In einem etwas erregten Gespräch mit auf den ersten Blick
als „epistemic peers“ auftretenden Gesellen begegnete dem Autor jüngst die
Ansicht, dass ein großer, wahrscheinlich sogar der größte Teil dessen, was
heute an sogenannter „kontinentaler“ Theorie in schriftlicher Form vorliege,
letztlich auf nichts als „Geschwafel“ hinauslaufe. Ja, es sei sogar legitim, so
einer der Gesprächspartner, diese ganze Theorie trotz eigener Unkenntnis nicht
bloß nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern darüber hinaus auch noch als das,
was sie eben darstelle, zu verunglimpfen: als blanken Unsinn.
Auf die Rückfrage, wie man das trotz eingestandener
Unkenntnis dieser Theorietraditionen vor sich selbst rechtfertigen könne,
antwortete der Angesprochene, dass es zum einen ja schon aus rein pragmatischen
Gründen wichtig sei, sich „Heuristiken“ anzueignen, um die Menge der überhaupt
zu würdigenden Texte radikal zu reduzieren, man sich von der
Bedeutungslosigkeit dieser Theorien aber ohnehin schnell überzeugen könne, indem man sich ein beinahe beliebig zu wählendes Textstück aus dem Gesamtkorpus eines
der betroffenen Autoren einmal theoretisch zur Brust nehme, um dann
unweigerlich festzustellen, dass diese Texte letztlich auf eine Mischung aus unnötiger
Komplexion und Trivialitäten hinausliefen. Was aber jenseits dieser beiden
Zutaten liege, sei dann nur noch schlichtweg unverständlich, und man wisse ja,
dass diese „Theoretiker“, aus Mangel an Gedanken, ihre Zeit damit zubrächten,
sehr kompliziert erscheinende - und vor allem: sehr lange! - Sätze zu
erzeugen, die letztlich aber gar nichts mehr bedeuteten. Und(!): Es sei zu
vermuten, dass die entsprechenden Autoren dies ja eigentlich insgeheim wüssten,
ja, dass sie sich alle gegenseitig zu diesem Unsinn verschworen hätten und also
eigentlich nur noch für sich selbst dieses Trauerspiel der nicht offen eingestandenen
Sinnlosigkeit als Theorie aufführten.
Es sei doch eigentlich selbstverständlich und jedem klar,
dass eine theoretische Beobachtung übersetzbar sein müsse in eine einfache und
klare, eingängige Sprache, übersetzbar in konkrete, aufzählbare, satzförmige „Thesen“
und „Argumente“. Und die Unmöglichkeit, die Überlegungen bestimmter Autoren –
wir wählten zum Beispiel Luhmann und Habermas – in solchen einfachen Thesen zu
übersetzen, sei ja der deutlichste Beweis dafür, dass hier eigentlich gar
nichts Klares weder gemeint noch etwa gar gedacht sein könne. Solle doch einmal
einer einfach und deutlich sagen, was dieser Luhmann meine, dann könne man ja vielleicht
noch einmal darüber diskutieren.
Ich versuchte mich an dem Einwand, dass es ja sein könnte,
dass auch eine Theorie, wenn sie entsprechend komplex sei, und vielleicht auf
etwas mehr hinauslaufe als auf eine Menge gerechtfertigter Thesen [DAS ja hier
überhaupt eine der zentralen Fragen: ob die sogenannte „analytische“
Philosophie es überhaupt je zu mehr als Thesen und Argumenten gebracht hat], eine
gewisse Lernzeit voraussetze. Ähnlich vielleicht wie in der Mathematik, in
welcher der Anspruch, was ein junges Bewusstsein in zwei bis drei Jahren sich
lang- und mühsam aneignen kann, hier und jetzt in sofort verdaubares Thesengut
zu übersetzen, glücklicherweise sofort absurd erscheinen muss.
An dieser Stelle, wenn ich das überhaupt richtig beurteilt habe, zögerte der Angesprochene kurz, rang sich dann aber doch durch zu einer
Position, die ich nur wie folgt und in eigenen Worten wiedergeben kann: In der
Theorie liege die Bringschuld doch immer beim Text, nicht bei seinem Leser. Wenn
es dem Text aber nicht gelinge, innerhalb einer relativen kurzen Zeit dem
Leser, der sich selbst schon als eine der legitimen Spitzen der
Intellektualität identifiziert habe (er sprach also von sich), zu vermitteln,
was er eigentlich behaupten wolle, habe er sich eben als Unsinn disqualifiziert
und müsse folglich nicht weiter ernst genommen werden. Man habe also weder Lust
noch Zeit, davon auszugehen, dass es da draußen in der Welt der Theorie noch
etwas gäbe, das man selbst noch nicht zu verstehen in der Lage sei.
