Über den Unterschied zwischen etwas, das nicht nichts, und etwas, das nicht nichts, aber auch nicht etwas ist.
Ein ontologisches Basisproblem besteht in der Annahme, dass es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts gibt. Eine zentrale philosophische Grundfrage lautet daher: "Was ist überhaupt etwas?" Eine erste Antwort, die sich auf diese Frage nahelegen könnte, ist: "Etwas ist nicht nichts." Nicht nichts im Sinne einer Begriffsanalyse: "etwas" ist immer etwas insofern, als es Element der Menge aller gegenständlichen Bestimmtheiten ist, es ist - wie die Logiker sagen - "Element des Universums". Dieser Überlegung zufolge gibt es also nichts, was es nicht gibt. Es gibt alles. Nichts gibt es nicht.
Das passt auch mit unseren alltäglichen Redegewohnheiten zusammen, wenn wir etwa davon sprechen, dass etwas "nichts" ist oder war. Ein solches "Nichts" ist immer nur "nichts" im Sinne doch wieder von "etwas", das nicht Element einer bestimmten Menge ist. "Das war nichts.", geflüstert als Kommentar zu einem merkwürdigen Geräusch aus dem Unterholz, bedeutet eben: Es [das Geräusch], war "nichts von Relevanz, kein Element der Menge der Etwasse, die für uns jetzt hier relevant, bedenklich oder gefährlich wären." Etwas, das nichts ist, ist also "nichts" immer nur in Hinblick auf einen bestimmten Aspekt, es ist nicht etwas von dieser oder jener Art.
Ob aber etwas, das nicht nichts ist, auch immer schon etwas sein muss: DAS ist die eigentlich interessante Frage. Eine Frage, die noch vor Epistemologie und Ontologie - vor der Frage, was wir erkennen können, und der Frage, was es gibt - in deren Ununterscheidbarkeitsbereich hinein ihr Unwesen treibt. Die These ist also: Es gibt Etwasse, die nicht Elemente der Menge der gegenständlichen Bestimmtheiten sind. Wenn es aber etwas gibt, das nicht etwas ist, dann gibt es etwas, das nicht nichts und zugleich nicht etwas ist. Etwas also, das zwar außerhalb des Rahmens sprachlicher Adressierbarkeit, aber innerhalb des Rahmens des Artikulierten überhaupt steht.
Das bedeutet: Wenn etwas etwas ist, dann kann man daraus schließen, dass es nicht nichts ist. Wenn etwas aber nicht nichts ist, kann man noch nicht daraus schließen, dass es deshalb immer auch schon etwas ist. Man hat es beim Lesen wahrscheinlich bemerkt: Hier scheint sich ein Regress eingeschlichen zu haben. Etwas, das nicht nichts ist, ist ja wohl etwas, sonst wäre es ja nicht "etwas, das nicht nichts ist". Wir müssen also, wenn wir hier noch einen Schritt weiter kommen wollen, etwas von etwas, das eine etwas vom etwas anderen etwas unterscheiden:
Etwas, im Sinne all dessen, was ein Element der Menge aller gegenständlichen Bestimmtheiten ist, ist etwas anderes als etwas, das nicht nichts, aber auch kein Element der Menge aller gegenständlichen Bestimmtheiten ist. Diese Etwasse nun markieren den hypologischen Bereich. Sie sind die unteransprechbaren, nicht sprachlich adressierbaren Etwasse, was aber nicht bedeutet, dass sie nur ex nagativo als das Nicht-Begriffliche, Mystische undsoweiter adressierbar wären.
In der Sprache lassen sich nur Bestimmtheiten adressieren (durch die Sprache lässt sich allerdings sehr viel mehr anzeigen. Durch Rhythmus, Intonation, undsoweiter). Die Sprache ist aber nicht das einzige Medium, in dem wir unsere Bezüge und Konstellationen artikulieren, in welchem wir Adressen als stabile Resonanzen etablieren. Deshalb sind in anderen Medien der Verständigung, etwa in der mimischen Interaktion, auch hypologische Positivitäten adressierbar. Sie können allerdings nicht in den Bereich des Sprachlichen als Bestimmtheiten übertragen, höchstens hier hinein meta-phorisiert, meta-morphorisiert werden: sprachlich sind sie tatsächlich nur als Unverfügbarkeiten adressierbar.
Aber die Grenzen unserer Sprache sind glücklicherweise nicht die Grenzen unserer Welt.
[tl;dr: Blumen sagen mehr als Worte]