Die Neonleuchte

Ein Museum für moderne Kunst und Theorie

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Freitag, 16. Januar 2015

Das Gehäuse als Widerstand der Natur gegen ihre totale Technisierung.
Das Verschwinden des Technischen als Fluchtpunkt der Technik

Es gibt Autoren, die in Anlehnung an die Idee der Aufklärung von einer Geschichte der immer weiter fortschreitenden "Explikation" sprechen (Sloterdijk). Die Geschichte sei also mitunter aufzufassen als eine schrittweise Explikation alles zunächst und zumeist Impliziten, unverstanden Vorausgesetzten, Selbstverständlichen. Und so endet folgerichtig eine als Explikationsgeschichte vorgestellte Geschichte am idealen Endpunkt einer vollumfänglich entkleideten, geheimnisslosen Welt, die keine Fragen mehr offen lässt. Die Natur mag es zwar lieben, sich zu verbergen, die Geschwindigkeit ihrer sich selbst verbergenden Einwicklung (Implikation, Einfaltung) wird aber auf Dauer mit der Geschwindigkeit ihrer Auswicklung, ihrer theoretischen Entfaltung nicht schritthalten. Fluchtpunkt Geheimnislosigkeit - man könnte eine solche Entwicklung wirklich irgendwie romantisch bedauern, sofern sie denn zutreffen würde.

Heute wird gegenüber solchen Träumereien deutlicher, dass das Phantasma finaler Naturtransparenz für Menschenwesen (zum Glück, wie auch immer) wohl ein solches bleiben wird. Natürlich, es mag möglicherweise irgendwann Maschinen geben, die unsere avanciertesten physikalischen Theorien autonom so weit weiterzuentwickeln imstande sind, dass sie alle Weltprozesse (einschließlich ihrer selbst natürlich) generell restlos (trotz scheinbar drohender Mengenparadoxien) zu beschreiben vermögen. Allein, wie sollte es Menschen möglich sein, eine solche Theorie noch zu begreifen? Sie stünde höchstwahrscheinlich einfach so - unverstanden und richtig - alleine vor sich herum; und wäre somit eigentlich eine recht wunderbare Angelegenheit, sofern sie ihre Geltung nicht länger vor dem unzuverlässigen Gericht der Menschenvernunft zu verantworten hätte. Sie wäre einfach da, für niemand bestimmten einzig und allein korrekt.

Selbst, wenn dies aber unmöglich sein sollte, so ist doch immerhin klar, dass zumindest unser alltäglicher Umgang mit der Welt notwendig und immer auf einem Verzicht auf relativ große Pensen an explizitem Wissen beruht. Ein grundsätzliches Vertrauen auf das sich uns aus bisherigen Erfahrungen nehelegende "und so weiter" (Schütz) ist unverzichtbar, sofern man nicht in den praktischen Abgrund der skeptischen Kontinuitätsbezweiflung fallen will. Heidegger spricht diesbezüglich sogar davon, dass wir die Gegenstände unseres alltäglichen Umgangs gerade dadurch in ihrem Sinn verstehen, dass wir es "dabei bewenden lassen", womit es mit diesen Gegenständen jeweils "sein Bewenden" hat: deren "Bewandtnis". Sinnhafter Umgang mit der Welt beruht also gerade auf einem Verzicht auf deren erklärendes Verstehen, beruht gerade darauf, es bis auf weiteres mal gut sein zu lassen. (Geht schon. Funktioniert ja. Isso.) Und selbst wenn die Einzelne im Einzelnen weiß, wie ein Computer funktioniert, muss sie dieses Wissen überhaupt nicht beanspruchen, um ihn zu gebrauchen. Man muss aber auch nicht wissen, wie eine Orange im Zusammenspiel mit unserer Verdauung das macht, dass sie uns wertvolle Nährstoffe zuführt, um eine Orange zu essen. (Funktioniert einfach. Geht schon.) Das Auseinandertreten von "Sachverstand" und "Sachbeherrschung" (Blumenberg), das manche Autoren bezüglich der Fortschritte der Technik kritisch in den Blick gehoben haben, zeichnet also ganz allgemein unseren Zugang zur Welt aus. Ob man nicht weiß, wie das Wachstum eines Baumes oder wie der Motor eines Autos funktioniert, macht dabei keinen grundsätzlichen, allenfalls einen graduellen Unterschied.


Einen signifkanten Unterschied macht allerdings die Richtung, in die der technische Fortschritt selbst voranschreitet: Die Geschichte des technischen Fortschritts lässt sich gegenüber einer möglichen Explikationsgeschichte gerade beschreiben als eine Geschichte fortschreitender Implikationen. Eine Geschichte schrittweiser Einfaltungen also, in denen zunächst Explizites, Auffälliges schrittweise invisibilisiert, impliziert wird. So zeichnete sich die alte Technik stets dadurch aus, dass sie auffiel, schwer fiel, irgendwo immer irgendwie im Weg stand. Riesige Kisten und Gehäuse, der erste Fernseher, der erste PC, das erste schnurlose Telefon. Die alte Technike lieferte neue Möglichkeit, aber sie brauchte für deren Realisierung stets jede Menge Platz, der nicht einfach unsichtbar gemacht werden konnte, und der deshalb (aus Gründen der visuellen und habtischen Hygiene) in und hinter Gehäusen verborgen werden musste. 

Das Gehäuse bezeichnet also immer die Verkleidung desjenigen Rests der Technik, der noch nicht restlos impliziert werden konnte. Die Verkleidung desjenigen Rests, der nicht selbst nochmal zu etwas zu gebrauchen ist, sofern ja gerade er es ist, der die technische Funktion ermöglicht. Und so markiert das Gehäuse eigentlich den verbleibenden Widerstand der Natur gegen ihre restlose Technisierung, es verkleidet denjenigen Umstand, den die nicht vollständig abgeschlossene Technisierung darstellt: Das Gehäuse ist eigentlich die Umstandskleidung der Technik.

Worauf die heutige Entwicklung der Technik also auf einer sehr allgemeinen Ebene abzielt, ist recht einfach zu sehen. Der Fluchtpunkt der Entwicklung der Technik ist das Verschwinden der Sichtbarkeit des Technischen der Technik selbst, deren totale Implikation. Was am Ende einer solchen Entwicklung übrigbliebe wäre die reine Funktionalität - ohne verbleibende sichtbaren Restbereich ihrer Realisierung, ohne etwas, das noch aus Verlegenheit eingekleidet und umhüllt werden müsste. Die endgültige Abschaffung des technischen Inneren also, die letztlich auf reine Funktion, reine Oberflächlichkeit zuläuft. Und so sind die Oberflächen mit Funktion der eigentliche Fluchtpunkt der Entwicklung der Technik. Und nur da, wo wirklich noch etwas physisch aufbewahrt werden muss, werden Hohlkörper bleiben: Flaschen, Gläser, Schalen, Hüllen, Kisten.

Während die Möbel durch die natürliche Raumforderung ihrer Funktionen im Wesentlichen bleiben werden, was sie sind, wird das Technische der Technik verschwinden, bis es gänzlich implizit geworden ist.
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Labels: Gehäuse und Widerstände, Heidegger, Ortega y Gasset, Schütz, Technik

Mittwoch, 26. Juni 2013

Innenausschreitung - Beiträge zum Geheimnis (der Poesie)

Früher, wenn Menschen ein Geheimnis hatten, das sie nicht teilen wollten, kletterten sie auf einen Berg, suchten einen Baum, schnitzten ein Loch hinein und flüsterten das Geheimnis in das Loch. Danach verschlossen sie es mit Lehm, auf das niemand es jemals erfahre. 
(Wong Kar-Wai, 2046)
[Übung: Leicht semantisierbarer Rauschraum]
Eine Theorie der poietischen Ursuppe als Spaziergang in Worten. Beim Abschreiten der Grenze der Sagbarkeiten. Grenzen der Sinngenese. Wo man der eingetretenen Sicherheit der Nomina noch nicht vertrauen will, Sinntrampelpfade vermeiden. Vorsichtig genauer hinspüren ("Trägt das denn?"). Auf Impulse auf der Lauer: Lynch wartet als meditierender Fischer des Bewusstseins auf zögerlich anbeißende Motive: erste Bilder, eine Szene, abgeschnittenes Ohr oder halb geöffneter Mund, eine Anziehung zu Rot und wehendem Stoff; während Musil "eine Schnur durchs Wasser zieht und keine Ahnung hat, ob ein Köder daran sitzt" (MoE).

