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Sonntag, 10. Juni 2012

Phänomenologie kann sich "sehen lassen" (ohne sich dabei zeigen zu müssen)


In die Grenze des Beschreibbarkeiten ausgreifen...

Immer weiß ein Phänomenologe Rat, weil er einfach gut beim Sehen zusieht...

...beim Entdecken von bisher Unbekanntem:
Zunächst sei darauf hingewiesen, dass das erstmalige Sehen einer Palme auf das Sehen künftiger Palmen, die selbst noch nie gesehen waren, von Einfluss ist.
(Husserl, Die Lebenswelt)
 ...beim Entdecken von noch immer Unbekanntem:
Ich kann leer Vorgedachtes mir anschaulich machen, kann Vor-Anschauung in erfahrende Anschauung verwandeln, und ich muss dann die bestimmten, unbekannten Dinge, Ereignisse etc. konstatieren, also die unbestimmte und antizipatorische Horizontgeltung in bestimmte, selbsterfassende Erfahrungsgeltung verwandeln.
(Ebd.)
 ...beim Entdecken von Allzu-Gewöhnlichem:
Daß dies Verfahren eine Bereicherung impliziert, ist offensichtlich. Der Reflektierende sieht mehr als der Naive. Um ein einfaches Beispiel zu geben: habe ich einen Aschenbecher vor mir und reflektiere mich als den, der den Aschenbecher sieht, so vermag ich mich als auf den Aschenbecher bezogen zu erfassen. Ich vermerke etwa, daß der Aschenbecher perspektivisch gegeben ist, daß ich die nicht direkt wahrnehmbare Rückseite ebenso wie die Standfestigkeit des Aschenbechers "mitsehe", und daß der Aschenbecher in einem räumlichen "Horizont" steht.
(Walter Schulz, Philosophie in der veränderten Welt)
 ...wenn er selbst beobachtet wird:
Die hier vorgetragene Analyse der Wiener Vorträge und der sie ursprünglich motivierenden transzendentalen Phänomenologie Husserls war nicht als »Kritik« gemeint, also nicht als Sortierung des Haltbaren und Unhaltbaren in dieser Philosophie. Sie war auch nicht als Philosophie gemeint. Für einen Soziologen liegen die Fenster in den philosophischen Auditorien zu hoch. Wenn er auf einem theoretisch vergleichbaren Terrain operiert, dann without the attitude.
(Luhmann, Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie)
[Re-Entry vom 3.01.12]

