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Donnerstag, 6. September 2012

Die dunkle Seite der Gegenwart - Kleiner Versuch über den Modellcharakter von Erkenntnistheorien


The aim of philosophy, abstractly formulated, is to understand how things in the broadest possible sense of the term hang together in the broadest possible sense of the term.
(Wilfrid Sellars)

"Von draußen nach drinnen schauen."
(Bild: Monkwhy; CC BY-NC-SA 2.0)
Philosophische Erkenntnistheorien arbeitet häufig mit einer modellhaften Beschreibung dessen, was sie als den "wirklichen Erkenntnisprozeß" (Carnap, Der logische Aufbau der Welt) vorstellen. Was im Erkenntnisprozess wirklich geschehen könnte, bilden sie innerhalb ihrer Beschreibungen "nur in rationalisierender oder schematisierender Weise nach" (ebd.).

Man stellt beispielsweise ein Subjekt vor, das bestimmte Wahrnehmungsschemata instanziiert, die ihm entweder a priori (bzw. "hard-wired") oder vermittels eines Prozesses der Habitualisierung ("soft-wired") zukommen. Diese Wahrnehmungsschemata fungieren dann als Filtratoren zunächst neutraler oder chaotischer Sinnesdaten, die diesen erst ein semantisiertes, bedeutsames Gewand verleihen. Je nach theoretischer Vorliebe lassen sich verschieden Beschreibungen dieser neutralen Daten vorstellen: Entweder lässt sich vom Standpunkt der Subjekte aus nichts über sie aussagen, sofern die in ihnen instanziierten Wahrnehmungsschemata von den Subjekten selbst nicht beobachtet werden können: Die Wahrnehmungsschemata bezeichnen dann den "blinden Fleck" der eigenen Beobachtung (Kant kann sie beobachten!). Oder man unterscheidet zwischen einer (beobachtbaren?) neutralen Beobachtungsebene, die dann durch Semantisierungen erst überlagert wird. Etwa, indem man davon ausgeht, dass den Subjekten Wahrnehmungsgegenstände zunächst nur als ausgedehnte Körper gegeben sind, die erst in einem zweiten kulturell vermittelten Interpretationsschritt verschieden semantisiert werden können. Der quadratische schwarze Holzgegenstand wird dann erst durch einen kulturellen Lernprozess als "Würfel" identifizierbar, undsoweiter.

Eine andere Alternative ist, grundsätzlich vom Erkenntnissubjekt abzusehen und nicht nach dem Konstitutionsprozess alltäglicher Wahrnehmung zu fragen (der vermeintlich "hinter" dieser Wahrnehmungs selbst abläuft), sondern nach der Möglichkeit der Konstitution valider Theorien. Wer nach der Konstituierbarkeit valider Theorien fragt, fragt also nicht länger nach den Bedingungen der Möglichkeit evidenter Erfahrung, sondern nach den Bedingungen der Möglichkeit zuverlässiger Aussagen und Theorien ("semantic ascent", Quine). Das modellhaft vorgestellte Erkenntnissubjekt, das sich Gegenständen gegenüber sieht, wird in dieser Konzeption also durch Aussagen ausgetauscht, die als Axiome oder plausible Intuitionen an den Anfang der Theoriekonstitution treten sollen, die dann mithilfe weiterer Aussagen zu kohärenten Welt- oder Phänomenbeschreibungen ausgebaut werden können. Hier kann man dann seine Axiome entweder aus Alltagsbeschreibungen der Welt (ihrem "manifest image", Wilfrid Sellars) oder aus wissenschaftlichen Weltbeschreibungen (dem "scientific image") zu destillieren versuchen, etc.

Beiden Konzeptionen ist allerdings eigen, dass sie sich schon im ersten Schritt von der Gegenwart der Gegenwart verabschieden, um an ihre Stelle ein Modell dessen zu setzen, was eigentlich geschieht ("psychologistisch") oder eigentlich geschehen sollte ("anti-psychologistisch"). Statt zuerst die Tagseite der Gegenwart durch den Versuch auszuleuchten, zu beschreiben, was sich überhaupt zeigt ("Phänomenologie"), versuchen sie sich also direkt im Maschinenraum der Erkenntnis. Transzendentalistische Schematisierungstheorien (apriori oder aposteriori) und axiomatische Theoriekonstitutionstheorien etablieren damit immer eine Kluft zwischen dem, was sich auf der Vorderseite des Erkenntnisprozesses zeigt (bzw. zu zeigen scheint) und dem, was auf seiner dunklen Seite eigentlich passiert. Sie postulieren einen „epistemologischen Bruch“ (Bachelard) zwischen ihrer Beschreibung von Erkenntnis und dem, was dem Einzelnen als Gegenwart geschieht. Daher informieren sie uns auch "niemals [über] unsere Dinge", weshalb es "ein Problem von großer philosophischer Tragweite [ist], ob sie überhaupt Dinge bezeichnen" (Bachelard).

