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Freitag, 30. November 2012

Die Erfindung der Psyche - Eine Spekulation über projektive Psychoanalyse oder: Psychoanalyse als Projektion


[tl;dr: Die Psyche ist eine Verwicklung, aber von wem?]

Symbol eines schielenden Selbst mit Welt
(Der Ohlsen; CC BY-NC-ND 2.0)
Etwas über sich selbst zu denken, das man der eigenen Empfindung nach überhaupt nicht einholen kann. Sich erzählen, dass etwas in einer bestimmten Weise, eine Konstellation, die keine spürbaren Spuren in der Gegenwart trägt, wie ein heimliches Gesetz den eigenen Wandel konstruiert und beherrscht. An einer äußeren Innerlichkeit zu hängen, deren Geheimnis man auf die Spur zu kommen versucht: Die Erfindung der Psyche.
Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: »Ich höre Zarathustra und eben dachte ich an ihn.« Zarathustra entgegnete: »Was erschrickst du deshalb? – Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, ins Dunkle, Tiefe – ins Böse.« »Ja, ins Böse!« rief der Jüngling. »Wie ist es möglich, daß du meine Seele entdecktest?« Zarathustra lächelte und sprach: »Manche Seele wird man nie entdecken, es sei denn, daß man sie zuerst erfindet.«
(FN, ASZ)
Wer nicht genau hinsieht, kann, wie überall sonst auch, in Menschen überall wesentlich ähnliches vermuten: Apriorische Grundbedingungen, physiologische Identitäten, transzendentale Subjektivitäten, protomythologische Komplexe (Elektra). Und wer ihnen so etwas sagt, riskiert damit immer auch, dass sie es glauben werden. Identifizierendes Denken greift überall niemals zu kurz: dafür sind seine Arme gar nicht lang genug. Was sonst Psyche heißt, erscheint aus einer anderen Perspektive als öffentliche Bestimmung des Standorts der eigenen Selbstverwicklung, die ihrerseits jeder Einzelnen erst sprechend aufgespielt werden muss ["immer die alte Leier"]. Die Subjekte lernen langsam - und wie viel wird es sie erst noch kosten - durch sich selbst in Schleifen zu prozessieren, sich selbst als Schleifen auf die Welt zu schnüren, als würde die erst durch sie zu einem kostbaren Geschenk, sich beim Beobachten des Anderen halbdurchsichtig mitspiegelnde Spiegel: 
Das Bewußtsein (>conscience<), das wir von unserem Bewußtsein selbst besitzen, sagt er [Sartre], ist verschieden von der Erkenntnis (>connaissance<), durch welche wir ein von uns verschiedenes Objekt vor uns stellen oder >vor-stellen< (und propositional beurteilen).
(Manfred Frank, Selbstbewußtseinstheorien von Fichte bis Sartre) 
Dieser minimalste Umweg [durch das "reflét-reflétant" (Sartre)], den auf einmal jeder Gedanke zu nehmen beginnt, fängt schon bald an als eigenes Geheimnis zu faszinieren, in das hinein man sich gerne sich selbst bespiegelnd tiefer begibt. Die Bespiegelung [wie Be-hexung] des Selbst zum Subjekt vollzieht sich also wie eine heimliche Selbstwelt-Innenausstattung [die Eltern haben dem Kind heimlich eine Wohnung gekauft, mit der sie es jetzt überraschen!], Möblierung ungeöffneter Räume zu Gemächern, Zurechtmachen innerer Grünflächen und Parkanlagen - je nach erreichtem Zeitwohlstand beliebig erweiterbares Quartier, eines jedermanns "Second Life". "Hier" kann man sich aufhalten, wenn man sich >hier< lieber gar nicht aufhalten will. Der reflektierende Schritt zurück als ein Schritt zur Seite um die Gegenwart herum sucht nach seinem blinden Punkt, dem er - als sich selbst - sich eigentlich am allernähsten zu befinden glaubt ("Was sollte mir denn auch näher liegen als Ich selbst?"). Die Erfindung der Psyche beginnt mit dem Versuch, das Medium selbst ins Bild ragen zu lassen, oder - sofern man eine andere Begrifflichkeit bevorzugt - das Medium selbst in Form zu bringen. Psychoanalyse würde in diesem Verständnis auf den unerreichbaren Grenzfall der Selbsterscheinung des Mediums im Mediums zuarbeiten - auf Autoepiphanie: Hineinragung des Selbst ins Selbst. Aber auf der anderen Seite natürlich auch die objektive Theorie der Materie als Versuch, die Form selbst zu medialisieren, als Versuch, das tumbe Material endlich zum Sprechen zu bringen.

Dienstag, 6. November 2012

Ko-Involviertheit - Über die Ergänzung des Menschen



tl;dr: Menschen kommen als sie selbst in der Welt nicht einfach nur so vor. (Phänomenologie lesen undsoweiter.)

"ÜberaurischesEi"
Weder für sich noch als Andere für Andere sind Menschen in der gleichen Weise "da" wie andere Gegenstände -- ein Tisch oder ein Teller zum Beispiel. Sichtbar wird dieser Um-stand mit-unter im Ge-sicht. Einem Gesicht, das - zunächst und zumeist - das Gesicht eines Anderen ist: An-gesicht, öffnet es mit seiner spezifischen mimischen Immersionsspannung anders den Raum als der gestikulierende Körper oder auch anders als eine Tür.
Die menschlichen Gesichter nämlich sind [...] an sich schon Geschöpfe eines Intimitätsfeldes eigener Art, in dem der Anblick durch den Hinblick modelliert wird.
(Sloterdijk, Sphären II)
Menschen sind Nähe-Wesen - Wesen des Aufenthalts in meta- [eigentlich intra- oder inter-] physischen Milieus. Innerhalb einer sonst plump vor sich hingestellten Klotzmaterie bewegen sie sich in bedeutenden, spannungsangereicherten Vektorräumen, die ihre Aufmerksamkeiten lenken und distrahieren. Halb gezogen, halb hingesunken, halb aufmerkend, halb aufgehalten schieben sich zwar ihre Körper stets nur räumlich durch die (vielleicht) kontinuierlich verstreichende Zeit, aber das "Wo?" ihrer Aufenthalte und das "Worauf?" ihrer Aufmerksamkeiten befindet sich zugleich stets und immer auch in einem inneren Außerhalb.
Daran läßt sich wiederum erkennen, daß soziale Systeme autopoietische, sich selbst und ihre Grenzen seligierende Systeme sind. Auch in konkreten Alltagssituationen, und gerade hier, ist diese Autonomie unerläßlich, um Abstand zu gewinnen; und gerade situationsabhängige, durch alles Wahrnehmbare angreifbare Systeme müssen sich vorbehalten, mit Hilfe der Anwesenden entscheiden zu können, wer und was als anwesend zu gelten hat. Wie könnte man anders sich in einem Restaurant unterhalten, sich im Theaterfoyer verabreden, Fernsehaufnahmen durchführen, Schlangestehen für den Bus oder auch nur Autofahren?
(Luhmann, Soziale Systeme)
"Suche ontologische Eisenspäne.."
Anwesend sein heißt daher: bei etwas anderem sein, beschäftigt, befasst mit, fasziniert von etwas anderem, das man nicht schon selbst ist, auf das man als Ergänzendes in dem einfachen Sinne angewiesen ist, dass Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas (anderem) ist. Das Andere des Eigenen, an dem jede Gegenwart (und so auch jedes Bewusstsein) hängt, ist damit die notwendige Ergänzung, die dem Einzelnen immer schon zuvorgekommen ist. Das Ich setzt sich also nicht "selbst schlechthin und alle Realität in sich" (Schelling), es entdeckt sich zunächst als ein bewegt-bewegendes Aufmerken auf Anderes: die Gegenstände, die Welt. Mit diesem Anderen ist es zugleich konfrontiert und involviert, ihm gegenüber aber zugleich schon in es verstrickt. Das Gegenüber-Sein ist also kein schlechthinniges Bei-sich-Sein, dem das Andere des Gegenüber nur zufällig so anhängt, es ist immer zugleich "Hier"- und "Da"-Sein: dynamische "Differenz von System und Umwelt". 