Donnerstag, 1. März 2012

Die ersten Züge der Philosophie - Dialektik der Verzehrung


Gewohnt gelassen leitet Luhmann das interintellektuelle Gespräch zum Thema "Das Rauchen - Schlecht oder doch gut?" ein:
Praxis kommt ja in der modernen Gesellschaft kaum noch vor. Rauchen wäre eines der wenigen Beispiele, die einem spontan einfallen; aber das betrifft dann nur die Zigarettenindustrie.
(Wirtschaft der Gesellschaft) 
Kant fühlt sich durch die nachlässige Flapsigkeit zu maßregelnder Korrektheit provoziert. Das Rauchen scheint ihm doch eine Sache zu sein, die einer ernsthafterer Beschäftigung fähig ist. Er will Grundlgendes klären: Zu den subjektiveren Sinnenempfindungen gehörten, meint er schnippisch, auch solche, 
die bloss subjektiv sind und auf die Organe des Riechens und Schmeckens durch einen Reiz würken, der doch weder Geruch noch Geschmack ist, sondern als die Einwirkung gewisser fixer Salze, welche die Organe zu spezifischen Ausleerungen reizen, gefühlt wird; daher denn diese Objekte nicht eigentlich genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden, sondern nur sie berühren und bald darauf weggeschafft werden sollen; eben dadurch aber den ganzen Tag hindurch (die Essenszeit und den Schlaf ausgenommen) ohne Sättigung können gebraucht werden. – Das gemeinste Material derselben ist der Tobak, es sei ihn zu schnupfen, [...] oder auch ihn durch Pfeifenröhre, wie selbst das spanische Frauenzimmer in Lima durch einen angezündeten Zigarro, zu rauchen. [...] – Dieses Gelüsten [...] ist, als blosse Aufreizung des Sinnengefühls überhaupt, gleichsam ein oft wiederholter Antrieb der Rekollektion der Aufmerksamkeit auf seinen Gedankenzustand, der sonst einschläfern, oder durch Gleichförmigkeit und Einerleiheit langweilig sein würde; statt dessen jene Mittel sie immer stossweise wieder aufwecken. Diese Art der Unterhaltung des Menschen mit sich selbst vertritt die Stelle einer Gesellschaft; indem es die Leere der Zeit statt des Gespräches mit immer neu erregten Empfindungen und schnell vorbeigehenden, aber immer wieder erneuerten, Anreizen ausfüllt.
(Anthropologie in pragmatischer Absicht)
Kants Anregungen greift ein umwölkter Husserl auf. Der sieht allerdings im Rauchen vor allem einen legitimem Treibstoff zur Beförderung des theoretischen Interesses:
Ein Gefühl kann uns berühren, ohne uns einzunehmen, und es braucht gar nicht schwach zu sein. Ich rauche eine Zigarre mit Lust, aber die Lust füllt mich nicht aus, vielmehr das theoretische Interesse, das indirekt von ihr Nutzen zieht. Manchmal mag es umgekehrt sein. Die Lust des Rauchens nimmt mich in Beschlag, das theoretische Interesse ist gering. Im einen Fall bin ich der Sache theoretisch zugewendet und nicht der Lust; im anderen Fall der Lust mitsamt ihrem sinnlichen Inhalt.
(Wahrnehmung und Aufmerksamkeit) 
Adorno ist empört. In allen bisherigen Ausführungen sieht er nichts als die masochistischen Auswirkungen des allgemeinen Verneblungszusammenhangs am Werk, er nippt ein letztes Mal kultiviert am Wein: Versuch einer Klarstellung:
Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit, sei's der eigenen, sei's der anderer, gebührt Mißtrauen. [...] Archetypisch dafür ist der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung kommt, die indirekte Beleuchtung andreht und sich einen Whisky-Soda mischt: das sorgfältig aufgenommene Zischen des Mineralwassers sagt, was der arrogante Mund verschweigt; daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercreme riecht, zumal die Frauen, und daß diese eben darum ihm zufliegen. [...] Die Freuden solcher Männer [...] haben allesamt etwas von latenter Gewalttat. [...] Wenn alle Lust frühere Unlust in sich aufhebt, dann ist hier die Unlust, als Stolz sie zu ertragen, unvermittelt, unverwandelt, stereotyp zur Lust erhoben: anders als beim Wein, läßt jedem Glas Whisky, jedem Zug an der Zigarre der Widerwille noch sich nachfühlen, den es den Organismus gekostet hat, auf so kräftige Reize anzusprechen, und das allein wird als die Lust registriert. Die He-Männer wären also ihrer eigenen Verfassung nach, als was sie die Filmhandlung meist präsentiert, Masochisten. Die Lüge steckt in ihrem Sadismus, und als Lügner erst werden sie wahrhaft zu Sadisten, Agenten der Repression.
(Minima Moralia)

Samstag, 26. November 2011

Kleine Phänomenologie der Atmosphäre


"Halbdinge mit höchstens abgründigen Richtungen sind auch die Gefühle. Man hält sie sonst für private Seelenzustände, entweder für gegenstandsblinde Modifikationen von Lust und Unlust oder für intentionale Akte. Ich betrachte sie dagegen als räumlich ergossene, leiblich den Menschen ergreifende Atmosphären, vergleichbar der feierlichen, drückenden oder zarten Stille, die in verschiedenen Graden Weite, Gewicht und Dichte hat. Diese Auffassung kann natürlich nur einleuchten, wenn man sich vom metaphysischen Bann des naturwissenschaftlichen Weltbildes frei macht, das zwar für Prognosen nützlich ist, für gute Phänomenologie aber eine zu schmale Abstraktionsbasis besitzt. [...] Scham imponiert zunächst als Privatsache des Menschen, der sich schämt; es kommt aber auch vor, dass jemand sich für sein beschämendes Benehmen gar nicht schämt, die Anwesenden sämtlich oder teilweise aber statt seiner peinlich berührt sind. Dann kann keine sympathetische "Gefühlsansteckung" vorliegen; vielmehr schlägt die Scham selbst als eine durch das beschämende Verhalten geweckte Atmosphäre in abgeschwächter Form zu den unschuldigen Anwesenden, die gleichsam am Rande der Scham stehen, als Peinlichkeit hinüber [...]. Ein Froher, der unvorbereitet an eine Gruppe tief trauriger Menschen gerät, wird bei einigem Feingefühl etwas gehemmt und dämpft seine demonstrative Fröhlichkeit nach außen; ein Frischer, der an lauter Matte gerät, wird nicht so spontan gehemmt, sondern eher geneigt sein, sie, wenn er etwas von ihnen will, durch Zuruf oder Zugriff aufzurütteln."
(Hermann Schmitz, Situationen und Konstellationen)

