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Mittwoch, 8. August 2012

Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns


"Wie geht die mens mit notio um, der Kusaner?"
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert ("Ich checks einfach nicht."). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt ("Er hat gar nichts damit gemeint."). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet ("Metaphysik ist Unsinn."), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt "in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor"):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen.
(Deleuze, Logik des Sinns) 
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er "einfach nur zu blöd ist": Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden. 
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: "Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat." (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet.
(Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, [...] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. [...]
(Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
[Re-Entry auf M_K Hinweis 05.03.12]

Montag, 23. Juli 2012

Die Rache der epistemischen Gewalt I: Drei nathanische Enthüllungen


[Eine kleine Dialektik der Entstellung (nicht zur Strafe, nur zur Übung:)] 
I. Es ist schon früh wieder dunkel geworden in den noch halbbenommenen jungen Theorie-Köpfen. Während die einen in logischen Siedebecken letzten Fremd- und Selbst-Analysen entgegeneifern, ergehen sich die anderen in esoterischen, ein Fremdes, Anderes, Unfestgestelltes, Unidentifiziertes, Ununiformiertes vorsichtig umkreisenden Wort-Wellen, langsam anbrandend, immer wieder das Eine (und damit natürlich auch das Andere) wiederholend: "Du kannst nicht. Du darfst nicht. Du sollst nicht: Mach´ keine Unterschiede! Hör´ auf das Rauschen! Enjoy the silence."
"Die Party steigt immer nur in der Höhle,
nie aus"
In diesem schweren, traurigen Nein liegt ihr ganzer Furor, in ihrer "Kritik" Schmerz der alten Welt, Schmerz des Gestern, Heute, Schmerz des Morgen. Der Schmerz aller Schnitte, Schmerz der Unterscheidung  des Unterscheidens (krinein): Kritik der Kategorie, versammelt in ein paar Namen, ein paar Worten, Schlachtworte, Kriegsworte, lauter Unter- Zwischen- Mittlerkategorien, immer das Gleiche Andere Dazwischen meinend, das Andere sagend, damit es auf keinen Fall wieder das Gleiche werde, damit es nicht das Gleiche sei. All das versammeln sie und rüsten damit gegen die "Euphorie", die "Identität", den "Affirmismus", den sie -- man weiß nicht genau, wo -- schon überall vermuten, dem sie seine blöde triumphalistische Naivität endlich austreiben wollen: "Auch ihr seid nur Gefangene!" und wenn sie es könnten (blinder Fleck) würden sie ihren eigenen Ärger sehen: "Was bilden sie sich ein zu behaupten, sie seien die Fesseln losgeworden? Was bilden sie sich ein, von einer anderen Sonne "da draußen" zu sprechen? Wartet bloß ab, wir bringen euch schon wieder in die Höhle zurück: Wenn wir nicht sehen dürfen, dann darf es keiner: Die Rache der epistemischen Gewalt."
II. So und so ähnlich liest man heute immer öfter in vermeintlich revolutionärem Tonfall, deutlich hybrid, seltsam umständlich, altmodisch, ein verquaster neoromantischer Stil greift um sich, Internetwirrnis vermischt mit ein bisschen affirmativem Pop: Chaostruppe Notausgang, Einsatzkommando Spaßclub. Offenbar sind da mal wieder ein paar Lutige Mustige ausgezogen, das Abendland (oder doch lieber sein Gegenteil?) zu retten - keiner hat auf sie gewartet, keiner steht für sie Spalier, keiner abboniert ihre News-Feeds. Dabei vermuten sie (natürlich) nur die allerbesten Absichten auf ihrer Seite, haben auch ihren Derrida gelesen, ihren McLuhan und dazu einen kleinen Schuss Frühromantik und glauben nun, sich mit aus fremden Texten geliehener Energie der Verstrickung der Geschichte zu entheben -- aber sie bleiben Gefangene, auch wenn sie es nicht wahr haben wollen. Ihre blinden Flecken werden sie nicht los, die Gewalt der episteme hat sie noch immer so fest im Griff wie Kants reine Anschauungen und Kategorien das transzendentale Subjekt. Keiner kommt da raus und keiner nahm je ungestraft die Brille ab, keiner von ihn hat je lange genug den Blick auf die "Weiße des Papiers" ausgehalten, um danach noch in artikulierten Sätzen darüber zu berichten. Chaos, Chora -- sie sind zu schwach, es zu ertragen und retten sich ins Fantasma ihrer Standpunktlosigkeit zurück -- und nennen das zu allem Überfluss auch noch ihren "utopischen Aktivismus".