Eindämmernde Halbworte, scheinbar mit Bedeutung schon vollgeladen. Vorahnungen innerer Beweglichkeiten. Mantische Vektoren. Ein leises Ziehen nach vorne links: ruhiger Rhythmus, bedächtig oder eher eilig, Vagheit und Ahnung. Impulsen nachgehend. Auf Orientierung der Räume warten. Bieten sich Richtungen an? Beginn der Innenausschreitung: Sich um einen Turm herum verlaufen ("Mein einfachstes Labyrinth"; Ein Kapitän auf kleinstem Schiff). Spontane Stiftung von Feldern: Heim- und Unheimlichkeiten. Überall hier herrscht hohe Kitschgefahr, natürlich, schnell ist man in unangebrachte Hochtöne umgekippt, feierliche Hochgesten. Die Orte labil. Wo liegen die Bezüge? Noch- und Schonbezüge, einladende Oberflächen, eine Befreundung für Plastikplane plötzlich. Überall Vorsicht geboten. Aber man fängt an zu verstehen, dass etwas überhaupt etwas bedeuten kann: Grund und Finalität, das projektierende Selbst. Ansätze einer Theorie der Mythopoiese. Noch verrauschte Semiosen, präkomplexes Gewebe. Eine Reihe Stöcke waagrecht in Form einer Pyramide legen; das scheint schon fast etwas zu sagen. Symbol ohne Gegenüber, ungefügter noch. Bindungsbereit vielleicht, vielleicht noch deutlicher semantisierbar. Vielleicht etwas Konkretes dazustücken, damit es nicht ganz ins Diffuse abgleitet. "Denn aller Reichtum [der Einbildungskraft] bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn hervor." (Kant) Da einfacher, A und B als greifbare Vergleichspunkte anzubieten und dann nur nicht zu sagen, wie: Rätsel ohne Lösung basteln:
- Ein schweres, Sir!
- Hier ist das Rätsel, sagte Stephen.

Es krähte der Hahn
Zum Himmel hinan:
Der Glocken Klagen
Hat elf geschlagen.
´s ist Zeit, dies arme Seelchen
in den Himmel zu tragen.

- Was ist das?
- Was, Sir?
(Joyce, Ulysses)
Oder aber auch Textgefüge als Bewegung. Die Vorstellung aufgeben, man könnte einen Text durch einen anderen ersetzen, der besser sagt, was er selbst schon sagt -- sich vom Begriff der Interpretation als Vernichtung der Texte befreien. Schreibt doch lieber selbst!
Aber du deutest doch an,—suchte sich Aeins vorsichtig zu vergewissern—daß dies alles einen Sinn gemeinsam hat?
Du lieber Himmel,—widersprach Azwei—es hat sich eben alles so ereignet; und wenn ich den Sinn wüßte, so brauchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen. Aber es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können!
(Musil, Die Amsel)
Die semantische Kluft ["semantic gap"], der Unterschied zwischen Flüstern und Rauschen, als innere Sinnaufspreizung im unmarkierten Geräusch: am Anfang wüst und still, dann zwischen Sicht- und Unsichtbarem unterscheiden, bloß die eine Seite markiert. Brownsche Protologik als Schöpfungsmythos zweiter Ordnung: Wer macht welche ersten Unterschiede? Hilfreich hier für dIen LyrikerIn: Phänomenologie als Innenausschreitung, Begehung der Weltinnenräume. Stößt aber bei meditativer Sorgfalt von innen her an keine Wände einer Generalthesis, eher diffuses Generaldatum als weicher offener Rand des Erlebens. (Husserl hier unaufmerksam gewesen? Oder ihm bloß die Sprache im Weg?). Rauschraum: eher unbestimmte, nebulöse Atmosphären, in/äußerliche Resonanzangebote aus pränominaler Diffusion, keine individuierte Aktuierung (wie erkenne ich einen einzelnen Bewusstseinsakt?). Schließen der Augen und Fokussierung auf Geräusche erleichtert den Eingang in vorkonkret gelöste Ontologie. Hier erst noch keine Gegenstände. Dann aber doch auch Ansätze für Knoten im präepochalen Fluid, Intensitäten verklumpen sich zu stabileren Zurechnungseinheiten. Könnte ein Zug sein, könnte ein Tier sein, oder überhaupt halt Artikuliertes irgendwie. Ließe sich aber alles auch anders zusammenstellen, solange man noch nicht pragmatisch damit umgehen muss: Gegenstände als erste "Notbehelfe zur vorläufigen Orientirung und für bestimmte praktische Zwecke" (Mach, Analyse der Empfindungen). Manipulierbarkeiten. Eine Wurzel Stolperwiderstand. Der Lyriker: Jäger unerwarteter Intensitäten als textlich hergestellte Widerstände des Denkens (Sätze, Rhythmen, Worte, Assonanzen). Wie Gedichte machen zwischen "(a) Drangsalieren des Materials, Ausbeuten des Mediums" und "(b) Errichten von Attraktoren"?
(a1) Jagdschein: Poetisieren von allem, was vor die Flinte kommt
(a2) Ausweiden: systematisches Abklappern einzelner Flurstücke, Techniken
(a3) Treibjagd: motivische Engführung, technische Zurüstung
(a4) Blattschuss: exaktes Präparieren, >Malen nach Zahlen<

(b1) Fallenstellen: architektonisch Herbergen, syntaktisch Trichter, motivisch Milieus
(b2) Arche- und Gehegebau: Rettung der Phänomene, Haltung/Ausstellung von Gedanken
(b3) Schädelschau: Beschwörung außersprachlicher Mächte
(b4) Trance: Jagd unter Einfluss von Alkohol, Müdigkeit, Ekstase
(Cotten, Falb, Jackson, Popp, Rinck, Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs, Erörtern!)
 [Re-Entry 5.5.12] 
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Labels: Heidegger, Jean Clam, Joyce, Kant, Kunst, Kunst und Theorie nach der Abklärung, Lynch, Mach, Musil, Popp

Freitag, 23. November 2012

„Die Philosophie“ – was soll´n das sein?






















(PDF-Version: Hier)

Still ist es geworden um die Philosophie. Bis auf wenige, zuweilen wenig wohlwollende Erwähnungen im Feuilleton, hier und da mal ein Vortrag von einem der letzten „Großen“, der aus Anstand oder augenzwinkernd in einer der ebenfalls „großen“ Tageszeitungen kommentiert wird, und der ein oder anderen sogenannten „populärwissenschaftlichen“ Publikation stehen die intelligiblen Konzertsäle der Philosophie die längste Zeit im Jahr leer. Die alte Dame schweigt. „Was soll das eigentlich sein, „die Philosophie“?“ lässt sie sich fragen, lässt sich ungern so fragen, da eine Philosophie, die keine Wesensfragen mehr stellen will, durch so etwas in ungemütliche Schwierigkeiten gerät. „Was ist Philosophie?“, eine Frage, die überhaupt nur als Zitat gestellt werden kann und die zumeist durch den Verweis auf bereits gegebene Antworten beantwortet wird, aus denen der oder die Gefragte – meist selbst „Philosoph“ – eine spezifische Philosophie als „die richtige“ ausgrenzt, um anschließend deutlich klarzustellen, dass es sich bei den konkurrierenden Positionen „auf gar keinen Fall“ um Philosophie im eigentlichen Sinn handeln könne, um „Literatur“ vielleicht, wenn nicht gleich um die verwirrte, sprachlich „aufgebrezelte“ Artikulation allenfalls unscharf gebrauchter Begriffe oder auch andersrum: um bloße „logistische“ Spielereien ohne Wirklichkeits- oder gar Gegenwartsbezug... 
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Sonntag, 11. November 2012

Elektro-Heidegger ludelt euch alle ein in den Schwarzwald!


"Elektro-Heidegger, Elektro-Ereignis, Elektro-Geviert, Elektro-Dasein, Elektro-Geworfenheit, usw." (sehr lustig)
Auch für den homo academicus muss gelegentlich gelten: Einfach mal so ausspannen, die Beine baumeln gelassen, allez [frz.]! Und wo? Genau na klar! Im Schwarzwald, wo Deine Seele immer noch stimmt, wo die City mit ihrem ganzen Lärm und ihrer zwischenmenschlichen Kälte, das ganze Geschlurfe und Gedränge noch weit weit weg sind. 

