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Dienstag, 29. Mai 2012

Strategien der Selbstversicherung: Die Kunst der Leerdistinktion


(Bild: Achim Grochowski; CC BY-SA 3.0)
Sie sind in Ihrem Leistungsmilieu bisher immer eine Strukturniete gewesen? Niemand nimmt Sie in Ihrem Umfeld als bedeutsam wahr? Sie wollen aber dennoch endlich soziales Kapital anhäufen? Jemand wichtigen darstellen? Erlernen Sie die Kunst der Leerdistinktion! Die Kunst der Leerdistinktion basiert auf der Umkehrung eines sehr einfachen ontologischen Prinzips: Was etwas ist, macht auch einen Unterschied --> Daraus machen sie ab heute: Einer, der Unterschiede macht, muss ja wohl auch jemand sein. Wir haben das Prinzip der Leerdistinktion aus dem Finanzsektor übernommen, in dem es als Prinzip der Leerverkäufe ["Der Leerverkauf bezeichnet den Verkauf von Waren, über die der Verkäufer zum Verkaufszeitpunkt nicht verfügt"] schon jahrzentelang erfolgreich zum Einsatz kommt. Der Unterschied macht den Unterschied! Mit Leerdistinktionen machen sie in kürzester Zeit aus Ihrem psycho-sozialen Nichts ein sozio-psychologisches Etwas! Befolgen Sie dazu nur die folgenden einfachen Regeln:
(1) Untersuchen Sie zuerst Ihre sozialen Interaktionen auf mögliche Anwendungsbereiche für Leerdistinktionen: Mit wem kommunizieren Sie wie? Wen begrüßen Sie? Nach wie langer Zeit antworten Sie wem auf Anfragen per Kurznachricht und Mail? Wie zuverlässig halten Sie Termine ein? Mit welchen Phrasen oder mit der Auslassung welcher Phrasen beginnen und beenden Sie Ihre elektronischen Kommunikationen (Anrede, Buchstabenkürzel statt ausgeschriebenem Namen, Groß- oder Kleinschreibung?)?

(2) Optimieren Sie nun Ihre spezifischen Leerdistinktionsstrategien: Selegieren Sie zum Beispiel, welche Personen Sie in Zukunft bewusst grüßen werden. Erzeugen Sie gezielt Situationen, in denen unklar ist, ob Sie andere Personen nur nicht gesehen, oder bewusst nicht gegrüßt haben, um so deren paranoide Einbildungskraft in Gang zu setzen ("Mag er mich nicht?", "Hab ich was falsch gemacht?"). Fortgeschrittene Leerdistinkteure benutzen eine verunsichernd alternierende Grußstrategie, die dem Gegrüßten bewusst weiter destabilisiert: Einmal freundlich grüßen, einmal grimmig gerade stieren, beim nächsten Mal einfache Indifferenz. Wenden Sie diese Strategie sorgsam auf alle Felder an, die Sie sich zur Optimierung vorgenommen haben. 

(3) Passen Sie gut darauf auf, dass Ihre Persönlichkeitsspekulationsblase nicht platzt! Leerdistinktionen erzeugen den Eindruck, dass es sich bei Ihnen um eine interessante, wichtige und selbstbewusste Person handelt. Gespräche sind hierbei immer gefährlich! Schneller als erwartet fliegt Ihre Tarnung auf, Ihre Leerdistinktionen fallen in das Nichts zusammen, aus dem Sie trotzdem einen Unterschied gemacht hatten. Sie entpuppen sich als der gewöhnliche Langweiler_In mit mürbem Kopf und halbgar verwaschenen Ambitionen. Auch ein einigermaßen ausgefallener Musikgeschmack kann Sie jetzt nicht mehr retten. Meiden Sie daher nach Möglichkeit zu ausführliche Kommunikation mit Ihnen Unvertrauten. So können Sie obendrein Ihren Spekulationswert weiter steigern!

Mittwoch, 25. April 2012

Stil und Theorie - Für eine Typologie der bewegten Denkgeste


"Femigrifflus"
Theorien sind nicht einfach so aus Gründen mangelnder Alternativen in Textform gezwängte Argumente und Gedanken. Theorie hat Stil, auch wenn es ein schlechter ist. --
Das war Sartre eigentlich unrecht:
"Es ist evident, daß wir in der Philosophie den Stil nicht nötig haben, man muß ihn sogar vermeiden. Wenn ich mich gehen lasse, eine literarische Wendung in einem philosophischen Werk zu schreiben, habe ich immer den Eindruck, meinen Leser ein bisschen mystifizieren zu wollen: ich mißbrauche sein Vertrauen."
(Sartre, L´écrivain et sa langue)
Das Ideal einer stilfreien Philosophie ist von seinem Grundimpuls her verständlich wie die Angst antiker Sophisten vor ebender. Suggestives Zugemenge, das Leser nicht nur überzeugen, sondern auch bezaubern soll, verdirbt die guten Gedanken. Das ist schön und redlich gedacht, ändert aber an dem Umstand nichts, dass ein Text, und gleichwohlwie, an einem Stil nicht vorbei, nicht ohne Stil und vielleicht nur höchstens mit dem komischen Versuch eines Stiles ohne Stil sich selbst bezaubern kann.
Was aber könnte Stil denn sein?
"Das Wort >Stil< bedeutet ursprünglich den Griffel, dessen sich die Römer beim Schreiben bedienten; er ist dann zur Metonymie geworden für jederlei eigentümlich gestaltete Schreibweise."
(Frank, Stil in der Philosophie)
Nun haben aber nicht nur Texte Stil. Neben einer neuen Tasche und dem eleganten Gang über nachmittäglichen Boulevard bewegt sich auch das Denken eines jeden mit eigentümlicher - vielleicht nie unverwechselbarer - Geste.
"Jedes Tier hat im Denken und Schreiben seinen Gang. Der eine geht in Sätzen und Bögen wie eine Heuschrecke; der andere in einer zusammenhängenden Verbindung wie eine Blindschleiche im Fahrgleise, der Sicherheit wegen, die sein Bau nötig haben soll. Der eine gerade, der andere krumm."
(Johann Georg Hamann)
Und so haben manche Theorien sogar ein eigenes technisches Profil:
"[Die einen sind] Schnellseglern aus einem Holze zu vergleichen, die an der Küste brauchbarer sind als die schwer zu bewegenden, vielfach zusammengesetzten Kolosse, welche für das hohe Meer ihre Bestimmung haben. So mögen diese in ihrer Zeit Mächtigeres wirken, indem sie das, "was not thut" in einer Art Politik des Geistes zu einer Weltformel verabsolutieren, wogegen jene auf dem hohen Meere der Weltgeschichte trotz etwaiger Sprünge und Risse die Stürme der Parteikämpfe eher auszuhalten im Stande sind als die einheitlicheren, aber auch einseitigeren Genossen."
(Max Scheler)