Donnerstag, 7. Juni 2012

Kleiner Versuch einer allgemeinen Wissenschaftstheorie

Bitte beachten Sie, wie oft in einem Gedicht "wie" vorkommt. "Wie", oder "wie wenn", oder "es ist, als ob", das sind Hilfskonstruktionen, meistens Leerlauf [...] gut, Rilke konnte das, aber als Grundsatz können Sie sich daran halten, dass ein Wie immer ein Einbruch des Erzählerischen, Feuilletonistischen in die Lyrik ist. -- (Gottfried Benn)
"Der Raum der Gründe ist zwar leer, aber die Tür ist offen."
Von einem durch die kleistsche Brille gelesenen Kant inspiriert versucht sich Hans Vaihinger bei der Bestimmung des Verhältnisses von Realität und Schein in essayistisch-saloppem Stil:
Die organisierende Tätigkeit der logischen Funktion reisst alle Empfindungen in ihren Prozess herein und baut so ihre eigene innere Welt auf, welche sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt und doch an gewissen Spitzen wieder mit ihr so eng zusammenhängt, so dass stets ein Übergang von der einen in die andere stattfindet, und der Mensch gar nicht merkt, dass er gleichsam doppelt handelt - in seiner inneren Welt (die er freilich objektiviert als die sinnliche Anschauungswelt) und in einer ganz anderen Welt, in der äusseren. Es gibt also Wechselorte, wo die Werte der einen Welt gleichsam in die der anderen umgetauscht werden, wo der lebhafte Verkehr zwischen beiden Welten ermöglicht wird, wo gleichsam das leichte Papiergeld der Gedanken umgesetzt wird in die schwere Münze der Wirklichkeit, und wo umgekehrt das Metall der Wirklichkeit gegen jene leichtere Ware, welche aber auch den Verkehr erleichtert, umgetauscht wird.
(Vaihinger, Die Philosophie des Als ob)
Während die Naturwissenschaften nun stets darauf angewiesen bleiben, das "Papiergeld" ihrer Konstruktionen ins Kleingeld der Erfahrung zurückzutauschen, können Kunst und Literatur in einem "viel weiteren Spielraum" spekulieren. Die Naturwissenschaft muss auf Logik und Empirie setzen, um ihren Gegenstand nicht zu verlieren. Sie tut das allerdings nicht im leeren Raum, sondern immer unter Zuhilfenahme von "Idealen der Natur[- und Theorie]ordnung" (Toulmin), "regulativen Ideen" (Kant), "Paradigmen" (Kuhn), etc.
Denn wenn wir es auch immer der Natur selbst überlassen müssen, wie sie unsere Fragen beantwortet, sind wir es doch, die die Fragen stellen. Und welche Fragen wir stellen, hängt unvermeidlich von voraufgegangenen theoretischen Erwägungen ab. Wir haben es hier nicht so sehr mit vorgefaßten Meinungen als mit vorgeformten Begriffen zu tun; und wenn wir die Logik der Wissenschaft verstehen wollen, müssen wir erkennen, daß der Gebrauch vorgefaßter Begriffe dieser Art unvermeidlich und legitim ist -- wenn er in der angemessenen Weise sub judice und der Revision durch die Erfahrung unterworfen bleibt.
(Toulmin, Voraussicht und Verstehen) 
Sehr viel mehr hat auch Heidegger nicht gemeint, als er in "Was heißt Denken?" glaubte stipulieren zu können, die Wissenschaft denke nicht -- sie ist (als Forschung) Exekution von Programmen (Lakatos), "puzzle-solving" (Kuhn), nicht selbst Programmierung. Dabei sind die Wissenschaften auf doppelte Weise "positiv": Sie setzen jeweils bestimmte Prinzipien [die "vérités positives" im Sinne von Leibniz, allerdings "detranszendentalisiert" (Habermas)] voraus, innerhalb derer sie ihre Forschungsspiele kultivieren -- und sie fördern positive Ergebnisse zutage, die auf die konventionelle (Poincaré) Unterstellung dieser Prinzipien zurückverweisen, ohne aus diesen schon ableitbar zu sein (das ist ihr empirischer Teil). Die Prinzipien selbst sind allerdings nicht "interner" Teil der wissenschaftlichen Fragestellungen, sie gehen diesen als "externe" Ermöglichungsbedingungen (wer eine altmodische Terminologie vorzieht, kann hier auch "Bedingungen der Möglichkeit"  (Kant) sagen) voraus. Aber auch der nicht-dogmatische Naturwissenschaftler kann ein Spieler sein.

