebot an content macht vor allem die Aufmerksamkeit zu einem knappen Gut und zerstreut sie zugleich in verschiedene, sich teils überlappende, teils einander ausschließende Aufmerksamkeitskulturen (nach geteilten Grundüberzeugungen sortierte "Schulen" der Theorie etwa, musikalische Genres, politische Orientierungen, etc.). Stets muss man -- sofern man sich das Wählen und Filtrieren nicht durch prominente Adressen und Content-Aggregatoren abnehmen lässt -- auswählen, mit was man sich beschäftigen will, und weiß dabei zugleich nicht, was genau man dabei eigentlich ausgeschlossen hat, ob es nicht auch sehr viel Interessanteres gegeben hätte, von dem man nur noch nichts weiß. 
  
Funktionen von Kritik: Richtigstellung vs. Lenkung von Aufmerksamkeit

Welche funktionale Rolle sollte Kritik in einem solchen postagonalen (weil ohnehin überfüllten) Aufmerksamkeitsregime eigentlich noch erfüllen? Natürlich, Benutzer wollen sich nach für unermunternde Zeitvergeudung verschenkten Minuten gelegentlich Luft machen und nutzen dazu etwas, was sie selbst wohl als Kritik beschreiben würden. Aber das sind dann meist persönliche Annotationen, denen im Normalfall noch weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als dem annotierten Pimärcontent, und die -- wo sie nicht auf Verständigung hoffen -- unbeantwortet für sich stehen bleiben. Auf Richtigstellung abzielende Kritik kann nur da erfolgreich operieren, wo Bereitschaft zur Verständigung und eine geteilte Gesprächsgrundlage vorausgesetzt werden können. Man sollte zudem bedenken, dass das Kritisieren von Inhalten meist einfacher ist als deren Produktion. Gestalterische Vorschläge sind leicht auf Schwachstellen hin abklopfbar, unbegründete Prämissen finden sich in jeder Argumentation (weil die sonst zum Argumentieren gar nicht mehr käme) -- das kann man jeweils effektvoll nachweisen. Aber für wen sollte man das tun, wenn die Wahrscheinlichkeit, das oft virtuelle Gegenüber mit Kritik zu erreichen (d.h. zu Reaktion und Einlenkung zu nötigen) denkbar gering ist? Und wieso sollte man denn seine Aufmerksamkeit gerade für Kritik aufwenden, wenn man sich ja ebensogut auch mit Angenehmerem beschäftigen kann?

Filtrierende Kritik

Die Funktion von Kritik scheint heute -- wo man nicht selbst versucht, Inhalte zu liefern -- vor allem darin zu bestehen, das Interessante und Anknüpfenswerte vom Uninteressanten und wenig Erfolgsversprechenden zu unterscheiden ("krinein"). Das Überangebot an Inhalt und die Knappheit von Aufmerksamkeit (und Zeit) geben der Funktion des Unterscheidens und Filtrierens eine bisher vielleicht kaum angemessen abgemessene Relevanz. Es kann heute schon ausreichen, sich ohne alle eigenständige Produktion als Kollektor und Aggregator von Interessantem zu etablieren, um eine wichtige kritische Rolle innerhalb eines Überflusses der Inhalte zu erfüllen. Das Auswählen wird dabei selbst zu einem kreativen und produktiven Vorgang, der seinerseits, wo er mit Sorgfalt betrieben wird, mit hohem Aufwand verbunden ist. Kritik als begründete (oder Begründetheit zumindest suggerierende) Negation und Polemik scheint dagegen weitestgehend ihre kritische Relevanz verloren zu haben, sie erfüllt innerhalb eines Überangebots von "Primärquellen" nicht mehr den Zweck, den sie vielleicht teils selbst noch zu verfolgen glaubt. Filtrierende Kritik zu betreiben kann ihr gegenüber heute heißen: Für Interessantes Werbung zu machen. Das Weiterempfehlen vom Lesens- und Sehenswertem erfüllt die funktionale Rolle dessen, was sonst Kritik heißt, während das gewöhnlich als "kritikwürdig" eingestufte schlicht nicht weiterempfohlen wird. Wieso sollte man es denn noch kritisieren, wenn das immer auch heißt: ihm in einem Überangebot interessanterer Alternativen über Gebühr Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen? 
Insofern stellen Twitter und ähnliche Social Media Anwendungen, wo sie sich nicht um Skandalisierbares herum verklumpen, ihren eigenen Möglichkeiten nach hochkritische Medien dar. Sie ermöglichen eine Form filtrierendert Kritik, die Interessantes verbreitet und Uninteressantes einfach unerwähnt lässt. Was dabei jeweils als interessant erscheint, entscheiden die Kritiker als Filtratoren von ihnen ihrerseits offerierten und vorfiltrierten Faszinationsangeboten. Das mag dem Kritiker vielleicht nicht schmecken; was aber nicht jeden unbedingt interessieren muss. 

