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Mittwoch, 26. Juni 2013

Innenausschreitung - Beiträge zum Geheimnis (der Poesie)

Früher, wenn Menschen ein Geheimnis hatten, das sie nicht teilen wollten, kletterten sie auf einen Berg, suchten einen Baum, schnitzten ein Loch hinein und flüsterten das Geheimnis in das Loch. Danach verschlossen sie es mit Lehm, auf das niemand es jemals erfahre. 
(Wong Kar-Wai, 2046)
[Übung: Leicht semantisierbarer Rauschraum]
Eine Theorie der poietischen Ursuppe als Spaziergang in Worten. Beim Abschreiten der Grenze der Sagbarkeiten. Grenzen der Sinngenese. Wo man der eingetretenen Sicherheit der Nomina noch nicht vertrauen will, Sinntrampelpfade vermeiden. Vorsichtig genauer hinspüren ("Trägt das denn?"). Auf Impulse auf der Lauer: Lynch wartet als meditierender Fischer des Bewusstseins auf zögerlich anbeißende Motive: erste Bilder, eine Szene, abgeschnittenes Ohr oder halb geöffneter Mund, eine Anziehung zu Rot und wehendem Stoff; während Musil "eine Schnur durchs Wasser zieht und keine Ahnung hat, ob ein Köder daran sitzt" (MoE).

Eindämmernde Halbworte, scheinbar mit Bedeutung schon vollgeladen. Vorahnungen innerer Beweglichkeiten. Mantische Vektoren. Ein leises Ziehen nach vorne links: ruhiger Rhythmus, bedächtig oder eher eilig, Vagheit und Ahnung. Impulsen nachgehend. Auf Orientierung der Räume warten. Bieten sich Richtungen an? Beginn der Innenausschreitung: Sich um einen Turm herum verlaufen ("Mein einfachstes Labyrinth"; Ein Kapitän auf kleinstem Schiff). Spontane Stiftung von Feldern: Heim- und Unheimlichkeiten. Überall hier herrscht hohe Kitschgefahr, natürlich, schnell ist man in unangebrachte Hochtöne umgekippt, feierliche Hochgesten. Die Orte labil. Wo liegen die Bezüge? Noch- und Schonbezüge, einladende Oberflächen, eine Befreundung für Plastikplane plötzlich. Überall Vorsicht geboten. Aber man fängt an zu verstehen, dass etwas überhaupt etwas bedeuten kann: Grund und Finalität, das projektierende Selbst. Ansätze einer Theorie der Mythopoiese. Noch verrauschte Semiosen, präkomplexes Gewebe. Eine Reihe Stöcke waagrecht in Form einer Pyramide legen; das scheint schon fast etwas zu sagen. Symbol ohne Gegenüber, ungefügter noch. Bindungsbereit vielleicht, vielleicht noch deutlicher semantisierbar. Vielleicht etwas Konkretes dazustücken, damit es nicht ganz ins Diffuse abgleitet. "Denn aller Reichtum [der Einbildungskraft] bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn hervor." (Kant) Da einfacher, A und B als greifbare Vergleichspunkte anzubieten und dann nur nicht zu sagen, wie: Rätsel ohne Lösung basteln:
- Ein schweres, Sir!
- Hier ist das Rätsel, sagte Stephen.

Es krähte der Hahn
Zum Himmel hinan:
Der Glocken Klagen
Hat elf geschlagen.
´s ist Zeit, dies arme Seelchen
in den Himmel zu tragen.