Weil eins ist natürlich von vornherein klar: Die City, das geht auf keinen Fall, auch wenn heute vielleicht "das Leben ganz in die Großstadt dringt", sind "die Menschen, die dort das Leben bestimmen, entwurzelte Menschen". "Die Bodenlosigkeit des heutigen Lebens ist die Wurzel des wachsenden Verfalls." (Zum Hochzeitstag von Fritz und Liesel Heidegger, 1925) Nee, keine ruhige Minute da, in der Stadt, keine Zeit mehr für die gute, wohlig schwülwarm dampfende Bildungs-Buchstube mit lässiger Lagerfeuergemütlichkeit. 

Ein Glück also, dass es auch heute das Land noch gibt, das Land, auf dem das akademische Leben ganz wieder zurück in sein Eigenstes finden kann:
All dieses aber, was zum akademischen Leben gehören muß, brauchen Sie nicht künstlich zu schaffen und zu suchen. Es ist da und wartet auf Sie: die herrliche Stadt, das alemannische Land, die Berge und der Rhein [...]. All das sollten Sie nicht nur gelegentlich "ansehen", sondern hineinnehmen und hineinklingen lassen in die Stimmung Ihres ganzen Daseins.
[...] Wurzel des Geistes, beherrscht und durchstimmt vom Schwarzwald. Aber auch der Schwarzwald hat sich [...] verändert. Er ist nicht [mehr] nur erregendes Wintersportgelände und Wandergebiet für Sommerfahrten [...].
Sie sollen wissen, in den einsamen Bauernhöfen des Schwarzwaldes wohnen noch Männer und Frauen, die ihnen Wesentliches zu sagen haben, und sei es nur durch die Art, wie sie da sind und ihrem Land [...] verbunden bleiben.
(Heidegger, Zur Immatrikulation, 1933 [Kürzungen bewusst vorgenommen])
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Labels: Heidegger, Kitsch, Philosophie

Freitag, 9. November 2012

Ein Schelm als kuinziger Zeitgenosse


"Kritik der schelmischen Vernunft"
Das Schelmische tritt nicht direkt in Erscheinung. Es lässt sich nur erahnen, aber eben das schon: es lässt sich selbst (bewusst und aktiv) erahnen. Das Schelmische markiert also keinen heimlichen Betrugsversuch, keinen Verrat, kein Hintergehen, viel eher vielleicht verschmitzte Anzeige der Möglichkeit eines unsichtbaren Anderen, das irgendwie auch vonstatten gehen könnte, selbst aber nicht in den Blick gerät. Der Schelm hat etwas vor - zumindest deutet er an, dass er etwas vorhat, etwas, das Andere überraschen könnte, vor dem sie sich aber eigentlich nicht zu fürchten bräuchten: Der Schelm heckt - im Grunde freundlich - etwas aus. "Wenn eine Person schelmisch lächelt, so ist das ein vielsagend kokettes Lächeln, hinter dem sich etwas Verschwörerisches oder Verführerisches verbergen kann." (Wiki) Daher bedroht der Blick des Schelms nicht, obwohl er als Anzeige eines Undurchschaubaren dennoch in eine kitzelnde Verunsicherung verwickeln kann. Schelm und Schelm bleiben eben [wie giftige und ungiftige Pilze] verwechselbar:
Die heiter-schwermütige Überlegenheit gegenüber allem Gewöhnlichen und Üblichen, das sich stets zu wichtig nimmt, ist im Wort gemeint - aber diese Überlegenheit hat nichts Hochfahrendes, auch nicht die Art des bösartigen Spottes. Das "Kuinzige" schließt eine echte Zuneigung zu Menschen und Dingen und eine echte Besorgnis um sie ein; legt es aber darauf an, nicht bewußt, im Undurchschaubaren zu bleiben, was leicht als Hinterhältigkeit mißdeutet werden kann.
("Heidegger maior", Reden und Zeugnisse eines Lebensweges, GA 16) 
Kuinzigkeit als schelmische Verschmitztheit muss also selbst gar nicht besser Bescheid wissen. Als Denk- und Sprechtypus kann das Schelmisch-Kuinzige andeuten, dass auch der Schelm selbst schon ein Hinters-Licht-Geführter ist, um von dort aus mit anderen immer zugleich auch etwas anderes irgendwie anders zu sehen.
Kuinzig, das bedeutet, einen hinters Licht zu führen, aber anders als sonst das Wort gebraucht wird. Wenn du im Licht stehst, siehst du nichts; wenn du hinter dem Licht stehst, siehst du alles. Kuinzig sein bedeutet also: sich selbst oder einen anderen hinters Licht führen.
("Heidegger minor" in: Zimmermann, Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht, zitiert nach: Kienzler, Kuinzig - Heideggers Umgang mit einem Wort)
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Sonntag, 12. August 2012

Der Sinn für interessantere Alternativen - Eine Einführung in die Kunst der Immersion


(Wirklichkeit und Möglichkeit nach Bilz im Bild)
Eine zu langweilige und wenig spektakuläre Gegenwart (und wer kennt so eine nicht?) ist ein Problem und häufig ein hinreichender Grund, sich mit dem zu beschäftigen, was so eigentlich überhaupt nicht da ist. Glücklicherweise sind Menschen wenig genug in ihre Gegenwarten verstrickt, um nebenher auch noch anderswo zu sein: in "längeren Gedankenspielen" (Schmidt), bei einer kleinen Kritzelei ins Schulheft, dem letzten inspirierten Gespräch in der Küche, undsoweiter. Bei Kant (und auch anderswo) heißt diese Fähigkeit "Einbildungskraft":
Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: [...] wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der Assoziation [...] fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Auf der Suche nach der besseren Unterhaltung stehen uns also neben der "Wirklichkeit" und neben den vielen suggestiven Medien-Kanälen noch die selbstgetragenen (aber ja doch nicht schlichtweg "selbstgelenkten") Ablenkungen (besser: Einlassungen) zur Verfügung.

Die grundmenschliche Kompetenz zur Flucht aus einer unterfordernden Gegenwart in einen alternativen Erlebensraum brachte
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Labels: Arno Schmidt, Deleuze, Heidegger, Humboldt, Immersion, Kant, Kunst, Lebens-Kunst-Nischen, Luhmann, Musil, Philosophie, Psychologie, Utopie

Samstag, 4. August 2012

Schielen lernen mit den "magischen >>Augen" der Wunderwelt<< - Mythopoietisch-pathetische Perspektiven


"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)

"Nicht als Untergrabender, sondern als Ebnender versteht sich
Kant: nicht als Maulwurf, sondern als Planierraupe."
(Krell, Der Maulwurf)

Hypotope (Foto: cc by-nc-nd Bruno Monginoux)
Wer die sichernden Gründe verlässt gerät in instabile Bezirke. >Hier< kann es von Vorteil sein, mit Ohren zu sehen um mit Augen zu hören. "Ist es wirklich so traurig und gefährlich, daß die Augen nicht mehr sehen wollen, die Lungen nicht mehr atmen, die Sprache nicht mehr sprechen...?" (Deleuze/Guattari) Das Lösen der Griffe auf der Suche nach klügeren Stricken führt Schritt für Schritt vom Be- ins Un- und Unter-griffliche zurück (!?). >Zwischen< "Nacheinander" und "Nebeneinander" ("Schließ deine Augen und schau! [...] Fünf, sechs: das Nacheinander. Genau: und das ist die unausweichliche Modalität des Hörbaren. Öffne deine Augen. Nein. Jesus! Wenn ich von einem Felsen fiele, der in die See nickt über seinen Fuß, ich fiele unausweichlich durch das Nebeneinander." - Joyce) scheinen vage Orte auf, Zwischen-Orte, Bei- und Vor-Orte, hypotopische, atlantische Aufenthalte. >Was< macht hier noch Unterschiede? "Wo sind wir...?", will man fragen und spürt, dass das alte "Wo" >von hier aus< schon nicht mehr zu sehen ist, statt "Ich" oder "Wir" würde >man< lieber "Es" sagen (Lichtenberg); aber selbst >da< regt sich schon wieder leise aber distinkt ungutes Gefühl.
Es ist nicht unmöglich, sich mit einem solchen kybernetischen Denken auseinanderzusetzen, aber das verlangt einen elementaren Wechsel der Ebenen: von Land zu Meer, - und damit ändern sich auch alle anderen Bedingungen und wir benötigen auf einmal eine andere Aufmerksamkeit, einen überraschend beweglich gewordenen Verstand. Ja, wir müssen uns hier ganz anders als zuvor "aufs Spiel setzen". Immer in der Gefahr das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: "Thalassa", die "kleinste Kluft", das, wo alles vor sich geht (d. h. auch, noch einmal: den stummen Hintergrund der Schrift, der manchmal laut wird, durch den auch Stürme fegen); immer in der Gefahr, dass wir dann irgendwo stranden (und notgedrungen unser Lager aufschlagen: wieder einen Standpunkt beziehen...), dass unsere Klugheit nicht ausreicht und wir Schiffbruch erleiden; dass wir die falschen Routen wählen, oder unsere Fesseln zu locker sind: es gibt tausend Gründe unzeitig und spurlos im Offenen zu verschwinden.
(Anonym)
Deshalb ist überall Vorsicht geboten. >Wir< brauchen neben klugen Fesseln Proviant, aber brauchen >wir< auch und wie Navigation. Tasten >>wir<< >uns< nicht mit "Flimmerhaaren" (Benn) an kleinsten salomaimonischen "Differentialen" entlang. Vielleicht kommen >wir< dabei auch gar nicht umhin, die >falschen< Routen zu wählen, aber die Frage bleibt, woher >wir< und wie und wann wissen, dass es >falsche< Routen waren. Wie weit ins Offene sollten >wir< >>uns<< bewegen, sind wir überhaupt schon ins Offene geraten. Wünschen >wir< uns denn noch, dass Gründe tragen:
Sokrates war, meine Herren, kein gemeiner Kunstrichter. Er unterschied in den Schriften des Heraklitus, dasjenige, was er nicht verstand, von dem, was er darin verstand, und that eine sehr billige und bescheidene Vermuthung von dem Verständlichen auf das Unverständliche. Bey dieser Gelegenheit redete Sokrates von Lesern, welche schwimmen könnten. Ein Zusammenfluß von Ideen und Empfindungen in jener lebenden Elegie vom Philosophen machte desselben Sätze vielleicht zu einer Menge kleiner Inseln, zu deren Gemeinschaft Brücken und Fähren der Methode fehlten.
(Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)
Wenn Medien trügen und Behälter beinhielten -- wenn Sprache mehr Boot als "Haus" (Hdg//KKS), mehr Wasser als Boden wäre. Schwimmen oder tauchen wir. Müssten wir nicht mit Flüssigkeiten zu sprechen lernen: "Du sagst, Du hast Flows, aber das ist nur Kondenswasser." (Retrogott) "Meine Flows sind wie Wein. Du dagegen bist unreif. Du bist zu steif für tighte Rapflows." (Taktloss) Wo hielten wir uns auf. In Dunkel-, "in denen man erst nach längerer Eingewöhnung etwas sieht" (Luhmann), oder Wunderkammern: "Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13." (Lichtenberg). >Was< wollen >>wir<< hier noch unterscheiden. >Was< unterscheidet >>uns<<. Kein Kybernet geht über Wasser - eher noch durchschwimmt _sie_ mit offenen Augen die Gründe: viel schmerzhafte Unterschiede, >Stille der Schattenwelt<, mit "embryonischen" Maulwurfsaugen (Schopenhauer).
Denn, von ihr [der Theorie] wird, zum Skandal der Philosophie, nicht selten vorgeschützt, dass, was in ihr richtig sein mag, doch für die Praxis ungültig sei: und zwar in einem vornehmen wegwerfenden Ton, voll Anmassung, die Vernunft selbst in dem, worin sie ihre höchste Ehre setzt, durch Erfahrung reformieren zu wollen; und in einem Weisheitsdünkel, mit Maulwurfsaugen, die auf die letztere geheftet sind, weiter und sicherer sehen zu können, als mit Augen, welche einem Wesen zu Teil geworden, das aufrecht zu stehen und den Himmel anzuschauen gemacht war.
(Kant)
Wer hier "sehen lernen" möchte - nicht "weiter und sicherer", mit neuer "Kurzsichtigkeit" - sollte sicher sein, dass er dafür ausreichend gewappnet ist. Sich mit >Klugheit< ("Habt ihr auch genug Klugheit walten lassen? Nicht etwa Weisheit, sondern Klugheit als Dosis, als innere Regel des Experimentierens: Injektionen von Klugheit." "...man braucht kleine Rationen von Subjektivität..." - Deleuze/Guattari) an unerhörte Blicke gewöhnen. "Man muss noch...", ja, was muss man eigentlich noch genau:
Ich halte auch keinen Kompromiß für möglich, denn er würde dieselben Probleme aufwerfen wie ein Kompromiß zwischen der Ente und dem Hasen in dem bekannten Gestaltwandel-Bild. Die meisten Menschen können zwar ohne weiteres einmal die Ente und einmal den Hasen sehen, doch einen Entenhasen wird man mit noch so viel Übung und Anstrengung nicht erzeugen können.
(Thomas Kuhn)
(Entenhausen)
Mit Maulwurfsaugen Entenhasen UND Hasenenten sehen lernen: "Die Paradoxie lässt den Beobachter oszillieren, nämlich ganz kurzzeitig (aber immerhin: kurzzeitig) zwischen der einen Feststellung und ihrem Gegenteil pendeln." (Luhmann) Und wenn wir nun die Bildrate der Oszillation erhöhen, bis beides auf einmal sichtbar würde, müsste sie nicht als stehende Bewegung in den Blick geraten. Und bewegt sie sich denn nicht.
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Donnerstag, 7. Juni 2012

Kleiner Versuch einer allgemeinen Wissenschaftstheorie

Bitte beachten Sie, wie oft in einem Gedicht "wie" vorkommt. "Wie", oder "wie wenn", oder "es ist, als ob", das sind Hilfskonstruktionen, meistens Leerlauf [...] gut, Rilke konnte das, aber als Grundsatz können Sie sich daran halten, dass ein Wie immer ein Einbruch des Erzählerischen, Feuilletonistischen in die Lyrik ist. -- (Gottfried Benn)
"Der Raum der Gründe ist zwar leer, aber die Tür ist offen."
Von einem durch die kleistsche Brille gelesenen Kant inspiriert versucht sich Hans Vaihinger bei der Bestimmung des Verhältnisses von Realität und Schein in essayistisch-saloppem Stil:
Die organisierende Tätigkeit der logischen Funktion reisst alle Empfindungen in ihren Prozess herein und baut so ihre eigene innere Welt auf, welche sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt und doch an gewissen Spitzen wieder mit ihr so eng zusammenhängt, so dass stets ein Übergang von der einen in die andere stattfindet, und der Mensch gar nicht merkt, dass er gleichsam doppelt handelt - in seiner inneren Welt (die er freilich objektiviert als die sinnliche Anschauungswelt) und in einer ganz anderen Welt, in der äusseren. Es gibt also Wechselorte, wo die Werte der einen Welt gleichsam in die der anderen umgetauscht werden, wo der lebhafte Verkehr zwischen beiden Welten ermöglicht wird, wo gleichsam das leichte Papiergeld der Gedanken umgesetzt wird in die schwere Münze der Wirklichkeit, und wo umgekehrt das Metall der Wirklichkeit gegen jene leichtere Ware, welche aber auch den Verkehr erleichtert, umgetauscht wird.
(Vaihinger, Die Philosophie des Als ob)
Während die Naturwissenschaften nun stets darauf angewiesen bleiben, das "Papiergeld" ihrer Konstruktionen ins Kleingeld der Erfahrung zurückzutauschen, können Kunst und Literatur in einem "viel weiteren Spielraum" spekulieren. Die Naturwissenschaft muss auf Logik und Empirie setzen, um ihren Gegenstand nicht zu verlieren. Sie tut das allerdings nicht im leeren Raum, sondern immer unter Zuhilfenahme von "Idealen der Natur[- und Theorie]ordnung" (Toulmin), "regulativen Ideen" (Kant), "Paradigmen" (Kuhn), etc.
Denn wenn wir es auch immer der Natur selbst überlassen müssen, wie sie unsere Fragen beantwortet, sind wir es doch, die die Fragen stellen. Und welche Fragen wir stellen, hängt unvermeidlich von voraufgegangenen theoretischen Erwägungen ab. Wir haben es hier nicht so sehr mit vorgefaßten Meinungen als mit vorgeformten Begriffen zu tun; und wenn wir die Logik der Wissenschaft verstehen wollen, müssen wir erkennen, daß der Gebrauch vorgefaßter Begriffe dieser Art unvermeidlich und legitim ist -- wenn er in der angemessenen Weise sub judice und der Revision durch die Erfahrung unterworfen bleibt.
(Toulmin, Voraussicht und Verstehen) 
Sehr viel mehr hat auch Heidegger nicht gemeint, als er in "Was heißt Denken?" glaubte stipulieren zu können, die Wissenschaft denke nicht -- sie ist (als Forschung) Exekution von Programmen (Lakatos), "puzzle-solving" (Kuhn), nicht selbst Programmierung. Dabei sind die Wissenschaften auf doppelte Weise "positiv": Sie setzen jeweils bestimmte Prinzipien [die "vérités positives" im Sinne von Leibniz, allerdings "detranszendentalisiert" (Habermas)] voraus, innerhalb derer sie ihre Forschungsspiele kultivieren -- und sie fördern positive Ergebnisse zutage, die auf die konventionelle (Poincaré) Unterstellung dieser Prinzipien zurückverweisen, ohne aus diesen schon ableitbar zu sein (das ist ihr empirischer Teil). Die Prinzipien selbst sind allerdings nicht "interner" Teil der wissenschaftlichen Fragestellungen, sie gehen diesen als "externe" Ermöglichungsbedingungen (wer eine altmodische Terminologie vorzieht, kann hier auch "Bedingungen der Möglichkeit"  (Kant) sagen) voraus. Aber auch der nicht-dogmatische Naturwissenschaftler kann ein Spieler sein.
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Labels: Benn, Carnap, Habermas, Heidegger, Kleist, Kunst, Leibniz, Philosophie, Poincaré, Putnam, Religion, Thomas Kuhn, Toulmin, Wissenschaft, Zehn und zwei macht verve