[Re-Entry vom 14.04.12]

Mittwoch, 29. August 2012

Technik als praktische Naturkritik


Gesellschaftskritik
ist heute immer und überall zu haben. Jeder kann heute überall (wirklich?) Gesellschaftskritik immer kostenneutral und gewinnversprechend üben. Gesellschaftkritik heißt dabei oft: 
1. Verantwortliche identifizieren. 2. Handlungsalternativen als (problem-)relevant, dann als durchführbar und schließlich auch noch als mindestens höchstwahrscheinlich erfolgreich markieren. 3. Selbstentantwortung mangels eigener problem-relevanter Handlungsalternativen ("Wir können eh nix machen.").
Ganz anders steht es scheinbar mit Naturkritik: "Eine [...] "Naturkritik" im physikalischen, chemischen oder biologischen Sinne wäre höchstens als Witz vorstellbar." (Peter V. Zima) Natur ist halt so da. Irgendwie vorausgesetzt kam sie uns immer zuvor: Bedingung der Möglichkeit menschlicher Existenz. Sie zu kritisieren müsste ja heißen: Kritik üben, wo keiner (oder nur höchstens ein Allerhöchster) da ist, der als Zurechnungsadresse für Verantwortung (und eigene Selbstentantwortung) in Betracht käme: Die Bedingungen der Möglichkeit von Kritik sollte man nicht kritisieren.

("Und nochmal" - Franz von Stuck)
Tatsächlich findet Naturkritik praktisch immer und überall schon statt. Sofern die Natur (verstanden hier als Situation und nicht als lebenstragende Ressource) vor allem auch dadurch auffällt, dass nicht alles von sich aus schon so ist, wie es sein soll. Eigenes Eingreifen bleibt immer nötig: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, also muss man immerhin noch hinlaufen, um ihn aufzuheben. So, wie alles ist, ist es (ohne Eingreifen) also noch nicht gut: etwas muss getan werden. Dieses Tun ist damit immer praktische Kritik am status quo. (So wird auch das Eintippen eines Wortes in die Tastatur zur praktischen Kritik an einer Situation, in der das Wort noch nicht auf dem Bildschirm steht.) Die Natur steht immer irgendwie in sich selbst (uns) auch im Weg (aber im Weg zu was eigentlich?).
Jener Widerstand muß allmählich schwächer, und endlich erschöpft werden [...]; jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden. Die Natur muß allmählich in die Lage eintreten, daß sich auf ihren gleichmäßigen Schritt sicher rechnen und zählen lasse und daß ihre Kraft unverrückt ein bestimmtes Verhältnis mit der Macht halte, die bestimmt ist, sie zu beherrschen, - mit der menschlichen.
(Fichte, Bestimmung des Menschen)
Es sind also weitere Schritte nötig, Schritte, durch die die Situationen zu einer Situation wird, in der dann wieder weitere Schritte nötig werden: Handeln. Und Handeln ist, physikalisch betrachtet, immer Arbeit:
Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber.
(Marx, Kapital)
Damit wird Arbeit zur praktischen Selbstkritik der Natur. Diese Kritik bleibt immer nötig, sofern überhaupt noch etwas nötig ist. Ihre greifbare Gestalt findet sie in der Technik. Die Aufgabe der Technik besteht in der Abkürzung der immer nötigen (Um)Wege. Die optimistisch betrachtete Entwicklung der Technik ist sukzessive Ent-arbeitung der Arbeit durch Einbau der zu bewältigenden Arbeit in die Natur selbst. Die natura naturata wird in der selbstständigen Technik Beihilfe zur Bewältigung (und im angestrebten Idealfall möglicherweise sogar: Ersetzung) der nötigen Arbeit, Beihilfe zur Entnötigung der Welt. Die Naturkritik wäre da beendet, wo keine Arbeit mehr von der "Naturmacht" Mensch geleistet werden müsste. Ihre Richtung erhält sie vom imaginären Gebot der Notlosigkeit, dem Gebot zur globalen Entwiderständigung der Natur.