Da wir diese bewegt-bewegende Ko-Involviertheit des Menschen meist vom alltäglichen Gegenstandsgebrauch her auslegen, verkennen wir oft deren involvierenden Anteil und landen dann bei einer Theorie des (primär mit Materie) konfrontierten Menschen, der mit dem "Nicht-Ich"-Material "da draußen" irgendwie technisch umzugehen hat: Bewusstsein und Gegenstand, Subjekt und Objekt, Mensch und Ding, usw. auf das dann erst im nachhinein irgendwelche Werteigenschaften projiziert werden. Eine Anthropologie des immersiven Menschen fängt dagegen auf der Innenseite der Verstrickungen mit ihren Beschreibungen an und präsentiert sich so als Selbstinnenausschreitung des ekstatischen Hier- und Daseins.
Darum ist die Erkundigung nach unserem Wo sinnvoller denn je, denn sie richtet sich auf den Ort, den Menschen erzeugen, um zu haben, worin sie vorkommen können als die, die sie sind.
(Sloterdijk, Sphären II) 

Freitag, 26. Oktober 2012

Mienenspiele - Versuch einer Typologie der Gesichtsverwendung


tl;dr: Genauere Beobachtungen von grimassierenden Gesichtern legen nahe, dass die Verwendung von Mimik sehr unterschiedlich an und in Situationen und eigene Stimmung gekoppelt werden kann. Nicht jedes Gesicht, nicht jede Art der Mimikverwendung wird in gleicher Weise an subjektive "Stimmung" und/oder "Atmosphäre" der Situation zurückgebunden. Gesichter sind also nicht immer einfach Ausdruck von Eindrücken, vielmehr sind sehr verschiedene Weisen der Gesichtsverwendung unterscheidbar: 

Das autonome (bzw. ausdrückliche) Gesicht

Das Subjekt als Koffer: Was steckt dahinter?
(Foto: Audringje / CC BY-NC-SA 2.0)
Autonome Gesichter koppeln ihren Ausdruck primär an das, was die jeweiligen Gesichtsverwender wahrscheinlich ihre eigene "Stimmung" nennen würden. Das autonome Gesicht ist von der Situation wenig affizierbar, schwere Grimmigkeit wird auch in der heiteren Situation im autonomen Gesicht höchstens durch den schmerzlichen Versuch eines Lächelns kommentiert, das sagt: "Ja, ich weiß, das wäre eigentlich amüsant, aber wie du siehst, bin ich in einer grimmigen Stimmung." Das autonome Gesicht nimmt sich das Recht, sich als Widerstand gegen die Atmosphäre der Situation zu behaupten. Andere müssen, sofern sie dafür einen Sinn besitzen, auf diese Widerständigkeit aufmerksam werden, um dann zu entscheiden, ob sie mit ihr umgehen wollen oder nicht. Etwa, indem sie versuchen, den Widerstand zu thematisieren ("Was ist denn mit dir?" oder "Lach doch mal!") oder auch, indem sie beschließen, den Widerstand zu ignorieren, was zur weiteren Entkopplung des autonomen Gesichts von der Situation führen kann.

Das kommentierende Gesicht

Das kommentierende Gesicht begleitet die Situationen als permanenter Kommentar. Zwar koppelt es seinen Ausdruck an die Gegebenheiten der jeweiligen Situation, so aber, dass es diese immerzu bewertend begleitet. Runzeln der Stirn, affirmatives Nicken oder zerknirschte Blicke zeigen an, wie der/die Gesichtsverwender_In die Äußerungen und Situationen im Augenblick erscheinen, sie ihm ge- oder missfallen, es Zweifel anmelden würde oder bestätigen will. Das kommentierende Gesicht entfaltet auf diese Weise eine Beurteilungshoheit, die andere Situationsteilnehmer auf Dauer beinahe unausweichlich in den Bann ziehen muss. Sie sehen im kommentierenden Gesicht ein permanentes Feedback, eine permanente beurteilende Rückspiegelung ihrer Äußerungen und werden sich, je nachdem, welche Rolle sie dem Gesichtsverwender zuschreiben, auf dieses Feedback einstellen. Beispielsweise, indem sie versuchen, den Gesprächsweg in die Richtung der affirmativeren Reaktionsdimensionen zu lenken oder auch, indem sie kritisch-zerknirschte Rückspiegelungen zu provozieren versuchen.    

Das immersive Gesicht

(Foto: baerchen57; CC BY-NC-SA 2.0)
Das immersive Gesicht koppelt seinen Ausdruck nicht an seine eigene "Stimmung", sondern ganz an die Atmosphäre der Situation. Es stellt einen seltenen Grenzfall dar, der tendenziell stark sympathetische, oder auch - auf der anderen Seite - unheimliche Effekte hervorruft. Das immersive Gesicht kennt keine Filtrationsfunktion, die von der "Subjekt"-Seite her die Situation entweder kommentiert oder ganz auf Ausdruck der "eigenen" Stimmung setzt, es liefert in diesem Sinn also keine Eigeninformation. Indem es den anderen Situationsteilnehmern keine Rückschlüsse auf den Zustand des Gesichtsverwenders erlaubt, destabilisiert es daher häufig Wahrnehmung und Äußerungen der Anderen. Wie ein diffuser Zerrspiegel wirft es nur das je Geäußerte in einen Strudel der Selbstinterpretation und -irritation hinein, der als Verständnis (mis)interpretiert werden kann. Das immersive Gesicht kann ein experimentierendes Gesicht sein, sofern es versucht, durch verschiedene mimische Angebote Reaktionen zu provozieren, die es dann situationsintern erkundet und auskundschaftet. Als abenteuerndes Gesicht macht es dann Expeditionen ins Innere der Situation, verbleibt dabei aber gleichzeitig in einem schizoiden Außerhalb oder - höchste Gesichtsverwenderkunst - in einem reinen Innerhalb ohne autonomen Eigenwert (das immersive Gesicht als Auge des Organlosen Körpers).

Das Spiegelstadium findet nicht statt:

Sonntag, 21. Oktober 2012

Ja, Ja, Ja - Eine Kritik der Negation

(Welcher Esel zieht zuerst?)
Da Ja-Sagen steht nicht immer in besonders hohem Kurs. Ja-Sager: Weiche, Windige, Feige, Konturlose, Angepasste. Wer doch einmal aus Versehen unbedarft und in guter Absicht das Wort "Affirmation" in den Mund nimmt, der merkt schnell, dass es heute einen unangenehm muffigen Beigeschmack hat, mit Noten von fahlem Mitläufertum und sich anbiederndem Dabeiseinwollen. Nein, so geht das auf keinen Fall. "Kritik" dagegen ist immer noch und ungebrochen chick. "Kritisch" darf jeder sein, Kritisieren ist prima: die Verhältnisse nicht so annehmen, wie sie sind, sondern -- naja -- zumindest eben schonmal "kritisieren"; und das heißt dann eben: nicht zustimmen.
Aber Kritik als solche ist kein sinnvolles Ziel -- es sei denn, man sei im Vorhinein sicher, daß jede Kritik berechtigt sei. Einem Kritiker, der die Möglichkeit unberechtigter Kritik nicht eingesteht, fehlt es an Selbstkritik. 
(Luhmann, Die Praxis der Theorie)  
Im Internet scheint das Verhältnis von Negation und Affirmation nicht ganz symmetrisch zu sein. Entsprechend haben einige Kritiker angemerkt, dass das "Liken" allenthalben um sich greife, während ihm auf der anderen Seite keine entsprechende "Ich mag das nicht"-Option gegenübersteht. Die Entscheidung, keine Dislike-Buttons einzuführen, habe entsprechend etwas mit der Negationsaversion einer konfliktscheuen Internet-Weichlichkeit zu tun, die mit der Devisibilisierung von Ablehnung allen Widerstand aufzuheben versuche, weil sie für kritische Auseinandersetzungen keine Kraft besitze ("Charakterschwäche"): Weiches Gleiten durch widerstandslose Affirmationsfelder, keine virtuellen Reibereien auf öffentlichen Streitplätzen. 
Aber welche Funktion sollte ein Dislike-Button überhaupt erfüllen? Angenommen, das öffentliche "Mir gefällt das" markiert im Idealfall eine Faszinationsempfehlung, eine Einladung zur Auseinandersetzung mit Interessantem, auf das andere Nutzer ohne Empfehlung möglicherweise nicht gestoßen wären; was sollte demgegenüber ein Dislike-Button symbolisieren? Eine Aversion-Empfehlung? "Könntet ihr das hier bitte auch hassen", "Ich habe dieses Langweilige/Schlechte/Uninteressante im Netz gefunden, wäre schön, wenn ihr das auch schlecht finden könntet.."
Es war die Zeit, als Kolumnen in Magazinen wie Tempo, die alles besser, cooler, lässiger machen wollten als die drögen etablierten Medien, noch "100 Zeilen Hass" heißen und ganz ernsthaft den deutschen Schlagerkönig Ralph Siegel demontieren konnten.
Aber "100 Zeilen Hass" -- das bedeutet aus heutiger Sicht eben auch, dass es offenbar noch eine Verbindung, eine geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur gab, die man dann effektvoll und für alle nachvollziehbar verwerfen konnte. [...] "100 Zeilen Hass" sind allein deshalb undenkbar geworden, weil die kulturelle Einigkeit, aus der dieser Hass erwachsen könnte, nicht mehr herrscht. Wenn einem auch das je Erfreuliche präsent sein kann, wieso sollte man sich dann mit dem Unerfreulichen aufhalten?
(Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma. Über den Hass auf den Hipster [Leseempfehlung]) 
Wenn das geteilte Mögen Assoziationen (im Sinne von "Verbindungen") der Faszination ermöglicht, müsste umgekehrt ein "Das hier gefällt mir nicht" Aversionsassoziationen erzeugen, Verbindungen, die sich in ihrer geteilten Abscheu kurzfristig vergemeinschaften, indem sie sich gegenseitig Einladungen zum Ärgern und Nörgeln zuschicken -- früher nannte man solche Aversionsassoziationen schlicht "Lästern" oder "Tratschen". Insofern ist die offizielle Erklärung, dass "eine destruktive Information" "keine viralen Effekte" (Quelle) erzeuge, wahrscheinlich nicht ganz zutreffend: kollektive Verärgerung hat immer eine gute Konjunktur; und das macht auch Sinn, sofern sich diese Verärgerung auf Dinge bezieht, die die eigene Lebenswirklichkeit unausweichlich mitbestimmen und zugleich auch anders besser möglich wären (d.h. optimierbar sind). Alle anderen Fälle, in denen willkürliche Aversionsoptionen aktiv gesucht werden, um sich dann gemeinsam über sie zu ärgern, scheinen eher Verhaufungen von Ressentiment darzustellen, die letztlich zu nichts anderem führen als zu sich selbst.
Aufklärung war immer schon Enttäuschung im positiven Sinn, und je mehr sie voranschreitet, desto näher rückt ein Augenblick, wo die Vernunft uns heißt, eine Bejahung zu versuchen. Eine Philosophie aus dem Geist des Ja umfaßt auch ein Ja zum Nein. Das ist kein zynischer Positivismus, keine "affirmativ" Gesinnung. Das Ja, das ich meine, ist nicht das Ja eines Besiegten. Wenn etwas vom Gehorsam in ihm steckt, dann von dem einzigen, der aufgeklärten Menschen zuzumuten ist, dem Gehorsam gegen eigene Erfahrung.
(Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft)
[Re-Entry vom 20.03.12]