Samstag, 13. August 2011

"Die platonische Sackgasse des Leibunfalls der Seele vermeiden"


(Blumen_Berg, "transzendental getröstet")

Blumenberg im imaginierten Dialog mit Husserl über die Frage, wie vom "transzendentalen Subjekt" auf die Notwendigkeit anderer transzendentaler Subjekte geschlossen werden könnte -- oder sollte? Jedenfalls: Ausgang von der Leibesanalogie als hypothetischer Brücke zur Appräsentation und Erfahrung von Alter Egos als Alter Egos ist nicht ganz unproblematisch:

"Aber ich bitte, im Auge zu behalten, daß auch eine Billardkugel, ausgestattet gedacht mit Bewußtsein und Wahrnehmung, die andere Billardkugel angesichts ihrer spezifischen Gleichheit für >eine Andere< halten würde und diese primäre Hypothese über alles Maß bestätigt fände, wenn diese, von ihr gestoßen, in schönster Verhaltenskorrelation den unter gegebenen Umständen sachgemäßen Weg einschlüge, den der Stoß ihr >zugedacht< hatte. Die Folgerung wäre, daß man in dieser gemeinsamen >Welt< der Stöße, Banden und Wege weiterhin miteinander als bekannten Größen zu tun haben würde, alles andere als eine bloße >Sache< zu sein sich zuzubilligen hätten." 

"Also darf die Fremdwahrnehmung nicht ins Leere gehen und enttäuscht werden, wenn Enttäuschung auch im Einzelfall als möglich gedacht werden kann. Dies abzusichern, muß Husserl dem intersubjektiven Subjekt ein innersubjektives Bewußtsein von Ungenügsamkeit zusprechen. So wird der >Verleiblichung< als dem Ausweg aus dieser Ungenügsamkeit apriorische Zugehörigkeit zum transzendentalen Pluralismus eingeräumt und darin die platonische Sackgasse des Leibunfalls der Seele vermieden." 
(Blumenberg, Beschreibung des Menschen)

Montag, 18. Juli 2011

Versuche über das Einschlafen - Spuren einer Philosophie des Gähnens




"Da Schlaflosigkeit ein Fehler des schwächlichen Alters, und die linke Seite, überhaupt genommen, die schwächere ist, so fühlte ich seit etwa einem Jahre diese krampfichte Anwandelungen und sehr empfindliche Reize dieser Art (ob zwar nicht wirkliche und sichtbare Bewegungen der darauf affizierten Gliedmassen als Krämpfe), die ich nach der Beschreibung anderer für gichtische Zufälle halten und dafür einen Arzt suchen musste. Nun aber, aus Ungeduld, am Schlafen mich gehindert zu fühlen, griff ich bald zu meinem stoischen Mittel, meinen Gedanken mit Anstrengung auf irgend ein von mir gewähltes gleichgültiges Objekt, was es auch sei (z.B. auf den viel Nebenvorstellungen enthaltenden Namen Cicero) zu heften: mithin die Aufmerksamkeit von jener Empfindung abzulenken; dadurch diese dann, und zwar schleunig, stumpf wurde, und so die Schläfrigkeit sie überwog, und dieses kann ich jederzeit, bei wiederkommenden Anfällen dieser Art in den kleinen Unterbrechungen des Nachtschlafs, mit gleich gutem Erfolg wiederholen. Dass aber dieses nicht etwa bloss eingebildete Schmerzen waren, davon konnte mich die des andern Morgens früh sich zeigende glühende Röte der Zehen des linken Fusses überzeugen."
(Kant, Streit der Fakultäten)

"Einschlafend „stelle ich immer mehr meine Aktivität ein“, zunächst meine praktische Interessenaktivität. Ich lasse mein Interesse „ruhen“, sinken, ich lasse meine „Gedanken" wandern; auch in ihnen liegt Aktivität, liegt Interesse, ich lasse es abfallen, ich spiele nicht etwa mit Gedanken, es sei denn als Einleitung dazu, darin müde zu werden oder meine steigende Müdigkeit – d. i. mein fallendes Beteiligt-Sein – zu befördern. Es sind noch Reste der Wachheit da, noch Reste der Aktivität, des Hin-Gerichtet-, Beschäftigt-Seins. Aber in einem eigentümlichen Modus, der das ganz normale Einschlafen charakterisiert gegenüber dem „sich schlafen legen, aber nicht einschlafen können“. [...] Im Einschlafen bin ich noch affiziert, aber alle Affektionskraft sinkt; und wenn ich auch noch nachgebe, so ist die Intensität der Zuwendung, des von dem Affizierenden Angezogenseins, schwach und selbst abfallend [...]. Dieses Sinkenlassen und [dieses] im Sinken- und Fahrenlassen der Willenspositivität Leben, das als universales stetiges (nicht im Auf und Ab eines Aufschnellens und wieder Sinkenlassens der Positivität meines Wollens und Tuns) gedacht ist, [ist] der Modus des eben noch wachen, aber einschlafenden Lebens. [...] Das Eigentümliche des Einschlafens ist also die Universalität des Passivwerdens des Ich als Interessen-Ich." 
(Husserl, Die Lebenswelt, Husserliana 39)