Montag, 21. Mai 2012

Ein Ausweg aus dem Selbstverwertungsdilemma? Alternativen zwischen Selbstunterdrückung und Selbstverkleinerung

[RP 20.11.11]
"Das Rennen beginnt, doch ich bleib´ stehen, wenn ihr loslauft" (Retrogott)
Wer für Selbstaneignung eintritt, der muss damit rechnen, dass die ewigen Kritiker der Verwertung ihn mit der Frage zu provozieren versuchen, ob sein Engagement für Engagement nicht letztlich einem liberal-ökonomischen Impuls verpflichtet bleibt, der den Einzelnen heimlich - und mit der dazu nötigen List der Vernunft - zu einem kalkulierenden Verwerter seiner Lebenschancen und -appetite umzuqualifizieren versucht. Das mag natürlich sein. Aber wie sähe denn die Alternative aus? Aktive Selbstverunmöglichung?
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich bemüht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z.B. Karriere, Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, wenn die verdächtige "Harmonie" meiner Natur sich durchringt, wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, meine Einsicht verbieten mir das.
(Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit)
Anderen Alternativen jedenfalls fehlt häufig scheinbar der nötige Schneid. Irgendwo irgendwie dazwischen sich einrichten: "das ist doch nicht radikal genug". Die Gesamtverhältnisse müssen auf jeden Fall ganz und von Grund auf -- von wo ganz anders her -- geändert werden.

Der Totalitarismus der Kritik duldet kein "Dazwischen" und keinen "Kompromiss", er will Revolution, keine Reform. Seine regressive Trotzigkeit verbirgt er dabei geschickt hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit des "Ganz oder gar nicht". Allerdings kommt diese verständliche Sehnsucht nach der absoluten Alternative über die radikalistische Geste und den mit ihr verbundenen moralischen Fingerzeig auf die vermeintlichen "Kollaborateure des falschen Lebens" selten hinaus. Sie übersieht, dass "totale Kritik" und "Weitermachen" sich gegenseitig immer schon ausgeschlossen haben. Wer "alles das hier" so kritisiert möchte, der wird sich "in diesem Leben" schwer damit tun, sich am System nicht die Finger schmutzig zu machen oder schlichtweg zu sich selbst in unbequemen, offenen oder latenten Widerspruch zu treten.
Falsches Ziel gewählt?
"No matter. Try again. Fail better"
(Cyberdees, CC BY-NC-SA 2.0)
Gibt es andere Formen des Umgangs mit der unternehmerischen Anrufung [...]? Wie könnten Alternativen zu Enthusiasmus, Ironie und Melancholie aussehen? Eine pragmatische Gelassenheit vielleicht, die weder glorifiziert noch dämonisiert, der die hochgetunte Selbstmobilisierung des Enthusiasten so fern liegt wie die angestrengte Selbstdistanzierung des Ironikers oder die behagliche Selbstgewissheit des Dagegenseins, die der Melancholiker kultiviert. [...] Eine taktische Klugheit, welche die Listen der Simulation, des Abtauchens und des détournement beherrscht und den Aktivierungsfuror der Förderer und Forderer ins Leere laufen lässt.
(Bröckling, Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker)
Eine Frage der klugen Wahl der Ziele, für die man sich wirklich engagieren (lassen) will. Die wird gerade in Strukturen akut, die eigene Ambitionen und Eitelkeiten bewusst provozieren, Angebote zur eigenen Verausgabung mit dem leisen Versprechen verbinden, man könnte - Überverausgabung fröhlich in Kauf nehmend - bald schon zu den wenigen glücklich Auserwählten zählen, oder zumindest die Leiter des symbolischen Kapitals ein signifikantes Stück nach oben klettern. Aber möglicherweise ist das alles auch noch eine Spur zu ernst:
Fuest: Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.
[...]
TAZ: Woran glauben Sie dann?
Fuest: Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen. [...] Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
TAZ: Ist das nicht ein Rückzug?
Fuest: Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. 
(Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie in der TAZ)
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Dienstag, 8. Mai 2012

In der Höhle des Luhmann: Ein literarisierender Gang in die Impulsmasse der Systemtheorie


Behutsamer Luhmann: ©teutopress, Stadt OE: CC BY-SA 3.0
Es ist nicht lange her, dass der alte Luhmann auszog, um den drei schrecklichen Gorgonen (Medusa, Euryale und Stheno), die draußen in der Wildnis ihr nicht ungestraft beobachtbares Unwesen trieben, den Garaus zu machen. Unter den Stadtbewohnern hatte er immer als ein Langweiler gegolten, "feiger Weltvermeider". Einen "Fuchs, gefangen in seinem eigenen Bau", nannten ihn mit kritisch ressentimenteller Attitüde die Leute, die gleichwohl fasziniert und sorgenvoll auf den "unmenschlichsten aller Philosophen" ("Ein Allosoph ist das!") stierten. Doch als er auf einmal auszog, um das Entparadoxieren zu lernen, waren alle äußerst irritiert: an seiner Eingangstür firmierte anstelle seiner Adresse ein Zettel mit folgenden Lettern:
Man nimmt sich, wie Perseus, die Medusa vor; oder man versucht, ein abgegrenztes Feld unter Kultur zu halten und gar nicht erst in die Wildnis auszuziehen. Ein echter, an Welt und damit an sich selbst interessierter Philosoph ist mit diesen Auswegen noch nie zufrieden gewesen.
Schriebs, stellte es als Selbstbeschreibung aus, und zog alleine weiter von dannen. In seinem Kopf Operationen und Gedanken an all diejenigen, welche, vor ihm, schon dem Paradox erlegen waren, die ganze bunte Schaar wirr gewordener Vorgänger, gefangen in ewiger Sthenographie, zu Stein erstarrt beim Anblick transzendentalisierter Widersprüche ("Wer ist das Ereignis? Wer ist der Fremde? Wer ist der Andere?", rufen sie müde bis heute durcheinander in den ewigen Hallen der Theorie und zeigen einander an ihren Köpfen vorbei), Luhmann überlegte:
Über Nietzsche und Heidegger bis zu Derrida hat sich inzwischen ein ganz anderer Umgang mit Paradoxien eingebürgert. [...] Die Pardoxien werden nicht vermieden oder umgangen, sondern vorgeführt. Sie werden mit Hingebung zelebriert. Sie werden in einer wie immer verdrehten Sprache zum Ausdruck gebracht. Fast glaubt man, die Absicht zu erkennen, die Gorgonen wie ein Schild zu benutzen, sie vor sich herzutragen, um andere damit zu erschrecken. Erst dies ist nun eigentlich Sthenographie.   
Erstarrte All-Erschrecker, Apologeten der Folgenlosigkeit, Mühlmänner schwerster Satzmühlen. "Und sehen sie [denn] die Leere, das Schweigen, die Weiße des Papiers" gar nicht, die vor all dem liegt, was sie da betreiben? Verstehen sie, wo das alles herkommt? Sehen sie denn nicht die "Engpässe, Risiken und Gefahren, auf die das ganze Menschheitsunternehmen Sinn zuzulaufen scheint"? "Es will einem dies vorkommen wie der Tanz ums goldene Kalb angesichts eines bereits erfundenen, wenn auch nicht näher bestimmbaren Gottes." (Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung) All diese Sthenographen beeindrucken doch nur "hauptsächlich Literaten und, in gewissem Umfange, Philosophieexperten [...], und Beobachter der Szene können bereits die für Gorgonenbetrachter voraussagbare Erstarrung feststellen. Das kommt davon!" Gefangen in der eigenen Geste, ihrem diffusen Selbstentgründungstaumel.

