***Nachträglich eingeschobene Warnung: Der Text enthält mitunter Ironie***
Der Troll kann - wenn er nur raffiniert genug ist - fast immer und überall provozieren. Beobachtet er nur genau genug, wer aus welcher Motivation wie was sagt - und vor allem: wie was nicht sagt - wird er die Schwachstellen finden, die Andere (konkrete oder beliebige, je nach gewählter Strategie) zur Weißglut treiben werden.
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| "Cyber-Zeiträuber-Troll" |
[Ich gebe diesem Text nun eine persönliche Note:] Ich fühlte mich auf der Trollcon tatsächlich nur in einem Augenblick getrollt: Und zwar, als sich nach dem Vortrag über Trollfeminismus eine Diskussion darüber entfaltete, ob Männer und Frauen nun unterschiedlich seien oder doch eher nicht, ob die Wissenschaft da vielleicht Beweise in der Tasche habe oder ob die Steinzeitvorzeit vielleicht feste Rollenmuster mit Mentalkeilschrift tief in unsere Gehirne eingekeilt habe oder ob nicht doch alles Wesentliche am Ende ja wohl ansozialisiert sein müsse. Diese Diskussion [die Diskussion, wohlgemerkt] war in der Tat so furchtbar fruchtlos, dass ich mich von ihr bis ins Mark provoziert fühlte. Ich wünschte - dabei eindeutig körperliche Impulse in mir aufsteigen fühlend - ihr Ende herbei, fühlte mich versucht, sie mit einigermaßen wütenden Zwischenrufen lächerlich zu machen, undsoweiterersmehr. Die Unordnung, das chaotische Hin- und Herverweisen auf je natürlich bezweifelbare Evidenzgrundlagen erschien mir unerträglich und so ganz offensichtlich hoffnungslos, in der Zeitspanne unserer Leben unmöglich einer "Klärung" zuführbar, dass ich meine Wut kaum unterdrücken konnte. Ich war von dieser Furchtbarkeit also offenbar getrollt worden. [Ende des Versuchs, dem Text einen persönliche Note zu geben.]
Worauf dieser Umstand verweist, ist die Frage nach dem Phantasma, das hinter der Trollpraxis insgesamt steht: Welche Situation wird implizit von den Trollen anvisiert, was ist die positive Utopie, die hinter dem Trolling als Provokationspraxis aufscheint? Ich glaube, es ist die Vorstellung der Unverwundbarkeit, man könnte auch sagen: die Vorstellung absoluter Immunität.
"The willingness of trolling “victims” to be hurt by words [...] makes them complicit, and trolling will end as soon as we all get over it."
Immunität wäre hier also verstanden als die Vorstellung einer Universalversicherung, die gegen alle möglichen antizipierbaren Schäden schon im Vorhinein so versichert, dass diese Schäden nicht einmal mehr eintreten könnten. Der Untrollbare wäre also durch keine mögliche Situation mehr provozierbar. Beim Dadaisten Hugo Ball findet sich eine solche Vorstellung im Hinblick auf die Frage, wie man ("heute noch!") Literatur schreiben könne:
Es gilt, unangreifbare Sätze zu schreiben. Sätze, die jeglicher Ironie standhalten. Je besser der Satz, desto höher der Rang. Im Ausschalten der angreifbaren Syntax oder Assoziation bewährt sich die Summe dessen, was als Geschmack, Takt, Rhytmus und Weise den Stil und den Stolz eines Schriftstellers ausmacht.(Die Flucht aus der Zeit, 1927)
Die Frage ist nun einfach: Ist die Hoffnung, die wir haben sollten, tatsächlich, uns am Ende alle "untrollbar" und unangreifbar zu machen? Ganz darüber hinwegzukommen, uns durch Worte verletzen zu lassen? Ich glaube: Nein. Und der Grund ist ziemlich einfach: Zeit. Nein und Zeit also. Wir [jeder, ich zumindest] haben einfach keine Zeit, Furchtbarkeiten allzu oft und allzu lange über uns ergehen zu lassen. Im Internet stellen sich hier kaum Probleme: Man kann virtuelle Räume sehr leicht und ohne großen Wind verlassen, wenn Kommunikation zu langweilig wird und man sich lieber anderswo mit Interessamterem beschäftigen will. Probleme mit Trollen entstehen in der "Analog-Welt": Wenn man einer Sache beiwohnt, die schlichtweg zu schrecklich ist, ihr länger Zeit zu schenken, gleichzeitig aber die vorgestellten (sozialen) Kosten des Abbruchs der Situation (durch Verlassen, Störung oder auch Zer-störung) im Augenblick zu hoch erscheinen, als dass man der Situation wirklich entkommen könnte. Der furchtbarste Troll ist also derjenige, dem es gelingt, andere unausweichlich einer Furchtbarkeit über unangenehm lange Zeitspannen hinweg auszuliefern: Die aktive Nötigung zur Zeitverschwendung. Nichts provoziert schrecklicher. Es gibt Ereignisse, Diskussionen und Situationen, die offenbar einer Beledigung der Zeit selbst gleichkommen. Aber auch der Zeiträubertroll macht vielleicht hierauf erst aufmerksam: Die alltägliche Sinnlosigkeit des Verstreichens von Zeit. Hiervon provozierbar zu bleiben scheint allerdings eher gesund als lächerlich zu sein.