Sonntag, 12. August 2012

Der Sinn für interessantere Alternativen - Eine Einführung in die Kunst der Immersion


(Wirklichkeit und Möglichkeit nach Bilz im Bild)
Eine zu langweilige und wenig spektakuläre Gegenwart (und wer kennt so eine nicht?) ist ein Problem und häufig ein hinreichender Grund, sich mit dem zu beschäftigen, was so eigentlich überhaupt nicht da ist. Glücklicherweise sind Menschen wenig genug in ihre Gegenwarten verstrickt, um nebenher auch noch anderswo zu sein: in "längeren Gedankenspielen" (Schmidt), bei einer kleinen Kritzelei ins Schulheft, dem letzten inspirierten Gespräch in der Küche, undsoweiter. Bei Kant (und auch anderswo) heißt diese Fähigkeit "Einbildungskraft":
Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: [...] wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der Assoziation [...] fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Auf der Suche nach der besseren Unterhaltung stehen uns also neben der "Wirklichkeit" und neben den vielen suggestiven Medien-Kanälen noch die selbstgetragenen (aber ja doch nicht schlichtweg "selbstgelenkten") Ablenkungen (besser: Einlassungen) zur Verfügung.

Die grundmenschliche Kompetenz zur Flucht aus einer unterfordernden Gegenwart in einen alternativen Erlebensraum brachte

Freitag, 22. Juni 2012

Lebens-Kunst-Nischen: Existenzielle Eifersucht & Verfehltes Glück




"Existenzielle Eifersucht" bezeichnet das Gefühl, das ein dem eigenen entgegengesetzter Lebensentwurf Lebens- und Freiheitsspielräume verwirklicht, zu denen einem selbst der Mut, das Glück und letztlich auch der Glaube fehlt, dass sie überhaupt verwirklichbare Möglichkeiten darstellen. 
Ein solches Gefühl, das mitunter durch gelungene Selbsteinrichtungen jenseits von Büro- und Schreibtischwirklichkeit provoziert wird, bekämpft man - wie jede eigene Unsicherheit - am besten durch Veralberung oder Diskreditierung; alternativ gesteht man sich die eigene Provoziertheit ein und genießt die unerhörten Anblicke.
"Glück ist das Mögliche in seiner Verfehlung: dasjenige Mögliche, das zu seiner Zeit unmöglich in Wirklichkeit umgesetzt werden konnte, dasjenige Mögliche, das einem Un-möglichen entspringt. Nur dies Glück, das un-mögliche, provoziert Neid. Denn Neid ist ein Affekt, der nicht einem Wirklichen gilt, sondern einem verstellten, nicht verwirklichten und deshalb immer noch offenen Möglichen. Woran der Neid sich entzündet, ist für Benjamin nicht das Glück eines Anderen, sondern das möglich gewesene und nicht wahrgenommene eigene Glück. [...] Glück ist eine kontingente Möglichkeit des Gewesenen, die sich für eine andere Zeit, zunächst also für diejenige Zukunft, die jetzt Gegenwart ist, bewahrt."
(Hamacher, ´Jetzt´. Benjamin zur historischen Zeit)
[Re-Entry vom 17.05.11]

Samstag, 16. Juni 2012

Alter als gelebte Konsequenz der eigenen Entscheidungen [Fortsetzung: Crashkurs "Selbstaneignung"]


("Nicht-Übderdenken!")
In unserem Crashkurs "Selbstaneignung" fehlte bisher noch eine gebrauchsfertige Theorie des Alters. Zwei Aspekte sollen dabei unterscheiden werden: Physiologische und existenzielle Dimension des Alterns.

I. Das Altern erscheint zunächst als ein physiologischer Vorgang, der unvermeidlich mit der Kontinuierung von Leben einhergeht. Sofern hiermit ein Abfall der physischen Leistungskurve verbunden ist, könnte man Altern einfach als Weiterleben unter erschwerten Bedingungen bestimmen. Wer so davon spricht, dass er//sie "alt wird", meint das subjektive Empfinden, dass der zu überwindende Widerstand zwischen Projektierung und Vollendung einer Handlung wächst. Die Treppe meldet sich auf einmal an einer Stelle als Welt-Widerstand, wo früher gar nichts aufgefallen war ("War die immer schon so steil?"), die Neuheit der Erfahrung verweist dann auf den eigenen Körper zurück. Analog zum "Altern" kann man dann auch von einem "Jüngern" sprechen, sofern erlebter Welt-Widerstand ("Realität") abnimmt.

("Du. Jetzt. Hier.")
II. Aber das zielt noch nicht in die existenzielle Dimension des Alterns hinein. In dieser erscheint das je eigene Alter als das Resultat einer Menge von Entscheidungen, die mit zu dem beitrugen, was als Welt- und Selbstsituation dem Einzelnen zu Bewältigung und Übernahme vorliegt. Selbstübernahme steht dann im Gegensatz zu Selbstabgabe ("abstrakte, diffuse Entantwortung"), in der der Einzelne seine Welt- und Selbstsituation zwar diffus belebt, sich aber doch nicht wirklich mit ihr abgeben will. Die Selbstabgeber_In lebt im unscharfen Gefühl einer Alternativität, die ihr derzeitiges Leben kontingentisiert. Sie hat das Gefühl, in einer bloß möglichen Welt zu leben, die offenbar einen der eher unglücklichen Welt-Würfe darstellt, und schlägt sich immer häufiger den Kopf an Balken an: "Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben." (Musil). Die Selbstübernehmer_In dagegen lässt keinen "Das bin eigentlich gar nicht ich"-Abstand zwischen sich und Situation aufklaffen, übernimmt das eigene Leben als Resultat dessen, was sie entschieden und damit auch als teils unerwartbare Konsequenz auf sich genommen hat [das ist insofern kein grundsätzliches Votum gegen Ironie, als dieser Abstand keinen Abstand zwischen Ego-Alter (Fremdbild) und Ego-Ego (Selbstbild), sondern ein Selbstverhältnis bezeichnet]; Kontingenzbewusstsein geht bei ihr also mit Selbstverantwortung überein. Vor diesem Hintergrund bedeutet Alter dann die gelebte Konsequenz der eigenen Entscheidungen. Diese werden nicht im Nachhinein als Fehler kontingentisiert, sondern lebend in der Abgründigkeit ihrer Konsequenzen "übernommen", die man als eigenes Leben (er-)trägt. Alt ist dann, wer getroffene Entscheidung nicht von sich selbst ab-rechnet (und sich so vergangenheitslos-gegenwärtig macht), sondern selbst (sogar gegen inneren Widerstand) übernimmt.

Montag, 4. Juni 2012

Der Ressentiment-Detektor: Wer hat Angst vor "du weißt schon wem"?


Gängige Ressentiment-Frühwarnsysteme sind technisch heute leider immer noch nicht weit genug entwickelt, um in allen Fällen zuverlässig und frühzeitig erkennen zu lassen, wann man sich von welchen Gesprächs-Gewässern besser fernhalten sollte. Schnell ist es zu spät: auf einmal steckt man mitten im klebrigen Sumpf vorgetäuschter Kenntnisse, ungedeckter Polemiken und augenzwinkernden Sich-Verlassens auf geteilte Geringschätzung diffuser Diskursgespenster ("Ach, die Analytiker / die Phänomenologen / die Franzosen / etc. !"). 

(Das Jargongespenst versteckt sich im Nebel der Argumente)
Erst vor kurzem hat das von M. verwendete Frühwarnsystem wieder einmal versagt: unbedarft ein Interview mit "jungen Philosophen" lesend tauchte auf einmal das Ressentiment in Form einer Kurzcharakterisierung der "französischen Kulturphilosophie [sic!]" wieder auf: "große Worte, schöne Metaphern und krasse Theorien, die sich aber schnell als Banalitäten oder Unsinn entpuppen." [Zitat aus performativen Gründen nicht kenntlich gemacht ("(Ich verzichte hier und im folgenden auf Quellenangaben; die Zitate stehen exemplarisch für viele)." - Schwitalla, Ein neuer Jargon in der Literaturwissenschaft, zitiert nach Schumacher 2000))]

Dieser Schulbuchfall knackiger Punchline-Philosophie inspiriert zu einer Vorschule des gekonnten Ressentiments:

Phase I: Den Gegenstand des Ressentiments niemals zu genau definieren! 

Merke: Wer im Nebel stochert, muss keine Nadeln in Heuhaufen suchen. Für gekonntes Ressentiment ist es daher wichtig, sich keiner zu konkreten Argumente zu bedienen und auch nicht zu genau festzulegen, welcher Autor oder Text gerade gemeint ist, so vermeidet man die Möglichkeit konkreter Entgegnungen. Besser noch: Wer sich angesprochen fühlt, meldet sich ganz von selbst auf der Seite der Gespenster:
Der konkrete Adressat wird jeweils nur sehr ungenau bestimmt, verschwindet partiell ganz und kann so zu einem undefinierbaren Jargon-Gespenst stilisiert werden, bei dem die Unterschiede zwischen Derrida, Deleuze, Baudrillard oder Kittler genauso wenig eine Rolle spielen wie Unterschiede zwischen den genannten Autoren und weiteren, die sich auf diese beziehen, sich mit ihnen schmücken, sie variieren, wiederholen oder in einen Jargon verwandeln. Je weniger zitiert wird, desto apodiktischer - und oft auch: apokalyptischer - wird die Kritik formuliert.
(Schumacher, Die Ironie der Unverständlichkeit, 2000 [Leseempfehlung!])
Auf diesen wichtigen Punt hat auch Hans Magnus Enzensberger schon in Bezug auf den Vorwurf hingewiesen, dass das moderne Gedicht grundsätzlich "unverständlich" sei:
An ihm ist bemerkenswert, daß er nicht spezifisch, im Hinblick auf einen oder anderen Text, sondern stets pauschal erhoben wird. Das legt den Verdacht nahe, daß er nicht in wirklichen Leseerfahrungen, sondern im Ressentiment gründet.
(Enzensberger, Museum der modernen Poesie, 1960)   

Dienstag, 29. Mai 2012

Strategien der Selbstversicherung: Die Kunst der Leerdistinktion


(Bild: Achim Grochowski; CC BY-SA 3.0)
Sie sind in Ihrem Leistungsmilieu bisher immer eine Strukturniete gewesen? Niemand nimmt Sie in Ihrem Umfeld als bedeutsam wahr? Sie wollen aber dennoch endlich soziales Kapital anhäufen? Jemand wichtigen darstellen? Erlernen Sie die Kunst der Leerdistinktion! Die Kunst der Leerdistinktion basiert auf der Umkehrung eines sehr einfachen ontologischen Prinzips: Was etwas ist, macht auch einen Unterschied --> Daraus machen sie ab heute: Einer, der Unterschiede macht, muss ja wohl auch jemand sein. Wir haben das Prinzip der Leerdistinktion aus dem Finanzsektor übernommen, in dem es als Prinzip der Leerverkäufe ["Der Leerverkauf bezeichnet den Verkauf von Waren, über die der Verkäufer zum Verkaufszeitpunkt nicht verfügt"] schon jahrzentelang erfolgreich zum Einsatz kommt. Der Unterschied macht den Unterschied! Mit Leerdistinktionen machen sie in kürzester Zeit aus Ihrem psycho-sozialen Nichts ein sozio-psychologisches Etwas! Befolgen Sie dazu nur die folgenden einfachen Regeln:
(1) Untersuchen Sie zuerst Ihre sozialen Interaktionen auf mögliche Anwendungsbereiche für Leerdistinktionen: Mit wem kommunizieren Sie wie? Wen begrüßen Sie? Nach wie langer Zeit antworten Sie wem auf Anfragen per Kurznachricht und Mail? Wie zuverlässig halten Sie Termine ein? Mit welchen Phrasen oder mit der Auslassung welcher Phrasen beginnen und beenden Sie Ihre elektronischen Kommunikationen (Anrede, Buchstabenkürzel statt ausgeschriebenem Namen, Groß- oder Kleinschreibung?)?

(2) Optimieren Sie nun Ihre spezifischen Leerdistinktionsstrategien: Selegieren Sie zum Beispiel, welche Personen Sie in Zukunft bewusst grüßen werden. Erzeugen Sie gezielt Situationen, in denen unklar ist, ob Sie andere Personen nur nicht gesehen, oder bewusst nicht gegrüßt haben, um so deren paranoide Einbildungskraft in Gang zu setzen ("Mag er mich nicht?", "Hab ich was falsch gemacht?"). Fortgeschrittene Leerdistinkteure benutzen eine verunsichernd alternierende Grußstrategie, die dem Gegrüßten bewusst weiter destabilisiert: Einmal freundlich grüßen, einmal grimmig gerade stieren, beim nächsten Mal einfache Indifferenz. Wenden Sie diese Strategie sorgsam auf alle Felder an, die Sie sich zur Optimierung vorgenommen haben. 

(3) Passen Sie gut darauf auf, dass Ihre Persönlichkeitsspekulationsblase nicht platzt! Leerdistinktionen erzeugen den Eindruck, dass es sich bei Ihnen um eine interessante, wichtige und selbstbewusste Person handelt. Gespräche sind hierbei immer gefährlich! Schneller als erwartet fliegt Ihre Tarnung auf, Ihre Leerdistinktionen fallen in das Nichts zusammen, aus dem Sie trotzdem einen Unterschied gemacht hatten. Sie entpuppen sich als der gewöhnliche Langweiler_In mit mürbem Kopf und halbgar verwaschenen Ambitionen. Auch ein einigermaßen ausgefallener Musikgeschmack kann Sie jetzt nicht mehr retten. Meiden Sie daher nach Möglichkeit zu ausführliche Kommunikation mit Ihnen Unvertrauten. So können Sie obendrein Ihren Spekulationswert weiter steigern!

Donnerstag, 10. Mai 2012

020120303 typing arches


Neue Adressierung des Selbst: Zerstreuung.


egoistorms:
My task which I am trying to achieve is, by the power of the google youtubes, to make you hear, to make you feel — it is, before all, to make you see.
"In such things --which it is the historian's business not to praise or to blame but to consider morphologically-- there lies, plain and immediate enough for one who has learnt to see, an idea."