Sein Weg, das wurde ihm langsam klar, führte nicht zurück in ein anderes Außen, er würde nichts Neues gründen, keine neue Transzendenz errichten, seine Reise zielte genau in den flüssigen Kern der Sache selbst, magmatisch zähfließende Urbewegtheit. Mit der richtigen Zeitauflösung driften überall nur Flüssigkeiten: Zeitraffer Plattentektonik. "Das >Feste< wird dann auf das >Fließende< gegründet" (Luhmann). Weder Vermeidung noch Anbetung der Paradoxie, kluge, deblockierende Paradoxieplacierung ist am Platz, eine Paradoxieplacierung, die "mehr oder weniger geschickt vorgenommen, mehr oder weniger deblockierend wirken, mehr oder weniger fruchtbar sein kann."

(Gorgonin)
Er war auf seinem Weg angekommen. Hinter der nächsten Ecke verbarg sich Euryale, obwohl Luhmann das eigentlich nicht genau wissen konnte, aber er konnte ja nicht, wie all die anderen vor ihm, "den Blick ins Paradox [...] wagen und dann im postmodernen Erstarrungstanz sich selbst [...] opfern", er musste Euryale an ihr selbst vorbei beobachten. Dazu bediente er sich -- Odysseus am Mastbaum -- eines einfachen Tricks: er öffnete die Augen, trat einen Schritt nach vorn und blickte sorgsam um die Ecke, um nicht Euryale, sondern sich selbst dabei zu beobachten, wie er sie zu beobachten versuchte:
[Aber] was beobachtet ein Beobachter, der einen Beobachter beobachtet, der die Einheit, an der er selbst teilnimmt, zu beobachten versucht? [...] Die Paradoxie lässt den Beobachter oszillieren, nämlich ganz kurzzeitig (aber immerhin: kurzzeitig) zwischen der einen Feststellung und ihrem Gegenteil pendeln. [...]
Als Soziologe wird man der Meinung sein, daß dies letztlich auf Gesellschaft (und damit auf ein System in einer Umwelt) verweist als Bedingung der Möglichkeit des Beobachtens von Beobachtungen.

Aber ein Künstler zum Beispiel könnte es anders sehen.
[Alle unbezeichneten Zitate aus: Luhmann, Sthenographie]
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Samstag, 28. April 2012

Kultur(gegen)Revolution - Retrogott(gegen)Meese

"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)
[Eine kleine Ergänzung zu "Zwischen Reform und Revolution":] Die Kultur(gegen)Revolution fängt nicht irgendwo da vorne an. Als das Andere schlechthin beginnt sie immer nur zu spät, um dann trotzdem noch auf sich warten zu lassen. Als bloß nur erwartbar Unerwartetes, Nichtplanbares, letzter und erster Metahack, Selbstüberlistung eines träumenden Genies, ist sie nur an Gabe und Gunst gebunden, Selbsteröffnung ihrer selbst, ihr eigener Anfang- und Schlussverkauf.  Einfall des Anderen als Anderes. Ereignis.

Zwei Versuche über DAS als K(g)R:

1. Die spektakuläre Variante:
Man muss nur abwarten und dann wird alles sich fügen, wie es sich zu fügen hat, und das ist natürlich immer revolutionär, besonders, wenn wir dieser Revolution nichts in den Weg stellen. Aufzuhalten ist sie eh nicht, es dauert dann halt nur länger und das ist einfach sehr langweilig, weil ja was Grundsätzliches passieren muss. Und das, was grundsätzlich passiert, fußt natürlich auf Begriffen wie Dilettantismus, Kindergeburtstag feiern, albern sein. Wie bei allen Großrevolutionen und Großrevolutionären war es immer so, dass die Leute gespielt haben wie Kinder und auf eine Expedition gegangen sind, wo eigentlich die Rückkehrchancen gleich null waren.
(Meese, Totalrevolution de Stunki)
2. Die subkulturelle Variante:


Dergegenrvolutionaer / beim täglichen Selbstverzehr / die Stützbalken der Konstruktion stellen sich quer / Ich handel nicht fair / Die Säulen des Chaos stehen stabil / Immer die selben Geschichten über das Meer / Die Welt ist eine Scheibe: / Hörst du nicht das Rauschen? / Gott ist für die da / die ihn brauchen / und das Geld ist für die da, die etwas mit ihm kaufen / Wer lässt sich mit dem letzten Wassertropfen taufen / der ihn vor dem Austrocknen zu retten vermag? / Fragen mit der kommunikativen Kraft von einem Schlag / stehen im Raum / wie ein Riese auf Stelzen / dass Antworten sie zerschmettern geschieht selten / doch viele Höhenflüge enden in Felsen / und Goldketten verheddern sich in Gebirgsketten / Er wäre frei, wenn sie ihn nicht vor seinem letzten Atemzug erwürgt hätten

Dergegenrevolutionaer / hat keine Kinder, die er essen könnte / Von allen Dingen, über die ich rappen könnte, ist mir ausgerechnet nichts eingefallen / und ich meine nicht das Nichts, sondern nichts. 2x
Dergegen..dergegen..hat keine Kinder..
Die letzte Wahrheit sprechen nur falsche Zungen aus / sie ist keine Hure, aber hält Jahrhunderte lang Vergewaltigungen aus.
(Retrogott)
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Dienstag, 17. April 2012