Technik ist damit also nicht nur Erweiterung der eigenen Handlungsreichweiten, sie ist auch greifbares Zeichen des Nicht-einverstanden-Seins mit der Natur, wie sie von sich aus war: Natura naturans als natura naturata (und umgekehrt). 

Wäre nur die Frage, wie ein Zustand vorzustellen wäre, in dem das imaginierte Ziel der Entwiderständigung wirklich erreicht ist.

Donnerstag, 10. Mai 2012

020120303 typing arches


Neue Adressierung des Selbst: Zerstreuung.


egoistorms:
My task which I am trying to achieve is, by the power of the google youtubes, to make you hear, to make you feel — it is, before all, to make you see.
"In such things --which it is the historian's business not to praise or to blame but to consider morphologically-- there lies, plain and immediate enough for one who has learnt to see, an idea."

Donnerstag, 3. Mai 2012

Beschleunigung -- "entweder" und "oder", oder aber "auch".

("Die Maschine läuft auf Hochturing"; Lizenz: CC BY-SA 3.0)
So oder so muss man sich entscheiden. Mit irgendwas anfangen, damit irgendwas anderes ausgeschlossen wird. Schneller als erwartet akkumuliert sich Geschichte, macht das System träge, erzeugt Ruckel-Effekte, verhindert im Einzelfall Akzeleration, lässt das System hinter andere (aber welche?) zurückfallen und sich demotiviert in Trägheit einrichten. Die erste Initiative lässt nächste Schritte folgen, auf die Erwartungen Anderer folgen, die sich wechselseitig zu einem limitierend-limitierten Spielraum von Systemmöglichkeit verdichten: Sind ihm Witze erlaubt? Darf es in seinen Kontexten beleidigt sein? Lässt man ihm Unhöflichkeit durchgehen? 
Es ist die Bewältigung dieser Kontingenz, die das System in die Richtung von Individualität spezifiziert. Wenn das System sich konform einstellt, gewinnt es Individualität, weil es nicht abweicht. Wenn es abweicht, gewinnt es Individualität, weil es sich nicht konform verhält. Beide Haltungen können sich bewähren und durch positiven feedback verstärkt werden. Wie typisch für Bifurkationen, kann das zur Akkumulation einer Geschichte führen, die sich entweder auf der Bahn der Konformität oder auf der Bahn der Abweichung akkumuliert und mit der Last ihrer Bewährungen radikale Änderungen erschwert. Die Option für die eine oder andere Seite kann nach Sachgebieten des Erwartens differenziert werden, etwa nach dem Muster: beruflich erfolgreich, aber drogenabhängig; in der Schule ein völliger Versager, aber im Leben bewährt; ein glänzender Verführer und Liebhaber, aber hin und wieder im Gefängnis; oder zwar ehrlich, aber doof. 
(Luhmann, Die Autopoiesis des Bewusstseins)
Die Lore läuft -- während das System sich ins Netz dessen verstrickt, was es schon getan hat, das andere so oder ähnlich auch wieder von ihm erwarten. Ein "sich selbst limitierender Kontext" (Soziale Systeme), der ohne kompletten Milieu-Wechsel durch Umzüge oder Urlaube nur unter großem Kraftaufwand aus den routinisierten Erwartungs-Erwartungen ausbrechen kann.
Nicht zufällig haben schon frühe Soziologen beobachten können, daß der unvertraute Fremde mehr Freiheit genießt und unbefangener agieren kann. Wer länger am Platze ist, schon bekannt ist, vertraut hat und Vertrauen genießt, ist eben dadurch mit seiner Selbstdarstellung in ein durch ihn miterzeugtes Gewebe von Normen verstrickt, aus dem er sich nicht zurückziehen kann, ohne Teile seines Selbst zurückzulassen -- es sei denn, daß er ganz von der Szene verschwindet und nur die Illusion hinterläßt, daß er anderswo derselbe bleibt. 
(Luhmann, Vertrauen)
Die Frage ist dann, wie und ob oder überhaupt nicht sich das System zum unerwarteten System verdichten, beschleunigen oder flexibilisieren lässt, ohne sich dabei einfach aufzulösen. Nicht nur Chaos muss man noch in sich haben:
Man muß genügend Organismus bewahren, damit er sich bei jeder Morgendämmerung neugestalten kann; und man braucht kleine Vorräte an Signifikanz und Interpretation, man muß auf sie aufpassen, auch um sie ihrem eigenen System entgegenzusetzen, wenn die Umstände es verlangen, wenn Dinge, Personen, oder sogar Situationen euch dazu zwingen; man braucht kleine Rationen von Subjektivität, man muß so viel davon aufheben, daß man auf die herrschende Realität antworten kann.
(Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus)
Das System kann Erwartungen zu unterwandern versuchen, sich auf einmal anders verhalten, den Überraschenden, Spontanen geben, muss dann aber aufpassen, nicht wieder einfach als "Erwartungen unterwandernd" erwartet zu werden:
Und da Provokation sich nicht wiederholen läßt, muß man immer neue Provokationen ersinnen, bis ein Zustand der Gewöhnung eintritt mit der Folge, daß die Gesellschaft sich durch Provokationen nicht mehr provozieren läßt.