Und was werfen sie uns dabei vor? Dass wir "auf Adorno hängengeblieben" seien, dass Kritik am "identifizierenden Denken" "altbacken und inzwischen an jeder Straßenecke billig zu haben" sei. Dass unser "Kult um Alterität und Veranderung steril geworden" sei, wir ums goldene Kalb "eines bereits erfundenen, wenn auch nicht näher bestimmbaren Gottes" tanzten? Und von wo aus sprechen sie?
III. Solche und ähnliche Schein-Dispute entstehen, wenn man innerhalb der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung die Logik und das Argument zugunsten "großer Worte, schöner Metaphern und krasser Theorien" in den Hintergrund rücken lässt. Theorien -- oder sagen wir lieber "Sätze, die durch ihre Anordnung und ihren Tonfall suggerieren, dass es sich bei ihnen um Theorie handeln könnte" -- die sich aber bei näherer Betrachtung allesamt "schnell als Banalitäten oder Unsinn entpuppen".
"Den sicheren Gang einer Wissenschaft gehen"
Das redliche Denken dagegen ist und bleibt sehr nüchtern, es ist keine Gaudi und keine Amüsierveranstaltung. Es ist ernsthafte Arbeit, trocken, ja, zuweilen auch dröge, dafür aber präzise und sauber, sich in kleinen (aber sicheren) Schritten voranarbeitend, statt in großen Weltvereinfachungssprüngen und mit viel Bohai über alle Regeln des Denkens hinwegzusetzen. Wir müssen uns davor hüten, diesem Denken zu viel Raum zu schenken. Dieser revitalisierte romantische Skeptizismus versucht, das redliche Denken langsam zu unterspülen, sein freundlicher Humor ist nur seine Maske der Harmlosigkeit -- sichert die Fundamente, befestigt die Deiche, damit ihre diffusen Wortwellen ihm nichts anhaben können. 

Samstag, 7. April 2012

"Urheber, echt!?" - Herausforderung durch multiplizierbare Ware


"Du bist nicht Original wie eine Fotokopie"
"I don´t blame someone for being a copycat. I´m a copycat aswell, we all are." 
"Du bist der Auffassung, dass dir die Musik gehört. Ich habe immer nur Musik gehört."
 Retrogott

Vorweg: Der folgende Versuch entspringt einem kritischen Impuls: Er soll vor allem dazu dienen, in der Debatte oft als Selbstverständlichketien suggerierte Behauptungen zu "ent-sichern" [wie gedankliche Wegfahrsperren], um ihnen ihre Mobilität zurückzugeben.

Wem gehören meine Gedanken?