Montag, 2. April 2012

Das zerstreute Selbst: stultitia moderna

Das Internet hat, außer manchen anderen Verstimmungen des Gemütes, auch dieses zur Folge, daß es die Zerstreuung habituell macht. 
(Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht)

Ein ironisches Lob der Torheit im Munde der Torheit.
(Kaminsky über Erasmus´ Laus Stultitiae)
Immer in der Mitte anfangen. Einen Text kurz anlesen, das Ende zuerst, sich doch wieder umentscheiden, wieder verschwinden, Interessanteres suchen, die Aufmerksamkeit eine Weile an einen Neuigkeiten-Ticker hängen, müde werden, einnicken, wieder weiter suchen -- das zerstreute Selbst ist flüchtig und neugierig, augenblicksgläubig und augenblicksvergessen, mit einem gewissen Hang zur folgenlosen Pointe. 
Neugier [ist] durch ein spezifisches Unverweilen beim Nächsten charakterisiert. Sie sucht [...] nicht die Muße des betrachtenden Verweilens, sondern Unruhe und Aufregung durch das immer Neue und den Wechsel des Begegnenden. In ihrem Unverweilen besorgt die Neugier die ständige Möglichkeit der Zerstreuung.
(Heidegger, Sein und Zeit)
Ungesammelt, nur kurzfristig aufmerksam, dabei stets vergesslich: es steht in der Küche und weiß nicht mehr genau, was es hier eigentlich wollte, lässt sich vom Angebot der Schränke aber spontan zu etwas inspirieren, macht sich um halb vier sowas ähnliches wie Mittagessen. Modularisierung und beliebige Wiederzusammensetzung des Tagesablaufs, Alltagsbricolage. Eine Kanne Kaffee vor dem Schlafengehen spricht es davon, seinen Schlaf-Rhythmus irgendwann einmal wieder dem anzunähern, was es als für "so allgemein als normal" befunden befindet. Nie ganz bei sich, poly- oder dekonzentriert, inspirationsoffen und unverhärtet verwirklicht es den "postanankastischen" (Clam) modus vivendi -- an vielem interessiert, vieles zugleich bearbeitend, multitabing-erprobt.
Stultus ist derjenige, der unachtsam sich selbst gegenüber ist. [...] Stultus ist derjenige, der sich allen äußeren Reizen aussetzt, für die äußere Welt offen ist, d.h. derjenige, der alle Vorstellungen, die ihm die äußere Welt zu bieten hat, in seinen Geist einläßt. Er nimmt die Vorstellungen an, ohne zu prüfen, was sie vorstellen. [...] Somit ist der stultus jeder Bewegung von außen kommender Vorstellungen ausgesetzt, ohne, sobald diese in seinen Geist eingetreten sind, fähig zu sein, die Grenze zu ziehen, die discriminatio vorzunehmen zwischen den Inhalten dieser Vorstellungen und den [...] subjektiven Elementen, die sich daruntermischen. Der stultus ist folglich auch der zeitlich Zerstreute, d.h. nicht nur der für die Vielfalt der Welt Offene, sondern auch der in der Zeit Verstreute. Der stultus erinnert sich an nichts, er läßt sein Leben zerrinnen, er bemüht sich nicht darum, seinem Leben eine Einheit zu geben [...].
(Foucault, Hermeneutik des Subjekts)
Das zerstreute Selbst weiß selbst nicht, was es bedeuten würde, mit sich identisch zu sein, gibt stattdessen lieber "Ich" und "Selbst" und "Identität" in die Suchmaske ein; und ist dabei selbst mehr Such-Maske als persona. Dass es trotzdem immer irgendwie mit sich zu tun hat, erkennt es dann vor allem an seinen schlechten Gewohnheiten und dem, was sein inspiriertes Fließen sonst noch so zum Ruckeln bringt: seine "Ermüdung, die unmotivierten Stimmungswechsel, die Tagesschwankungen, [...] Nichtschlafenkönnen, Abstoßungen, Übelkeiten", das zerstreute Ich "ist ein durchbrochenes Ich, ein Gitter-Ich, fluchterfahren, trauergeweiht" (Benn, Probleme der Lyrik) -- denn traurig ist das zerstreute Selbst meistens allein: Traurigkeit ist ungesellig.
 

Samstag, 31. März 2012

Wieso das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen eine Chance zur Entkrampfung des politischen Diskurses darstellen könnte


"Eine Politik der öffentliche Rede über die Verzweiflung würde außerordentlich therapeutisch wirken." 
(Sloterdijk im Gespräch mit Carlos Oliveira, 1996)

Risiko und Sicherheitssuggestion als Konstituenten von Politik

(Unsicherheit absorbieren)
Souveränitäts- und Bescheidwissens-, auch Ehrlichkeitssuggestionen gehören scheinbar unverbrüchlich zum Alltag politischer Selbstdarstellung. Politiker wissen Bescheid, haben bereits heute Lösungen für Probleme, mit denen sie bis vorhin nicht einmal gerechnet hatten und können jederzeit abschätzen, was genau die Folgen dieser oder jener Entscheidung im Detail sein werden.
Diese Situation bringt die Politik in ein Darstellungsproblem. Sie hat keine ausreichende Weltkenntnis, sie kennt vor allem die Zukunft nicht. Sie muß also riskant entscheiden. Wenn es aber um den politisierten Konflikt von Entscheidern und Betroffenen geht, kann sie ihre eigene Entscheidung nicht gut als das darstellen, was sie ist: als riskant.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Politik muss also suggerieren, was sie eigentlich zu leisten gar nicht im Stande ist. Das heißt, dass sie sich als Zurechnungsadresse von Verantwortung selbst da zur Verfügung stellt, wo Verschuldung nur noch schwer oder gar nicht mehr zurechenbar ist. Eine solche Zurechnungsadresse für Verantwortung entlastet ihrerseits die Gesellschaft von der Konfrontation mit eigener Unsicherheit und Kontingenz. Selbst wenn Schwerwiegendes geschieht, ist man als Beobachter von Politik dann nicht mit der Schwierigkeit konfrontiert, es als einen unvorhersehbaren Zufall der allgemeinen Unordnung des Lebens zuzurechnen, sondern hat in der Politik eine Adresse für Klage und Protest (insofern nimmt auch und gerade die "Politikverdrossenheit", wo sie nicht einfach Desinteresse ist, die Politik besonders ernst, da sie ihr Verantwortung für die "Gesamtsituation" und ihre diesbezüglichen Verfehlungen dann als Schuld zuschreibt). In diesem Sinn stellen Politiker -- indem sie sich dafür zur Verfügung stellen, Verantwortung für Prozesse zu übernehmen, die sie teilweise selbst kaum überschauen (geschweige denn deren Risiken bis ins Letzten vorausberechnen können) -- "Unsicherheitsabsorbatoren" dar.
Selbst Naturkatastrophen werden heute als gesellschaftsverursacht wahrgenommen. Irgendwo müsse ein Bruch des Vorausssichts- oder Vorsichtsprinzips gelegen haben, der zu einer Verschlechterung der ökologischen Verhältnisse geführt hat und die Gesellschaft für Erdrutsche, Erdbeben, Überschwemmungen, ja einzelne besonders heftige Gewitter verantwortlich macht.
(Clam, Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug)
Der oft beklagte "Vertrauensverlust" in die Politik scheint zum Teil eine Reaktion auf die Einsicht in diese Form politischer Selbstdarstellung zu sein, sofern die standardisierte und mittlerweile allenthalben als phrasenhaft wahrgenommene Suggestion von Sicherheit selbst inzwischen an Glaubwürdigkeit verloren hat.  

Vertrauen in Politik?

(Politik als Selbstbeschuldung)
Vertrauen setzt da ein, wo man nicht genau weiß, was wirklich geschehen wird und sich trotzdem darauf festlegt, so zu handeln, als wüsste man es doch. "Im Akt des Vertrauens wird die Komplexität der zukünftigen Welt reduziert", insofern "überzieht [Vertrauen] die Information, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft" (Luhmann, Vertrauen), Vertrauen bleibt also immer riskant und enttäuschbar. 
Insofern stellt das politische Versprechen die größte Gefahr für die Stabilisierung von Vertrauen dar, da politisch Versprochenes (vor einer Wahl oder einer Krise beispielsweise) sich im Wandel der Geschehnisse (nach der Wahl/Krise) schon als nicht mehr durchsetzbar oder sogar als unklug erweisen kann, aber auch -- und noch schwerwiegender -- wenn da versprochen wird, wo der Versprecher gar keine Handhabe über Verwirklichung oder Nicht-Verwirklichung seines Versprechens besitzt (er/sie beispielsweise die Sicherheit von Rentenansprüchen, die Senkung von Arbeitslosigkeit oder die Sicherheit der auf Sparkonten angelegten Einlagen verspricht).
Das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen (wie man es jüngst etwa von der Piratenpartei erleben konnte) und Unsicherheit, das Eingeständnis, dass man nicht genau weiß, was die Folgen und die Risiken der Entscheidungen tatsächlich sein werden, könnte für die Wahrnehmung des politischen Diskurses also durchaus heilsam sein und es zumindest ein Stück von der Last der permanenten Souveränitätsdarstellung befreien. Und auch wenn Stuckrad-Barre schon meinte feststellen zu können, dass ihn dieses Eingeständnis inzwischen schon wieder langweile 
Wie weit kann man´s mit dieser Masche bringen: "Keine Ahnung von Afghanistan..." Nervt sie das schon, dass das so pseudofrisch kommt? Mich fängts jetzt schon an zu nerven..
könnte es also durchaus als ein gesundes Korrektiv gegenüber einer sich ständig um die Suggestion von Sicherheit der eigenen und Unzulänglichkeit der fremden Vorschläge bemühten Politik fungieren. Allerdings: "Die Kommunikation von Nichtwissen stellt von Verantwortung frei" (Luhmann, Beobachtungen der Moderne), was auf der anderen Seite natürlich auch bedeutet, selbst nicht mehr zu entscheiden. Politik besteht immer in der Übernahme von Verantwortung für Entscheidungen und in einer damit verbundenen Selbstbeschuldung, d.h. Auf-sich-Nahme der dem Entscheiden (angemessen oder unangemessen) zugerechneten Folgen. Das ändert allerdings nichts daran, dass eine langfristige Veränderung der politischen Selbstdarstellung (gerade im Hinblick auf das Eingeständnis von Unsicherheit und Risiko) einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung von Politik haben könnte.