Freitag, 8. Juli 2011

Keine Hoffnung auf Wiedervereinigung: Husserl und Luhmann prangern an, Mos Def legt vor

[...] people be askin me all the time, ›Yo Mos, what’s gettin ready to happen with HipHop?‹ [...] I tell em, ›You know what’s gonna happen with HipHop? Whatever’s happening with us.‹ If we smoked out, HipHop is gonna be smoked out. If we doin alright, HipHop is gonna be doin alright. People talk about HipHop like it’s some giant livin in the hillside comin down to visit the townspeople. [...] We are HipHop. So HipHop is goin where we goin. So the next time you ask yourself where HipHop is goin ask yourself.. where am I goin? How am I doin? Til you get a clear idea.
Mos Def (1999), Fear not of Man, Black on Both Sides.

Wer "Philosophie" oder "Soziologie" sagt, der scheint ja zu unterstellen, dass es da eine einheitliche Sache gäbe, die man jeweils so bezeichnen kann. Natürlich, philosophische Fakultäten, die gibt es irgendwie (wie soziologische Fakultäten auch) und wer sich mit einfachen Definitionen zufriedenstellt, der lässt sich vielleicht auch darauf ein, alle an diesen Fakultäten lehrend und forschend tätigen Personen als "Philosophen" (resp. "Soziologen") zu bezeichnen. Aber auch dann entsteht aus dem, was die so definierten "Philosophen"/"Soziologen" faktisch an unterschiedlichen Dingen -- und auf sehr unterschiedliche Weisen -- tun, für eine summarische Definition noch ein nicht geringes Problem. Husserl und Luhmann beschreiben.

Was ist die Philosophie?
Freilich ist es schwer einzusehen, wie sich die Philosophie dem Ideal der Einigkeit nähern und in die Bahn eines festen Fortschritts kommen soll, wenn die einzelnen Forscher umeinander unbekümmert, sozusagen aneinander vorbeiphilosophieren und, statt kritische Ausgleichung zu suchen, ihr vielmehr ängstlich aus dem Weg gehen. (Husserl 1897)


Luhmann, unerwartet weniger optimistisch als sein phänomenologischer Kollege, mahnt an, dass ein sich immer feiner differenzierendes Fach (das nicht einmal eine einheitliche Methode kennt) seine Einheit irgendwann nur noch in seiner eigenen "Intransparenz" finden kann. Dazu ein Aperçu zum "klassischen" Regress.