"Meins!" -- Landnahme oder Urhebe?
Urheberrecht setzt voraus, dass es einen Urheber gibt, einen, der das Werk zuerst [wie einen Schatz] gehoben, der sein Urbild hergestellt hat: Im Werk des genialischen Künstlers, dessen auratischer  Wert am Original haftet, findet sich diese Idee des Urhebers idealtypisch verwirklicht. Hier wird nicht kopiert, sondern originär geschaffen.
Wie ist es aber mit der menschlichen Kunst? Durch die Baukunst etwa, so könnte man doch sagen, bringt sie das Haus selbst hervor, durch die Malerei aber ein anderes Haus, so etwas wie ein von Menschen erzeugtes Traumbild für Wachende.
(Platon, Sophistes) 
Allerdings hat Kant, der die genieästhetische Tradition wesentlich (als einer ihrer Urheber) mitgeprägt hat, das Genie selbst als "Naturgabe" interpretiert, sodass nicht eigentlich das Genie, sondern die Natur Urheber seiner Werke wäre; die allerdings könnte ihre Urheberschaft nur schwer selbst rechtlich verwerten (--> Patente auf pflanzliche Wirkstoffe). Wenn Künstler nun den Besitz an den Produkten ihre Köpfe einklagen -- wobei zu überlegen bleibt, ob der Kopf hier wirklich die richtige Zurechnungsadresse ist, "denn wenngleich die meisten Menschen das Denken im Kopfe zu fühlen glauben, so ist das doch bloss ein Fehler der Subreption [heute: der Erschleichen von Leistungen], nämlich das Urteil über die Ursache der Empfindung an einem gewissen Orte (des Gehirns) für die Empfindung der Ursache an diesem Orte zu nehmen" (Kant in einem Brief an Sömmering, 1795) -- scheinen sie vorauszusetzen, dass die eigenen Ideen natürlicherweise einen privaten Besitz darstellen (und nicht etwa ein "Besitz" der Menschheitsgeschichte o.ä.). 

Aber gehören "meine" Gedanken denn "mir"? Bin "ich" denn ihr Urheber? Und was würde das genau bedeuten? Dass "ich" "meine Gedanken" gewissermaßen intentional in mich hineindenke? Ich müsste dann meine Gedanken (die Idee einer Melodie, ein neues Wort, den nächsten Vers für ein innovatives politisches Gedicht) schon "haben", bevor ich sie habe, um sie mir dann selbst einfallen zu lassen. Einfälle zeichnen sich nun aber gerade dadurch aus, dass sie eher zu einem kommen, als dass man sie in sich selbst hereinbringt. Der Einfall fällt eben ein, er-eignet sich [oha, Todtnauberg]. ("Ideas come to us. We don´t really create an idea. We just catch them -- like fish. No chef ever takes credit for making the fish. It´s just preparing the fish." -- Lynch). Ist er aber damit schon mein Eigentum? Gerade so, wie ein Eroberer meint, dass ihm das Land gehöre, dass er "zuerst" betritt? ("Der war zuerst bei mir! Mein Kopf! Mein Gedanke!") Und woher weiß ich, dass ein Gedanke zuerst bei mir war? Dass es nicht die Tradition, bisherige Lektüre, Filmkenntnis, die eigene Umgebung usw. war, aus der der Einfall kam? Wie dem auch sei -- Urheberschaft ist keine natürliche Tatsache.

Als soziales Phänomen ist Urheberschaft eher eine Frage der Zurechnung. Natürlich kann man, ähnlich wie in der Diskussion um die Willensfreiheit ("Wer ist der Autor meiner Handlungen?" - Mein Gehirn? Hormone? "Ich selbst" am Ende?), Urheberrschaft dekonstruieren. Sie wird dann, ganz wie die Frage nach der Zuschreibbarkeit von Verantwortung bei Strafttaten, eine Frage der Grenzziehungen und der Definitionen, ist wie diese dann Gegenstand sozialer Aushandlung. Urheber zu sein bedeutet dann nur: das Subjekt der rechtlich legitimen Zuschreibung von Urheberschaft zu sein. Und das wird hoffentlich auch so bleiben, die Frage ist nur: Unter welchen Bedingungen?

Aneignung ohne Enteignung - Multiplizierbare Ware

("Datenhighway" - Raubdruck und frz..Rev.)
Gedanken sind natürlich noch keine Werke, müssen erst zu solchen gemacht werden -- wie bei der Produktion von anderen Gütern auch. Nachdem die Künstler nun dazu übergegangen waren, nicht mehr Geschichten ohne klaren Urheber als Sänger oder Erzähler durch die Generationen abwandelnd zu tradieren, konnte der Künstler, der jetzt Originale produzierte, seine Originale auch als Originale vermarkten. Die von ihm urgehobenen Werke besaßen dabei gewissermaßen einen natürlichen Kopierschutz, sofern sie eben nicht als Originale kopiert werden konnten. Die Möglichkeit, Werke technisch zu reproduzieren, schien dann -- so mutmaßte zumindest Walter Benjamin -- dazu zu führen, dass die Originale schrittweise ihre auratischen Qualitäten verloren. Im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit scheinen Werke nun nicht mehr nur technisch reproduzierbar, sondern verlustfrei multiplizierbar zu werden. Auf sie scheint mit einemmal zuzutreffen, was Luhmann einmal über die Kommunikation bemerkte: dass bei ihr
[...] nichts weggegeben wird. Derjenige, der etwas mitteilt, verliert sein Wissen sozusagen nicht aus dem Kopf, es ist also nicht so wie ein ökonomischer Vorgang, wo man, wenn man gezahlt hat, das Geld hinterher nicht mehr hat oder das Ding, was man überträgt, nicht mehr besitzt, sondern es ist ein Vorgang, der offenbar multiplikativ wirkt. Erst hat es nur einer und dann wissen es zwei oder mehr oder hunderte oder millionen oder mehr; je nachdem, an welches Netzwerk wir hier jetzt denken.
(Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, MC13A, Kommunikation)
Kopie ist also Aneignung ohne Enteignung. Das kopierte wird nicht entwendet, sondern "bloß" unerlaubt vervielfacht. Die Möglichkeit ihrer digitalen Reproduktion erhöhte dabei auch die Reichweite der Werke. Was früher noch an körperliche Präsenz und Aufführung gekoppelt war, ließ sich jetzt beliebig oft reproduzieren und damit auch beliebig weit verbreiten. Das hat dazu geführt, dass erfolgreiche Künstler unwahrscheinlichste Verbreitungsweiten erreichen, und, solange die technische Reproduktion ihrer Werke für Laien noch verhältnismäßig aufwendig war, erstaunliche Verkaufszahlen erzielen konnten. Einmaliger Produktion stand potentiell beliebige Vervielfältigung gegenüber -- eine äußerst unwahrscheinliche Ware.

Heute erscheint es mehr als deutlich, dass mit den verlustfrei multiplizierbaren Waren eine neue Sorte von "Gegenständen" das Licht der Welt erblickt hat. Und es wird schwierig werden, durch künstliche Restriktionen (z.B. Kopierschutz) die Eigenschaften der "alten" Gegenstandswaren (vor allem: die strenge Korrelation von Übertragung und Enteignung) auf multiplizierbare Waren zu übertragen (das gilt allerdings auch schon für öffentliche Rezitation von Gedichten oder Liedern, für Kommunikation). Dateien sind keine in der Festplattengarage parkenden Informationsautomobile. Ihre Multiplizierbarkeit kann eine Chance sein, jedenfalls wird sie sich kaum verhindern lassen, das erfordert auch ein neues Verständnis der Möglichkeiten ihres Vertriebs: 

[via autopoiet]

Dienstag, 28. Februar 2012

Eine philosophisch-verträumte Temperamentenlehre zwischen Ernüchterung und Weltwiedererwärmung

[Re-Enrty vom 22.06.11]
Kunst und Theorie nach der Abklärung I 

(Quelle: Flickr - Dominic´s Pics, CC BY 2.0)
Das Licht der Aufklärung war immer schon ein Licht von verhältnismäßig niedriger Temperatur. Ihr Versprechen war nie das einer klimatischen Restauration der Welt, ihr Genuss und Eifer nie mehr als die Begleiterinnen des guten Gewissens, die falschen fremderzeugten Schattenbilder durch potentere Selbst-Innenbeleuchtung zu vertreiben. Aber die hellste Beleuchtung ist - wie man weiß - nicht immer auch die angenehmste. Und so sind bei näherer Betrachtung Aufklärung und Ernüchterung, Auf- und Abklärung zwei Seiten derselben, eifrig ent-eifernden Bewegung, die gleichermaßen Mut zur Kälte und Mut zur Selbstüberschätzung von ihren Adepten einforderte.