- Was ist das?
- Was, Sir?
(Joyce, Ulysses)
Oder aber auch Textgefüge als Bewegung. Die Vorstellung aufgeben, man könnte einen Text durch einen anderen ersetzen, der besser sagt, was er selbst schon sagt -- sich vom Begriff der Interpretation als Vernichtung der Texte befreien. Schreibt doch lieber selbst!
Aber du deutest doch an,—suchte sich Aeins vorsichtig zu vergewissern—daß dies alles einen Sinn gemeinsam hat?
Du lieber Himmel,—widersprach Azwei—es hat sich eben alles so ereignet; und wenn ich den Sinn wüßte, so brauchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen. Aber es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können!
(Musil, Die Amsel)
Die semantische Kluft ["semantic gap"], der Unterschied zwischen Flüstern und Rauschen, als innere Sinnaufspreizung im unmarkierten Geräusch: am Anfang wüst und still, dann zwischen Sicht- und Unsichtbarem unterscheiden, bloß die eine Seite markiert. Brownsche Protologik als Schöpfungsmythos zweiter Ordnung: Wer macht welche ersten Unterschiede? Hilfreich hier für dIen LyrikerIn: Phänomenologie als Innenausschreitung, Begehung der Weltinnenräume. Stößt aber bei meditativer Sorgfalt von innen her an keine Wände einer Generalthesis, eher diffuses Generaldatum als weicher offener Rand des Erlebens. (Husserl hier unaufmerksam gewesen? Oder ihm bloß die Sprache im Weg?). Rauschraum: eher unbestimmte, nebulöse Atmosphären, in/äußerliche Resonanzangebote aus pränominaler Diffusion, keine individuierte Aktuierung (wie erkenne ich einen einzelnen Bewusstseinsakt?). Schließen der Augen und Fokussierung auf Geräusche erleichtert den Eingang in vorkonkret gelöste Ontologie. Hier erst noch keine Gegenstände. Dann aber doch auch Ansätze für Knoten im präepochalen Fluid, Intensitäten verklumpen sich zu stabileren Zurechnungseinheiten. Könnte ein Zug sein, könnte ein Tier sein, oder überhaupt halt Artikuliertes irgendwie. Ließe sich aber alles auch anders zusammenstellen, solange man noch nicht pragmatisch damit umgehen muss: Gegenstände als erste "Notbehelfe zur vorläufigen Orientirung und für bestimmte praktische Zwecke" (Mach, Analyse der Empfindungen). Manipulierbarkeiten. Eine Wurzel Stolperwiderstand. Der Lyriker: Jäger unerwarteter Intensitäten als textlich hergestellte Widerstände des Denkens (Sätze, Rhythmen, Worte, Assonanzen). Wie Gedichte machen zwischen "(a) Drangsalieren des Materials, Ausbeuten des Mediums" und "(b) Errichten von Attraktoren"?
(a1) Jagdschein: Poetisieren von allem, was vor die Flinte kommt
(a2) Ausweiden: systematisches Abklappern einzelner Flurstücke, Techniken
(a3) Treibjagd: motivische Engführung, technische Zurüstung
(a4) Blattschuss: exaktes Präparieren, >Malen nach Zahlen<

(b1) Fallenstellen: architektonisch Herbergen, syntaktisch Trichter, motivisch Milieus
(b2) Arche- und Gehegebau: Rettung der Phänomene, Haltung/Ausstellung von Gedanken
(b3) Schädelschau: Beschwörung außersprachlicher Mächte
(b4) Trance: Jagd unter Einfluss von Alkohol, Müdigkeit, Ekstase
(Cotten, Falb, Jackson, Popp, Rinck, Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs, Erörtern!)
 [Re-Entry 5.5.12] 

Dienstag, 28. Mai 2013

"Aber der Kaiser ist ja gar nicht nackt!" - Über die Widerständigkeit sozialer Tatsachen

"Die Festigkeit der Außenwelt ist in ihrer Wunschresistenz begründet." - (J.Clam)

(Nicht nackt)
Sozialkonstruktivisten einfacher Bauart verbinden mit der These der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit traditionell eine starke Faszination für die Kontingenz sozialer Verhältnisse. Die Vorstellung, dass alles auch ganz anders sein könnte, die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht stabil sondern plastisch, die soziale Wirklichkeit bloß wie ein leichtes "Ideenkleid" (Husserl) über die "rohe Wirklichkeit" geworfen sei und also auch das chaos irgendwie immer mitregiert, lässt sie kontingenzbeschwipst die permanente Anwesenheit von Ausnahmezuständen imaginieren, die alles jederzeit noch einmal ganz anders sein lassen könnten ("Und immer steht im Kulturkostüm zugleich vor dir das nackte Leben."). Indem sie auf die kontingente Entstehung sozialer Tatsachen verweisen, deren Angewiesenheit auf fortwährende performative und implizite Ratifikation, glauben sie den Schleier schon gelüftet, den Widerstand der sozialen Wirklichkeit schon gebrochen zu haben. Gemeinsam mit dem Kind würden sie gerne vor die Szene gehen und es für alle hörbar aussprechen: "Aber die soziale Wirklichkeit hat ja in Wirklichkeit gar nichts an!" Nichts weiter als eine verschwiegene Verabredung sei die ja, ein Mechanismus, dessen Betriebsgeheimnis nicht folgenlos ausgeplaudert werden kann: Unsere Wirklichkeit ist konstruiert! Der Kaiser ist in Wirklichkeit ganz nackt!