Was ist die Soziologie?
Vorherrschend kehren diejenigen, die sich für allgemeine Theorie interessieren, zu den Klassikern zurück. Die Einschränkung, durch die man sich das Recht verdient, den Titel Theorie zu führen, wird durch Rückgriff auf Texte legitimiert, die diesen Titel schon führen oder unter ihm gehandelt werden. Die Aufgabe ist dann, schon vorhandene Texte zu sezieren, zu exegieren, zu rekombinieren. Was man sich selbst zu schaffen nicht zutraut, wird als schon vorhanden vorausgesetzt. Die Klassiker sind Klassiker, weil sie Klassiker sind; sie weisen sich im heutigen Gebrauch durch Selbstreferenz aus. Die Orientierung an großen Namen und die Spezialisierung auf solche Namen kann sich dann als theoretische Forschung ausgeben. Auf abstrakterer Ebene entstehen auf diese Weise Theoriesyndrome wie Handlungstheorie, Systemtheorie, Interaktionismus, Kommunikationstheorie, Strukturalismus, dialektischer Materialismus -- Kurzformeln für Komplexe von Namen und Gedanken. Neuheitsgewinne kann man dann von Kombinationen erwarten. Dem Marxismus wird etwas Systemtheorie injiziert. Interaktionismus und Strukturalismus sind, so stellt sich heraus, gar nicht so verschieden, wie man angenommen hatte. Webers »Gesellschaftsgeschichte«, ein auch für Marxisten möglicher Begriff, wird mit Hilfe der Parsons'schen Kreuztabelliertechnik systematisiert. Handlungstheorie wird als Strukturtheorie, Strukturtheorie als Sprachtheorie, Sprachtheorie als Texttheorie, Texttheorie als Handlungstheorie rekonstruiert. Angesichts solcher Amalgamierungen wird es dann wieder möglich und nötig, sich um ein Wiedergewinnen der eigentlichen Gestalt der Klassiker zu bemühen. Jedes biographische Detail bringt auf die Spur und ermöglicht die Sicherstellung des Klassikers quer zu dem, was als Theorie aus ihm abgeleitet wird. [...] Als Resultat verwirrt den Beobachter vor allem die rasch zunehmende Komplexität dieser Theoriediskussion. Je besser man die Leitautoren kennt und je höher man die Ansprüche an die Analyse ihrer Texte im Kontext ihrer Sekundärliteratur schraubt, je mehr man sich mit Kombinationsspielen befaßt und je mehr man Emphasenwechsel (zum Beispiel De-Subjektivierung oder Re-Subjektivierung) aus einem Theorierahmen in einen anderen transportiert, desto komplexer wird das Fachwissen, das die weitere Forschung tragen muß. Die Einheit der Soziologie erscheint dann nicht als Theorie und erst recht nicht als Begriff ihres Gegenstandes, sondern als pure Komplexität. Das Fach wird nicht nur intransparent, es hat seine Einheit in seiner Intransparenz. Die Komplexität wird nur perspektivisch angeschnitten, und jeder Vorstoß variiert mehr, als er kontrollieren kann. Selbst wenn man also mit einer Ausschöpfung des Gedankenguts der Klassiker früher oder später rechnen müßte, hätte man mit der selbsterzeugten Dunkelheit immer noch genug zu tun. (Luhmann, Soziale System)

Dienstag, 7. Juni 2011

Luhmann über "Markentreue" in der Philosophie


Der unbarmherzige Beobachter lenkt seinen Blick auf die "Phänomenologie": ein kurzes Stück Theorie der Praxis der Theorie in Aktion:

"Denn dieses Konzept des im großen und ganzen erfolgreichen Wegs zur immer moderneren Moderne vermag angesichts schon sichtbarer Folgen kaum mehr zu überzeugen. Um so näher könnte es liegen, sich auf die Wiener Vorträge Husserls zurückzubesinnen und insbesondere den Grundgedanken einer selbstkritischen Vernunft abzustauben und neu, wie man so schön sagt, »ins Gespräch zu bringen«. Wenn es nicht Schwierigkeiten mit den Texten gäbe, die weder hermeneutisch noch analytisch so einfach übersprungen werden können! Das, was man hier liest, und erst recht die vielen Mißverständnisse, die, inzwischen am Markennamen »Phänomenologie« angewachsen sind wie Algen an einem schon länger zur See fahrenden Schiff - all das erschwert den unvoreingenommenen Zugriff auf die Grundidee der Theorie. Die inzwischen entstandenen Zweit- und Drittkopien, aber auch die von Husserl selbst gewählten Formen des Ausdrucks reichen nicht im entferntesten an die rigorose Konsequenz heran, mit der Husserl ein Interesse an Theorie vorstellt und gegen Bezweiflungen und Verzweiflungen aller Art, auch in den Wissenschaften selbst, verteidigt. Es muß uns ja nicht um Rettung des europäischen Menschentums gehen und vielleicht nicht einmal um Markentreue, was die Namen des transzendentalen Subjekts und der Transzendentalen Phänomenologie angeht. Selbst auf Vernunft könnte man gern verzichten, wenn man wüßte, wie das Interesse an theoretischer Reflexivität zu retten sei. Denn es gibt in diesem Jahrhundert nur wenige Beispiele eines so entschiedenen Interesses an Theorie. In der Soziologie wäre Talcott Parsons ein weiterer Fall (der aber mit Phänomenologie, so wie sie ihm vorgetragen wurde, aus nachvollziehbaren Gründen nichts anfangen konnte). Es sollte sich daher lohnen, genauer hinzuschauen und herauszufinden, wie Theorien in dieser Anspruchslage gearbeitet waren - gleichviel ob man daran erkennt, wie man weiterarbeiten kann, oder ob man sich gewarnt sieht angesichts der Folgelasten bestimmter Theorieentscheidungen." (Aus: Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie)