Gängige Ressentiment-Frühwarnsysteme sind technisch heute leider immer noch nicht weit genug entwickelt, um in allen Fällen zuverlässig und frühzeitig erkennen zu lassen, wann man sich von welchen Gesprächs-Gewässern besser fernhalten sollte. Schnell ist es zu spät: auf einmal steckt man mitten im klebrigen Sumpf vorgetäuschter Kenntnisse, ungedeckter Polemiken und augenzwinkernden Sich-Verlassens auf geteilte Geringschätzung diffuser Diskursgespenster ("Ach, die Analytiker / die Phänomenologen / die Franzosen / etc. !").
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| (Das Jargongespenst versteckt sich im Nebel der Argumente) |
Dieser Schulbuchfall knackiger Punchline-Philosophie inspiriert zu einer Vorschule des gekonnten Ressentiments:
Phase I: Den Gegenstand des Ressentiments niemals zu genau definieren!
Merke: Wer im Nebel stochert, muss keine Nadeln in Heuhaufen suchen. Für gekonntes Ressentiment ist es daher wichtig, sich keiner zu konkreten Argumente zu bedienen und auch nicht zu genau festzulegen, welcher Autor oder Text gerade gemeint ist, so vermeidet man die Möglichkeit konkreter Entgegnungen. Besser noch: Wer sich angesprochen fühlt, meldet sich ganz von selbst auf der Seite der Gespenster:
Der konkrete Adressat wird jeweils nur sehr ungenau bestimmt, verschwindet partiell ganz und kann so zu einem undefinierbaren Jargon-Gespenst stilisiert werden, bei dem die Unterschiede zwischen Derrida, Deleuze, Baudrillard oder Kittler genauso wenig eine Rolle spielen wie Unterschiede zwischen den genannten Autoren und weiteren, die sich auf diese beziehen, sich mit ihnen schmücken, sie variieren, wiederholen oder in einen Jargon verwandeln. Je weniger zitiert wird, desto apodiktischer - und oft auch: apokalyptischer - wird die Kritik formuliert.
(Schumacher, Die Ironie der Unverständlichkeit, 2000 [Leseempfehlung!])
Auf diesen wichtigen Punt hat auch Hans Magnus Enzensberger schon in Bezug auf den Vorwurf hingewiesen, dass das moderne Gedicht grundsätzlich "unverständlich" sei:
An ihm ist bemerkenswert, daß er nicht spezifisch, im Hinblick auf einen oder anderen Text, sondern stets pauschal erhoben wird. Das legt den Verdacht nahe, daß er nicht in wirklichen Leseerfahrungen, sondern im Ressentiment gründet.
(Enzensberger, Museum der modernen Poesie, 1960)