Das Licht der Aufklärung - das in Dunkelheiten nur zu orientieren vermag, sofern die Welträume, die es ausleuchtet, überhaupt ausreichend widerständige Strukturen bereitstellen, um noch von "Orientierung" im positiven Sinn zu sprechen - ist ein nüchternes Licht, Neonlicht. Und wenn es überhaupt ein Licht für Menschenhände und Menschenaugen ist, bleibt ihm doch die Motivation für konkrete Ziele und Richtungen gänzlich fremd: Der Eifer der Aufklärung und ihrer Aufklärer kennt sich zwar selbst als engagierendes Ziel, aber was "nach" der Aufklärung kommen soll, lässt sich aus diesem Eifer nicht noch einmal eigens motivieren...

Montag, 30. Januar 2012

Üpsielohns moderne Lyrik-Kiste VIII: Retrogott @ Denken Schenken


Moderne Lyrik aus dem Rap-Feinkostladen:



Retrogott über seinen pädagogischen Elan: "Ich durchbreche durch schlechte geschmacklose Worte starre Horizonte, die ich in Köpfen verorte." (Der Zug endet hier)

Denken Schenken
„This is going out to..“

..Kain und Abel / Ihr wart wohl beide Idioten / aber Nachdenken ist in diesen Zeiten verboten / Deshalb bleibt Brudermord / die einzige Option / Konkurrenz ausschalten für den väterlichen Thron / Ich verbanne die Welt ins Battlerap-Mikrofon / Güterzüge erinnern mich an Deportation / Aber Genozide sind in Rapmusik meistens nur die Grundlage einer krassen Metapher / Du bist played out wie eine Waffenmetapher / Deutscher Rap ist eine riesengroße Affenmetapher / Wir arbeiten täglich an ei´m modernen Nationalbewusstsein / Unsere erste Maxime: / „Irgendwann muss auch mal Schluss sein!“ / Der Zustand der Zugabteile ist für mich eine Offenbarung / über deutsche Demokratiebewahrung / Alle reden modernerweise über "Deutsche" und "Kanacken" / Dicke Luft geht über Beatmungsschläuche in den Rachen / Verkauf deine Drogen / Verkauf deine Seele / Verkauf deine Musik / Verkauf deinen Körper / Verkauf deine Freundin / Verkauf deine Eltern / Verkauf nicht nur dich sondern auch andere Menschen / Das typische Opfer erfordert kein Mitleid / mach es kaputt bis es sein wahres Gesicht zeigt / Auge um Auge und / Zahn um Zahn / Ich bin weder Optiker noch Zahnarzt / und am Ende / ist doch kein Gesicht da / Ich wander´ durch die Dunkelheit / ein ganzes Lichtjahr / Für dich ist meine Weltanschauung zu abstrakt: / „Du Hurensohn, du...du Hurensohn..“

Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht / Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht / „Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht“ (Torch)

..ich dachte. Aber egal, ich mach mir mein´ eigenen / Hip Hop / Ich muss keine Zeit gewinn´ / Unsere Gesellschaft beruht auf Gewinn [winn] / also auf dem Verlust der Anderen [rinn] / Im Kampf gegen dich selbst musst du dich selbst besiegen / also verlier´n (Platon) / Ich fühle mich zu nichts berufen sondern beschwiegen / also muss ich reden / um dagegen anzugehen / Ich seh´ wie der Hass der Ig/noranz die Hand reicht (Stieber Twins) / wie man schwar/ze Musik mit weißer Farbe anstreicht / Ich schreibe mein Buch / ohne Buchhalter / kreativ wie Foltermethoden im Mittelalter / Ich töte die Wackness / „Mic Check: Eins, Zwei“ / bin strenger als die iranische Sittenpolizei / Verabscheue die Werte der westlichen Welt / um bekämpfe sie mit wertvollem westlichen Geld / Das ist widersprüchlich? / Soll es auch sein / Du legst dich hin, denn du stellst dir ein Bein / Wack-MCs mögen jetzt meine Raps und Beats / aber ihr bleibt immer noch Wack-MCs

"Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht." (4x)

..aber auch nur ein bisschen.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Retrogott bereitet mit Platon einen frühromantischen Vorabend vor..



Shoutouts von Hölderlin und dem Philogott:
Urtheil. ist im höchsten und strengsten Sinne die ursprüngliche Trennung des in der intellectualen Anschauung innigst vereinigten Objects und Subjects, diejenige Trennung, wodurch erst Object und Subject möglich wird, die Ur=Theilung.
(Hölderlin, Urtheil und Seyn, 1795)
Unsere ehemalige Naturbeschaffenheit nämlich war nicht dieselbe wie jetzt, sondern von ganz anderer Art. Denn zunächst gab es damals drei Geschlechter [...]. Ferner war damals die ganze Gestalt jedes Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einander stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile, und so alles übrige, wie man es sich hiernach wohl vorstellen kann. Man ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher Seite man wollte: sondern, wenn man recht schnell fortzukommen beabsichtigte, dann bewegte man sich, wie die Radschlagenden die Beine aufwärtsgestreckt sich überschlagen, so, auf seine damaligen acht Glieder gestützt, schnell im Kreise fort. [...] Sie waren daher auch von gewaltiger Kraft und Stärke und gingen mit hohen Gedanken um, so daß sie selbst an die Götter sich wagten [...]. Zeus nun und die übrigen Götter hielten Rat, was sie mit ihnen anfangen sollten, und sie wußten sich nicht zu helfen [...]. Endlich nach langer Überlegung sprach Zeus: »Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, wie die Menschen erhalten bleiben können und doch ihrem Übermut Einhalt geschieht, indem sie schwächer geworden. Ich will nämlich jetzt jeden von ihnen in zwei Hälften zerschneiden, und so werden sie zugleich schwächer und uns nützlicher werden, weil dadurch ihre Zahl vergrößert wird, und sie sollen nunmehr aufrecht auf zwei Beinen gehen. Wenn sie uns aber dann auch noch fernerhin fortzufreveln scheinen und keine Ruhe halten wollen, dann werde ich sie von neuem in zwei Hälften zerschneiden, so daß sie auf einem Beine hüpfen müssen wie die Schlauchtänzer.«
(Platon, Symposion)

Samstag, 13. August 2011

"Die platonische Sackgasse des Leibunfalls der Seele vermeiden"


(Blumen_Berg, "transzendental getröstet")

Blumenberg im imaginierten Dialog mit Husserl über die Frage, wie vom "transzendentalen Subjekt" auf die Notwendigkeit anderer transzendentaler Subjekte geschlossen werden könnte -- oder sollte? Jedenfalls: Ausgang von der Leibesanalogie als hypothetischer Brücke zur Appräsentation und Erfahrung von Alter Egos als Alter Egos ist nicht ganz unproblematisch:

"Aber ich bitte, im Auge zu behalten, daß auch eine Billardkugel, ausgestattet gedacht mit Bewußtsein und Wahrnehmung, die andere Billardkugel angesichts ihrer spezifischen Gleichheit für >eine Andere< halten würde und diese primäre Hypothese über alles Maß bestätigt fände, wenn diese, von ihr gestoßen, in schönster Verhaltenskorrelation den unter gegebenen Umständen sachgemäßen Weg einschlüge, den der Stoß ihr >zugedacht< hatte. Die Folgerung wäre, daß man in dieser gemeinsamen >Welt< der Stöße, Banden und Wege weiterhin miteinander als bekannten Größen zu tun haben würde, alles andere als eine bloße >Sache< zu sein sich zuzubilligen hätten." 

"Also darf die Fremdwahrnehmung nicht ins Leere gehen und enttäuscht werden, wenn Enttäuschung auch im Einzelfall als möglich gedacht werden kann. Dies abzusichern, muß Husserl dem intersubjektiven Subjekt ein innersubjektives Bewußtsein von Ungenügsamkeit zusprechen. So wird der >Verleiblichung< als dem Ausweg aus dieser Ungenügsamkeit apriorische Zugehörigkeit zum transzendentalen Pluralismus eingeräumt und darin die platonische Sackgasse des Leibunfalls der Seele vermieden." 
(Blumenberg, Beschreibung des Menschen)