Das Problem dabei ist: Der Kaiser ist ja gar nicht nackt: er trägt ja die Kleider "aus dem schönsten Zeug, das man sich denken kann", solange andere das handelnd beglaubigen und damit einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht, obwohl es nichts (außer diesem Unterschied) zu sehen gibt. De facto mag der Kaiser nackt sein, de jure trägt er das schönste Gewand. Hinreichend beglaubigte Unterschiede erzeugen einen Wirklichkeitswiderstand, dem der findigste Genealoge nichts außer dessen Gemachtheit entgegensetzen kann: Nur, wer die nackten mit den sozialen Tatsachen verwechselt, reiht sich hier unter die entblößenden Kinder ein; die Anderen suchen Wege zwischen den Widerständen. 

Die Normativität des Faktischen ist insofern nichts anderes als dieser Widerstand, den eine soziale Tatsache durch explizite und implizite Beglaubigung selbst darstellt. Ein Unterschied, der außer sich selbst keinen Unterschied macht. Den aber eben schon.
The institutions, as historical and objective facticities, confront the individual as undeniable facts. The institutions are there, external to him, persistent in their reality, whether he likes it or not. He cannot wish them away.

(Berger & Luckmann, The Social Construction of Reality)

Samstag, 5. Januar 2013

Das Defaszinations-Apriori der Theorie (und seine Negation)

[Re-Entry 07-20-12]
"Apo-Sitional" [@SG]
"Du verstehst es nicht. (Es ist Jazz.) Ich habe die Flows. (Und du nur ein Gefäß). Fang davon etwas auf und flieg auf und davon.
(In deinem mentalen Heißluftballon)"
(Retrogott/Hazenberg)
Nicht zugeben zu dürfen, was die eigene Motivation eigentlich ist. So tun müssen, als hätte sich alles auch von alleine genau so ergeben, wenn nur irgendeiner es einmal nüchtern und lange genug - analytisch! - in den Blick genommen hätte: Unter einem allgemeinen Neutralitätsgebot steht für gewöhnlich die Theorie. Wer doch offen gesteht, dass er in und durch seine Überlegungen emotiven Impulsen folgt, ihn möglicherweise hier etwas antreibt, was nicht seinerseits einfach abstrakt und nüchtern zu begründen wäre, macht sich dem gegenüber verdächtig. Neutral sei sie, die Theorie, ganz wie ihr großer, naturwissenschaftlicher Bruder. 
Die "theoretische Einstellung" meint die praktische Desinteressiertheit der Disposition gegenüber dem Thema der betätigten "Theoria". Die Neutralität im Sinne der Unbeteiligtheit des Theoretikers als eines Zuschauers ist für Husserl wesenhaft dem Eingestellt-Sein auf Wissen. So deutet diese knappe Erläuterung des Begriffs der "theoretischen Einstellung" auf ein grundlegendes Merkmal der wissenschaftlichen Untersuchung als Textgattung, d.i. auf die Verschwiegenheit der sie bewegenden Motivation.
(Jean Clam)
Wenn Theorie sich selbst präsentiert, so tut sie das also meist als von ihren Gegenständen defasziniert. Ihr Paradigma der Defaszination ist -- ihr Name hat es schon verraten -- der göttliche Blick, Sauron (der allerdings fast schon zu spezifisch aufmerksam), der "Blick von nirgendwo" (Thomas Nagel), Zeus, "als eine Art Pensionär im Absoluten" (Sloterdijk), der Welt souverän bei ihren Autoimmun-Verstrickungen zusehend, während die vielen kleinen selbstverwickelten und -faszinierten Ideologen sich gegenseitig "die Zähne ins eigene Fleisch" (Schopenhauer) schlagen. Der Theoretiker dagegen arbeitet, von den konkreten Bedrängnissen unberührt, thronend, schwebend [und was einem noch an Jovialitätsfiguren so einfällt] an ihn im Idealfall überdauernden Resultaten, die mit ihm nicht mehr zu tun haben als ihren "context of discovery" (Reichenbach).
Nur durch strenge Spezialisierung kann der wissenschaftliche Arbeiter tatsächlich das Vollgefühl, einmal und vielleicht nie wieder im Leben, sich zu eigen machen: hier habe ich etwas geleistet, was dauern wird.
(Max Weber)
Das Dauernde der Philosophie sind aber nicht ihre Antworten, ihr Dauerndes sind [das wird hier einfach behauptet; mit einem Kopf, Textkopf, versehen] die verschiedenen Weisen des faszinierten Fragens und Sagens. Wer von den Philosophen Positionen lernen will ("Herr H., Sie sind doch Philosoph, sagen Sie uns, wie sollen wir uns moralisch korrekt verhalten?"), hat nicht verstanden, dass die einzelnen Positionierungen nur vorübergehende Anhalte eines gerichteten Sagens und Fragens waren. 
Es gibt vielleicht so etwas wie die heisenbergsche Unschärferelation des Philosophierens, die darin besteht, dass man, wenn man den Ort einer philosophischen Positionierung in Erfahrung bringt, nichts mehr über den spezifischen Impuls aussagen kann, der diese Positionierung eigentlich trägt, ihr als Impuls- und Bewegungsmasse im Nacken sitzt. Die Philosophie verkauft aber keine mentalen Immobilien sondern bietet Richtungen und Geschwindigkeiten, vielleicht sogar Vehikel des Sagens und Fragens an, Methoden, denen sie -- jeweils verschieden -- selbst folgt; und dabei dieses Bewegtsein fasziniert präsentiert.
Die Faszination spielt hier insofern eine gewichtige Rolle, weil sie den Bewegungssinn, die Richtung der Bewegtheit vorgibt, auf der sich ein Denken jeweils bewegt. Hier hat man es überhaupt nicht mit "Ideologien" zu tun, weil Ideologien Selbsteinmauerungen in positionale Gefäße bedeuten. Das faszinierte Denken besitzt dagegen (nur) eine Gerichtetheit, Es tut Es nicht für "cash und fame" (D-Flame), sondern weil Es ihm So am interessantesten erscheint -- und ist dabei a-positional, transitorisch:   
Es käme darauf an, dem "Standpunktdenken", das vergeblich nach dem richtigen (proletarischen, konservativen, liberalen) Standort fragt, abzusagen, und Rationalität in der Struktur der Theorie anzusiedeln: Im Verhältnis des Aussagesubjekts zu seinen semantischen und narrativen Verfahren. [...]
Das Engagement als solches sollte [...] keineswegs unterdrückt, sondern als angebracht erkannt und anerkannt werden: solange es nicht in Ideologisierung umschlägt und die theoretische Reflexion lähmt.
(Peter V. Zima, Was ist Theorie?)
Das wäre eine Theorie, die ihre eigenen Fasziniertheit offen bekennt und bekennend auch verkörpert, eine "Art Wissenschaft, die von Fans betrieben wird" und die das "eigene Fasziniertsein nicht ideologisch ausblendet, sondern heuristisch fruchtbar macht".