Montag, 30. April 2012

The Consciense of Hackers (Anno 1997)

A "hacker" is a technologist with a love for computing and a "hack" is a clever technical solution arrived through a non-obvious means. (Gabriella Coleman)
Danke ans Schlachthaus für diesen schönen Fund:


Anstelle eines Kommentars lieber Weiterführendes zum Motiv des Hacking (alle im- und expliziten Piratenanalogisierungen bleiben dem interessierten Zuseher überlassen):

The Anthropology of Hackers (Coleman)
Lifehacking. Medien und Selbsttechnologien (Waitz)
The Conscience of a Hacker [1986] (The Mentor)
Cultural Hacking Blog
Hacking als soziale Form (Autopoiet)
Eintrag zu "hack" im Jargon File

Dienstag, 17. April 2012

Zerstreuung und Konzentration -- Skizzen zur Wiederbeschwerung der Welt


(Foto: dreamfire; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)
Das Internet ist seiner inneren Struktur nach eine wenig widerstandsfreundliche Zone. Allzu Wirres oder Uneingängiges versperrt sich schnell den Weg zur Aufmerksamkeit seiner potentiellen Empfänger, macht ihnen zumindest den Zugang schwer und lässt sie bald die Lust verlieren. Das Surfen [sofern man das heute überhaupt noch sagt] ist eine flüchtige Angelegenheit, "ein ungleich nervöserer, zielorientierterer, aber auch nüchternerer Akt als bloße Unterhaltung" (Jens-Christian Rabe, in: Hipster. Eine transatlantische Diskussion), es sucht nach Faszination, nicht nach mühsamer Einarbeitung und erschwertem Zugang, es weicht aus, wo Dinge zu langweilig zu werden drohen:
Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so läßt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg [...].
(Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Es könnte aber doch sein, dass das Zulassen und Verarbeiten von Widerständen und Irritationen (und wieso nicht auch: Irritationen durch Verlangsamung und Nicht-Verstehen) die Aufmerksamkeit für Alternativen und blinde Flecken, den eigenen Möglichkeitssinn erst kultiviert. --
Die ideale Maschine wäre eine [so liest man gelegentlich], die in der Realisierung ihrer Effekte gar nicht mehr als Maschine auffällig werden würde, ein Apparat ohne Widerstand oder auch ein Effekt-Knopf ohne Apparat, der die gewünschten Resultate ohne sichtbare Zwischenschritte und ohne irgendwelche zusätzlichen Eingabeerfordernisse schon verwirklichen würde (vielleicht eine Art universaler virtueller Fernbedienung). Man kann sich fragen, ob der Grenzfall dieses Ideals (die unmittelbare und ruckelfreie Erfüllbarkeit aller willkürlichen Intentionen) nicht einer Abschaffung aller Widerstände, Widrigkeiten und Irritationen gleichkommen müsste, einer Abschaffung, die an die Stelle von Irritation, Anstrengung und geduldiger Einarbeitung das semi-benommene und immer affirmationsbereite Hindurchfließen durch Ströme angenehmer Affiziertheit setzt:    
Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita contemplativa mit sich bringen. [...] Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht [...].
(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Eine provisorische Ablehnung alles allzu Befremdlichen, die nur noch die Affirmation dessen kennt, an das man sich ohnehin bereits gewöhnt hat, muss auf Dauer in aktive Selbstabschottung, einen Zirkel der Selbstisolation gegen alles Fremde münden, in den nur hineingerät, was den Test auf Ähnlichkeit vorher immer schon bestanden hat [Angst vor dem Algorithmus]. Man ist dann eigentlich nicht länger mit irgendeiner Sache als einem "aufsässigem" Gegenüber (Heidegger) konfrontiert, sondern befindet sich stattdessen in einem Zustand absoluter Defrontation (Ent-wider-ständiung), sich in einem gleichförmigen Strom der Similaritäten bewegend, der vielleicht noch seichte Variationen, aber keine Brüche kennt.
Man erwartet von der Philosophie eine Förderung und gar Beschleunigung des praktisch-technischen Kulturbetriebes im Sinne einer Erleichterung. Aber - die Philosophie macht ihrem Wesen nach die Dinge nie leichter, sondern nur schwerer. Und das nicht beiläufig, weil die Art ihrer Mitteilung dem Alltagsverstand befremdlich oder gar verrückt vorkommt. Erschwerung des geschichtlichen Da-seins und damit im Grunde des Seins schlechthin ist vielmehr der echte Leistungssinn der Philosophie. Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).
(Heidegger, Einführung in die Metaphysik)
Andererseits ist fraglich, ob ein einseitiges Votum für bewusste Selbstwiederbelastung und Arbeit nicht einem überkommenen Leistungsideal (dem "Decorum des alteuropäischen Heroismus"; Sloterdijk, Sphären III) verpflichtet bleibt, dass die Vorstellung einer widerstandlosen Produktivität ("organloser Körer", Deleuze/Guattari) gar nicht kennt, das sich nicht vorstellen kann, dass Faszinierbarkeit und Engagement auch eine nicht-destruktive faszinativ-fließende Liaison eingehen könnten:
Diese Protagonisten des Realismus in der entzauberten Welt [Heidegger, Gehlen, Schmitt] besaßen ein geschärftes Bewußtsein davon, daß unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit die Zerstreuung gegenüber der Konzentration das umfangreichere Phänomen ist. [...] Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
(Sloterdijk, Sphären III, Leichtsinn und Langeweile)
[RP vom 8.02.12]

Freitag, 23. März 2012

Surflehrer Niklas empfiehlt: Einfach "sitzen und sich eine Bahn machen"


"Luhmann" kommuniziert mit "uns" und sucht noch (immer) nach einer Antwort auf die Frage, ob im Internet -- oder zumindest entsprechend strukturierten Hypertextsystemen -- "Kommunikation" (als Einheit von Mitteilung, Information und Verstehen) überhaupt stattfindet. Und wenn nicht, haben wir es dann in so strukturierten Netzen überhaupt noch mit sozialen Systemen zu tun?
Mein schöner neuer Hypertext
("So bauen Spinnen ihre Netze unter Drogeneinfluss")
"Dass Aristoteles mit mir kommuniziert" ist eine Vorstellung, die also gleichsam schreibtischspezifisch ist und nicht unbedingt in die Alltagssprache übernommen werden kann. [...] Eine letzte und ganz offene Frage, auf die ich überhaupt keine Antwort weiß, ist, ob wir mit Kommunikation auch noch dann rechnen, wenn auf Serialität verzichtet wird. Wenn man also Computerinformationssysteme hat, wo man sich fallweise etwas heraussucht, was man selbst dann neu kombiniert, wo gar nicht ein Satz auf den anderen folgt, sondern eine Information da ist und dann ein Spektrum von Verweisungen auf andere Informationen gegeben ist und man sitzt und macht sich eine Bahn und ruft auf den Bildschirm, was man dazu braucht, ohne eigentlich zwischen Information und Mitteilung unterscheiden zu können. Man ist wieder Beobachter erster Ordnung, man drückt auf bestimmte Knöpfe und dann kommt ein bestimmter Text zum Lesen und dann muss man irgendwie da was draus machen, gibt das vielleicht in den Apparat zurück, ohne dass bei diesen modernen -- wie heißen die? -- "Hypertextsystemen" mit Eigennamen markiert wird. Und es entwickelt sich eine Masse von Anregungen mit riesiger verdeckter Absorption von Unsicherheit und ebenso riesiger Erzeugung von Unsicherheit in der Auswahl und -- wer kommuniziert jetzt mit wem?  
(Luhmann, Theorie der Gesellschaft (Autobahnuniversität, MC 13b))
[Re-entry 12.10.11]