Mittwoch, 4. Januar 2012

"Kleine" philosophische Metaphernkunde




Mehr Problemverfeinerung als Ergebnislieferantin, mehr erkenntnistheoretische Fahrschule ohne Fahrlehrer als Kraftmeierei mit Thesen -- die Philosophie ist keine positive Wissenschaft. Auch Schiffereimetaphern helfen da wenig weiter, suggerieren auch nur, dass irgendwas Stehendes, Haltendes, Tragendes am Ende der Mühe entstehen soll:
Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.
(Otto Neurath, “Protokollsätze”) 
Haus- und Baummetaphern nicht besser, auch wenn dabei gelegentlich Bescheidenheit markiert wird:
Freilich fand es sich, daß, ob wir zwar einen Turm im Sinne hatten, der bis an den Himmel reichen sollte, der Vorrat der Materialien doch nur zu einem Wohnhause zureichte, welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig und hoch genug war, sie zu übersehen; [...].
(Kant, KdrV, B 735)
So wird sorgsam Stein zu Stein gefügt und ein sicherer Bau errichtet, an dem jede folgende Generation weiterschaffen kann. 
(Carnap, Der logische Aufbau der Welt, xiv)
Jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden.
(Fichte, Die Bestimmung des Menschen)
Ganz anders natürlich Bewëgungs-, Fluss- und Richtungsmetaphern. Ziel der Philosophie ist hier nicht mehr Zustand, sonden -- wer altbacken-esoterischen Slang nicht verabscheut -- selbst "Weg": "der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zeigen" -- also nicht: Ankommen, sondern: "unterwegs zur Lösung" sein. Wenn Zustand allenfalls dynamisch.

Dann vielleicht lieber Geschmacksmetaphorik? Das Fragen ist die Bekömmlichkeit des Denkens; wer dagegen wild herumbehauptet verdirbt sich schnell den Magen. Oder auch einfacher: Philosophie ist Essig.

Freitag, 18. November 2011

Mit dem Ball die Metaphysik noch einmal erfrischt in die Tonne treten


"Befrei den Ball und spiel den Zahl (Graph.)."
Metaphysikkritik gibt´s wie Sand am Strand: Ein Carnap an einem schlechten Tag, ein Heidegger zwischen "Wasser marsch!" und Wüste; aber Hugo Ball ist lustig:

Wir haben die Metaphysik für alles Mögliche und Unmögliche benützt. Um die Kaserne mundgerecht zu machen (Kant). Um das Ich über alle Welt zu erheben (Fichte). Um den Profit auszurechnen (Marx). Seit man aber dahintergekommen ist, daß solche Metaphysiken meistens nur Rechenkunststücke ihrer Erfinder waren und sich auf simple, oft sogar spärliche Sätze zurückführen ließen, ist die Metaphysik sehr im Wert gesunken. Heute sah ich ein Schuhputzmittel mit der Aufschrift "Das Ding an sich". Warum hat die Metaphysik soviel Achtung verloren? Weil ihre übernatürliche Aufstellung sich allzu natürlich erklären ließ.

Aber auch heimliche Selbstcharakterisierungen werden durch Ball auf einmal möglich:
Ich beobachte, daß ich meine häßlichen (politisch-rationalistischen) Studien nicht betreiben kann, ohne mich durch gleichzeitige Beschäftigung mit irrationalen Dingen immer wieder zu immunisieren. Wenn eine politische Theorie mir gefällt, fürchte ich, daß sie phantastisch, utopisch, poetisch ist, und daß ich damit doch innerhalb meines ästhetischen Zirkels verbleibe, also gefoppt bin.
Es gilt, unangreifbare Sätze zu schreiben. Sätze, die jeglicher Ironie standhalten. Je besser der Satz, desto höher der Rang. Im Ausschalten der angreifbaren Syntax oder Assoziation bewährt sich die Summe dessen, was als Geschmack, Takt, Rhytmus und Weise den Stil und den Stolz eines Schriftstellers ausmacht.
 (Die Flucht aus der Zeit, 1927)

Dienstag, 22. Februar 2011

Car-nap: "Uhaaa!" - Im Auto auf der Baustelle eingeschlafen, mitten in einem logistischen Alptraum wieder aufgewacht

Leitern nach Gebrauch bitte wegwerfen! (Quelle: flickr - any_user)
Aus "Der logische Aufbau der Welt" (1928), §46:

"Nachdem wir das Problem der Stufenformen erörtert und gefunden haben, daß die einzelnen Stufen des Konstitutionssystems in Form von Klassen- und Relationsdefinitionen erbaut werden sollen, erhebt sich nun als zweites Problem das der "Systemform" [...]. Wie ist der Stufenbau anzulegen, damit die Gesamtheit der Wissenschaftsgegenstände darin Platz findet (siehe Abbildung oben)? [...]
BEISPIEL Aussage in Worttext: "wenn einer ein Neger ist, so ist er auch ein Mensch"; logisch geformt: "gehört einer zur Klasse der Neger, so auch stets zur Klasse der Menschen"; logistische Fassung des logischen Skeletts: "(x) : x ɛ Neger. ↄ [Def. ↄ := Vertretungszeichen für´s echte Teilmengenzeichen] . x ɛ Mensch"; logistische Fassung der ganzen Aussage: "(x) : x ɛ ne. ↄ . x x ɛ me"."