(Diedrich Diederichsen, zitiert nach Eckhard Schumacher, Existenzielles Besserwissen, in: Dilettantismus als Beruf). 

Sonntag, 29. Juli 2012

Fahrlässigkeit als Selbst-Entbündelung, eine Ergänzung


"Leichter sein." - Pathosformelgenese
Nach dem etwas ausführlicheren Beitrag zur "Geburt der Fahrlässigkeit aus dem Geist der Selbstentlastung" ergänzt, wieder stilgenau und satzsicher, ein engagierter Clam als komplexitätssteigernder P.S.:  
Die "Prosopographie" der Postmoderne zeigt uns gerade ein hedonistisches, fluktuierendes, glattes und gleitendes Wesen, das durch seine durchurbanisierten und durchservicierten Landschaften so wie durch seine virtuellen elektronischen Umwelten ohne Mühe, ohne Reibung rollt und surft. Wenn dies ihm so gut gelingt, dann ist es nur, weil so viel Unbeschwerlichkeit und so viel aisance durch eine gründliche Entbündelung seiner Erlebens- und Denklinien gewonnen worden sind. Nötig ist dafür ein Abbau der dem Erleben innewohnenden, all seine Sequenzen und Inhalte nach einer Ökonomie der Einheit- und Selbstheit-bildung und -stärkung immanent normierenden Grundtendenz. [...] All dies: Eins- und Selbstsein, Sammlung, Ernst und Schuld, ist das, was es in der existenziellen spätmodernen Verfassung nicht gibt, -- oder genauer, was in ihr abgebaut wird. Durch Ablegen der Forderung nach Selbstung wird eine spezifische Leichtigkeit des Selbstvollzugs entlang einer Anzahl von freizügigergriffenen Differenzen erlangt.
(Jean Clam, Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren? [Lesen!])   
[Re-Entry vom 07.03.12]