Die Forderung nach Transparenz

Könnte dabei die Forderung nach Transparenz zur Wiedergewinnung des "verlorenen Vertrauens" (ist es aber wirklich das Vertrauen in die Politik, das wir verloren haben?) beitragen? (Vgl. hierzu entsprechenden Beitrag auf sozialtheoristen.de)
Man mag die Hoffnung hegen, durch aufrichtige, vollständige Information Vertrauen zu gewinnen. Aber Vertrauen wozu? — wenn nichts verschwiegen wird. Vermutlich ist denn auch der Wunsch, besser informiert zu werden, eher ein Anzeichen für zunehmenden Vertrauensverlust als ein Mittel, Vertrauen zu gewinnen.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Vertrauen in Politik bedeutet ja gerade: Sich verlassen können/wollen auf die durch die Autorität (Expertise, etc.) anderer zur Verfügung gestellten Unsicherheitsabsorptionen. Wer hat schon die Zeit, jede Beratungssitzung wirklich im Live-Stream zu verfolgen? Wer die Zeit, alle Protokolle zu lesen, sowie vor allem auch die Aufmerksamkeit und Kenntnis, sie alle zu verstehen? In diesem Sinne bleibt die Politik auf Intransparenz angewiesen (was allerdings nicht bedeutet, dass Transparenz im Sinne der grundsätzlichen Ermöglichung, dies alles im Einzelnen in Erfahrung zu bringen, wenn man nur will (d.h. Transparenz als "Zugänglichmachung"), nicht zur Wahrnehmung der Politik als vertrauenswürdig beiträgt).
Kandidieren heißt ja doch, an den eigenen Kraftüberschuss glauben. Und glauben, dass man selber ein "Container" ist, also eine Hohlform, in der sehr viel gesellschaftliche Sorge deponiert werden kann. Und das ist eine Haltung, die für die demokratische Politik zwar konstitutiv ist, auf die Dauer aber nicht mehr tragen wird. Dieser "Müllabfuhrpolitiker", der sich sozusagen als Sorgencontainer der Öffentlichkeit anbietet und dann am Ende doch aber auch selber auf den Müll geschickt wird, das ist ein Typus, dem ich keine große Zukunft zuspreche. 
(Sloterdijk, Autobahnuniversität, Gespräche mit Carlos Oliveira, 1996)

Freitag, 16. März 2012

Morphologien des Frühlings: Die Verwegenheit des Eisverzehrs

Ausgehend von Deleuze´ und Guattaris Überlegungen zum "organlosen Körper" macht sich Jean Clam Gedanken über Symbolisierung und Erzeugung der spezifischen Form von "Begehrlichkeit", die in unserem Kulturkreis vorzuherrschen scheint. Ausgehend von Ovid zeichnet er die Entstehung und Entwicklung dieser "Nacktheit/Begehrlichkeit/Weiblichkeit als ein Körper/Weib/Werden" nach, verfolgt mithilfe einer kreativen Phänomenologie das Spiel der "Weib/Körper/Nacktheit-Wolke", die unsere Welt bewirbelt.
(Eisschmelze; [Roman Duerr, CC BY-NC 2.0])
Die Weib/Körper/Nacktheit-Wolke wirkt in allem, was sich von ihr durchziehen und bewirbeln lässt, als Weltagencement. Dieses setzt an allen Weltregionen und -gegenständen an, taktet sie in den Sog, Klang, Tanz, in die "Ritournelle" der Begehrlichkeit hinein, bringt an ihnen die Resonanz eines schematischen Grundgleichklangs zum klingen. Das Feld der belegend beschreibenden Analysen wäre hier grenzenlos: In jedem Hörnchen Eis pocht dieses Werden, das es "klanglich" transformiert, ummetaphorisiert, umnebelt, umenergetisiert, umartikuliert. [...]
In seinen Formen und Farben, im sonnigen Nachmittag, der es in den lässigen Gängen durch eine durchbefriedete und von Wohligkeit beschwingte Innenstadt hervorwünscht, wirkt die Metapher des Eisverzehrs als Werden eines am Weiblichen orientierten Genussagencements. Dieses ist Bildung von Haecceitates zu augenblicklichen Ganzheiten, zu Zusammenhängen von Geschwindigkeiten und Langsamkeiten; von Kugeln, Rundungen von Farben, Essenzen, Geschmacksqualitäten und -intensitäten, Kurvigkeiten von geschmeidigen Leckmassen, übereinander gelagert, fallend, dreistöckig, verfolgbar, körperschematisch, mit Händen und Zunge. Der Eiskegel ist ein invertierter (leckender, saugender) Mund, ein inneres Hüftefassen, -nachbilden, -streicheln, ein Bedrücken von geschmeidigen und feuchten Massen, die lustvoll nachgeben, nach einem von Genießenslangsamkeiten bestimmten Rhythmus der Wahrnehmung und der Berührung. Ice Cream/I scream.
(Jean Clam, Die Gegenwart des Sexuellen. Analytik ihrer Härte)

Donnerstag, 1. März 2012

Die ersten Züge der Philosophie - Dialektik der Verzehrung


Gewohnt gelassen leitet Luhmann das interintellektuelle Gespräch zum Thema "Das Rauchen - Schlecht oder doch gut?" ein:
Praxis kommt ja in der modernen Gesellschaft kaum noch vor. Rauchen wäre eines der wenigen Beispiele, die einem spontan einfallen; aber das betrifft dann nur die Zigarettenindustrie.
(Wirtschaft der Gesellschaft) 
Kant fühlt sich durch die nachlässige Flapsigkeit zu maßregelnder Korrektheit provoziert. Das Rauchen scheint ihm doch eine Sache zu sein, die einer ernsthafterer Beschäftigung fähig ist. Er will Grundlgendes klären: Zu den subjektiveren Sinnenempfindungen gehörten, meint er schnippisch, auch solche, 
die bloss subjektiv sind und auf die Organe des Riechens und Schmeckens durch einen Reiz würken, der doch weder Geruch noch Geschmack ist, sondern als die Einwirkung gewisser fixer Salze, welche die Organe zu spezifischen Ausleerungen reizen, gefühlt wird; daher denn diese Objekte nicht eigentlich genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden, sondern nur sie berühren und bald darauf weggeschafft werden sollen; eben dadurch aber den ganzen Tag hindurch (die Essenszeit und den Schlaf ausgenommen) ohne Sättigung können gebraucht werden. – Das gemeinste Material derselben ist der Tobak, es sei ihn zu schnupfen, [...] oder auch ihn durch Pfeifenröhre, wie selbst das spanische Frauenzimmer in Lima durch einen angezündeten Zigarro, zu rauchen. [...] – Dieses Gelüsten [...] ist, als blosse Aufreizung des Sinnengefühls überhaupt, gleichsam ein oft wiederholter Antrieb der Rekollektion der Aufmerksamkeit auf seinen Gedankenzustand, der sonst einschläfern, oder durch Gleichförmigkeit und Einerleiheit langweilig sein würde; statt dessen jene Mittel sie immer stossweise wieder aufwecken. Diese Art der Unterhaltung des Menschen mit sich selbst vertritt die Stelle einer Gesellschaft; indem es die Leere der Zeit statt des Gespräches mit immer neu erregten Empfindungen und schnell vorbeigehenden, aber immer wieder erneuerten, Anreizen ausfüllt.
(Anthropologie in pragmatischer Absicht)
Kants Anregungen greift ein umwölkter Husserl auf. Der sieht allerdings im Rauchen vor allem einen legitimem Treibstoff zur Beförderung des theoretischen Interesses:
Ein Gefühl kann uns berühren, ohne uns einzunehmen, und es braucht gar nicht schwach zu sein. Ich rauche eine Zigarre mit Lust, aber die Lust füllt mich nicht aus, vielmehr das theoretische Interesse, das indirekt von ihr Nutzen zieht. Manchmal mag es umgekehrt sein. Die Lust des Rauchens nimmt mich in Beschlag, das theoretische Interesse ist gering. Im einen Fall bin ich der Sache theoretisch zugewendet und nicht der Lust; im anderen Fall der Lust mitsamt ihrem sinnlichen Inhalt.
(Wahrnehmung und Aufmerksamkeit) 
Adorno ist empört. In allen bisherigen Ausführungen sieht er nichts als die masochistischen Auswirkungen des allgemeinen Verneblungszusammenhangs am Werk, er nippt ein letztes Mal kultiviert am Wein: Versuch einer Klarstellung:
Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit, sei's der eigenen, sei's der anderer, gebührt Mißtrauen. [...] Archetypisch dafür ist der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung kommt, die indirekte Beleuchtung andreht und sich einen Whisky-Soda mischt: das sorgfältig aufgenommene Zischen des Mineralwassers sagt, was der arrogante Mund verschweigt; daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercreme riecht, zumal die Frauen, und daß diese eben darum ihm zufliegen. [...] Die Freuden solcher Männer [...] haben allesamt etwas von latenter Gewalttat. [...] Wenn alle Lust frühere Unlust in sich aufhebt, dann ist hier die Unlust, als Stolz sie zu ertragen, unvermittelt, unverwandelt, stereotyp zur Lust erhoben: anders als beim Wein, läßt jedem Glas Whisky, jedem Zug an der Zigarre der Widerwille noch sich nachfühlen, den es den Organismus gekostet hat, auf so kräftige Reize anzusprechen, und das allein wird als die Lust registriert. Die He-Männer wären also ihrer eigenen Verfassung nach, als was sie die Filmhandlung meist präsentiert, Masochisten. Die Lüge steckt in ihrem Sadismus, und als Lügner erst werden sie wahrhaft zu Sadisten, Agenten der Repression.
(Minima Moralia)

Freitag, 24. Februar 2012

Lebensspielräume, Lebensversäumnisse: Versuche zur Formalisierung des Existenzialismus


(Raum für Möglichkeiten)
Lebensmöglichkeiten erscheinen entweder als Fähigkeiten oder als Spielräume: als Selbstoptionen oder Weltoptionen. Selbstoptionen sind die als Kapital vorgestellten Potentiale und Fähigkeiten, die dem Einzelnen zur möglichen Verwirklichung zur Verfügung stehen (Talente, Kenntnisse, Fertigkeiten, Besitze), Weltoptionen sind die durch Situationen vorgegebenen Bewegungsspielräume (Erreichbare Orte oder Positionen, gestaltbare Räume). 
Während Weltoptionen als mögliche zukünftige Lebensumstände vorgestellt werden, zeigen sich Selbstoptionen als zu-verwirklichende Potentiale, die man entweder als durch Nicht-Verwirklichung erfolgte Kränkungen mit sich herumschleppt ("Ich wäre sicher ein großer Pianist geworden.") oder die als heimliche Versprechen einer möglichen Zukunft die eigenen Tätigkeiten tragen ("Ich werde gewiss ein mittelgroßer Pianist."). Im Hinblick auf beide Seiten besteht Täuschungsgefahr: Wirkliche Möglichkeiten können hier wie da als Unmöglichkeiten erscheinen: die eigene Unfähigkeit als noch nicht ausgeprägtes Talent, bestehende Möglichkeit als absurd und unwahrscheinlich vorschnell abgetan werden.
Vermeintliche Weltoptionenknappheit kann einschränken, träge und verzweifelt machen, oder zur Gegenreaktion provozieren: Protest [Adorno]. Protest gegen wahrgenommenen Selbstoptionenknappheit dagegen ist unwahrscheinlich: man fühlt sich eher unfähig als unterbliebene Talentvererbung (und wen denn nur?) anzuklagen. Eine Frage der Zuschreibung: Knappheit an Selbstoptionen kann durch Fremdzuschreibung (Externalisierung, Entantwortung) als Problem der Welt dargestellt werden: ein unterstellter Mangel an Weltoptionen etwa entlastet vom Eingeständnis eigener Unfähigkeit ("Es gibt hier einfach keine guten Klavierlehrer.."), Unterstellung ungerechter Mechanismen entlastet vom Eingeständnis mangelnden Engagements für die Sache selbst ("Protest ist manchmal leichter als Politik").
Vermeintlicher Weltoptionen- oder Selbstoptionenüberschuss steigert das Kontingenzgefühl und führt im Grenzfall zu Fahrlässigkeit: zu vieles scheint möglich, zu weniges notwendig oder auch nur alles Mögliche belanglos. Das Entscheiden selbst wird zum Problem.
Sofern man aber überhaupt für das Realisieren von Möglichkeiten votiert -- und es könnte natürlich auch Gründe geben, das nicht zu tun -- lohnt sich bisweilen vielleicht eine optimistische Überschätzung eigener Spielräume, solange die nicht absehbar langfristig zu den größeren Enttäuschungen führen muss.

Samstag, 11. Februar 2012

Die Geburt der Fahrlässigkeit aus dem Geist der Selbstentlastung


(Beschwerte Individualität)
Gehäuse und Widerstände III

Die Abfall des Realitätsdrucks im Inneren der Kulturgehäuse bringt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit "fahrlässige Individuen" hervor. Realitätsdruck meint dabei diejenige Form von Nötigung, die ein Individuum (beispielsweise durch die Verknappung von Ressourcen (im einfachsten Fall: Reduktion von Komplexität durch das Verstreichen von Zeit) oder direkte Konfrontation mit Gefahr) unausweichlich zum Treffen konkreter Entscheidungen nötigt, sofern es überhaupt ähnlich wie bisher weitermachen will. Die Kultur dient hier gleichsam als ein Schutzwall, an dem die heranbrandenden Realitäten locker auslaufen, ihre erste Wucht verlieren können, um dann als seichte und unbedrohliche Ereignis-Wellen (vermittelt beispielsweise durch öffentliche Medienkanäle) die Kulturinsassen zu erreichen. 

Ein in eine allzu stark ausgebildete Ernstabschottung geborenes Individuum bekommt allerdings selbst von diesen Wellen kaum noch etwas mit. In warme Gehege einkuschelt erlebt es seine Welt als einen Raum der diffusen und semi-relevanten Optionen:
Wir treiben auf dem Ozean der Appetite, Erlebnisbereitschaft hat die Welt entgrenzt. [...] [Der moderne Verbraucher ist] nicht mehr zur Freiheit, sondern zur Frivolität [verurteilt]. Frivol ist, wer ohne ernsten Grund in der Natur der Dinge sich für dies oder das entscheiden muß [...]. Alles geschieht im Bewußtsein dessen, daß es ebensogut anders ginge. Ästhetik -- die Komödie des Bevorzugens.
(P.S., Falls Europa erwacht) 
Er treibt bewusstlos -- weil wenig entscheidungsaffin -- durch seine Gefilde, er muss keine Konsequenzen "ein für allemal" auf sich nehmen, er driftet fahrlässig als buntes und lustiges Möglichkeitsknäuel ohne ernstzunehmenden Verwirklichungsdrang durch die sich ihm gerade anbietenden Passagen und Programme, lacht fröhlich unentschlossen vor sich hin.
Steigt nun allerdings der Realitätsdruck im Selbst- und Kulturgehäuse wieder an, müssten auch die entsprechenden Ernstfallprogramme dem Einzelnen bei der Bewältigung dieses Drucks wieder beistehen, ihm konkretes Entscheiden irgendwie ermöglichen. Für fahrlässige Individuen beginnt an dieser Stelle das Problem: Ihnen steht kein Sensorium zur Erkennung des Ernstfalls mehr zur Verfügung, sofern sie bisher nur beliebig an sie herangespülte Optionen ohne allzu hohen Ernstwert kannten. Die Bedrohung "geht an ihnen vorbei", oder sie wollen es schlichtweg nicht akzeptieren, dass ihr freie Optionalität durch Restriktionen von außen begrenzt werden könnte und beginnen -- wie man heute sagt -- zu "prokrastinieren". Prokrastination wird möglich und wahrscheinlich, sobald das Unterlassen von Entscheidungen nicht mehr als eine Bedrohung des Weitermachens wie bisher erlebt wird, sobald der erlebte Realitätsdruck unter ein bestimmtes Engagierungs-Niveau gefallen ist. Die Entscheidungen werden an ihrer Stelle dann von der verstreichenden Zeit und den so verunmöglichten Möglichkeiten wie von selbst getroffen. "Not der Notlosigkeit" hat Heidegger das genannt, die "Schwierigkeit der Wiederbeschwerung der Welt" könnte man das Problem heute vielleicht nennen.  

Freitag, 10. Februar 2012

Ist kalt draußen: "Komm´ zurück ins warme Kulturgehäuse!"