Zerstreuung und Konzentration -- Skizzen zur Wiederbeschwerung der Welt


(Foto: dreamfire; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)
Das Internet ist seiner inneren Struktur nach eine wenig widerstandsfreundliche Zone. Allzu Wirres oder Uneingängiges versperrt sich schnell den Weg zur Aufmerksamkeit seiner potentiellen Empfänger, macht ihnen zumindest den Zugang schwer und lässt sie bald die Lust verlieren. Das Surfen [sofern man das heute überhaupt noch sagt] ist eine flüchtige Angelegenheit, "ein ungleich nervöserer, zielorientierterer, aber auch nüchternerer Akt als bloße Unterhaltung" (Jens-Christian Rabe, in: Hipster. Eine transatlantische Diskussion), es sucht nach Faszination, nicht nach mühsamer Einarbeitung und erschwertem Zugang, es weicht aus, wo Dinge zu langweilig zu werden drohen:
Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so läßt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg [...].
(Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Es könnte aber doch sein, dass das Zulassen und Verarbeiten von Widerständen und Irritationen (und wieso nicht auch: Irritationen durch Verlangsamung und Nicht-Verstehen) die Aufmerksamkeit für Alternativen und blinde Flecken, den eigenen Möglichkeitssinn erst kultiviert. --
Die ideale Maschine wäre eine [so liest man gelegentlich], die in der Realisierung ihrer Effekte gar nicht mehr als Maschine auffällig werden würde, ein Apparat ohne Widerstand oder auch ein Effekt-Knopf ohne Apparat, der die gewünschten Resultate ohne sichtbare Zwischenschritte und ohne irgendwelche zusätzlichen Eingabeerfordernisse schon verwirklichen würde (vielleicht eine Art universaler virtueller Fernbedienung). Man kann sich fragen, ob der Grenzfall dieses Ideals (die unmittelbare und ruckelfreie Erfüllbarkeit aller willkürlichen Intentionen) nicht einer Abschaffung aller Widerstände, Widrigkeiten und Irritationen gleichkommen müsste, einer Abschaffung, die an die Stelle von Irritation, Anstrengung und geduldiger Einarbeitung das semi-benommene und immer affirmationsbereite Hindurchfließen durch Ströme angenehmer Affiziertheit setzt:    
Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita contemplativa mit sich bringen. [...] Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht [...].
(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Eine provisorische Ablehnung alles allzu Befremdlichen, die nur noch die Affirmation dessen kennt, an das man sich ohnehin bereits gewöhnt hat, muss auf Dauer in aktive Selbstabschottung, einen Zirkel der Selbstisolation gegen alles Fremde münden, in den nur hineingerät, was den Test auf Ähnlichkeit vorher immer schon bestanden hat [Angst vor dem Algorithmus]. Man ist dann eigentlich nicht länger mit irgendeiner Sache als einem "aufsässigem" Gegenüber (Heidegger) konfrontiert, sondern befindet sich stattdessen in einem Zustand absoluter Defrontation (Ent-wider-ständiung), sich in einem gleichförmigen Strom der Similaritäten bewegend, der vielleicht noch seichte Variationen, aber keine Brüche kennt.
Man erwartet von der Philosophie eine Förderung und gar Beschleunigung des praktisch-technischen Kulturbetriebes im Sinne einer Erleichterung. Aber - die Philosophie macht ihrem Wesen nach die Dinge nie leichter, sondern nur schwerer. Und das nicht beiläufig, weil die Art ihrer Mitteilung dem Alltagsverstand befremdlich oder gar verrückt vorkommt. Erschwerung des geschichtlichen Da-seins und damit im Grunde des Seins schlechthin ist vielmehr der echte Leistungssinn der Philosophie. Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).
(Heidegger, Einführung in die Metaphysik)
Andererseits ist fraglich, ob ein einseitiges Votum für bewusste Selbstwiederbelastung und Arbeit nicht einem überkommenen Leistungsideal (dem "Decorum des alteuropäischen Heroismus"; Sloterdijk, Sphären III) verpflichtet bleibt, dass die Vorstellung einer widerstandlosen Produktivität ("organloser Körer", Deleuze/Guattari) gar nicht kennt, das sich nicht vorstellen kann, dass Faszinierbarkeit und Engagement auch eine nicht-destruktive faszinativ-fließende Liaison eingehen könnten:
Diese Protagonisten des Realismus in der entzauberten Welt [Heidegger, Gehlen, Schmitt] besaßen ein geschärftes Bewußtsein davon, daß unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit die Zerstreuung gegenüber der Konzentration das umfangreichere Phänomen ist. [...] Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
(Sloterdijk, Sphären III, Leichtsinn und Langeweile)
[RP vom 8.02.12]
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Sonntag, 15. April 2012

Zurück in die vergangene Zukunft: Teeel - 88mph

Durch die Finsternis des zukünftig Vergangenen sehnt der Magier sich nach Licht.
(Twin Peaks)
Scheinbar uneinholbar Vergangenes trägt stets auch Züge einer immer noch wachen möglichen Gegenwart. Die schlummernde Zukünftigkeit des Vergangenen und die vergangene Vorwegnahme möglicher Zukünfte entsprechen sich hier wechselseitig: Manches, früher noch als Zukunft Projiziertes, scheint heute überholt, anderes steht weiterhin aus, wartet auf Verwirklichung trotz dem oder provoziert zur kontrafaktischen Spekulation (Was wäre, wenn..).  
Nur faktische eigentliche Geschichtlichkeit vermag als entschlossenes Schicksal die dagewesene Geschichte so zu erschließen, daß in der Wiederholung die »Kraft« des Möglichen in die faktische Existenz hereinschlägt, das heißt in deren Zukünftigkeit auf sie zukommt. Die Historie nimmt daher – sowenig wie die Geschichtlichkeit des unhistorischen Daseins – ihren Ausgang keineswegs in der »Gegenwart« und beim nur heute »Wirklichen«, um sich von da zu einem Vergangenen zurückzutasten, sondern auch die historische Erschließung zeitigt sich aus der Zukunft.
(Martin Heidegger, Sein und Zeit)
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Montag, 2. April 2012

Das zerstreute Selbst: stultitia moderna

Das Internet hat, außer manchen anderen Verstimmungen des Gemütes, auch dieses zur Folge, daß es die Zerstreuung habituell macht. 
(Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht)

Ein ironisches Lob der Torheit im Munde der Torheit.
(Kaminsky über Erasmus´ Laus Stultitiae)
Immer in der Mitte anfangen. Einen Text kurz anlesen, das Ende zuerst, sich doch wieder umentscheiden, wieder verschwinden, Interessanteres suchen, die Aufmerksamkeit eine Weile an einen Neuigkeiten-Ticker hängen, müde werden, einnicken, wieder weiter suchen -- das zerstreute Selbst ist flüchtig und neugierig, augenblicksgläubig und augenblicksvergessen, mit einem gewissen Hang zur folgenlosen Pointe. 
Neugier [ist] durch ein spezifisches Unverweilen beim Nächsten charakterisiert. Sie sucht [...] nicht die Muße des betrachtenden Verweilens, sondern Unruhe und Aufregung durch das immer Neue und den Wechsel des Begegnenden. In ihrem Unverweilen besorgt die Neugier die ständige Möglichkeit der Zerstreuung.
(Heidegger, Sein und Zeit)
Ungesammelt, nur kurzfristig aufmerksam, dabei stets vergesslich: es steht in der Küche und weiß nicht mehr genau, was es hier eigentlich wollte, lässt sich vom Angebot der Schränke aber spontan zu etwas inspirieren, macht sich um halb vier sowas ähnliches wie Mittagessen. Modularisierung und beliebige Wiederzusammensetzung des Tagesablaufs, Alltagsbricolage. Eine Kanne Kaffee vor dem Schlafengehen spricht es davon, seinen Schlaf-Rhythmus irgendwann einmal wieder dem anzunähern, was es als für "so allgemein als normal" befunden befindet. Nie ganz bei sich, poly- oder dekonzentriert, inspirationsoffen und unverhärtet verwirklicht es den "postanankastischen" (Clam) modus vivendi -- an vielem interessiert, vieles zugleich bearbeitend, multitabing-erprobt.
Stultus ist derjenige, der unachtsam sich selbst gegenüber ist. [...] Stultus ist derjenige, der sich allen äußeren Reizen aussetzt, für die äußere Welt offen ist, d.h. derjenige, der alle Vorstellungen, die ihm die äußere Welt zu bieten hat, in seinen Geist einläßt. Er nimmt die Vorstellungen an, ohne zu prüfen, was sie vorstellen. [...] Somit ist der stultus jeder Bewegung von außen kommender Vorstellungen ausgesetzt, ohne, sobald diese in seinen Geist eingetreten sind, fähig zu sein, die Grenze zu ziehen, die discriminatio vorzunehmen zwischen den Inhalten dieser Vorstellungen und den [...] subjektiven Elementen, die sich daruntermischen. Der stultus ist folglich auch der zeitlich Zerstreute, d.h. nicht nur der für die Vielfalt der Welt Offene, sondern auch der in der Zeit Verstreute. Der stultus erinnert sich an nichts, er läßt sein Leben zerrinnen, er bemüht sich nicht darum, seinem Leben eine Einheit zu geben [...].
(Foucault, Hermeneutik des Subjekts)
Das zerstreute Selbst weiß selbst nicht, was es bedeuten würde, mit sich identisch zu sein, gibt stattdessen lieber "Ich" und "Selbst" und "Identität" in die Suchmaske ein; und ist dabei selbst mehr Such-Maske als persona. Dass es trotzdem immer irgendwie mit sich zu tun hat, erkennt es dann vor allem an seinen schlechten Gewohnheiten und dem, was sein inspiriertes Fließen sonst noch so zum Ruckeln bringt: seine "Ermüdung, die unmotivierten Stimmungswechsel, die Tagesschwankungen, [...] Nichtschlafenkönnen, Abstoßungen, Übelkeiten", das zerstreute Ich "ist ein durchbrochenes Ich, ein Gitter-Ich, fluchterfahren, trauergeweiht" (Benn, Probleme der Lyrik) -- denn traurig ist das zerstreute Selbst meistens allein: Traurigkeit ist ungesellig.
 