Montag, 2. April 2012

Das zerstreute Selbst: stultitia moderna

Das Internet hat, außer manchen anderen Verstimmungen des Gemütes, auch dieses zur Folge, daß es die Zerstreuung habituell macht. 
(Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht)

Ein ironisches Lob der Torheit im Munde der Torheit.
(Kaminsky über Erasmus´ Laus Stultitiae)
Immer in der Mitte anfangen. Einen Text kurz anlesen, das Ende zuerst, sich doch wieder umentscheiden, wieder verschwinden, Interessanteres suchen, die Aufmerksamkeit eine Weile an einen Neuigkeiten-Ticker hängen, müde werden, einnicken, wieder weiter suchen -- das zerstreute Selbst ist flüchtig und neugierig, augenblicksgläubig und augenblicksvergessen, mit einem gewissen Hang zur folgenlosen Pointe. 
Neugier [ist] durch ein spezifisches Unverweilen beim Nächsten charakterisiert. Sie sucht [...] nicht die Muße des betrachtenden Verweilens, sondern Unruhe und Aufregung durch das immer Neue und den Wechsel des Begegnenden. In ihrem Unverweilen besorgt die Neugier die ständige Möglichkeit der Zerstreuung.
(Heidegger, Sein und Zeit)
Ungesammelt, nur kurzfristig aufmerksam, dabei stets vergesslich: es steht in der Küche und weiß nicht mehr genau, was es hier eigentlich wollte, lässt sich vom Angebot der Schränke aber spontan zu etwas inspirieren, macht sich um halb vier sowas ähnliches wie Mittagessen. Modularisierung und beliebige Wiederzusammensetzung des Tagesablaufs, Alltagsbricolage. Eine Kanne Kaffee vor dem Schlafengehen spricht es davon, seinen Schlaf-Rhythmus irgendwann einmal wieder dem anzunähern, was es als für "so allgemein als normal" befunden befindet. Nie ganz bei sich, poly- oder dekonzentriert, inspirationsoffen und unverhärtet verwirklicht es den "postanankastischen" (Clam) modus vivendi -- an vielem interessiert, vieles zugleich bearbeitend, multitabing-erprobt.
Stultus ist derjenige, der unachtsam sich selbst gegenüber ist. [...] Stultus ist derjenige, der sich allen äußeren Reizen aussetzt, für die äußere Welt offen ist, d.h. derjenige, der alle Vorstellungen, die ihm die äußere Welt zu bieten hat, in seinen Geist einläßt. Er nimmt die Vorstellungen an, ohne zu prüfen, was sie vorstellen. [...] Somit ist der stultus jeder Bewegung von außen kommender Vorstellungen ausgesetzt, ohne, sobald diese in seinen Geist eingetreten sind, fähig zu sein, die Grenze zu ziehen, die discriminatio vorzunehmen zwischen den Inhalten dieser Vorstellungen und den [...] subjektiven Elementen, die sich daruntermischen. Der stultus ist folglich auch der zeitlich Zerstreute, d.h. nicht nur der für die Vielfalt der Welt Offene, sondern auch der in der Zeit Verstreute. Der stultus erinnert sich an nichts, er läßt sein Leben zerrinnen, er bemüht sich nicht darum, seinem Leben eine Einheit zu geben [...].
(Foucault, Hermeneutik des Subjekts)
Das zerstreute Selbst weiß selbst nicht, was es bedeuten würde, mit sich identisch zu sein, gibt stattdessen lieber "Ich" und "Selbst" und "Identität" in die Suchmaske ein; und ist dabei selbst mehr Such-Maske als persona. Dass es trotzdem immer irgendwie mit sich zu tun hat, erkennt es dann vor allem an seinen schlechten Gewohnheiten und dem, was sein inspiriertes Fließen sonst noch so zum Ruckeln bringt: seine "Ermüdung, die unmotivierten Stimmungswechsel, die Tagesschwankungen, [...] Nichtschlafenkönnen, Abstoßungen, Übelkeiten", das zerstreute Ich "ist ein durchbrochenes Ich, ein Gitter-Ich, fluchterfahren, trauergeweiht" (Benn, Probleme der Lyrik) -- denn traurig ist das zerstreute Selbst meistens allein: Traurigkeit ist ungesellig.
 

Samstag, 31. März 2012

Wieso das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen eine Chance zur Entkrampfung des politischen Diskurses darstellen könnte


"Eine Politik der öffentliche Rede über die Verzweiflung würde außerordentlich therapeutisch wirken." 
(Sloterdijk im Gespräch mit Carlos Oliveira, 1996)

Risiko und Sicherheitssuggestion als Konstituenten von Politik

(Unsicherheit absorbieren)
Souveränitäts- und Bescheidwissens-, auch Ehrlichkeitssuggestionen gehören scheinbar unverbrüchlich zum Alltag politischer Selbstdarstellung. Politiker wissen Bescheid, haben bereits heute Lösungen für Probleme, mit denen sie bis vorhin nicht einmal gerechnet hatten und können jederzeit abschätzen, was genau die Folgen dieser oder jener Entscheidung im Detail sein werden.
Diese Situation bringt die Politik in ein Darstellungsproblem. Sie hat keine ausreichende Weltkenntnis, sie kennt vor allem die Zukunft nicht. Sie muß also riskant entscheiden. Wenn es aber um den politisierten Konflikt von Entscheidern und Betroffenen geht, kann sie ihre eigene Entscheidung nicht gut als das darstellen, was sie ist: als riskant.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Politik muss also suggerieren, was sie eigentlich zu leisten gar nicht im Stande ist. Das heißt, dass sie sich als Zurechnungsadresse von Verantwortung selbst da zur Verfügung stellt, wo Verschuldung nur noch schwer oder gar nicht mehr zurechenbar ist. Eine solche Zurechnungsadresse für Verantwortung entlastet ihrerseits die Gesellschaft von der Konfrontation mit eigener Unsicherheit und Kontingenz. Selbst wenn Schwerwiegendes geschieht, ist man als Beobachter von Politik dann nicht mit der Schwierigkeit konfrontiert, es als einen unvorhersehbaren Zufall der allgemeinen Unordnung des Lebens zuzurechnen, sondern hat in der Politik eine Adresse für Klage und Protest (insofern nimmt auch und gerade die "Politikverdrossenheit", wo sie nicht einfach Desinteresse ist, die Politik besonders ernst, da sie ihr Verantwortung für die "Gesamtsituation" und ihre diesbezüglichen Verfehlungen dann als Schuld zuschreibt). In diesem Sinn stellen Politiker -- indem sie sich dafür zur Verfügung stellen, Verantwortung für Prozesse zu übernehmen, die sie teilweise selbst kaum überschauen (geschweige denn deren Risiken bis ins Letzten vorausberechnen können) -- "Unsicherheitsabsorbatoren" dar.
Selbst Naturkatastrophen werden heute als gesellschaftsverursacht wahrgenommen. Irgendwo müsse ein Bruch des Vorausssichts- oder Vorsichtsprinzips gelegen haben, der zu einer Verschlechterung der ökologischen Verhältnisse geführt hat und die Gesellschaft für Erdrutsche, Erdbeben, Überschwemmungen, ja einzelne besonders heftige Gewitter verantwortlich macht.
(Clam, Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug)
Der oft beklagte "Vertrauensverlust" in die Politik scheint zum Teil eine Reaktion auf die Einsicht in diese Form politischer Selbstdarstellung zu sein, sofern die standardisierte und mittlerweile allenthalben als phrasenhaft wahrgenommene Suggestion von Sicherheit selbst inzwischen an Glaubwürdigkeit verloren hat.  

Vertrauen in Politik?

(Politik als Selbstbeschuldung)
Vertrauen setzt da ein, wo man nicht genau weiß, was wirklich geschehen wird und sich trotzdem darauf festlegt, so zu handeln, als wüsste man es doch. "Im Akt des Vertrauens wird die Komplexität der zukünftigen Welt reduziert", insofern "überzieht [Vertrauen] die Information, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft" (Luhmann, Vertrauen), Vertrauen bleibt also immer riskant und enttäuschbar. 
Insofern stellt das politische Versprechen die größte Gefahr für die Stabilisierung von Vertrauen dar, da politisch Versprochenes (vor einer Wahl oder einer Krise beispielsweise) sich im Wandel der Geschehnisse (nach der Wahl/Krise) schon als nicht mehr durchsetzbar oder sogar als unklug erweisen kann, aber auch -- und noch schwerwiegender -- wenn da versprochen wird, wo der Versprecher gar keine Handhabe über Verwirklichung oder Nicht-Verwirklichung seines Versprechens besitzt (er/sie beispielsweise die Sicherheit von Rentenansprüchen, die Senkung von Arbeitslosigkeit oder die Sicherheit der auf Sparkonten angelegten Einlagen verspricht).
Das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen (wie man es jüngst etwa von der Piratenpartei erleben konnte) und Unsicherheit, das Eingeständnis, dass man nicht genau weiß, was die Folgen und die Risiken der Entscheidungen tatsächlich sein werden, könnte für die Wahrnehmung des politischen Diskurses also durchaus heilsam sein und es zumindest ein Stück von der Last der permanenten Souveränitätsdarstellung befreien. Und auch wenn Stuckrad-Barre schon meinte feststellen zu können, dass ihn dieses Eingeständnis inzwischen schon wieder langweile 
Wie weit kann man´s mit dieser Masche bringen: "Keine Ahnung von Afghanistan..." Nervt sie das schon, dass das so pseudofrisch kommt? Mich fängts jetzt schon an zu nerven..
könnte es also durchaus als ein gesundes Korrektiv gegenüber einer sich ständig um die Suggestion von Sicherheit der eigenen und Unzulänglichkeit der fremden Vorschläge bemühten Politik fungieren. Allerdings: "Die Kommunikation von Nichtwissen stellt von Verantwortung frei" (Luhmann, Beobachtungen der Moderne), was auf der anderen Seite natürlich auch bedeutet, selbst nicht mehr zu entscheiden. Politik besteht immer in der Übernahme von Verantwortung für Entscheidungen und in einer damit verbundenen Selbstbeschuldung, d.h. Auf-sich-Nahme der dem Entscheiden (angemessen oder unangemessen) zugerechneten Folgen. Das ändert allerdings nichts daran, dass eine langfristige Veränderung der politischen Selbstdarstellung (gerade im Hinblick auf das Eingeständnis von Unsicherheit und Risiko) einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung von Politik haben könnte.

Die Forderung nach Transparenz

Könnte dabei die Forderung nach Transparenz zur Wiedergewinnung des "verlorenen Vertrauens" (ist es aber wirklich das Vertrauen in die Politik, das wir verloren haben?) beitragen? (Vgl. hierzu entsprechenden Beitrag auf sozialtheoristen.de)
Man mag die Hoffnung hegen, durch aufrichtige, vollständige Information Vertrauen zu gewinnen. Aber Vertrauen wozu? — wenn nichts verschwiegen wird. Vermutlich ist denn auch der Wunsch, besser informiert zu werden, eher ein Anzeichen für zunehmenden Vertrauensverlust als ein Mittel, Vertrauen zu gewinnen.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Vertrauen in Politik bedeutet ja gerade: Sich verlassen können/wollen auf die durch die Autorität (Expertise, etc.) anderer zur Verfügung gestellten Unsicherheitsabsorptionen. Wer hat schon die Zeit, jede Beratungssitzung wirklich im Live-Stream zu verfolgen? Wer die Zeit, alle Protokolle zu lesen, sowie vor allem auch die Aufmerksamkeit und Kenntnis, sie alle zu verstehen? In diesem Sinne bleibt die Politik auf Intransparenz angewiesen (was allerdings nicht bedeutet, dass Transparenz im Sinne der grundsätzlichen Ermöglichung, dies alles im Einzelnen in Erfahrung zu bringen, wenn man nur will (d.h. Transparenz als "Zugänglichmachung"), nicht zur Wahrnehmung der Politik als vertrauenswürdig beiträgt).
Kandidieren heißt ja doch, an den eigenen Kraftüberschuss glauben. Und glauben, dass man selber ein "Container" ist, also eine Hohlform, in der sehr viel gesellschaftliche Sorge deponiert werden kann. Und das ist eine Haltung, die für die demokratische Politik zwar konstitutiv ist, auf die Dauer aber nicht mehr tragen wird. Dieser "Müllabfuhrpolitiker", der sich sozusagen als Sorgencontainer der Öffentlichkeit anbietet und dann am Ende doch aber auch selber auf den Müll geschickt wird, das ist ein Typus, dem ich keine große Zukunft zuspreche. 
(Sloterdijk, Autobahnuniversität, Gespräche mit Carlos Oliveira, 1996)