Donnerstag, 22. März 2012

Adult Swiw´s Double Shohs: ¯\_(ツ)_/¯

"Um sich auf Nonsense einzulassen, muß man bereits fähig sein, über das Lernen zu lernen; Nonsense fordert nicht nur diese Fähigkeit heraus, er ist selbst als eine Erkundung von Parametern von Lern-Kontexten anzusehen [...] Nonsense ist nicht einfach ein sicherer Ort, an dem eine Antwort auf die Welt des common sense artikuliert werden kann, wie es in einfachen Umkehrungen der Fall ist. Er ist auch ein Feld, in dem die interpretativen Verfahren kritisiert werden können, die zur Herstellung dieser Welt benutzt werden, und ebenso -- mit wachsendem Bewusstsein seiner selbst -- eine Kritik der interpretativen Verfahren, mittels deren er selbst entsteht." 
(Stewart, Nonsense)

[Re-entry vom 31.08.11]

Sonntag, 26. Februar 2012

Strategien der Selbstverknotung - Nach Luhmann über Theorie theoretisieren


(Der Urknoten in der Theorie)
Über "Selbstverknotung" (die Thematisierung und Infragestellung der Grundlagen der eigenen Theorie in dieser Theorie selbst) reflektiert ein metaphernsicherer Jean Clam: 
Eine Theorie, die, wie Luhmann sagt, in sich selbst vorkommen kann und muss, bildet notwendig einen Letztknoten, der aus dem Kreis all der in jedem neumaligen Selbstvorkommnis entstehenden Nodositäten besteht ["Durch die Saugtätigkeit der Wurzelläuse krümmen sich die Enden der Faserwurzeln fast rechtwinklig ab und schwellen an (Nodosität)."]. Philosophie ist eine Art des Denkens, das eine solche Knotung im Grunde sucht und veranstaltet. Sie sammelt sich um diesen Grund und erhält daher eine involutive Gangart (Methodik), die ein theoretisches Ausufern in die Breite überflüssig macht. [...]  

Luhmann ignoriert die in der philosophischen Tradition ausgebildeten spezifischen Verfahren des Rückgangs auf die Letztknotungen der Bedingungen der Möglichkeit von Welt und Weltwahrnehmung sowie der auf sie gerichteten Besinnung selbst (d.h. der hierhin sich vollziehenden Philosophie selbst). Er ersetzt sie durch eigenentwickelte, der Protologik von Spencer Brown entliehene, ihre Selbstvorausgesetztheit ganz anders reflektierende Motive und Grundsätze, ohne eigens die Untauglichkeit der philosophischen Gegenstücke zu besprechen. Denn die Prämisse ist hier wiederum die angesetzte Idee von Theorie als Theorie-Konstruktion.
(Jean Clam, Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren? [Leseempfehlung])

Freitag, 17. Februar 2012

Artistische Grüße: Meistens muss man aber leider immer noch selbst vorbeikommen.


Die Kunst als Umweg: Kalle von Karls erfolgreicher Gruß als gescheiterte Kartenbestellung für John Bock. Luhmann hadert mit ähnlichen Schwierigkeiten:
Zur Praxis der Theorie gehört nicht zuletzt, daß man unter diesen Bedingungen sich erfolgreich öffentlich bewegen kann. Daher sind nicht nur die "Cartesian rules", sondern auch die "tribal rules" des Sozialsystems der Wissenschaft zu beachten. Nach diesen Regeln ist es kein leichtes Geschäft, eine Theorie zu verbreiten. Mit der Konstruktion von richtigen Sätzen ist es nicht getan. Oft muß man sogar selbst kommen.
(Luhmann, Die Praxis der Theorie)  

Dienstag, 14. Februar 2012

Schaurig wie ein Knochengerippe, musikalisch wie eine Rolltreppe: Die Stunde der wahren Metapher


Aus Heideggers Die Frage nach der Technik:
Ge-stell heißt das Versammelnde jenes Stellens, das den Menschen stellt, d.h. herausfordert, das Wirkliche in der Weise des Bestellens als Bestand zu entbergen. Ge-stell heißt die Weise des Entbergens, die im Wesen der modernen Technik waltet und selber nichts Technisches ist. Zum Technischen gehört dagegen alles, was wir als Gestänge und Geschiebe und Gerüste kennen und was Bestandstück dessen ist, was man Montage nennt. 
Nach der gewöhnlichen Bedeutung meint das Wort »Gestell« ein Gerät, z.B. ein Büchergestell. Gestell heißt auch ein Knochengerippe. Und so schaurig wie dieses scheint die uns jetzt zugemutete Verwendung des Wortes »Gestell« zu sein, ganz zu schweigen von der Willkür, mit der auf solche Weise Worte der gewachsenen Sprache mißhandelt werden.

Freitag, 10. Februar 2012

Ist kalt draußen: "Komm´ zurück ins warme Kulturgehäuse!"


Gehäuse und Widerstände II
Umfriedetes Kulturgehege
Um dem Unheimlichen zu entfliehen, sucht der Mensch sich heimisch zu machen im Dasein, sucht er dem Dasein das Fremde, das Drohende zu nehmen. Ein hervorragendes Symbol dieses Willens ist das Haus. [...] Im Hause wird ein Stück des Daseins heimisch gemacht, zur Vertrautheit gebracht. 
(Paul Tillich, Die technische Stadt als Symbol)
Kultur scheint zu weiten Teilen eine Leistung und ein Effekt der Weltdistanzierung zu sein. Das Einrichten "umfriedeter" (Schmitz) Gehege mindert nach Innen den Realitätsdruck ("Kultur bedeutet schon auf niedrigster Stufe das Anwachsen der Leistungsfähigkeit abschirmender Gehäuse: schon der Eintritt in die Höhle entspannt den Mittelbarkeitseffekt.", Blumenberg, Beschreibung des Menschen), das bedrückende Wissen darum, dass nur durch gegenwärtiges Handeln das Weitermachen wie bisher oder ähnlich möglich bleibt. Das Unberechenbare soll draußen bleiben, damit das wohltemperierte Drinnen nicht durch Beunruhigung gestört wird.
Jener Widerstand [der Natur] muß allmählich schwächer, und endlich erschöpft werden [...]; jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden. Die Natur muß allmählich in die Lage eintreten, daß sich auf ihren gleichmäßigen Schritt sicher rechnen und zählen lasse und daß ihre Kraft unverrückt ein bestimmtes Verhältnis mit der Macht halte, die bestimmt ist, sie zu beherrschen, - mit der menschlichen.
(Fichte, Die Bestimmung des Menschen)
Dabei bleibt fraglich, ob die Vorstellung, man könne das Unberechenbare irgendwann letztgültig aus dem Leben aushegen, zielführend, ob die Vorstellung, alles Unkalkulierbare wäre aus der eigenen Gegenwart getilgt, nicht mit trostloser Langweiligkeit zusammenfallen müsste.
Zum Glück ist das auch alles nicht so einfach (fragt mal Heidegger, wieso Welt und Erde streiten...):
Die [Kultur-]Welt trachtet in ihrem Aufruhen auf der [undurchsichtig-chaotischen] Erde, diese zu überhöhen. Sie duldet als das Sichöffnende kein Verschlossenes. Die Erde aber neigt dahin, als die Bergende jeweils die Welt in sich einzubeziehen und damit einzubehalten. [...] Die Erde kann das Offene der Welt nicht missen, soll sie selbst als Erde im befreiten Andrang ihres Sichverschließens erscheinen. Die Welt wiederum kann der Erde nicht entschweben, [das Undurchsichtig-Unordentliche nicht einfach ins bloß Kalkulierbare überführen,] soll sie als waltende Weite und Bahn alles wesentlichen Geschickes sich auf ein Entscheiden gründen.
(Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks) 

Sonntag, 29. Januar 2012

Ulrich und Kleist exkulpieren das Videospiel als Ermöglichungsfeld des "anderen Zustands"


Flow-Maschinen zu Zeiten Musils; Foto: Joachim S. Müller
Videospiele werden -- wie andere alternative und scheinbar zweckfreie Zeitvertreibe auch -- oft der tumben Lebenskonsumption verdächtigt. Ulrich möchte das nicht tolerieren und wirbt nach einer entsprechend intensiven Selbsterfahrung für das lebensergänzende Potential des Videospiels (nebenbei entpuppt sich Musil dabei auch als feinfühliger Flow-Psychologe ["Flow" = "Das reflexionsfreie gänzliche Aufgehen in einer glatt laufenden Tätigkeit, die man trotz hoher Anforderungen unter Kontrolle hat"; vgl. Csikszentmihalyi, Rheinberg]:
Ihr Reiz liegt auch wirklich darin, daß man in einem kleinsten Zeitraum, mit einer im bürgerlichen Leben sonst nirgendwo vorkommenden Schnelligkeit und von kaum wahrnehmbaren Zeichen geleitet, so viele, verschiedene, kraftvolle und dennoch aufs genaueste einander zugeordnete Bewegungen ausführen muß, daß es ganz unmöglich wird, sie mit dem Bewußtsein zu beaufsichtigen. Im Gegenteil, jeder Sportsmann weiß, daß man schon einige Tage vor dem Wettkampf das Training einstellen muß, und das geschieht aus keinem anderen Grund, als damit Muskeln und Nerven untereinander die letzten Verabredungen treffen könne, ohne daß Wille, Absicht und Bewußtsein dabeisein oder gar dreinreden dürfen. Im Augenblick der Tat sei es dann auch immer so, beschrieb Ulrich: die Muskeln und Nerven fechten mit dem Ich; dieses aber, das Körperganze, die Seele, der Wille, diese ganze, zivilrechtlich gegen die Umwelt abgegrenzten Haupt- und Gesamtperson wird von ihnen nur so obenauf mitgenommen [...] und wenn dem einmal nicht so sei, wenn einmal auch nur der kleinste Lichtstrahl der Überlegung in dieses Dunkel falle, dann mißlinge regelmäßig das Unternehmen.
(Roberts Müsli - Ein Mahl ohne Cerealien)
In ähnlicher Richtung -- nur etwas weniger optimistisch -- suchte schon Kleist einen Weg zurück ins unbewusste Glück intensiv involvierenden Erlebens:
Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewußtsein anrichtet. [...] Wir sehen, daß in dem Maaße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt.
(Kleist, Über das Marionettentheater)
Dazu ein musikalischer Kommentar von Haruomi Hosono, einem Chiptune-Pionier der ersten Stunde:

Sonntag, 1. Januar 2012

Im neuen Jahr ankommen


Erst die Weiche umlegen...



...dann mit der Clarke noch was nach irritiert auf dem Sofa hinter der Zeit hersitzen:

Dienstag, 29. November 2011

Üpsielohns moderne Lyrik-Kiste V: Die Vernunft hat keine Zukunft


(Vorweihnachtlicher Meteorit)
Moderne Lyrik taucht mitunter auch an unerwarteter Stelle auf; Üpsielohn versucht es mit Aufmerksamkeit: Nebel am Morgen. Eine kubische Sternschnuppe kurz vor Sonnenuntergang. Zwei unaufgeforderte Sätze plötzlich in einem übermüdeten Kopf. Ein Electronica-Konzert. Du erschrickst. Und dann merkst du, dass das moderne Lyrik ist.

Die Vernunft
hat keine Zukunft.
Die Zukunft
hat nur die Kunst.

Zum Beispiel auf einem Konzert:


Und wissen, wie es funktioniert...

Freitag, 25. November 2011

Lebens-Kunst-Nischen XX: Gestaltete Oberflächen




Und zur "Abrundung" noch ein bisschen verdaubare Technik-Philosophie:
Der Begriff „Benutzeroberfläche“ [...] bezeichnet die gestalteten Interaktionsflächen technischer Apparate, die ihren Verwendern diejenigen wahrnehmungsmäßig zugänglichen Komplexitätsreduktionen anbieten, die den fließenden Umgang mit den technischen Produkten erst ermöglichen -- „ein schlechtes ,Produkt´, das sich in seine Eingeweide sehen lässt“ (Blumenberg).

Das Programm wendet seinem Anwender also die zur Benutzung einladende Arbeitsfläche zu, lächelt ihn gleichsam auffordernd an, um den Mechanismus seiner Funktion zugleich hinter diesem Lächeln zu verbergen. Dabei machen sich die Techniker und Designer eine Eigenschaft zunutze, die der Gestaltpsychologe Kurt Lewin den „Aufforderungscharakter“ der Gegenstände nannte; Gibson oder auch Norman sprechen hier analog von in den Gegenständen angelegten „affordances“. Ein Produktdesigner kann in diesem Sinn als ein Gestalter solcher Aufforderungscharaktere beschrieben werden. Er entscheidet, welche Seiten und welche Funktionen das Produkt dem Verwender auffordernd zuwendet, welche inneren Funktionen es ihm zugänglich macht und welche „Spuren“ es hinter seiner materiellen Oberfläche verschwinden lässt. Zwar können die Verwender in dieser Situation lernen, wie sie erfolgreich mit den technischen Geräten umgehen, dadurch wissen sie aber noch lange nicht, was deren Funktionen im Innersten in Bewegung hält.
(Die Quelle ist selbst die Quelle, Wissen und Zaubern an der Oberfläche)