Zu Lob und Tadel der Zerstreuung vergleiche auch "Zerstreuung und Konzentration - Skizzen zur Wiederbeschwerung der Welt" sowie "Das kybernetische Manifest".   
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Mittwoch, 28. März 2012

Üpsielohns moderne Lyrikkiste X: Sisyphos der Blume Blume


Üpsielohn, die vorletzte Buchstabin, stößt im tiefen Internetznetz, auf ein postpoetisches Poem, einen gespiegelt gestaffelte Gruß an die BlumeBlume, paradigmatisch querverwoben.

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Mittwoch, 21. März 2012

ZSCHOKK - Angst um Adorno

Bei Adorno ging die Leugnung des Männlichen so weit, daß er vom Namen des Vaters nur einen Buchstaben behielt, W. Der Weg zum Wiesengrund muß jedoch nicht gerade ein Holzweg sein.
(Sloterdijk, KdzV)
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Freitag, 24. Februar 2012

Artistische Translation: Requiem for Martin Heidegger


Diedrich Diederichsen (der Daniel Düsentrieb der deutschen Dritik) beschreibt die Kunst als eine Tätigkeit, die mit der Bearbeitung eines Verhältnisses von Innen und Außen zu tun habe. Kunst handele stets davon, "wie etwas im Innenbereich zugelassen wird, was von draußen kommt". 
 "Im Zeitalter der Avantgarden verschärft sich diese Aufgabenstellung. Es geht nicht mehr darum, ein Abwesendes lediglich darzustellen oder zu simulieren, sondern vielmehr darum, ausgeblendete Bereiche der Welt in den geschützen institutionellen Innenraum der Kunst hereinzuholen."
Und speziell zum Punk: "Es gab um 1980 den Wunsch, aus der Diskussion der Medialität herauszutreten und über eine Art Metaphysik des Klartextes so was wie das Kunstwerk selbst in den Griff zu bekommen."
(Diedrich Diederichsen, Eigenblutdoping)
Kunst wäre damit so etwas wie geordnete Immigration von Namen, Gegenständen, Themen oder Personen in ein jeweiliges Drinnen (Bild, Text, Ton, Raum, Bewegung), das sich selbst wiederum als Kunst markiert (Kunst als strukturierte Differenz von Kunst und Nicht-Kunst). Ein Überführungsbeispiel:

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Dienstag, 14. Februar 2012

Schaurig wie ein Knochengerippe, musikalisch wie eine Rolltreppe: Die Stunde der wahren Metapher


Aus Heideggers Die Frage nach der Technik:
Ge-stell heißt das Versammelnde jenes Stellens, das den Menschen stellt, d.h. herausfordert, das Wirkliche in der Weise des Bestellens als Bestand zu entbergen. Ge-stell heißt die Weise des Entbergens, die im Wesen der modernen Technik waltet und selber nichts Technisches ist. Zum Technischen gehört dagegen alles, was wir als Gestänge und Geschiebe und Gerüste kennen und was Bestandstück dessen ist, was man Montage nennt. 
Nach der gewöhnlichen Bedeutung meint das Wort »Gestell« ein Gerät, z.B. ein Büchergestell. Gestell heißt auch ein Knochengerippe. Und so schaurig wie dieses scheint die uns jetzt zugemutete Verwendung des Wortes »Gestell« zu sein, ganz zu schweigen von der Willkür, mit der auf solche Weise Worte der gewachsenen Sprache mißhandelt werden.
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Freitag, 10. Februar 2012

Ist kalt draußen: "Komm´ zurück ins warme Kulturgehäuse!"


Gehäuse und Widerstände II
Umfriedetes Kulturgehege
Um dem Unheimlichen zu entfliehen, sucht der Mensch sich heimisch zu machen im Dasein, sucht er dem Dasein das Fremde, das Drohende zu nehmen. Ein hervorragendes Symbol dieses Willens ist das Haus. [...] Im Hause wird ein Stück des Daseins heimisch gemacht, zur Vertrautheit gebracht. 
(Paul Tillich, Die technische Stadt als Symbol)
Kultur scheint zu weiten Teilen eine Leistung und ein Effekt der Weltdistanzierung zu sein. Das Einrichten "umfriedeter" (Schmitz) Gehege mindert nach Innen den Realitätsdruck ("Kultur bedeutet schon auf niedrigster Stufe das Anwachsen der Leistungsfähigkeit abschirmender Gehäuse: schon der Eintritt in die Höhle entspannt den Mittelbarkeitseffekt.", Blumenberg, Beschreibung des Menschen), das bedrückende Wissen darum, dass nur durch gegenwärtiges Handeln das Weitermachen wie bisher oder ähnlich möglich bleibt. Das Unberechenbare soll draußen bleiben, damit das wohltemperierte Drinnen nicht durch Beunruhigung gestört wird.
Jener Widerstand [der Natur] muß allmählich schwächer, und endlich erschöpft werden [...]; jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden. Die Natur muß allmählich in die Lage eintreten, daß sich auf ihren gleichmäßigen Schritt sicher rechnen und zählen lasse und daß ihre Kraft unverrückt ein bestimmtes Verhältnis mit der Macht halte, die bestimmt ist, sie zu beherrschen, - mit der menschlichen.
(Fichte, Die Bestimmung des Menschen)
Dabei bleibt fraglich, ob die Vorstellung, man könne das Unberechenbare irgendwann letztgültig aus dem Leben aushegen, zielführend, ob die Vorstellung, alles Unkalkulierbare wäre aus der eigenen Gegenwart getilgt, nicht mit trostloser Langweiligkeit zusammenfallen müsste.
Zum Glück ist das auch alles nicht so einfach (fragt mal Heidegger, wieso Welt und Erde streiten...):
Die [Kultur-]Welt trachtet in ihrem Aufruhen auf der [undurchsichtig-chaotischen] Erde, diese zu überhöhen. Sie duldet als das Sichöffnende kein Verschlossenes. Die Erde aber neigt dahin, als die Bergende jeweils die Welt in sich einzubeziehen und damit einzubehalten. [...] Die Erde kann das Offene der Welt nicht missen, soll sie selbst als Erde im befreiten Andrang ihres Sichverschließens erscheinen. Die Welt wiederum kann der Erde nicht entschweben, [das Undurchsichtig-Unordentliche nicht einfach ins bloß Kalkulierbare überführen,] soll sie als waltende Weite und Bahn alles wesentlichen Geschickes sich auf ein Entscheiden gründen.
(Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks) 
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Samstag, 7. Januar 2012

Üpsielohns moderne Lyrik-Kiste VI: Endprodukte



[Würfelkopf im Delibirium -- klicken vergrößern]
Merlin Krpan, der bisher nur vereinzelt öffentlich in Erscheinung getretene "Kauz aus dem Karst", legt heute ein kritisch-meditatives Kurzgedicht zum physischen [hier im Sinne des "aufgehenden Waltens" (Heidegger)] und proto-physisch mineralischen Ursprung der von uns Menschen ge- und verbrauchten "Endprodukte" vor. Die Parallelisierung von Ursprüngen und Endverbrauchern lässt sich dabei als ein -- sicherlich mahnender -- Hinweis auf die menschliche Verwiesenheit auf natürliche und vornatürliche Entstehensprozesse lesen, ohne die (menschliches) Leben in der uns bekannten "Form" nicht möglich wäre. "Der neue Mensch will das Automobil und genießt es, aber er glaubt, es wächst von selbst an einem Paradiesesbaum." (Ortega y Gasset, Aufstand der Massen) Selbstreflexiv (poetologisch) wird das Gedicht dabei gerade durch die Ausklammerung der Frage nach "Form" und "Formung" dieses (immer vorausgesetzten) "Materials", sofern es dem Leser zugleich als eminent geformtes "Endprodukt" gegenübertritt. 

Endprodukte.

Erlesene Zutaten -
die sind auch einmal
in einem Garten gewesen.

Seltene Erden -
die können auch
wiederverwertet werden.

[Merlin Krpan]
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