Freitag, 16. März 2012

Morphologien des Frühlings: Die Verwegenheit des Eisverzehrs

Ausgehend von Deleuze´ und Guattaris Überlegungen zum "organlosen Körper" macht sich Jean Clam Gedanken über Symbolisierung und Erzeugung der spezifischen Form von "Begehrlichkeit", die in unserem Kulturkreis vorzuherrschen scheint. Ausgehend von Ovid zeichnet er die Entstehung und Entwicklung dieser "Nacktheit/Begehrlichkeit/Weiblichkeit als ein Körper/Weib/Werden" nach, verfolgt mithilfe einer kreativen Phänomenologie das Spiel der "Weib/Körper/Nacktheit-Wolke", die unsere Welt bewirbelt.
(Eisschmelze; [Roman Duerr, CC BY-NC 2.0])
Die Weib/Körper/Nacktheit-Wolke wirkt in allem, was sich von ihr durchziehen und bewirbeln lässt, als Weltagencement. Dieses setzt an allen Weltregionen und -gegenständen an, taktet sie in den Sog, Klang, Tanz, in die "Ritournelle" der Begehrlichkeit hinein, bringt an ihnen die Resonanz eines schematischen Grundgleichklangs zum klingen. Das Feld der belegend beschreibenden Analysen wäre hier grenzenlos: In jedem Hörnchen Eis pocht dieses Werden, das es "klanglich" transformiert, ummetaphorisiert, umnebelt, umenergetisiert, umartikuliert. [...]
In seinen Formen und Farben, im sonnigen Nachmittag, der es in den lässigen Gängen durch eine durchbefriedete und von Wohligkeit beschwingte Innenstadt hervorwünscht, wirkt die Metapher des Eisverzehrs als Werden eines am Weiblichen orientierten Genussagencements. Dieses ist Bildung von Haecceitates zu augenblicklichen Ganzheiten, zu Zusammenhängen von Geschwindigkeiten und Langsamkeiten; von Kugeln, Rundungen von Farben, Essenzen, Geschmacksqualitäten und -intensitäten, Kurvigkeiten von geschmeidigen Leckmassen, übereinander gelagert, fallend, dreistöckig, verfolgbar, körperschematisch, mit Händen und Zunge. Der Eiskegel ist ein invertierter (leckender, saugender) Mund, ein inneres Hüftefassen, -nachbilden, -streicheln, ein Bedrücken von geschmeidigen und feuchten Massen, die lustvoll nachgeben, nach einem von Genießenslangsamkeiten bestimmten Rhythmus der Wahrnehmung und der Berührung. Ice Cream/I scream.
(Jean Clam, Die Gegenwart des Sexuellen. Analytik ihrer Härte)

Sonntag, 26. Februar 2012

Strategien der Selbstverknotung - Nach Luhmann über Theorie theoretisieren


(Der Urknoten in der Theorie)
Über "Selbstverknotung" (die Thematisierung und Infragestellung der Grundlagen der eigenen Theorie in dieser Theorie selbst) reflektiert ein metaphernsicherer Jean Clam: 
Eine Theorie, die, wie Luhmann sagt, in sich selbst vorkommen kann und muss, bildet notwendig einen Letztknoten, der aus dem Kreis all der in jedem neumaligen Selbstvorkommnis entstehenden Nodositäten besteht ["Durch die Saugtätigkeit der Wurzelläuse krümmen sich die Enden der Faserwurzeln fast rechtwinklig ab und schwellen an (Nodosität)."]. Philosophie ist eine Art des Denkens, das eine solche Knotung im Grunde sucht und veranstaltet. Sie sammelt sich um diesen Grund und erhält daher eine involutive Gangart (Methodik), die ein theoretisches Ausufern in die Breite überflüssig macht. [...]  

Luhmann ignoriert die in der philosophischen Tradition ausgebildeten spezifischen Verfahren des Rückgangs auf die Letztknotungen der Bedingungen der Möglichkeit von Welt und Weltwahrnehmung sowie der auf sie gerichteten Besinnung selbst (d.h. der hierhin sich vollziehenden Philosophie selbst). Er ersetzt sie durch eigenentwickelte, der Protologik von Spencer Brown entliehene, ihre Selbstvorausgesetztheit ganz anders reflektierende Motive und Grundsätze, ohne eigens die Untauglichkeit der philosophischen Gegenstücke zu besprechen. Denn die Prämisse ist hier wiederum die angesetzte Idee von Theorie als Theorie-Konstruktion.
(Jean Clam, Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren? [Leseempfehlung])