Gehäuse und Widerstände II
Umfriedetes Kulturgehege
Um dem Unheimlichen zu entfliehen, sucht der Mensch sich heimisch zu machen im Dasein, sucht er dem Dasein das Fremde, das Drohende zu nehmen. Ein hervorragendes Symbol dieses Willens ist das Haus. [...] Im Hause wird ein Stück des Daseins heimisch gemacht, zur Vertrautheit gebracht. 
(Paul Tillich, Die technische Stadt als Symbol)
Kultur scheint zu weiten Teilen eine Leistung und ein Effekt der Weltdistanzierung zu sein. Das Einrichten "umfriedeter" (Schmitz) Gehege mindert nach Innen den Realitätsdruck ("Kultur bedeutet schon auf niedrigster Stufe das Anwachsen der Leistungsfähigkeit abschirmender Gehäuse: schon der Eintritt in die Höhle entspannt den Mittelbarkeitseffekt.", Blumenberg, Beschreibung des Menschen), das bedrückende Wissen darum, dass nur durch gegenwärtiges Handeln das Weitermachen wie bisher oder ähnlich möglich bleibt. Das Unberechenbare soll draußen bleiben, damit das wohltemperierte Drinnen nicht durch Beunruhigung gestört wird.
Jener Widerstand [der Natur] muß allmählich schwächer, und endlich erschöpft werden [...]; jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden. Die Natur muß allmählich in die Lage eintreten, daß sich auf ihren gleichmäßigen Schritt sicher rechnen und zählen lasse und daß ihre Kraft unverrückt ein bestimmtes Verhältnis mit der Macht halte, die bestimmt ist, sie zu beherrschen, - mit der menschlichen.
(Fichte, Die Bestimmung des Menschen)
Dabei bleibt fraglich, ob die Vorstellung, man könne das Unberechenbare irgendwann letztgültig aus dem Leben aushegen, zielführend, ob die Vorstellung, alles Unkalkulierbare wäre aus der eigenen Gegenwart getilgt, nicht mit trostloser Langweiligkeit zusammenfallen müsste.
Zum Glück ist das auch alles nicht so einfach (fragt mal Heidegger, wieso Welt und Erde streiten...):
Die [Kultur-]Welt trachtet in ihrem Aufruhen auf der [undurchsichtig-chaotischen] Erde, diese zu überhöhen. Sie duldet als das Sichöffnende kein Verschlossenes. Die Erde aber neigt dahin, als die Bergende jeweils die Welt in sich einzubeziehen und damit einzubehalten. [...] Die Erde kann das Offene der Welt nicht missen, soll sie selbst als Erde im befreiten Andrang ihres Sichverschließens erscheinen. Die Welt wiederum kann der Erde nicht entschweben, [das Undurchsichtig-Unordentliche nicht einfach ins bloß Kalkulierbare überführen,] soll sie als waltende Weite und Bahn alles wesentlichen Geschickes sich auf ein Entscheiden gründen.
(Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks) 

Dienstag, 31. Januar 2012

Kant-Robinsonaden : Eine kleine Phänomenologie der Südsee-Sehnsucht


Nicht (oder doch zumindest nicht ausschließlich) als strenger logischer Deduktor, wachsamer Hüter der "Kaserne in ihrer metaphysischen Potenz" (Ball), sondern kants in der Rolle des aufmerksamen Weltmanns, mit allen sieben Wassern der Menschenkenntnis gewaschen, als aufmerksamer Phänomenologe der Sehnsucht nach Welt- und Menschenflucht zum einen, Bedürfnislosigkeit zum anderen, präsentiert sich das sonst vor allem ehrfurchtseinflößende Inselgenie IK in folgenden kurzen Textabschnitten:
Sich selbst genug sein, mithin Gesellschaft nicht bedürfen, ohne doch ungesellig zu sein, d.i. sie zu fliehen, ist etwas dem Erhabenen sich Näherndes, so wie jede Überhebung von Bedürfnissen. Dagegen ist Menschen zu fliehen, aus Misanthropie, weil man sie anfeindet, oder aus Anthropophobie (Menschenscheu), weil man sie als Feinde fürchtet, teils häßlich, teils verächtlich. Tatsächlich gibt es eine (sehr uneigentlich sogenannte) Misanthropie, wozu die Anlage sich mit dem Alter in vieler wohldenkender Menschen Gemüt einzufinden pflegt, welche zwar, was das Wohlwollen betrifft, philanthropisch genug ist, aber vom Wohlgefallen an Menschen durch eine lange traurige Erfahrung weit abgebracht ist: wovon der Hang zur Eingezogenheit, der phantastische Wunsch, auf einem entlegenen Landsitze, oder auch (bei jungen Personen) die erträumte Glückseligkeit auf einem der übrigen Welt unbekannten Eilande mit einer kleinen Familie seine Lebenszeit zubringen zu können, welche die Romanschreiber oder Dichter der Robinsonaden so gut zu nutzen wissen, Zeugnis gibt.
(Kritik der Urteilskraft, §29)  
Der dritte Wunsch, oder vielmehr die leere Sehnsucht (denn man ist sich bewusst, dass das Gewünschte uns niemals zu Teil werden kann) ist das Schattenbild des von Dichtern so gepriesenen goldenen Zeitalters: wo eine Entledigung von allem eingebildeten Bedürfnisse, das uns die Üppigkeit aufladet, sein soll, eine Genügsamkeit mit dem blossen Bedarf der Natur, eine durchgängige Gleichheit der Menschen, ein immerwährender Friede unter ihnen, mit einem Worte der reine Genuss eines sorgenfreien in Faulheit verträumten oder mit kindischem Spiel vertandelten Lebens; – eine Sehnsucht, die die Robinsone und die Reisen nach den Südseeinseln so reizend macht, überhaupt aber den Überdruss beweiset, den der denkende Mensch am zivilisierten Leben fühlt, wenn er dessen Wert lediglich im Genusse sucht, und das Gegengewicht der Faulheit dabei in Anschlag bringt, wenn etwa die Vernunft ihn erinnert, dem Leben durch Handlungen einen Wert zu geben. 
(Mutmasslicher Anfang der Menschengeschichte)
Dann aber:
Für sich allein würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel weder seine Hütte, noch sich selbst ausputzen, oder Blumen aufsuchen, noch weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in Gesellschaft kommt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern auch nach seiner Art ein feiner Mensch zu sein (der Anfang der Zivilisierung) [...].
(Kritik der Urteilskraft, §41)

Sonntag, 29. Januar 2012

Ulrich und Kleist exkulpieren das Videospiel als Ermöglichungsfeld des "anderen Zustands"


Flow-Maschinen zu Zeiten Musils; Foto: Joachim S. Müller
Videospiele werden -- wie andere alternative und scheinbar zweckfreie Zeitvertreibe auch -- oft der tumben Lebenskonsumption verdächtigt. Ulrich möchte das nicht tolerieren und wirbt nach einer entsprechend intensiven Selbsterfahrung für das lebensergänzende Potential des Videospiels (nebenbei entpuppt sich Musil dabei auch als feinfühliger Flow-Psychologe ["Flow" = "Das reflexionsfreie gänzliche Aufgehen in einer glatt laufenden Tätigkeit, die man trotz hoher Anforderungen unter Kontrolle hat"; vgl. Csikszentmihalyi, Rheinberg]:
Ihr Reiz liegt auch wirklich darin, daß man in einem kleinsten Zeitraum, mit einer im bürgerlichen Leben sonst nirgendwo vorkommenden Schnelligkeit und von kaum wahrnehmbaren Zeichen geleitet, so viele, verschiedene, kraftvolle und dennoch aufs genaueste einander zugeordnete Bewegungen ausführen muß, daß es ganz unmöglich wird, sie mit dem Bewußtsein zu beaufsichtigen. Im Gegenteil, jeder Sportsmann weiß, daß man schon einige Tage vor dem Wettkampf das Training einstellen muß, und das geschieht aus keinem anderen Grund, als damit Muskeln und Nerven untereinander die letzten Verabredungen treffen könne, ohne daß Wille, Absicht und Bewußtsein dabeisein oder gar dreinreden dürfen. Im Augenblick der Tat sei es dann auch immer so, beschrieb Ulrich: die Muskeln und Nerven fechten mit dem Ich; dieses aber, das Körperganze, die Seele, der Wille, diese ganze, zivilrechtlich gegen die Umwelt abgegrenzten Haupt- und Gesamtperson wird von ihnen nur so obenauf mitgenommen [...] und wenn dem einmal nicht so sei, wenn einmal auch nur der kleinste Lichtstrahl der Überlegung in dieses Dunkel falle, dann mißlinge regelmäßig das Unternehmen.
(Roberts Müsli - Ein Mahl ohne Cerealien)
In ähnlicher Richtung -- nur etwas weniger optimistisch -- suchte schon Kleist einen Weg zurück ins unbewusste Glück intensiv involvierenden Erlebens:
Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewußtsein anrichtet. [...] Wir sehen, daß in dem Maaße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt.
(Kleist, Über das Marionettentheater)
Dazu ein musikalischer Kommentar von Haruomi Hosono, einem Chiptune-Pionier der ersten Stunde:

Samstag, 28. Januar 2012

Sehen lernen (unter Zuhilfenahme von Wasser)


Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.
(Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)